Bildung und Erziehung

Es gibt in der deutschen Sprache die Merkwürdigkeit, dass wir zwischen Bildung und Erziehung unterscheiden. Unter Bildung verstehen wir gemeinhin die bloße Wissensvermittlung, während Erziehung das Verhalten schulen soll. Im Englischen und Französischen z. B. wird für beides das Wort Education verwendet.

Dabei handelt es sich nicht um eine rein sprachliche Besonderheit. Vielmehr steckt dahinter, dass man Wissen im Sinne des Nürnberger Tichters in junge Menschen einfach einfüllen kann. Dieser Glaube, der ebenso falsch wie unsinnig ist, ist leider unter Lehrern stark verbreitet. So las ich im Standard vom 31. März 2009 das folgende Zitat der Französisch-Professorin Eva Covello: „Es ist nicht meine Aufgabe als Akademikerin, Schüler beim Mittagessen zu betreuen.“

Allen Lehrern mit einer ähnlichen Meinung rate ich, entweder Ihre Einstellung oder den Beruf zu ändern. Sie haben einen Beruf gewählt, in dem Sie mit jungen Menschen arbeiten müssen. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit stellt die Erziehung dar. Dazu gehört auch die „Betreuung beim Mittagessen“.

Oft höre ich von Lehrern die Klage, dass die Erziehungsarbeit immer mehr in die Schule verlagert wird. Natürlich ist das so! Als Vater oder Mutter übergebe ich meine Kinder im Alter von 6 Jahren für ein durchschnittlich mindestens ein Drittel des Tages in die Obhut der Schule. Wenn die Schule der Meinung ist, dass in dieser Zeit keine Erziehung stattfinden muss, so erfüllt sie ihre Aufgabe nicht. Natürlich müssen auch die Eltern zu Hause Erziehungsarbeit leisten. Es gibt aber genügend Kinder, die zu Haus lammfromm, in der Schule aber die schlimmsten Früchtchen sind.

Ich bin selbst in der Erwachsenenbildung tätig. Auch da muss ich immer noch Erziehungsarbeit leisten. Ich kann kein Wissen vermitteln, wenn ich nicht vorher soziale Rahmenbedingungen in der Gruppe festlege und diese permanent überwache. Wenn ich z. B. im Elternverein höre, dass der Schulwart sich weigert, bestimmte Klassen überhaupt noch zu reinigen, weil in diesen das totale Chaos herrscht, so muss ich leider die Klassenlehrer dafür mitverantwortlich machen. Warum lassen die Lehrer die Schüler ihre Klasse nicht einmal eine Unterrichtsstunde lang gründlich säubern? Der versäumte Stoff kann ja dann als Hausübung aufgegeben werden.

Einem zwölfjähigen Kind ist es völlig egal, ob ein Lehrer Mag. oder Dr. in Französisch ist. Ein Kind braucht Grenzen und will, dass das Wissen in einer ihm oder ihr gerechten Form vermittelt wird. Kenntnisse der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts sind dabei zwar nicht von Nachteil, aber ersetzen auch nicht pädagogische Grundlagen.