Volksbefragung in Wien: Ganztagsschule

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 2 lautet:

Wien will's wissenInternationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?

Abseits aller Parteipropaganda zunächst einmal ein paar Definitionen. Grundsätzlich gibt es in Österreich zwei Varianten von ganztägigen Schulformen.

Bei der Ganztagsschule (GTS) müssen alle Schüler von 8 bis 15:30 oder 16 Uhr in der Schule anwesend sein. Diese Schulform ist vor allem bei Volksschulen verbreitet. Für Schüler, die früher in die Schule gebracht werden oder später abgeholt werden, gibt es einen Früh- bzw. Spätdienst, der ähnlich wie die Tagesheimschule (siehe unten) organisiert ist. Der Unterricht wird auf den gesamten Tag verteilt. Integriert in den Stundenplan sind sogenannte Übungsstunden, die für “Hausübungen” dienen, die es in dieser Schulform aber in Wahrheit nicht in der klassischen Form gibt. Vielmehr gibt in diesen Übungsstunden der oder die Lehrer/-in direkt Aufgaben an Schüler, die durchaus auch individuell ausfallen können. Ebenfalls in den Schulbetrieb integriert sind Freizeitmöglichkeiten, die vergleichbar mit unverbindlichen Übungen sind. Das sind Dinge wie Kochen, Fußball, Schach, Erlernen von Instrumenten usw. Dafür gibt es keine Noten und diese Freizeitgegenstände scheinen auch nicht im Zeugnis auf. Die Kinder kommen am Ende des Tages nach Hause und haben in der Regel keine Hausübungen mehr. Schwächere Schüler müssen aber eventuell noch etwas zusätzlich lernen.

Die Tagesheimschule (THS), gemeinhin auch als “Nachmittagsbetreuung” bezeichnet ist vor allem in der Sekundarstufe (10- bis 14-Jährige) verbreitet. Nicht alle Schüler eine Klasse müssen die Nachmittagsbetreuung besuchen. Es handelt sich um ein optionales Angebot. Die Tagesheimschule ist einem Hort vergleichbar. Die Kinder essen zuerst gemeinsam zu Mittag. Danach werden Hausübungen gemacht. Fallweise übernehmen einzelne Stunden der Nachmittagsbetreuung Fachlehrer, die mit den Schülern vertiefende Übungen machen oder auch nur bei den Hausübungen helfen (Tutorien-System). Wie lange die Schüler in der Nachmittagsbetreuung bleiben, bleibt den Eltern überlassen. Qualitativ ist die Nachmittagsbetreuung der Ganztagsschule bei weitem unterlegen. Die Betreuungspersonen sind nicht immer sehr engagiert oder fachlich kompetent. Dadurch, dass am Nachmittag meist andere Lehrer als am Vormittag betreuen, kann es auch zu Missverständnissen kommen. In der Praxis kommen viele Schüler aus der THS und haben kaum Hausübungen gemacht, weil nur der “Schmäh g’rennt” ist.

Ich kenne übrigens aus eigener Erfahrung beide Modelle. Ich selbst habe in der Volksschule eine Ganztagsschule besucht und in der AHS eine Tagesheimschule. Meine eigenen Kinder hatten sowohl in der Volksschule als auch in der AHS Nachmittagsbetreuung nach dem THS-Modell. Häufig hatten sie dabei ihre Aufgaben nicht erledigt.

De facto wurde zumindest ab der Sekundarstufe in Österreich längst die Ganztagsschule in einer äußerst minderwertigen Form eingeführt. Die meisten Schulen haben sich nämlich inzwischen für die 5-Tage-Woche entschieden. Bei einer Stundenzahl zwischen 30 und 35 Stunden plus evt. Freigegenständen und unverbindlichen Übungen bedeutet das für die meisten Schüler mehrmals in der Woche Nachmittagsunterricht. Zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht bleibt oft nicht genügend Zeit, um nach Hause zu fahren. Viele Kinder sind in dieser Zeit unbetreut, können nur notdürftig Mahlzeiten zu sich nehmen und machen teilweise sogar die Gegend rund um die Schule unsicher.

Ich selbst halte beruflich ständig Seminare für Erwachsene. Kein Erwachsener würde sich dazu vergewaltigen lassen, von 8 – 14 Uhr ohne längere Pause lernen zu müssen. Schon nach 3 – 4 Stunden nimmt trotz Pausen der Aufmerksamkeitspegel stark ab, bei manchen sogar noch viel früher. Unseren Kindern muten wir jedoch zu, gut 6 Stunden höchst aufmerksam zu sein. Lehrer können ein Lied davon singen, dass das nicht funktioniert. Nicht umsonst gibt es Erlässe des Unterrichtsministeriums, die das Abhalten von Schularbeiten in der 5. und 6. Stunden verbietet. Wenn zu diesen Zeiten keine Schularbeiten durchgeführt werden dürfen, bei denen die Schüler eigentlich nur ihr Wissen unter Beweis stellen sollen, wie sollen sie dann in der Lage sein, neues Wissen aufzunehmen?

Um aus diesem Dilemma zu entfliehen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir reduzieren die Stundentafel radikal oder wir stellen auf eine echte Ganztagsschule um. Die erste Möglichkeit würde bedeuten, dass wir entweder den Lehrstoff stark reduzieren müssten oder noch mehr Arbeit auf die Eltern (oder den Nachhilfelehrer) verlagern müssten. Ersteres würde uns im internationalen Wettbewerb sehr rasch Nachteile einbringen, die andere Möglichkeit aber auch. Je mehr Leistungen von der Schule auf die Eltern verlagert werden, desto stärker kommt es zu einem sozialen Ungleichgewicht. In gut situierten Familien muss die Mutter möglicherweise nicht arbeiten und kann ausgiebig mit den Kindern lernen oder es können teure Nachhilfelehrer engagiert werden. Es ist also keine Frage des Talents, ob ein Schüler höhere Bildung erreicht, sondern eine Frage der Herkunft. Dass unserer Volkswirtschaft auf diese Art viele Talente verloren gehen, liegt auf der Hand.

Zusammenfassung:

An der Ganztagsschule führt kein Weg vorbei, wollen wir im Bildungsbereich und damit letztlich in allen Wirtschaftsbereichen wettbewerbsfähig bleiben und gleichzeitig unseren Wohlstand erhalten. Daher die klare Wahlempfehlung von mir: Ja, ich bin für ein flächendeckendes Angebot der Ganztagsschule in Wien.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich bin sogar dafür, dass die Ganztagsschule der verpflichtende Normalfall wird, ja ich bin für die Zwangstagsschule, um im ÖVP-Jargon zu sprechen.