Fahrplandaten ein Staatsgeheimnis?

image Bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2009 konnten nicht nur Fußgänger und Autofahrer ihre Routen in Google Maps planen, sondern auch Öffi-Benutzer. Google Maps hat viele Vorteile für die Benutzer, ist es doch nicht nur als Website am PC verfügbar, sondern auf praktisch allen aktuellen Mobiltelefon-Plattformen. Es kann außerdem auf allen Telefonen den aktuellen Standort des Benutzers mehr oder weniger genau bestimmen, mit GPS-Empfänger sogar sehr genau. Bedienung und Darstellung auf der Karte sind sehr einfach gehalten und somit für jedermann und jederfrau verständlich.

Doch seit Dezember 2009 ist der Zauber vorbei. Die ÖBB, die die Fahrplandaten zuvor an Google geliefert hatte, stellte diesen Service ein. Öffi-Benutzer sollen doch gefälligst das ÖBB-eigene Programm Scotty benutzen. Dass dieses Programm auf den mittlerweile recht verbreiteten Android-Telefonen vieler Hersteller nicht verfügbar ist und es auch keine mobile Website gibt, ist egal. Wer das Glück hat, ein Windows Mobile-Telefon zu benutzen, darf eine Java-Anwendung herunterladen. Die beherrscht aber keine Standortbestimmung. Die Bedienung dieser Applikation erforder einen guten halben Tag Einarbeitung. Dann ist sie nicht unpraktisch, aber von intuitiv weit entfernt. Gelegenheitsbenutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln wird man mit dieser Anwendung sicher nicht den Umstieg schmackhaft machen.

Offiziell begründen die ÖBB diesen Schwenk damit, dass man mit Google Maps keine guten Erfahrungen gemacht hat. Angeblich waren die von Google Maps berechneten Routen oftmals nicht optimal. Doch stimmen diese Argumente, oder steckt vielleicht was anderes dahinter? Ein kurzer Reality-Check soll Licht ins Dunkel bringen.

Ich komme am 23.07.2010 um ca. 19:00 Uhr mit einem Zug aus Graz am Bahnhof Wien Meidling an und möchte wissen, wie ich am schnellsten nach Hause komme. Mühsam navigiere ich mit meinem Android-Telefon auf der ÖBB-Website. In der Zwischenzeit fahren mir 2 Schnellbahnen und gefühlte 3 U-Bahnen davon. Aber vielleicht wären die ohnehin nicht optimal gewesen. Die Fahrplanauskunft der ÖBB schlägt tatsächlich etliche durchaus brauchbare Verbindungen vor. Ich nehme eine Schnellbahn um 19:06 Richtung Floridsdorf, fahre damit bis zum Praterstern, steige dort in die U1 um und in Kagran in die Straßenbahnlinie 26. Weil mir der 26er in Kagran vor der Nase davon fährt, wird aus der geschätzten Ankunftszeit von 19:51 nichts. Tatsächlich bin ich kurz vor 20:00 Uhr zu Hause. Hätte ich laut ÖBB die Schnellbahn um 19:12 genommen, wäre ich um die gleiche Zeit zu Hause gewesen.

Man sollte jetzt meinen, dass alle Fahrplanauskünfte im Raum Wien zu den gleichen Ergebnissen kommen. Schließlich ist das ja laut ÖBB genau der Grund, warum man Google Maps nicht mehr unterstütze. Also habe ich auf der Heimfahrt einmal die Fahrplanauskunft der Wiener Linien getestet. Die Ergebnisse sind übrigens immer identisch mit denen des VOR. Die Schnellbahn um 19:06 hätten mir die Wiener Linien auch vorgeschlagen. Allerdings hätten sie mich schon am Südtiroler Platz in die U1 umsteigen lassen, wodurch ich überhaupt keine Chance auf den früheren 26er in Kagran gehabt hätte. Folglich komme ich mit den Wiener Linien um mindesten 7 Minuten später an. Mindestens deshalb, weil die Wiener Linien als nächste Verbindung um 19:07 den Weg mit U6 über Längenfeldgasse, U1 bis Kagran und dann weiter mit dem 26er vorschlagen. Ankunftszeit: 20:04, also gute 6 Minuten später als die ÖBB-Verbindung um 19:12, bei der ich mir noch gemütlich in Meidling was zu essen kaufen hätte können.

Doch was wäre gewesen, wenn ich erst um 19:08 von Meidling wegfahren würde? Laut Wiener Linien gibt es bis 19:24, also 16 Minuten lang keine sinnvolle Verbindung (siehe Abbildung). Erst um 19:24 fährt angeblich eine Schnellbahn, die mich zum provisorischen Ostbahnhof bringt, von wo aus ich mit einem Regionalzug und dem 26er nach Hause komme. Ankunftszeit: 20:10. Die Verbindung um 19:12 mit einer Ankunftszeit von 19:58, also vor allen anderen von den Wiener Linien vorgeschlagenen Verbindungen, wird komplett verschwiegen. Auch um 19:19 gäbe es laut ÖBB eine Verbindung, die mich aber erst um 20:19 nach Hause bringt. Hier sind die Wiener Linien also entschuldigt, dass sie mir diese nicht vorschlagen.

Eine weitere Website mit Fahrplanauskünften ist www.anachb.at. Diese schägt wiederum völlig andere Verbindungen vor. Die günstigen Verbindungen um 19:06 und 19:07 werden unterschlagen. Stattdessen wird eine Verbindung um 19:08 mit einer Ankunftszeit von 20:05 vorgeschlagen. Na ja. Laut dieser Website gibt es auch keine Verbindung nach 19:02, die mich noch vor 20:00 nach Hause bringt.

Was ist nun das Fazit dieses Tests? Routen zu berechnen ist eine komplizierte Angelegenheit. Bei Routen für öffentliche Verkehrsmittel kommen noch Parameter wie Gehgeschwindigkeiten (wichtig beim Umsteigen) hinzu. Dass es dadurch zu unterschiedlichen Ergebnissen durch die verschiedenen Algorithmen kommen kann, ist nicht verwerflich. Auf anderen Routen hat z. B. AnachB schon bessere Verbindungen vorgeschlagen als die ÖBB-Fahrplanauskunft. Tatsache ist aber, dass es im Raum Wien zumindest drei verschiedene Routenplaner gibt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Google Maps wäre ein vierter. Die Argumentation der ÖBB hinkt daher. Und die Strategie dahinter ist offensichtlich: Man will keine zusätzlichen Kunden.

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