Warum Studiengebühren die Hochschulen nicht finanzieren können

Wissenschaftsministerin Beatrix Karl wird ja angesichts des immer dramatischer werdenden Finanzierungschaos an den Universitäten nicht müde zu betonen, dass zur Schließung der Lücke private Mittel notwendig seien. Unter privaten Mitteln versteht die ÖVP gemeinhin vor allem Studiengebühren.

Ich lasse hier einmal das Schlagwort “freier Hochschulzugang” bewusst weg. Es scheint auf den ersten Blick sozial gerecht und logisch, künftige Akademiker für ihre Ausbildung bezahlen zu lassen. Immerhin stammt ein Großteil der Studenten aus der Mittel- und Oberschicht. Außerdem verdienen Akademiker später mehr. Die Unterschicht finanziert damit indirekt mit ihren Steuern die aufklaffende Einkommensschere zwischen arm und reich.

Eine kleine Polemik sei mir erlaubt: Mit der gleichen Begründung könnte man auch gleich Schulgeld nach der 9. Schulstufe einführen. Schließlich verdienen Maturanten im Schnitt auch deutlich besser als der gemeine “Hackler”.

Bevor wir aber Studiengebühren ernsthaft diskutieren, möchte ich hier drei Thesen aufstellen.

  1. Die österreichischen Universitäten sind dramatisch unterfinanziert. Derzeit gibt Österreich 1,3 % des BIP für den Tertiärbereich aus. Österreich hat sich dazu verpflichtet, bis 2020 auf 2 % des BIP zu kommen. Da man davon ausgehen kann, dass das BIP bis dahin um ca. 25 % steigen wird, heißt das, dass das Uni-Budget jährlich um gut 10 % steigen müsste, um dieses Ziel zu erreichen. Tatsächlich sieht das Budget eine Reduktion der Ausgaben bis 2014 vor!
  2. Österreich hat im OECD-Vergleich viel zu wenige Akademiker. In Österreich schließen nur 20 % der Menschen eines Jahrgangs ihre Ausbildung mit einem Hochschulabschluss ab. Der OECD-Schnitt beträgt 36 %, also fast das Doppelte. Da Österreich weder über nennenswerte Bodenschätze noch über einen Meereszugang verfügt, können wir unseren Wohlstand nur erhalten, wenn wir die Ressource zwischen unseren Ohren (© Wolfgang Schüssel) entsprechend ausbauen.
  3. Wir bekommen nur dann die besten Köpfe an die Universitäten, wenn der Hochschulzugang alleine von der Begabung und nicht von der finanziellen Ausstattung des Elternhauses abhängig ist.

Die Finanzierungslücke an den Unis zwischen den 1,3 % und den 2 % des BIP beträgt nach heutigem Stand rund 2 Milliarden Euro. Müsste diese Lücke nur durch Studiengebühren geschlossen werden, würde das einen Betrag von rund 4.400 Euro pro Semester ausmachen. Das könnten sich wohl nur wenige Studenten leisten. Damit müsste der Staat das Stipendiensystem deutlich ausbauen, sodass auch Studenten aus der Mittelschicht davon großteils profitieren können. Dass damit ein Großteil der “Ersparnis” für den Steuerzahler wieder weg wäre, versteht wohl hoffentlich auch der dümmste Politiker.

Natürlich könnte man jetzt auch über ein Kreditsystem diskutieren. Die Studiengebühren könnten gestundet werden und werden später, wenn der Akademiker oder die Akademikerin gut verdient, in Raten zurückgezahlt. Ein Blick nach Großbritannien, wo es dieses System mit ziemlich genau diesen Gebührenhöhen auch gibt, zeigt, dass ein Großteil der Akademiker die Studiengebühren nie vollständig bezahlen kann. Damit entsteht für den Staat eine doppelte Finanzierungslücke: Erstens muss er das Studium auf Jahrzehnte hinaus vorfinanzieren und zweitens bekommt er einen Großteil der Studiengebühren nie wieder herein. Man beachte auch, dass bei Studiengebühren in dieser Größenordnung die Studenten auch Rechtsansprüche auf eine adäquate Ausstattung der Unis mit Raum, Personal und technischen Geräten hätten. Auch diese Ausstattung müsste erst einmal finanziert werden. Außer einer Riesen-Bürokratie gewinnen wir so also nichts.

Die Debatte um die Studiengebühren lenkt daher nur von den wahren Problemen in unserer Bildungspolitik ab: Warum finden trotz Gratis-Unis nur so wenige Arbeiterkinder den Weg zu höherer Bildung? Wie wollen wir die Finanzierungslücke in der Höhe von 2 Milliarden Euro für Wissenschaft und Forschung schließen? Studiengebühren verschieben das Problem nur, lösen es aber ganz offensichtlich nicht.

3 Gedanken zu „Warum Studiengebühren die Hochschulen nicht finanzieren können

  1. „Die Unterschicht finanziert damit indirekt mit ihren Steuern die aufklaffende Einkommensschere zwischen arm und reich.“

    Indirekt vielleicht, allerdings machen das Akademiker im Schnitt durch besser bezahlte Jobs und höheren Steuern in weiterer Folge mehr als wett..

    • Wenn das tatsächlich so ist (ich kenne da sehr widersprüchliche Untersuchungen), dann sind Studiengebühren ja ein noch größerer Unsinn. Dann fragt man sich, warum die öffentliche Hand nicht endlich die Unis ausfinanziert. Wenn Akademiker für den Staat tatsächlich ein Profitgeschäft sind, warum schaut er dann nicht drauf, dass mehr Leute studieren, sondern versucht mit Ressourcen-Verknappung die Zahl gering zu halten?

  2. Pingback: Studiengebühren da capo « Aus dem Hollerbusch

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