Staatlich verordnetes Zwangssparen inklusive Kapitalvernichtung

Gestern habe ich wieder einmal das jährliche Informationsschreiben der Vorsorgekasse erhalten, an dich zwangsweise 1,45 % meines Einkommens abführen darf. Damit ich keine Magengeschwüre bekomme, muss ich mir meinen Ärger hier von der Seele schreiben.

Historischer Hintergrund

2008 wurden die Beitragssätze zur Krankenversicherung für Selbständige um 1,45 Prozentpunkte gesenkt. Dies war eine der letzten Beschlüsse der alten Schüssel-Regierung. Nein, uns Selbständigen bleiben damit nicht 1,45 % mehr im Börsel. Vielmehr wurde beschlossen, dass diese 1,45 % in eine neue Selbständigenvorsorge fließen. Diese folgen dem Muster der Mitarbeitervorsorgekassen, die schon einige Zeit davor die Abfertigungen abgelöst haben. Es handelt sich dabei um ein steuerlich begünstigtes (weil steuerfreies) staatliches Zwangssparen. Ich bin wahrlich kein Großverdiener, aber selbst bei mir macht das im Jahr etliche hundert Euro aus.

Fein, denke ich mir, ich darf also Geld steuerfrei ansparen. Dieses Geld wird auch noch ertragreich in Renten, Darlehen, Aktien, „alternative Investments“ und Immobilien investiert. Da sollte doch einiges an Rendite drinnen sein. Als Vorsorgekasse wählte ich nach Studium von Websites und Prospekten die BAWAG Allianz Vorsorgekasse AG.

Resümee nach 3 Jahren

Nach drei Jahren kann ich ein erstes Resümee ziehen, und das fällt mehr als ernüchternd aus:

Im Krisenjahr erwirtschaftete die Kasse eine Bruttorendite von immerhin 3,08 %. Dumm nur, dass die Verwaltungskosten insgesamt mehr als das 1,5-fache des Veranlagungsergebnisses ausmachten. So rutschte die Rendite in den negativen Bereich auf – 1,93 %. Ja, Sie lesen richtig: minus eins komma neun drei Prozent. Zum Vergleich: Auf täglich fälligen Sparkonten erzielt man im selben Jahr bis zu 3 % nach KESt. Plus! Selbst am Ende des Jahres nach kräftigen Zinsschritten nach unten zahlte die BAWAG-Gruppe auf täglich fällige Sparkonten immer noch 2,3 %. Dieselbe BAWAG also, die mein Zwangsspargeld nicht positiv veranlagen konnte.

Schwamm drüber. 2009 erholten sich die Aktienmärkte deutlich. Der ATX stieg im Jahresvergleich um rund 43 %. Doch offensichtlich veranlagte man bei der BAWAG Allianz eher konservativ. Die Bruttorendite betrug schwache 3,30 %. Die hohen Verwaltungskosten fraßen einen Großteil wieder auf. So blieben am Ende nur 1,16 % netto. Zum Vergleich: Per Jahresende zahlte die BAWAG-Gruppe auf täglich fällige Sparkonten 1,35 % Zinsen netto nach KESt!

2010 war für Aktienbesitzer nicht mehr ganz so positiv wie 2009. Der ATX stieg aber immer noch um erkleckliche 16 %. Ende des Jahres (und derzeit) zahl die BAWAG-Gruppe Netto-Zinssätze von 1,16 % auf täglich fällige Sparkonten. Und die Vorsorgekasse der gleichen Bank? Der Bruttoertrag von 2,10 % schaut ja gar nicht so schlecht aus. Doch nach Abzug der Verwaltungskosten bleiben lediglich 0,90 % übrig.

Übrigens lagen sowohl Brutto- als auch Nettoerträge ständig deutlich unter der Inflationsrate. Bei täglich fälligen Geldern hat man dafür ja noch ein gewisses Verständnis. Aber das Geld aus der Vorsorgekasse ist de facto mindestens 2 Jahre gebunden. Denn wenn ich heute mein Gewerbe beende, kann ich auf das Zwangsspargeld erst nach 2 Jahren zugreifen.

Ich arbeite also gut 4 Tage im Jahr dafür, dass ich das Geld unseren Banken und Versicherungen praktisch gratis zur Verfügung stellen kann statt zu investieren. Sieht so moderne Wirtschaftspolitik aus?

Hintergrund: So habe ich gerechnet

Auf den jährlichen Informationsschreiben findet jeder Selbständige die nötigen Informationen zur Berechnung der Rendite. Die Rendite selbst wird selbstverständlich schamhaft verschwiegen.

Ich bezahle viermal im Jahr zu fixen Terminen fixe Teilbeträge in die Vorsorgekasse. Daher lässt sich das gebundene Kapital näherungsweise ganz gut berechnen.

Zunächst bildete ich den Mittelwert aus der Abfertigungsanwartschaft des jeweiligen Jahres und der des Vorjahres. Daraus ergibt sich ein durchschnittlich gebundenes Kapital.

Die Bruttorendite errechnete ich folgendermaßen: Dann dividierte ich das Veranlagungsergebnis durch das durchschnittlich gebundene Kapital und erhielt so den Prozentwert der Bruttorendite.

Für die Nettorendite zog ich zunächst von der aktuellen Abfertigungsanwartschaft die Abfertigungsanwartschaft des Vorjahres und die Beiträge des laufenden Jahres ab. So ergibt sich der Nettoertrag. Diesen Nettoertrag dividierte ich durch das zuvor berechnete durchschnittlich gebundene Kapital. Auch hier erhält man einen Prozentwert.