Latein als Maturafach? Wem nützt das?

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In der Diskussion um Türkisch als Maturafach hat sich auf Twitter auch eine Nebendiskussion eröffnet, wozu eigentlich noch Latein als Maturafach dienen soll.

Um es gleich klarzustellen: Ich habe selbst insgesamt 5 Schuljahre lang Latein gelernt und es durchaus genossen. Zwei Jahre lang hatte ich es als Pflichtgegenstand am Gymnasium. In der Handelsakademie habe ich es dann als Freifach gewählt. Das bedeutete dreimal in der Woche Unterrichtsbeginn 6:50 Uhr und einmal in der Woche eine siebente Stunde. Man kann mir also nicht vorwerfen, dass ich Latein gehasst habe.

Doch wozu dient Latein als Unterrichtsfach wirklich noch? Immer wieder werden zwei, drei Argumente genannt.

Argument 1: Wer Latein lernt, lernt andere Sprachen leichter?

Ich halte mich selbst für zumindest durchschnittlich sprachbegabt. Ich habe zwei Jahre Latein am Gymnasium gelernt, bevor ich in die Handelsakademie übergetreten bin. Dort wählte ich als zweite lebende Fremdsprache Französisch, also eine Sprache, der allgemein nachgesagt wird, dass man sie mit Latein-Kenntnissen leichter lernt.

Zumindest bei mir bewahrheitete sich das nicht. Obwohl ich recht gut in Latein war, erreichte ich in Französisch höchstens durchschnittliches Niveau. Mitschüler, die nie Latein gelernt haben, lernten Französisch teilweise erheblich leichter.

Umgekehrt belegte ich Jahre später an der Volkshochschule einen Tschechisch-Kurs. Aus Zeitgründen habe ich das Projekt Tschechisch zu lernen zwar wieder aufgegeben, es fiel mir aber auf, dass die slawische Grammatik weit mehr mit Latein zu tun hat als die französische. Hier hatte ich mit meinen Latein-Kenntnissen doch einen kleinen Vorteil.

Argument 2: Latein schult das Denken und den Umgang mit der Sprache

Den überwiegenden Teil der Unterrichtszeit verbringt man im Latein-Unterricht damit, lateinische Texte ins Deutsche zu übersetzen. Es stimmt, dass man dadurch einen bewussteren Umgang auch mit der eigenen Muttersprache erlernt. Ich denke, dass sich diese Übersetzungsarbeit sehr positiv auf meine Ausdrucksweise ausgewirkt hat und beobachte das auch bei anderen Latein-Schülern.

In der Handelsakademie verbringt man auch viel Zeit in Englisch und Französisch mit dem Übersetzen von Zeitungsartikeln ins Deutsche. Hier hatte ich schon einige Übung. Denn es ist das eine zu wissen, worum es in einem Artikel geht, aber es ist etwas völlig anderes, einen Originaltext in ein verständliches und gleichzeitig präzises Deutsch zu übersetzen. Hier hatte ich eindeutig Vorteile gegenüber Mitschülern, die Latein nicht gelernt haben.

Argument 3: Latein ist Zugangsvoraussetzung für viele Studien

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Dem ist leider nichts entgegenzusetzen. Wer Rechtswissenschaften oder Medizin studiert, benötigt das Latinum. Allerdings frage ich mich schon wozu? Ja, es gibt eine juristische und medizinische Fachsprache, die hauptsächlich aus lateinischen Wörtern besteht. Aber Krankenpfleger oder Physiotherapeuten beherrschen diese Begriffe beispielsweise oft genauso gut wie Mediziner und müssen dazu nicht jahrelang Latein gelernt haben.

Diese Fachbegriffe kann man in kurzer Zeit auch lernen, ohne jahrelang Cicero, Caesar oder Ovid zu übersetzen. In vielen Wissenschaften gibt es auch eine große Zahl an Fachbegriffen mit altgriechischer Herkunft. Trotzdem wird das Graecum nur mehr in sehr wenigen Studien als Voraussetzung verlangt. Kann es vielleicht sein, dass das Latinum nur mehr als elitäre Barriere für bestimmte Studienrichtungen dient?

Die heutige Bedeutung von Latein

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Wer spricht eigentlich wirklich noch Latein? Außer der katholischen Kirche fällt mir da niemand ein. Vor 50 Jahren hatte die Kirche bei uns noch eine hohe Bedeutung. Doch heute? Die politische Bedeutung des Vatikan ist – auch wenn das manchen nicht gefallen mag – seit dem zweiten Weltkrieg praktisch null. Außer bei wissenschaftlichen Fachbegriffen spielt Latein praktisch keine Rolle mehr.

Latein könnte natürlich wieder mehr Bedeutung erlangen. Als Sprache für Gesetzestexte erscheint es mir wegen der hohen Präzision ideal. Eine Idee wäre, Latein als offizielle Amtssprache der EU einzuführen. Man könnte viele Milliarden Euro sparen, die derzeit für beglaubigte Übersetzungen in alle Landessprachen ausgegeben werden müssen. Wahrscheinlich bleibt diese Idee daher reine Utopie.

Fazit

Rechtfertigen die oben genannten Argumente tatsächlich, dass man Gymnasiasten insgesamt mindestens 11 Wochenstunden lang eine tote Sprache unterrichtet? Zum Vergleich: Mathematik wird an der Oberstufe 11 bis 14 Wochenstunden unterrichtet. Informatik bringt es lediglich auf 2 Pflichtstunden. Alle naturwissenschaftlichen Fächer zusammen bringen es in der Oberstufe des Gymnasiums auf 15 bis 17 Wochenstunden. Wird das Ziel, junge Leute verstärkt für MINT-Studien (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu interessieren, damit erreicht? Welchen praktischen Nutzen hat ein junger Mensch in seinem Leben davon, Latein gelernt zu haben?

Für mich ist klar: Genauso wie ich gegen die Einführung von Türkisch als Fremdsprachenfach bei der Matura bin, bin ich auch für den Entfall von Latein. Ich freue mich aber über gute Argumente in den Kommentaren hier, die mich vom Gegenteil überzeugen.

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Türkisch als Maturafach? Wem soll das nützen?

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Anfang dieser Woche hat die Universität Graz überraschend angekündigt, ein Lehramtsstudium Türkisch einzuführen. Angeblich gab es dazu einen Auftrag aus dem Unterrichtsministerium, das Türkisch als Maturafach für die zweite lebende Fremdsprache einführen will.

Es folgenden die erwartbaren politischen Reaktionen. Die Grünen begrüßten den Vorstoß, weil so angeblich die Integration türkischer Migrantenkinder noch besser gefördert werden kann. Die FPÖ und das BZÖ lehnten den Vorschlag wutschnaubend als integrationsfeindlich ab. Die ÖVP zeigte sich skeptisch und die SPÖ ruderte ganz heftig ohne erkennbare Linie herum.

Es ist bezeichnend für alle Bildungsdebatten in Österreich, dass bei einem Schulthema vor allem die Integration von Migrantenkindern Thema ist. Haben wir wirklich nur mehr dieses eine Bildungsziel? Was ist mit all den Kindern, die als Muttersprache Deutsch haben, und trotzdem nicht richtig lesen können? Was ist mit unserer Bildungselite, die die Oberstufe der AHS nur mehr mit massiven Nachhilfestunden schafft?

Ein Maturafach Türkisch ist weder besonders integrationsfreundlich noch –feindlich. Es ist schlichtweg egal, ob Türkisch als zweite lebende Fremdsprache gewählt werden kann oder nicht. Wenn türkische Migrantenkinder es einmal in unserem migrantenfeindlichen Schulsystem bis zu siebenten beziehungsweise neunten Schulstufe geschafft haben, müssen sie bereits außerordentlich gut integriert sein. Sie müssen nahezu perfekt Deutsch können, sonst könnten sie dem Unterricht in den anderen Fächern nicht folgen. Eine Parallelgesellschaft fördert Türkisch als Fremdsprache an AHS sicher nicht. Eher würde dieses Fach Parallelgesellschaften entgegen wirken, da sich vielleicht doch das eine oder andere Kind mit deutscher Muttersprache auch in diesen Zweig der AHS verirrt.

Trotzdem bin ich äußerst skeptisch, was Türkisch als Maturafach und somit als zweite lebende Fremdsprache anbelangt. Ich frage mich prinzipiell einmal, nach welchen Kriterien Sprachen überhaupt als Maturafach zugelassen werden. Warum kann ich nicht in Zulu oder Suomi maturieren? Okay, für Zulu wird es in Österreich vielleicht nicht genügend Lehrer geben, aber für Suomi würden sich wohl doch einige finden können.

Wenn man es genau betrachtet, haben alle Fremdsprachen, die bei der Matura als Fach genommen werden können eines gemeinsam: Sie werden auch außerhalb des jeweiligen Herkunftslandes in manchen Ländern als Amtssprache akzeptiert oder sind zumindest als Verkehrssprache üblich. Die zusätzliche Sprache soll also in bestimmte Weltregionen einen Nutzen für den jungen Menschen bringen.

Einschub: Die Aussage im vorigen Absatz stimmte noch zu meiner Schulzeit. Inzwischen können auch zum Beispiel auch Serbisch-Kroatisch-Bosnisch oder Polnisch als Fremdsprache bei der Matura gewählt werden, für die das oben genannte Kriterium noch weniger gilt als für Türkisch. Da mir an mehreren Stellen Türken-Feindlichkeit unterstellt wurde, möchte ich an dieser Stelle klar stellen, dass ich bei diesen Sprachen genauso skeptisch bin wie bei Türkisch. Italienisch ist übrigens auch so ein Grenzfall und das Thema Latein als Maturafach ist wohl einen eigenen Artikel wert.

Warum muss man überhaupt in zwei Fremdsprachen maturieren? Jede zusätzliche Sprache bildet den Geist, das Denken aus, sie erweitert den Horizont. Maturanten zählen immer noch zur Bildungselite in diesem Land. Die zusätzliche Sprache soll dieser Bildungselite das Denken über den eigenen Kulturkreis hinaus beibringen.

Versetzen wir uns nun einmal in die Rolle eines türkischen Migranten. Zu Hause spricht er oder sie türkisch. In der Schule und in der Öffentlichkeit Deutsch. Somit sind Deutsch und Türkisch für ihn oder sie praktisch gleichwertige Sprachen, die beide wie eine Muttersprache beherrscht werden. Jetzt kann dieser Mensch im Alter von 12, 13, 14 oder 15 Jahren Türkisch als Schulfach wählen und mit 17 oder 18 darin maturieren. Doch was lernt er oder sie dabei, was nicht schon vorher gekonnt wurde? Okay, vielleicht ein paar grammatische Feinheiten, ein paar Vokabel oder ein wenig türkische Literatur. Das Denken über den eigenen Kulturkreis hinaus lernt er oder sie aber sicher nicht. Die Matura wäre für diese Gruppe von Schülern somit quasi zum Diskontpreis zu haben gegenüber Jugendlichen mit deutscher Muttersprache. Bei Bosnisch-Serbisch-Kroatisch, das ebenfalls schon demnächst Maturafach werden soll, sehe ich das übrigens aus den gleichen Gründen genauso skeptisch.

Türkisch gehört als Freigegenstand an der Volksschule und eventuell auch in der Sekundarstufe I unterrichtet. Türkische Migrantenkinder sollten vielleicht auch in Türkisch alphabetisiert werden. Das würde Integration und Bildung dieser Bevölkerungsschicht wirklich fördern. Türkisch als Maturafach hingegen halte ich für höchst entbehrlich.