Türkisch als Maturafach? Wem soll das nützen?

Bild: gravitat-on (flickr)

Anfang dieser Woche hat die Universität Graz überraschend angekündigt, ein Lehramtsstudium Türkisch einzuführen. Angeblich gab es dazu einen Auftrag aus dem Unterrichtsministerium, das Türkisch als Maturafach für die zweite lebende Fremdsprache einführen will.

Es folgenden die erwartbaren politischen Reaktionen. Die Grünen begrüßten den Vorstoß, weil so angeblich die Integration türkischer Migrantenkinder noch besser gefördert werden kann. Die FPÖ und das BZÖ lehnten den Vorschlag wutschnaubend als integrationsfeindlich ab. Die ÖVP zeigte sich skeptisch und die SPÖ ruderte ganz heftig ohne erkennbare Linie herum.

Es ist bezeichnend für alle Bildungsdebatten in Österreich, dass bei einem Schulthema vor allem die Integration von Migrantenkindern Thema ist. Haben wir wirklich nur mehr dieses eine Bildungsziel? Was ist mit all den Kindern, die als Muttersprache Deutsch haben, und trotzdem nicht richtig lesen können? Was ist mit unserer Bildungselite, die die Oberstufe der AHS nur mehr mit massiven Nachhilfestunden schafft?

Ein Maturafach Türkisch ist weder besonders integrationsfreundlich noch –feindlich. Es ist schlichtweg egal, ob Türkisch als zweite lebende Fremdsprache gewählt werden kann oder nicht. Wenn türkische Migrantenkinder es einmal in unserem migrantenfeindlichen Schulsystem bis zu siebenten beziehungsweise neunten Schulstufe geschafft haben, müssen sie bereits außerordentlich gut integriert sein. Sie müssen nahezu perfekt Deutsch können, sonst könnten sie dem Unterricht in den anderen Fächern nicht folgen. Eine Parallelgesellschaft fördert Türkisch als Fremdsprache an AHS sicher nicht. Eher würde dieses Fach Parallelgesellschaften entgegen wirken, da sich vielleicht doch das eine oder andere Kind mit deutscher Muttersprache auch in diesen Zweig der AHS verirrt.

Trotzdem bin ich äußerst skeptisch, was Türkisch als Maturafach und somit als zweite lebende Fremdsprache anbelangt. Ich frage mich prinzipiell einmal, nach welchen Kriterien Sprachen überhaupt als Maturafach zugelassen werden. Warum kann ich nicht in Zulu oder Suomi maturieren? Okay, für Zulu wird es in Österreich vielleicht nicht genügend Lehrer geben, aber für Suomi würden sich wohl doch einige finden können.

Wenn man es genau betrachtet, haben alle Fremdsprachen, die bei der Matura als Fach genommen werden können eines gemeinsam: Sie werden auch außerhalb des jeweiligen Herkunftslandes in manchen Ländern als Amtssprache akzeptiert oder sind zumindest als Verkehrssprache üblich. Die zusätzliche Sprache soll also in bestimmte Weltregionen einen Nutzen für den jungen Menschen bringen.

Einschub: Die Aussage im vorigen Absatz stimmte noch zu meiner Schulzeit. Inzwischen können auch zum Beispiel auch Serbisch-Kroatisch-Bosnisch oder Polnisch als Fremdsprache bei der Matura gewählt werden, für die das oben genannte Kriterium noch weniger gilt als für Türkisch. Da mir an mehreren Stellen Türken-Feindlichkeit unterstellt wurde, möchte ich an dieser Stelle klar stellen, dass ich bei diesen Sprachen genauso skeptisch bin wie bei Türkisch. Italienisch ist übrigens auch so ein Grenzfall und das Thema Latein als Maturafach ist wohl einen eigenen Artikel wert.

Warum muss man überhaupt in zwei Fremdsprachen maturieren? Jede zusätzliche Sprache bildet den Geist, das Denken aus, sie erweitert den Horizont. Maturanten zählen immer noch zur Bildungselite in diesem Land. Die zusätzliche Sprache soll dieser Bildungselite das Denken über den eigenen Kulturkreis hinaus beibringen.

Versetzen wir uns nun einmal in die Rolle eines türkischen Migranten. Zu Hause spricht er oder sie türkisch. In der Schule und in der Öffentlichkeit Deutsch. Somit sind Deutsch und Türkisch für ihn oder sie praktisch gleichwertige Sprachen, die beide wie eine Muttersprache beherrscht werden. Jetzt kann dieser Mensch im Alter von 12, 13, 14 oder 15 Jahren Türkisch als Schulfach wählen und mit 17 oder 18 darin maturieren. Doch was lernt er oder sie dabei, was nicht schon vorher gekonnt wurde? Okay, vielleicht ein paar grammatische Feinheiten, ein paar Vokabel oder ein wenig türkische Literatur. Das Denken über den eigenen Kulturkreis hinaus lernt er oder sie aber sicher nicht. Die Matura wäre für diese Gruppe von Schülern somit quasi zum Diskontpreis zu haben gegenüber Jugendlichen mit deutscher Muttersprache. Bei Bosnisch-Serbisch-Kroatisch, das ebenfalls schon demnächst Maturafach werden soll, sehe ich das übrigens aus den gleichen Gründen genauso skeptisch.

Türkisch gehört als Freigegenstand an der Volksschule und eventuell auch in der Sekundarstufe I unterrichtet. Türkische Migrantenkinder sollten vielleicht auch in Türkisch alphabetisiert werden. Das würde Integration und Bildung dieser Bevölkerungsschicht wirklich fördern. Türkisch als Maturafach hingegen halte ich für höchst entbehrlich.

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