Radfahrer sind Rotfahrer

Anlässlich der für den Radverkehr katastrophalen Novelle der StVO, die am 31.05.2011 in Kraft tritt, beginne ich hier eine kurze Serie von Beiträgen, in denen ich einige Vorurteile und Probleme aus Sicht eines Alltagsradlers behandeln möchte. Heute: Radfahrer sind Rotfahrer.

Wer kennt sie nicht, die Radfahrer, die angeblich jede rote Ampel ignorieren? Doch stimmt es tatsächlich, dass Radfahrer grundsätzlich Lichtsignale bestenfalls als Empfehlungen wahrnehmen? Keine Frage, es gibt tatsächlich einen nicht zu geringen Anteil an Radfahrern, die eine zumindest zeitweise Rotblindheit haben. Doch ist dies auf Radfahrer beschränkt?

Ich fahre derzeit fast täglich mit dem Fahrrad mindestens 20 km quer durch Wien. Dabei begegnen mir meist weit mehr Autofahrer, die rote und gelbe Lichtsignale ignorieren als Radfahrer. Jetzt wenden sicher einige Autofahrer ein, dass Gelb ja nicht Rot ist. Nun, laut StVO hat Gelb aber die gleiche Bedeutung wie Rot, nämlich die Pflicht zum Anhalten. Hinzu kommt, dass Radfahrerampeln praktisch nie ein Gelblicht haben. Während der Autoverkehr also „noch“ Gelb hat, haben Radfahrer schon Rot.

Rote Ampeln als Aufruf zum Selbstmord

Doch die Schikanen für Radfahrer können noch schlimmer ausfallen, wie beispielsweise die Lichtsignalanlage an der Kreuzung Kaisermühlenstraße/Industriestraße im 22. Bezirk zeigt. Es gibt hier zwar keine Radfahranlage, aber eine separate Ampel für Radfahrer. Das Rotlicht für die Radfahrer kommt, während die Autofahrer noch lange Grün haben. Was soll ich als Radfahrer tun? Vorschriftsmäßig auf der Fahrbahn anhalten und riskieren, dass mich ein Auto von hinten über den Haufen fährt? Oder doch die Vorschrift ignorieren und bei Rot fahren?

Druckknopfampeln als Zeiträuber

Eine andere beliebte Schikane sind Druckknopfampeln. Nur wenn der Radfahrer einen Knopf drückt, bekommt er bei der nächsten Phase grün. Der Radfahrer wird also immer zum Anhalten gezwungen. An Stellen, wo nur Fußgänger und Radfahrer eine Straße kreuzen, ist das auch einzusehen. Doch häufig werden solche Ampeln auch an Stellen eingesetzt, wo eigentlich parallel zu den Radfahrern auch Autos fahren, die natürlich immer Grün bekommen. Während also das Auto flüssig über die Kreuzung fahren kann, muss der parallel fahrende Radfahrer anhalten, den Druckknopf betätigen und auf die nächste Phase warten. Es gibt für den Radfahrer dabei keinen Sicherheitsgewinn, denn er bekommt anschließend genauso parallel zum Autoverkehr Grün. Kein Wunder, dass da viele Radfahrer drauf pfeifen und gleich bei Rot fahren. Beispielkreuzung: A23 Abfahrt Hirschstetten/Hirschstettner Straße (bei Porsche Donaustadt).

Ampeln ohne Sicherheitsfunktion

Radfahrerampel ohne Querverkehr

Und dann gibt es noch die Ampeln, die vor gar nichts schützen, sondern nur zur Schikane dienen. Häufig

sind diese Ampeln an T-Kreuzungen zu finden. Damit der Verkehr aus der Querstraße sicher einbiegen kann, wird an diesen Kreuzungen eine Ampel installiert. Der parallel laufende Radweg bekommt dann meist auch eine eigene Ampel, obwohl es für diesen gar keinen Querverkehr gibt. Wer hier bei Rot anhält muss schon extrem vorschriftsgläubig sein. Ein Sonderfall sind auch Ampeln die Parkplatzausfahrten sichern, aus denen nur etwa alle 15 Minuten ein Auto kommt, die aber trotzdem minütlich auf Rot schalten.

Wie man also sieht, wird die Ampelmoral den Radfahrern systematisch ausgetrieben. Viele Ampeln sind reine Schikane und erhöhen die Sicherheit nicht. Und eines bedenke man zusätzlich: Ein bei Rot fahrender Radfahrer gefährdet in erster Linie sich selbst. Ein bei Rot fahrendes Auto gefährdet andere Autos, Radfahrer und Fußgänger.

Und zum Schluss ein Wettangebot

Kreuzung bei Urania (Foto: Andrzej Felczak)

Doch zurück zu meiner Aussage vom Anfang, dass es mindestens ebensoviele Rotfahrer unter den Autofahrern gibt wie bei den Radfahrern. Um das zu beweisen, biete ich den Lesern dieses Blogs eine Wette an. Austragungsort ist die Kreuzung bei der Wiener Urania. Austragungszeit ist ein Wochentag (vorzugsweise Donnerstag oder Freitag) zwischen 17 und 19 Uhr bei schönem Wetter. Die Kreuzung wird um diese Zeit von etwa gleich viel Fußgängern und Radfahrern wie Autos benützt. Die Phasenlänge für den nicht motorisierten Verkehr beträgt aber insgesamt nur rund ein Zehntel der Phase für den motorisierten Individualverkehr.

Meine Wette: Ich zähle die Anzahl von Autos, Lkws und Motorrädern die entweder bei Gelb oder Rot in die Kreuzung einfahren oder zwar noch bei Grün einfahren, die Kreuzung aber nicht mehr rechtzeitig räumen können und querende Fußgänger und Radfahrer behindern oder gefährden. Für jedes Fahrzeug erhalte ich einen vorher festgelegten Geldbetrag. Umgekehrt darf mein Wettgegner alle bei Rotlicht querenden Radfahrer zählen. Auch hier gibt es pro Radfahrer den gleichen Geldbetrag. Am Ende zahlt den Saldo der Verlierer an den Gewinner. Genauere Modalitäten sind Verhandlungssache.

Wer Lust auf diese Wette hat, kontaktiert mich per E-Mail (roman(at)korecky.at) oder Facebook-Nachricht.

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12 Gedanken zu „Radfahrer sind Rotfahrer

  1. bei der aufzählung fehlen noch 2 wichtige kategorien:
    – sehr oft sind ampeln für fußgänger und radler gleich geschaltet (oft teilen sie sich auch ein gehäuse). der grund dürfte wohl primär der einbiegende autoverkehr sein, andererseits die einfachere programmierung. nachdem die fuß-/radampel auf rot schaltet, haben die auto noch einige sekunden grün (bevor sie blinken, geld und dann erst rot anzeigen). das reicht sogar für fußgänger um die straße zu überqueren (wenn kein auto kommt) und sehr oft kommt kein auto. weder als radler noch als fußgänger halte ich mich an so eine verarsche.

    – radampeln, die mit autoampeln gleichgeschaltet sind, um fußgängern das queren zu ermöglichen. bekanntes beispiel nestroyplatz.

    in beiden situationen kann ein radfahrer aufgrund der guten übersicht problemlos ohne selbst- und fremdgefährdung das lichtsignal ignorieren. es gibt viel zu viele ampeln und viel zu wenig aufmerksame verkehrsteilnehmer (die meisten radler gehören dazu, oder liegen im krankenhaus oder friedhof, oder sind am besten weg dorthin).

  2. Da ich in Deutschland wohne, sind meine Erfahrung nicht notwendigerweise für Wien relevant. Jedoch erlebe ich es so, dass man trotz weniger „Schikanen“ dock viele Radfahrer hat, die so fahren wie sie lustig sind, inklusive gegen-Rot-Fahren, auf-dem-Bürgersteig-Fahren, Rasen-ohne-sich-umzuschauen, … Autos, die gegen Rot fahren sind dagegen sehr selten vorkommend. (Gelb aber sehr wohl—hier scheint es ein grundsätzliches Verständnisproblem bei den Autofahrern zu geben, da Gelb gerne als „Gas geben, damit ich vorbeikomme, bevor das Licht auf Rot umschlägt“ gedeutet wird, statt „Bremsen, damit ich angehalten habe, bevor das Licht auf Rot umschlägt“.)

    • In Österreich gibt es die Besonderheit, dass Gelb im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern absolutes Halt bedeutet und damit mit Rot gleichzusetzen ist. Ein Einfahren in die Kreuzung bei Geld ist in Österreich streng verboten und ein Vormerkdelikt. In Deutschland darf man bei Gelb noch einfahren, wenn man sich unmittelbar vor der Kreuzung befindet. Deshalb gibt es in Österreich auch das Grünblinken, das mit dem Gelb in Deutschland vergleichbar ist.

  3. Interessante Beobachtung zum Thema Rotfahren. Ich fahre fast täglich von Wien-West nach Wien-Innenstadt und benütze dafür fast ausschließlich Fahrradwege. Ich kann dabei deine Anmerkungen zum Thema „Schikane“, wenngleich ich es nicht so drastisch formulieren würde, nur teilen. Es gibt Ampeln (oder Ampelphasen), die keinerlei Sicherheitsgewinn haben, aber den Radverkehr massiv stören.

    Das Problem dahinter ist meiner Meinung nach die Zusammenlegung von Radfahrern mit Fußgängern oder von Radfahrern mit Autofahrern: Radfahrer sind eine eigene Kategorie, sie sind wesentlich schneller als Fußgänger, nicht aber unbedingt als Autos; sie sind wendiger, werden aber zB durch Kopfsteinpflaster uä gestört. Ich denke, dass genau das seitens der Verkehrsplanung endlich berücksichtigt gehört: Radfahren ist weder „schnelles zu Fuß gehen“ noch „langsames Autofahren“…

  4. Ich möchte nur zu den Radfahrerampeln in der Praterstraße etwas anmerken:

    Wenn die Autos rot haben, haben die querenden Fußgänger grün. Der Zebrastreifen kreuzt den Radweg. Deshalb haben die Radfahrer auch rot. Die Radfahrer, die diese Rotphase ignorieren, sind die, die jedesmal Fußgänger beinahe übern Haufen fahren. Wobei wir wieder bei den Rücksichtslosen Radfahrer wären. Und ich sehe den Verkehr als Fußgänger, Radfahrer und vom Auto aus.

    • Das gilt aber leider auch umgekehrt. Gerade in der Praterstraße nutzen Fugänger den Radweg gerne als Aufstellfläche und behindern und gefährden diesen. Ich halte nichts von der Titulierung „rücksichtlose Radfahrer“. Hier wird ein Stereotyp bedient, den ich mit dieser Blogserie bekämpfen möchte. Der Anteil der rücksichtslosen oder nennen wir sie lieber gedankenlosen Verkehrsteilnehmer verteilt sich auf Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger in gleichem Maße.

      • Allerdings (selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Mentalität die selbe ist), können Radfahrer größere und häufigere Störungen verursachen: Fußgänger sind zu langsam und müssen sich zu großen Sorgen um ihre eigene Sicherheit machen. Autofahrer können viele Dinger rein physisch nicht machen und müssen bei anderen schnelle und schwerwiegende Konsekvenzen befürchten. Bendenke z.B. Fälle wie „Auto fährt zehn Minuten auf dem Bürgersteig.“, „Fußgänger geht zehn Minuten auf einer verkehrsdichten Straße.“, und „Fahrad fährt zehn Minuten auf [Straße, Bürgersteig, was auch immer gerade nicht erlaubt wäre].“—was würden die meisten sich eher zutrauen?

        • Ich habe noch nie davon gehört, dass Radfahrer eine Stau verursachen. Auch Fußgänger können das nur, wenn sie in Massen auftreten, wie z. B. Jeden Samstag auf der Mariahilfer Straße zu beobachten ist. Störungen im Verkehr durch undiszipliniertes Verhalten ist praktisch ausschließlich eine Domäne der Autofahrer.

          • Ich muss zugeben, dass ich meinen Blick auf Stadtverkehr gerichtet gehabt habe, und dass es z.B. auf der Autobahn öfters anders aussieht.

            Zugleich ist gerade Stau eine Sache, die selten durch einzelne Autofahrer verursacht werden. Vielmehr geht es um eine Zusammenkunft von größtenteils Unschuldigen, die durch ihre reine Anzahl und die äußeren Bedingungen Probleme bekommen—oder externe Störungen, die zu Strecken mit „verminderter Kapazität“ führen.

            „Störungen im Verkehr durch undiszipliniertes Verhalten ist praktisch ausschließlich eine Domäne der Autofahrer.“

            Eine äußerst zweifelhafte Aussage. Selbst in bestem Falle muss man berücksichtigen, dass es ungleich mehr Auto gefahren wird, als Fahrrad, wonach es keinen Freispruch für Radfahrer bedeuten würde, wenn mehr von den Gesamtstörungen von seitens Autofahrer entsteht.

            (Vorbehalt, natürlich, für die Möglichkeit, dass die Autofahrer in Österreich anders vorgehen als in Deutschland.)

            • Gerade im Stadtverkehr werden Staus häufig durch einzelne undisziplinierte Autofahrer verursacht. Das Einfahren in eine Kreuzung, obwohl man sie offensichtlich nicht mehr bei Grünlicht verlassen kann ist eines der häufigsten Delikte. In Wien sind die Straßen enger als in den meisten deutschen Großstädten. Durch dieses „Kavaliersdelikt“ werden Querverkehr, Radfahrer und Fußgänger behindert. Zum Beispiel kommt es gerade auf der von mir zur Wette angebotenen Kreuzung bei der Urania dadurch ständig zu Radfahrerstaus. Außerdem kosten Falschparker täglich den Fahrgästen öffentlicher Verkehrsmittel hunderte Stunden an Fahrzeit.
              Der Autoverkehrsanteil liegt in Wien bei ca. 33 %. Zugleich werden aber über 90 % der Störungen im Straßenverkehr durch Autofahrer verursacht. Die Auswirkungen von Disziplinlosigleiten durch Autofahrer sind nun einmal ungleich höher, der Anteil der Rowdies aber in etwa gleich wie bei den anderen Verkehrsteilnehmern.

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