Wo man als Radfahrer rasen kann: Der Radfahr- und Mehrzweckstreifen

Anlässlich der für den Radverkehr katastrophalen Novelle der StVO, die am 31.05.2011 in Kraft tritt, bringe ich in diesem Blog eine kurze Serie von Beiträgen, in denen ich einige Vorurteile und Probleme aus Sicht eines Alltagsradlers behandeln möchte. Im letzten Teil habe ich viele baulich getrennte Radwege kritisiert. Diesmal soll es um positive Beispiele für Radverkehrsanlagen gehen..

Auf baulich getrennten Radwegen ist der Radfahrer für abbiegende Autofahrer oft nicht sichtbar genug. Ebenso ist er durch den Querverkehr gefährdet, der gerne bis zum Hauptfahrbahnrand vorfährt, ohne auf die querenden Radfahrer zu achten. Außerdem muss der Radfahrer vor jeder Radfahrüberfahrt auf 10 km/h abbremsen, obwohl er eigentlich Vorrang hat, was das Fortkommen deutlich verlangsamt. Auch die Baukosten eines baulich getrennten Radweges sind vergleichsweise hoch.

Radfahrstreifen haben fast nur Vorteile

All diese Probleme lassen sich mit Radfahrstreifen und Mehrzweckstreifen lösen. Die Radfahrer fahren dabei auf der normalen Hauptfahrbahn, wo ein eigener Streifen für die Radfahrer markiert ist. Die Radfahrer sind für andere Verkehrsteilnehmer gut sichtbar. Das Unfallrisiko ist daher relativ gering. Die Radfahrer können an jeder Stelle zum Streifen zu- und abfahren. Ein Überholen langsamerer Radfahrer ist ebenfalls relativ leicht möglich. Außerdem kosten Radfahrstreifen relativ wenig.

Mehrzweckstreifen in der Industriestraße

Auf Mehrzweck- und Radfahrstreifen kann der Radfahrer zudem meist sein volles Tempo erreichen. Es sind keine Fußgänger im Weg, und man muss auch nicht bei jeder Querstraße auf 10 km/h abbremsen.

Mehrzweck- und Radfahrstreifen haben nicht nur für Radfahrer Vorteile. Auch die Anrainer profitieren davon. Die Fahrbahn wird optisch verengt, wodurch die Autos hier generell langsamer fahren. Somit wirken Mehrzweckstreifen meist auch gleichzeitig verkehrsberuhigend und erhöhen die allgemeine Verkehrssicherheit.

Sowohl Mehrzweck- als auch Radstreifen haben den Nachteil, dass ungeübte Radfahrer sich darauf oft unsicher fühlen, da der motorisierte Verkehr doch recht knapp vorbeifährt. Andererseits: Die Fahrbahn ist zum Fahren da. Radfahrer gehörten auf die Fahrbahn und wer sich dort als Radfahrer unsicher fühlt, sollte einen der Radfahrkurse des ARGUS oder der IG Fahrrad besuchen. Denn Radfahr- und Mehrzweckstreifen sind relativ sicher, sicherer als die meisten Radwege.

Mehrzweckstreifen: Richtiges Verhalten für Autofahrer

Meist werden sogenannte Mehrzweckstreifen markiert. Erkennbar sind Mehrzweckstreifen an den unterbrochenen Längslinien. Mehrzweckstreifen werden dann markiert, wenn die Restfahrbahnbreite für den motorisierten Verkehr weniger als 3 m betragen würde.

Trotz seines Namens darf der Mehrzweckstreifen von Autos grundsätzlich nicht befahren werden. Nur Fahrzeuge, die zu breit für die Restfahrbahn sind – das sind vor allem Lkw und Busse – dürfen den Mehrzweckstreifen mitbenutzen, daher auch sein Name.

Relativ selten: Radfahrstreifen

In Wien relativ selten anzutreffen ist hingegen der reine Fahrradstreifen. Er unterscheidet sich vom Mehrzweckstreifen dadurch, dass die Seitenlinien durchgezogen sind. Der Fahrradstreifen ist deshalb selten, da die Verkehrsplaner bei ausreichend Platz lieber breitere Mehrzweckstreifen markieren. Dies erhöht das subjektive Sicherheitsgefühl für den Radfahrer und wirkt zusätzlich verkehrsberuhigend.

Radstreifen (im Hintergrund) mündet in Radfahrerüberfahrt vor dem SMZ Ost. Autos müssen hier links oder rechts abbiegen. Der Radfahrstreifen und die Radfahrerüberfahrt führt die Radfahrer sicher an den Autos vorbei auf den Radweg im Vordergrund.

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Fahrzeuge gehören auf die Fahrbahn. Deshalb sollten Radfahr- und Mehrzweckstreifen die bevorzugte Radverkehrsanlage werden.

4 Gedanken zu „Wo man als Radfahrer rasen kann: Der Radfahr- und Mehrzweckstreifen

  1. Pingback: Radfahrer als Sicherheitsgewinn: Einbahnen und Radständer | Notizen und Gedanken aus der Donaustadt

  2. Also das ist meiner Meinung nach eine sehr einseitige Sicht auf die Dinge.

    Radfahrstreifen haben eine praktische Sache an sich: das sie nur aus ein paar Litern Farbe bestehen kann man sie einfach irgendwo hinmalen. Besonders gerne werden Mehrzweckstreifen irgendwo hingemalt, wo sonst einfach ein Fahrstreifen für Autos war. Das hat zur Folge, dass eine schöne Menge der Radfahrstreifen so gestaltet sind, dass man als Radfahrer einen Außenspiegel nach dem anderen mitnehmen könnte wenn man sich an den blöden Mehrzweckstreifen hielte, weil der Mehrzweckstreifen direkt an einen Parkstreifen grenzt. Sehr schön zu sehen übrigens in der Schwarzspanierstraße im 9. Bezirk.
    Das, was dann vom Auto-Fahrstreifen noch übrig bleibt, ist in der Breite ausreichend für einen Lupo, aber nicht für jenen Typus Geländewagen den man offenbar braucht um im Winter den Spittelberg zu bewältigen 😉 und schon gar nicht für einen Bus oder einen LKW. Was ein bisschen blöd ist, weil die dann trotzdem versuchen, mit Minimalabstand zu überholen, in dem Vertrauen, dass der Radler in dem für ihn eh schon zu schmalen Mehrzweckstreifen bleibt. Besonders toll ist es überhaupt, wenn der Fahrstreifen für die Autos links baulich begrenzt ist. Zu sehen übrigens in der Maroltingergasse nördlich der Wernhardtstraße im 16. Bezirk.
    Die Story, dass die Autos wegen des Mehrzweckstreifens (ohne Gegenwart von Radfahrerinnen) langsamer fahren glaube ich eher nicht. Vielleicht tun sie das, wenn ein Radfahrer da ist–dann aber ist es wohl auch egal, ob ein Mehrzweckstreifen markiert ist oder nicht. Eine andere Art von ziemlich unmöglich markiertem Mehrzweckstreifen findet man in der Lazarettgasse–eine Art urbaner Slalom, den leider niemand wirklich korrekt fahren kann, weil häufigst irgendwelche Hindernisse im Weg parken.
    Was Wien braucht sind breite Radwege, die ein bisschen baulich von der Fahrbahn getrennt sind,nicht direkt an parkenden Autos vorbeiführen und auch nicht einfach von der Post, Lastern, der Polizei oder sonstjemandem zugeparkt werden können.

    • Mindestbreiten sind leider immer ein Thema, auch auf baulich getrennten Radwegen. Baulich getrennte Radwege haben aber einige inhärente Nachteile, die man auch bei hoch-qualitätativer Planung leider nicht vermeiden kann. Hauptproblem sind die Radfahrerüberfahrten bei Querstraßen. Egal, wie man es dreht und wendet, diese bleiben entweder gefährlich oder stellen ein permanentes Hindernis für die flotten Radfahrer dar.
      Radstreifen oder Mehrzweckstreifen muss man halt in ausreichender Breite markieren, dann haben sie diese Nachteile nicht. Übrigens reicht die Breite von Fahrbahnen IMMER auch für Geländewagen. Das Problem mit diesem Fahrzeugtyp: Er wird besonders häufig von Personen gefahren, die eigentlich nicht richtig autofahren können und daher auch nicht wissen, wie breit ihr Auto ist und wo es links und rechts endet.

  3. Pingback: Weg mit der Benützungspflicht für Radverkehrsanlagen | Notizen und Gedanken aus der Donaustadt

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.