Nicht Genügend für Lehrer: Was sind die Konsequenzen?

Tausende Kinder haben auch in diesem Jahr wieder ein Nicht Genügend in dem einen oder anderen Gegenstand bekommen. Viele davon müssen deshalb eine „Ehrenrunde“ drehen. Und für etliche bedeutet das auch gleich das Ende der Schulkarriere. Uns erscheint das völlig normal. Diese Kinder und Jugendlichen sind halt einfach nur zu dumm, oder? Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Lehrerschaft unsere Kinder beurteilt und dabei auch Urteile über den weiteren Lebensweg fällt. Doch wer beurteilt die Lehrer? Ist ein Nicht Genügend eines Schülers nicht immer auch ein Versagen der Lehrerin oder des Lehrers? Und was geschieht mit Lehrern, die permanent versagen? Müssen diese auch „Ehrenrunden“ drehen?

Dazu eine kleine Geschichte, die zwar schon fast 20 Jahre her ist, sich aber noch heute an jeder Schule so abspielen könnte. Im insgesamt siebenten Lernjahr (wenn man vom Volksschulunterricht absieht) bekamen wir eine neue Englisch-Lehrerin. Wir glaubten zunächst daran, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handeln könnte. Die Frau hatte einen so schweren Sprachfehler, dass wir sie weder auf Deutsch noch auf Englisch verstanden, ja wir konnten in den ersten Wochen nicht einmal zwischen den Sprachen unterscheiden. Doch abgesehen von dieser schweren körperlichen Unzulänglichkeit, viel die Lehrerin auch noch durch regelrechte Arbeitsverweigerung auf. Wir lasen einen Satz aus dem Buch und die Lehrerin diskutierte anschließend eine halbe Stunde lang über den philosophischen Hintergrund dieses Satzes inklusive ihrer halben Lebensgeschichte. Mit dem Stoff hatte all dies nichts zu tun. Sie gab uns eine Hausübung in der Länge von etwa 10 Sätzen. Es dauerte dann mehr als 4 Unterrichtsstunden, bis wir diese Hausübung fertig durchbesprochen hatten.

Nach einigen Wochen platzte einer Mitschülerin, die normalerweise nicht durch übergroßen Fleiß auffiel der Kragen: „Frau Professor, wir haben in 2 Wochen Schularbeit und haben gerade einmal eine Buchseite Stoff gemacht. Können wir endlich was weiterbringen?“ Wir beschwerten und beim Klassenvorstand und der Direktorin. Gemeinsam mit der Direktorin beschlossen wir, Stundenprotokolle anzufertigen, die diese dann an den Stadtschulrat weiterleiten würde. Diese Stundenprotokolle dokumentierten die Unfähigkeit eindrucksvoll. Zusammen mit einem Begleitbrief, in dem alle Vorwürfe penibel aufgelistet waren, leitete die Direktorin die Protokolle an den Stadtschulrat weiter. Dieser entsandte die zuständige Fachinspektorin in eine Unterrichtsstunde (die zufällig unsere ehemalige Französisch-Lehrerin war). Diese Stunde lief so ab wie alle Stunden zuvor. Entsprechend negativ fiel auch der Bericht der Fachinspektorin aus, in den ich als damaliger Schulsprecher Einblick nehmen konnte.

Die Lehrerin hatte damals noch einen befristeten Vertrag, der gerade zur Verlängerung anstand. Zu erwarten wäre also gewesen, dass der Vertrag nicht verlängert wird. Doch das Gegenteil geschah: Die Lehrerin wurde pragmatisiert und erhielt eine schulfeste Stelle.

In der Zwischenzeit dürfte sie den Lehrberuf allerdings aufgegeben haben. Zumindest an meiner ehemaligen Schule unterrichtet sie nicht mehr.

2 Gedanken zu „Nicht Genügend für Lehrer: Was sind die Konsequenzen?

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