Die Top 10 Sünden der Autofahrer und Fußgänger

Zuletzt habe ich die netten Radfahrerkollegen kritisiert. Das Feedback hat mich selbst überrascht: Kein einziger Radler-Kollege hat mich beschimpft oder kritisiert (wenn man von einem berechtigtem Sexismus-Vorwurf absieht), vielmehr erntete ich einige Schuldbekenntnisse. Mal sehen, ob auch die Autofahrer und Fußgänger zu so viel Selbstkritik fähig sind. Deshalb hier meine Liste mit den größten Sünden von Autofahrern und Fußgänger, die Radfahrer gefährden oder behindern.

Sünde 1: Vorrangverletzung auf der Radüberfahrt

Dieser Lieferwagen schießt aus der Quergasse, ohne die querende Radüberfahrt zu bachten, obwohl er auch gegenüber dem Autoverkehr Nachrang hat.

Auf einer Radüberfahrt haben Radfahrer Vorrang und zwar immer. Paradoxerweise schreibt zwar der Gesetzgeber ausgerechnet den Radfahrern ein 10 km/h-Höchstgrenze vor, nicht aber den benachrangten Autos und Motorrädern. Das ist aber kein Freibrief zur Vorrangverletzung. Nicht umsonst sind Radüberfahren Unfallpunkt Nr. 1 bei der Begegnung von Auto- und Radfahrern.

Die Vorrangverletzung erfolgt auf verschiedene Arten. Am häufigsten ist es der Querverkehr, der eigentlich meist auch gegenüber dem restlichen Autoverkehr benachrangt wäre. Mittlerweile ist es üblich, dass man aus der Quergasse hinausschießt und den Vorderwagen frech in die Vorrangstraße hineinragen lässt. Das ist auch für den Autoverkehr extrem lästig und gefährlich. Noch schlimmer ist es für den parallel am Radweg fahrenden Radfahrer, der leider allzu häufig abgeschossen wird. Wie hat man es in der Fahrschule gelernt? Wenn die Sicht nicht ausreicht, muss man sich vorsichtig „zentimeterweise“ vortasten oder sich sogar einweisen lassen. Eine Radüberfahrt sollte dabei wie ein Stopp-Schild behandelt werden.

Die zweithäufigste Variante ist der Rechtsabbieger, der auf den parallel führenden Radweg nicht achtet. Dabei wäre es so einfach: Mit ein wenig Aufmerksamkeit sollte der Radweg für jeden Autofahrer erkennbar sein. Meist überholt man Radfahrer vor dem Abbiegen. Es kann doch nicht so schwer sein, sich das zu merken und dann mit genau diesen Radfahrern zu rechnen. Entgegenkommende Radler sind meist ohnehin gut sichtbar.

Nicht so häufig, dafür die Variante mit den schwersten Unfällen ist die querende Radüberfahrt. Dafür habe ich das geringste Verständnis. Die Überfahrt ist fast immer von weitem zu sehen, ebenso querende Radfahrer. Meist führt auch ein Fußgängerübergang parallel zur Radüberfahrt. Ist es wirklich so schwer, das Tempo entsprechend zu reduzieren und die Aufmerksamkeit zu erhöhen?

Sünde 2: Mangelnde Beaufsichtigung des Hundes

Slalom zwischen Hundeleinen. Auf Geh-Radwegen wie diesem sind Hunde grundsätzlich an der kurzen Leine zu führen

Jetzt kommen die Fußgänger dran. Ein Hund will die volle Aufmerksamkeit seines Besitzers. Jeder Hund ist in gewissen Situationen unberechenbar. Selbst der bravste Hund kann von einem Radfahrer erschreckt werden. Leider ist es ein Faktum, dass es viel zu viele Geh-Radwege und auf Gehwegen aufgepinselte Radwege gibt. Liebe Hundebesitzer, bitte seid dort besonders aufmerksam! Besonders quer über den Weg gespannte Flexileinen sind eine beliebte Radfahrerfalle. Und das Handy sollte beim Gehen mit dem Hund absolut tabu sein, doch dazu gleich mehr…

Sünde 3: Unaufmerksamkeit durch Telefonieren

Diese Sünde betrifft sowohl Autofahrer als auch Fußgänger. Telefonierende Autofahrer, insbesondere ohne Freisprecheinrichtung, sind einfach immer abgelenkt. Das Auto ist eine zu gefährliche Waffe, dass dies akzeptabel wäre. Okay, auf der Landstraße oder der Autobahn kann man mit Freisprecheinrichtung schon mal ein kurzes, nicht allzu herausforderndes Telefonat führen. Aber der Stadtverkehr verlangt doch meist zu viel Aufmerksamkeit für sich alleine.

Doch auch telefonierende Fußgänger stellen eine Gefahr dar. Für sich selbst, für Autofahrer und vor allem für Radfahrer. Da werden dann völlig unaufmerksam Radwege gekreuzt oder auf diesen sogar herumgetorkelt. Besonders schlimm sind telefonierende Aufsichtspersonen von Hunden und kleinen Kindern. Diese bemerken die Unaufmerksamkeit nämlich zuverlässig.

Sünde 4: Überqueren des Radwegs ohne zu nach Links und Rechts zu schauen

Ein Radweg ist eine Fahrbahn. Und Stadtradler sind mit mindestens 20 km/h, viele sogar mit 30 km/h und noch mehr unterwegs. Warum nur glauben Fußgänger, dass man Radwege ohne zu schauen überqueren können, was sie bei Autofahrbahnen niemals tun würden? Ach ja, bei der Begegnung mit dem Auto werden vor allem sie selbst verletzt, während die Kollision mit Radfahrern für letzteren gefährlicher ist. Logisch, oder?

Sünde 5: Zu knappes Überholen

Zurück zu den Autofahrern. Ja, Radfahrer sollten sich rechts halten. Aber ein Sicherheitsabstand zu parkenden Autos von mindesten 1 m Breite steht diesen auch zu. Und beim Überholen ist auch mindesten 1 m plus 1 cm pro km/h Geschwindigkeitsunterschied zu veranschlagen. Kleines Rechenbeispiel: 4 m Fahrbahnbreite, Radfahrer von 1 m Breite fährt mit 1 m Sicherheitsabstand zu parkenden Autos. Bei 30 km/h Geschwindigkeitsunterschied bedeutet das, dass der Autofahrer vom Fahrbahnrand insgesamt mindestens 3,20 m Sicherheitsabstand einzuhalten hat. Damit ist klar: Den Radfahrer kann man nur überholen, wenn es keinen Gegenverkehr gibt. Einzig Motorradfahrer können manchmal auch bei Gegenverkehr vorsichtig überholen. Und noch etwas: Radfahrer, die zu parkenden Autos weniger als 1 m Sicherheitsabstand einhalten, sind meist extrem unsicher und ängstlich. Gerade bei diesen sollte der Sicherheitsabstand zusätzlich vergrößert werden.

Sünde 6: Überholen in Tempo 30-Zonen

Eigentlich könnte ich diese Sünde auch anders betiteln: rasen. Denn kaum ein mir bekannter Autofahrer oder Autofahrerin hält Tempo 30-Zonen wirklich ein. Die meisten Stadtradler sind mit mindestens 20 km/h unterwegs. Ich selbst fahre im Schnitt (!) 25 km/h, auf normalen Straßen aber annähernd 30 km/h. Trotzdem überholen mich 90 % der Autos. Tempo 30-Zonen sind keine Durchzugsstraßen. Daher: Radfahrer sind in Tempo 30-Zonen grundsätzlich nicht zu überholen, wenn sie schneller als 15 km/h fahren, sonst ist man selbst am Ende des Überholvorgangs garantiert zu schnell unterwegs. Und 15 km/h sind verdammt langsam.

Sünde 7: Gehen auf dem Radweg

Fußgänger auf Radweg in der Operngasse. Foto: Katasterrat (My Bike Lane)

Muss ich dazu noch etwas sagen? Gerade die Fußgänger, die so über die Gehsteigradler schimpfen, gehen mit Vorliebe selbst auf ausgewiesenen Radwegen. Erst kürzlich machte sich vor mir eine Mutter mit breitem Geschwisterkinderwagen am Radweg breit. Als ich sie freundlich (wirklich!) darauf aufmerksam machte, dass sie auf dem Radweg geht und ihr sogar zeigte, wo sich der Gehweg befindet, erntete ich eine Schimpftirade sondergleichen mit dem üblichen Vokabular („Kampfradler“, „Radterroristen“ usw.). Dies musste dann etwas später noch ein Gehwegradler auch noch (zu Recht) ertragen.

Ja, diese Sünde geht auch zu Lasten der Verkehrsplaner, die gerade in Wien nur allzu gerne Radwege auf Gehsteige pinseln. Doch ein wenig Aufmerksamkeit auf die weißen oder gelben Linien, die ja nicht so häufig auf Gehsteigen zu finden sind, kann man den Fußgängern doch abverlangen, oder?

Besonders beliebt sind übrigens bei mir die Läufer, die nicht selten ganz bewusst auf dem Radweg laufen. Die meisten laufen ja immer wieder die gleichen Strecken. Warum glauben Läufer, dass sie mit ihren maximal 10 km/h für Radfahrer kein Hindernis darstellen?

Eine Variante sind Fußgänger auf Geh-Radwegen, die alles andere als platzsparend gehen. Ja, als Radfahrer muss man auf Fußgänger auf diesen Sündenfällen der Verkehrsplanung Rücksicht nehmen. Aber bitte, liebe Fußgänger, geht doch am Rand und nicht genau in der Mitte. Und es ist auch nicht notwendig, dass ihr in Vierer-Reihen nebeneinander geht. Bitte lasst zumindest so viel Platz, dass noch zwei Radfahrer einander begegnen können.

Sünde 8: Kreuzungsüberquerung bei Radüberfahrt

Fußgänger benutzen unnötigerweise Radfahrerüberfahrt an der Kreuzung Kapellenweg/LangobardenstraßeDas ist eine Sonderform von Sünde 7. Und diese Sünde ist auch bei Radfahrern durchaus verbreitet (siehe Radfahrersünde 5). Die Sünde ist recht leicht erklärt: Oft gibt es parallel einen Fußgängerübergang und eine Radüberfahrt. Die Sünde gibt es nun in zwei Varianten.

Variante 1: Fußgänger stellt sich zwar brav beim Fußgängerübergang auf und wartet auf Grün. Doch sobald die Ampel die gewünschte Farbe zeigt, wird schnurschracks diagonal der Radweg gekreuzt. Natürlich passiert dies ohne Vorankündigung und oft kommt es dabei zu Rempeleien zwischen Radlern und Fußgängern. Die Fußgänger fühlen sich dann auch noch im Recht und schimpfen wieder mit dem schon oben erwähnten Vokabular. Ich habe noch nie einen schimpfenden Radfahrer in dieser Situation erlebt.

Die Variante 2 ist noch frecher, wenn auch weniger gefährlich: Keiner steht gerne in der zweiten Reihe. Also stellt man sich als Fußgänger gleich mitten am Radweg auf und behindert so die Radfahrer. Verschlimmert wird die Situation nur noch durch die für Fußgänger wie auch für Radfahrer meist viel zu kurzen Ampelphasen.

Sünde 9: Blockieren der Kreuzung

Jetzt kommen aber wieder die Autofahrer dran. Diese Sünde behindert nicht nur Radfahrer und Fußgänger, manchmal sogar andere Autofahrer. Okay, man hat Grün, also fährt man ohne zu denken einfach los. Mit ein wenig vorausschauender Fahrweise hätte man aber sicher erkennen können, dass es nach der Kreuzung nicht weitergeht. Laut StVO darf man dann grundsätzlich nicht in die Kreuzung einfahren. Die meisten Autofahrer tun es dennoch. Die Ampel zeigt mittlerweile Rot. Und nun kann man nicht nur selbst immer noch nicht weiterfahren, sondern blockiert auch noch den Querverkehr. Warum sollen es die auch besser haben als man selbst? Besonders häufig sind davon Fußgänger und Radfahrer betroffen. Denn im Zweifelsfall fährt man halt noch die 2 Meter weiter und blockiert Fußgängerübergang und Radüberfahrt, bevor man sich den hupenden Autofahrerkollegen aussetzt. Die Krönung sind dann Autofahrer, die, sobald es die Situation zulässt, einfach losfahren, ohne auf die querenden Radfahrer zu achten.

Sünde 10: Parken auf der Radfahranlage

Foto: My Bikelane Vienna

Die letzte Sünde betrifft wieder die Autofahrer. Ein Radweg, ein Radfahr- oder Mehrzweckstreifen sind Fahrbahnen. Es herrscht darauf absolutes Halte- und Parkverbot. Warum Autofahrer immer noch glauben, dass sie ein Recht auf einen Parkplatz möglichst direkt vor ihrem Zielobjekt haben, ist mir schleierhaft. Liebe Motorführer: Es sind nicht die Radfahrer und Fußgänger, die euch den kurzen Weg verstellen, sondern eure lieben Kollegen und Kolleginnen! Warum nur lasst ihr uns Radler dafür büßen, indem ihr die Radwege verstellt? Kleiner Tipp: Probiert doch genauso auf der Fahrbahn zu parken, wie ihr es so oft auf den Radwegen macht und lasst die Reaktionen der Autofahrerkollegen über euch ergehen. Dann wisst ihr, wie unglaublich tolerant und flexibel die Radfahrer und Fußgänger sind.

3 Gedanken zu „Die Top 10 Sünden der Autofahrer und Fußgänger

  1. Super!

    Nur zur Sünde 7: Manchmal ist der Randstein nur im Bereich der Radfahrerüberfahrt abgeschrägt, dann fährt man mit dem schlafend Kind im Kinderwagen halt lieber dort runter. Natürlich hindert einen nichts daran, sofort auf den Zebrastreifen zu Wechseln. 🙂

  2. Ich hoffe, du meinst Sünde 8. Wenn es nur die Kinderwägen wären, wie auf dem Bild… Die Praxis sieht aber anders aus. Meist wird die Radüberfahrt von Horden von Fußgänger blockiert, die keine Räder haben.

  3. Ja stimmt, 8 meine ich.
    Eine bemerkenswerte Spezialität besonders außerhalb Wies finde ich übrigens nachträglich auf den breiten Gehsteig gepinselte Radwege, die dann an Kreuzungen eine Radfahrerüberfahrt bekommen, Zebrastreifen gibt aber keinen.

    Der verbleibende Gehsteig ist dann gerade breit genug für Gänsemarsch und an der Kreuzung wird man auch noch benachteiligt. Da würd ich mich als Radler genieren drauf zu Fahren und aus Protest die Autofahrbahn wählen…

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