Lore Hostasch im Interview (5): Der Schlüssel für den Kinderentscheid ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Roman Korecky: Es gibt ja auch das Problem, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen und deshalb auch immer weniger Kinder. Das erste Kind über 30 ist ja mittlerweile ganz normal geworden.

Lore Hostasch: Ja, oder ganz zeitig.

Roman Korecky: Aber die Mittzwanzigjährigen, bekommen kaum mehr Kinder, wie das noch vor 30 bis 40 Jahren üblich war Wir glauben, dass das etwas mit der Prekarisierung am Arbeitsmarkt zu tun hat. Nimmt der Wille zur Familiengründung mit der Unsicherheit im Job ab?

Lore Hostasch: Dass der Kinderwunsch sich geändert hat, ist eine normale gesellschaftliche Entwicklung, die wir schon öfters hatten. Wenn man heute so tut, als hätten wir heute so wenige Kinder, muss man sagen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen es noch weniger Kinder gab. Das sind langfristig Wellen. In der jetzigen Bewertung hängt es zum einen damit zusammen, dass Paare den Wunsch haben, auf einigermaßen gesicherten Beinen zu stehen, bevor sie einen Kinderwunsch realisieren, und dass sie sichergehen wollen, dass sie für die Kinder sorgen können. Dass wegen der Prekarisierung diese Sicherheit nicht mehr so stark da ist, kann schon auch ein Grund sein, dass das hinausgeschoben wird. Zum Zweiten gibt es allgemein eine Unsicherheit, wie es in der Zukunft weitergeht. Da meine ich nicht nur die finanzielle Seite, sondern allgemein auch Umwelt, Gesellschaft, globale Themen. Überall dort, wo eine gewisse Unsicherheit in der Zukunftserwartung ist, überlegt man länger, ein Kind zu bekommen. Zum Dritten kommt natürlich dazu, dass Frauen mittlerweile auch darauf Bedacht nehmen, geplant Kinder zu bekommen. Früher hat man sie einfach bekommen und dann waren sie da. Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass Frauen in ihrer persönlichen Lebensplanung selbstständiger geworden sind und nichts dem Zufall überlassen wollen. Ich glaube aber nicht, dass das immer auf Dauer sein muss. Das sind Wellen – die exkommunistischen Länder sind unter unserem Schnitt, Frankreich dagegen ist über unserem Schnitt. Frankreich ist für mich das Beispiel für ein Land, in dem die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfach wesentlich besser ist als bei uns. In Belgien und in Frankreich ist es kein Problem, ein einjähriges Kind qualitativ bestens unterzubringen. Bei uns ist das alles immer noch ein Problem.

Roman Korecky: Als Vollzeitbeschäftigter ist die Kinderbetreuung außerhalb Wien immer noch ein Problem.

Lore Hostasch: Ja, Wien ist anders. Aber abgesehen von den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist für mich der Schlüssel für den Kinderentscheid insbesondere bei den Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn wir uns da verbessern würden – auch Wien bei den Unter-3-Jährigen – hätten wir auch ein paar Kinder mehr. Der Westen ist überhaupt eine Katastrophe, auch Niederösterreich, dort wird nur so getan, als wäre alles gut.

Roman Korecky: Wie danken Ihnen für das informative Gespräch!

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Lore Hostasch im Interview (4): Die Pflichtpraktika sind eine Sauerei

Roman Korecky: Wir sehen zunehmend das Problem, dass immer mehr Leute mit ihrem Einkommen nicht auskommen, die eben zum Beispiel als Teilzeitbeschäftigte keinen Vollzeitjob finden, in solchen freien Dienstnehmerverhältnissen sind, oder als neue Selbstständige angemeldet sind und unter dem Kollektivvertrag als solche bezahlt werden. Haben Sie eine Antwort für diese Leute? Wie könnte man das bekämpfen?

Lore Hostasch: Ich kenne viele Jüngere, die den Wunsch haben, sich nicht auf 38 Stunden zu binden, sondern etwas mehr Freiheit zu haben.

Roman Korecky: Das habe ich auch schon von jungen Leuten gehört, die teilweise noch bei den Eltern wohnen. Die sagen, das Geld reicht mir, aber spätestens, wenn sie auf eigenen Füßen stehen, sehen sie, dass sie damit nicht auskommen. Dann ist das eine Falle.

Lore Hostasch: Ja, deshalb habe ich das jetzt erwähnt. Da tappt man in die Falle der Arbeitgeber. Wir leben aber zum Glück in einer freien Gesellschaft und es muss eine gewisse freie Disponierbarkeit geben. Wir brauchen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht Rahmenbedingungen, bei denen die Normen nicht zu eng sind, denn bei zu engen Normen brechen entweder Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus. Im Gesundheitsbereich kann man Ärzten das beste Arbeitszeitgesetz geben, beide Seiten halten sich nicht daran. Faktum ist aber sicher, dass es Zeiten gab, wo es leichter war, dafür Sorge zu tragen, dass jeder auf ein weitgehend geregeltes, gesichertes, auf lange Sicht orientierbares Arbeitsverhältnis aufbauen konnte. Dass man, wie ich es noch erlebt hatte, im selben Betrieb in Pension gegangen ist, wo man begonnen hat, hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv geändert, und es wird uns auch eingeredet, dass das etwas Schönes ist.

Regina Riebl: Ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsmarkt einfach ausnutzt, dass die Beschäftigung nicht so hoch ist und dass es einfach immer mehr Arbeitssuchende gibt. Echte Beschäftigungsverhältnisse werden als freie Dienstnehmer vergeben und einfach anders benannt, weil das billiger ist und man Urlaub und Weihnachtsgeld nicht zahlen muss.

Lore Hostasch: Bei geringfügigen Arbeitsverhältnissen haben wir zum Beispiel durchgesetzt, dass es ein 13. und 14. Gehalt geben muss. Ob das überall auch bezahlt wird, weiß ich nicht. Das waren Versuche, es durch Verteuerung unattraktiver zu machen.

Roman Korecky: Ich habe den Eindruck, dass von prekarisierten Arbeitsverhältnissen überwiegend relativ gut gebildete Arbeitskräfte, ab Maturaniveau, betroffen sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Maturanten und Akademiker über ihre Rechte am Arbeitsmarkt zu wenig informiert sind. Während Berufsschüler recht gut von der Gewerkschaft über ihre Rechte und Pflichten informiert werden, wissen die Maturanten nichts darüber und lernen es in weiterer Folge auch nicht.

Lore Hostasch: Ja, das stimmt sicher.

Roman Korecky: Sollten die Gewerkschaften auch mehr in AHS, BHS usw. gehen?

Lore Hostasch: Da kommen sie nicht hinein.

Roman Korecky: Warum geht es dann in den Berufsschulen?

Lore Hostasch: Dort haben wir unsere Leute hineingebracht, aber überall kann man aber nicht hinein. Ich denke, Claudia Schmid wird sich darüber auch nicht trauen, weil dann sofort der Aufschrei käme, das sei Politik in der Schule.

Roman Korecky: Es ginge ja einfach nur um Rechtslehre. An den Berufsschulen gibt es das Fach „Staatsbürgerkunde und Rechtslehre“, wo man solche Dinge auch lernen kann. Ein AHS-Absolvent hat das gar nicht.

Lore Hostasch: Aber hören Sie sich an, was die Lehrer vortragen.

Roman Korecky: Gut, das weiß ich nicht. Ich hatte das in der HAK und da war es sehr gut. Das war bei uns der interessanteste Gegenstand.

Lore Hostasch: In der GPA haben wir ja versucht, eine Schüler- und Hochschüler-Gruppe zu etablieren, aber es ist mühsam, denn direkt hinein kommt man in die Schulen kaum. Da können höchstens Lehrer helfen, die ein besonderes Interesse haben. Wir versuchen ja auch bei den Berufsinformationswochen präsent zu sein. Scheinbar schaffen wir nicht, in ausreichendem Ausmaß ein gewisses Eigeninteresse entstehen zu lassen. Die Eltern kümmern sich auch deutlich weniger darum, dass die Jungen sich auch informieren. Wenn niemand dahinter ist, der einem Tipps gibt, woher soll es kommen?

Regina Riebl: Was ich noch gerne kurz ansprechen würde, sind die Praktika. Gerade wenn man studiert, wird man teilweise in äußerst viele Praktika gedrängt. Wie sehen Sie das?

Lore Hostasch: Ich finde, die Pflichtpraktika sind eine Sauerei, zumal diese ja vorgeschrieben werden, und die Betroffenen oft gar keine Chance haben, sie auch zu machen, sodass das ganze Studium dann „hängt“. Bei Ferialpraktikanten haben wir durch Informationsmaßnahmen ein wenig erreicht. Wir haben auch versucht, in Kollektivverträgen Bestimmungen unterzubringen. Die sonstigen Praktika sind aber eine Ausbeutung par excellence. Das erinnert mich daran, was ich von meinen Großeltern gehört habe, dass man einst für einen Lehrplatz gezahlt hat.

Roman Korecky: Sie wären also fast dafür, dass man die Pflichtpraktika überhaupt abschafft, um den Druck wegzunehmen?

Lore Hostasch: Ich weiß nicht, ob man sie komplett abschaffen sollte. Ich kritisiere nur: Wenn sie vorgeschrieben sind, muss jeder auch die Chance haben, sie zu ordentlichen Bedingungen wahrnehmen zu können. Im Hotelbereich zum Beispiel bekommt man nirgends einen ordentlichen Platz. Da wird man für etwas eingesetzt, was der Aufgabe nicht entspricht. Bei den Lehrlingen haben wir noch bessere Eingriffsmöglichkeiten. Bei den Praktika dagegen fehlen uns die Möglichkeiten.

Regina Riebl: Das müsste man vielleicht in die Kollektivverträge einbauen, denn es geht ja gar nicht nur um die Schulpraktika, sondern auch um Studenten, die sechs Monate in einem Betrieb voll arbeiten, normale Arbeitskräfte sind und geringfügig bezahlt werden. Das können sich auch nur Leute leisten, die von woanders das Geld bekommen oder zu Hause wohnen.

Lore Hostasch: Das geht im Prinzip bis zu den Ärzten. Das ist wirklich Ausbeutung und Vergeudung von Zeit und Ressourcen. Es wäre also noch genug zu tun. Meine Erfahrung ist, dass man mit dem Kollektivvertrag alleine schwach ist. Ein Gesetz ermöglicht den Gang zu Gericht, bei einem Kollektivvertrag ist das schon mühsamer. Alles muss aber nicht im Gesetz geregelt sein.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Polizei versucht, Rasen am Ring zu verhindern

Abseits aller Lippenbekenntnisse geht es vielen in Österreich anscheinend darum, möglichst wenig Radverkehr zuzulassen, obwohl diese Verkehrsform zweifelsfrei zu den schonendsten Fortbewegungsformen im Nahverkehr zählt. Gestern erreichte mich folgendes erbostes E-Mail von Bernhard Redl, der mit mir im Rahmen der Agenda 21 Gruppe „Rad“ in der Donaustadt versucht, das Radfahren im Alltag attraktiver zu machen. Mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Redl veröffentliche ich diese (leicht bearbeitete) Mail als Gastbeitrag.

Die Veranstaltung „Rasen am Ring“ findet seit 2007 immer am 22. September auf der Ringstraße statt und ist die Hauptveranstaltung in Wien zum „Autofreien Tag“. Die Verkehrshölle Ringstraße wird auf einem kurzen Abschnitt durch Ausrollen von Rollrasen zu einem ruhigen Plätzchen, das zum Hinsetzen und Picknicken einlädt. Heuer hätte Rasen am Ring erstmals am Parkring stattfinden sollen, wo mehr Platz gewesen wäre und keine Straßenbahnen durchfahren müssen. Nun wurde die Veranstaltung von der Polizei nicht genehmigtaus Rücksichtnahme auf „abendliche Verkehrsspitzen“, eine Begründung, die am europaweiten autofreien Tag besonders grotesk anmutet. Wenn man jedoch an die verfassungsmäßig garantierte Versammlungsfreiheit und das sogenannte Demonstrationsrecht denkt, das einem hier einfach verwehrt wird, bekommt die Sache eine ernstere Dimension.

Meine persönliche Interpretation der Sache ist, dass parteipolitische Taktik dahinter steckt. Die von einer ÖVP-Ministerin geführte Polizei verbietet die Veranstaltung. Dass diese Partei autofahrerfreundlich und folgerichtig fußgänger- und radfahrerfeindlich agiert, hat sie bereits oft bewiesen. Ich habe in den letzten Wochen einen langsam schwelenden Konflikt zwischen Radfahrgegnern und -befürwortern beobachtet – ausgelöst durch einen immer stärker werdenden Radverkehr in Wien. Die ÖVP spielt seit der letzten Wien-Wahl nun beleidigte Leberwurst, weil die Grünen in Wien mitregieren dürfen und nicht sie selbst, und mobilisiert sämtliche parteinahe Organisationen in Sachen Radler-Verunglimpfung in den Medien (vom ÖAMTC über die Polizei, die Jagd auf Radler macht, bis zum Ärztekammerpräsidenten, der seltsame Wünsche hat). Eine solche Instrumentalisierung der Polizei, wie sie nun praktiziert wird, hat es aber wahrscheinlich noch nicht gegeben und ist eine eindeutige Grenzüberschreitung!

Wie geht es weiter? Rasen am Ring wird stattfinden, wahrscheinlich wieder am Burgring (siehe Link unten). Ich bitte um zahlreiche Teilnahme an der Veranstaltung – es geht nun nämlich darum, ein besonders starkes Zeichen zu setzen, damit die ÖVP-Polizei sieht, wie viele Radfahrer es eigentlich in Wien gibt – und dass man die nicht einfach so verarschen kann. Ich möchte mein Rennradtraining an diesem Tag auf den Ring verlegen – also nicht auf den Radweg sondern auf die Fahrbahn, was man als Rennradfahrer im Training ja darf. Ich lade alle Rennradbesitzer dazu ein, ein paar Runden mit mir zu drehen!

Inzwischen steht auch der Veranstaltungsort fest: Es wird der Parkring sein. Alle weiteren Informationen auf der Homepage der Plattform Autofreie Stadt. Ich selbst werde morgen auch zwischen ca. 17:00 Uhr und 19:00 Uhr sein. Würde mich freuen, den einen oder anderen Leser oder die eine oder andere Leserin dort zu treffen. Mein Markenzeichen: Ein karierter Fahrradhelm, der aussieht wie ein Reithelm und eine rote Jacke.

Fotos: Peter Provaznik/IGF

Lore Hostasch im Interview (3): Neue Selbständige – die sollen alle in die Sozialversicherung hinein

Roman Korecky: In den 1990er-Jahren entstanden aber auch noch andere Formen von prekären Arbeitsverhältnissen.

Lore Hostasch: Ja genau, da gab es die Scheinselbständigen und die vielen Werkverträge, also diese Flucht aus dem Arbeitsrecht. Die Flucht aus dem Arbeitsrecht wieder einzufangen, indem man versucht, überall dort, wo es ein Vertragsverhältnis zwischen einem Auftraggeber und einem Auftragnehmer gibt, beide in das Sozialversicherungssystem hineinzuzwingen, das war das politische Ziel.

Roman Korecky: Es gibt ja auch eine zunehmende Anzahl an sogenannten freien Dienstnehmern, einer Arbeitsform, die in Ihrer Amtszeit erst geschaffen wurde. Ich habe nie den Unterschied verstanden zwischen einem freien Dienstnehmer und einem normalen Dienstnehmer. Können Sie mir das einmal genau erklären?

Lore Hostasch: Schwer. Es gibt ein paar Kriterien, die man im Gesetz nachschauen müsste.

Roman Korecky: Können Sie mir wenigstens Beispiele nennen?

Lore Hostasch: Das Entscheidende ist die volle Integration in den Arbeitsprozess und die volle Abhängigkeit und Weisungsgebundenheit durch den Arbeitgeber. Wenn man ein normales Arbeitsverhältnis hat, ist man dem Arbeitgeber gegenüber alleine verantwortlich und man ist auch dienstnehmerhaftpflichtversichert. Bei einem freien Dienstnehmer hat man größere Disponiermöglichkeiten, was die Arbeitszeit, Präsenz und Leistungserbringung betrifft. Wobei man da schon wieder in Richtung Werkvertrag kommt. Das sind diese Graubereiche. Daher war für mich damals das Entscheidende, die sollen alle in die Sozialversicherung hinein, egal wie die rechtliche Definition ist. Nicht ganz so einfach ist das im Arbeitsrecht, weil wenn man nicht Bestandteil einer Betriebsgemeinschaft ist. Das betrifft Fragen wie Abfertigungsansprüche oder Kündigungsfristen, die freie Dienstnehmer nicht haben.

Regina Riebl: Doch wozu hat man diese freien Dienstnehmer eingeführt, wenn es da so große Probleme bei der Definition gibt?

Lore Hostasch: Ich denke, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch viele Arbeitnehmer interessiert sind, nicht in eine Norm hineingezwungen zu werden. Die wollen ein wenig mehr Freiheiten haben. Im wissenschaftlichen Bereich, im Forschungsbereich, also in der intellektuelleren Szene, hat es schon damals sehr viele gegeben, die gesagt haben, ich will mich nicht hineinzwängen lassen, ich bin bereit eine Arbeitsleistung zu erbringen, aber ich will selbst definieren, in welchem Zeitraum ich das tue, mit welchen Mitteln ich das tue, und wie ich damit umgehe. Verbieten kann man das nicht, wir sind in einer freien Gesellschaft, aber trotzdem muss man schauen, dass man das in die Systeme integriert, ohne das zu attraktivieren. Es wäre für mich der falsche Weg gewesen zu sagen, dass das die ideale neue Form eines Arbeitsvertrages. Es war mein Wunsch zu sagen: Arbeitgeber, auch bei diesem Arbeitsverhältnis habt ihr Pflichten und Rechte.

Roman Korecky: Mein Eindruck war, dass der typische Werkvertragnehmer der 1990er-Jahre relativ gut verdient hat, viele davon haben im wissenschaftlichen Bereich, im EDV- und Trainingsbereich usw. gearbeitet. Die Regelungen bezüglich freien Dienstnehmern wurden im Hinblick auf gut verdienende Leute gemacht. Mittlerweile hat sich das aber anders entwickelt, an wissenschaftlichen Institutionen gibt es sehr viele, die als neue Selbstständige oder als freie Dienstnehmer mit Forschungsaufträgen versehen werden, bei äußerst geringer Bezahlung, die teilweise nur halb so hoch wie der Kollektivvertrag ist. Inwieweit sehen Sie das als Flucht aus dem Kollektivvertrag, und wie könnte man dem entgegenwirken?

Lore Hostasch: Das ist sicherlich Flucht aus dem Kollektivvertrag. Früher war das eher ein Minderheitenprogramm, das im Interesse beider Seiten war, heute hat es sich dagegen stark in die Richtung entwickelt, dass die Auftraggeber – und ich sage bewusst nicht Arbeitgeber, sondern Auftraggeber – Werkverträge machen, um nicht an arbeitsrechtliche und kollektivvertragliche Vorschriften gebunden zu sein. Gerade im journalistischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Bereich sind Werkverträge massiv dazu genutzt worden, aus Kollektivvertragsnormen auszubrechen und sich auch nicht langfristig zu binden. Der Werkvertrag gibt dem Werkvertraggeber die Chance, eine Verpflichtung nur auf eine bestimmte Zeit einzugehen. Wenn man dagegen jemanden in ein Dienstverhältnis nimmt, geht man üblicherweise einen für beide Seiten verpflichtenden Vertrag auf unbestimmte Zeit ein, allerhöchstens ist er befristet. Dennoch ist zum Glück der weit überwiegende Teil in durch Kollektivverträge abgedeckten Arbeitsverhältnissen zu finden. Österreich ist wohl eines der wenigen Länder, wo fast alle Arbeitsverhältnisse durch einen Kollektivvertrag abgedeckt sind.

Regina Riebl: Gerade bei Studenten, die ihr Studium abgeschlossen haben, ist der Anteil in gewissen Branchen relativ gering.

Roman Korecky: Sie meinten, dass viele sich nicht oder nur begrenzt binden wollen. Es gibt auch eine andere Form der Prekarisierung: die befristeten Dienstverträge. Ich kenne eine renommierte wissenschaftliche Institution, wo der Neueintritt auch in normale Dienstverhältnisse nur mehr befristet ist – zweimal auf drei Jahre, dann erst hat man eine Chance auf einen unbefristeten Dienstvertrag. Inwieweit denken Sie, dass damit die Betriebsräte entmachtet werden? Eigentlich muss der Betriebsrat bei normalen, unbefristeten Dienstverhältnissen Kündigungen zustimmen, einen befristeten Vertrag kann ich nach drei Jahren einfach nicht verlängern, ohne dass der Betriebsrat mitredet.

Lore Hostasch: Ob dahinter das Kalkül der Entmachtung der Betriebsräte steht, traue ich mich nicht zu beurteilen. Wenn der Betriebsrat stark ist, greift er auch bei befristeten Verträgen irgendwie ein. Auch wenn er rechtlich nicht so viele Möglichkeiten hat, würde er das anprangern. Meiner Meinung nach hängt das in erster Linie davon ab, dass die Unternehmen einen größeren Gestaltungsspielraum haben wollen. Die Unternehmen gehen davon aus, dass sie durch ihre Budgets, die ja teilweise auch durch die öffentliche Hand finanziert werden, sich nicht langfristig binden können, weswegen sie Verträge auf bestimmte Zeit eingehen wollen. Eine Befristung von drei Jahren findet man ja primär im wissenschaftlichen Bereich. Man kann eben noch nicht sagen, dass man den Arbeitnehmer auch nach drei Jahren noch beschäftigen kann, weil man nicht weiß, ob man dann das Geld noch hat, was aus Sicht der Arbeitnehmer natürlich eine Katastrophe ist. Im Lehrerbereich hat man das teilweise auch. Das beeinflusst die Lebensplanung sehr negativ. Da hat man arbeitsrechtlich natürlich schon versucht, etwas zu ändern, indem man Kettenverträge verboten hat.

Regina Riebl: Außer bei den Lehrern. Der Staat macht also etwas, was er der Wirtschaft verbietet.

Lore Hostasch: Ja, leider. Im ASVG-Bereich, also in der Privatwirtschaft, darf man Kettenverträge
nicht machen

Roman Korecky: Sprechen wir noch über die neuen Selbstständigen zurückkommen. Warum wurde dieser Sonderstatus eingeführt?

Lore Hostasch: Als diese McJobs und Kombilöhne in den Niederlanden und Belgien gegeben hat, haben sich in Deutschland und bei uns die Ich-AGs entwickelt. Das war aus meiner Sicht in erster Linie ein Auswuchs aus der arbeitsmarktpolitischen Situation. Die Frage war, wie wir Beschäftigung bringen, und da gab es schon das Interesse seitens der Wirtschaftskammer, dass die Leute sich selbstständig machen. Man glaubte, dass ein Selbstständiger nach zwei Jahren dann fünf Beschäftigte hat.

Roman Korecky: Aber dazu hätte es ja keinen neuen Selbständigenbegriff gebraucht. Die hätten ja auch einen Gewerbeschein lösen können, oder?

Lore Hostasch: Ja, das hätten sie können. Wir haben mit den Ich-AGs keine Freude gehabt. Wir haben sie durch das AMS teilweise trotzdem gefördert, weil wir meinten, es ist immer noch besser, jemand versucht sich ein Standbein zu schaffen, als er hat gar nichts. Aber die Erfolgsquoten waren nicht sehr groß und sind es nach wie vor nicht. Es ist nach wie vor ein Angebot unter vielen, um eine Startmöglichkeit im Arbeitsmarkt zu liefern und für Beschäftigung zu sorgen. Nach wie vor unterstützt das AMS das ja und das WIFI macht Seminare und Kurse zur Gründung eines Kleinunternehmens. Die Deutschen sind da noch viel aggressiver.

Regina Riebl: Und auf welche Bereiche waren diese Ich-AGs beschränkt? Oder waren die überhaupt nicht beschränkt?

Lore Hostasch: Gar nicht. Angefangen vom Schneider bis zum IT-Berater hat es da alles gegeben. Ein Unternehmen habe ich letztens kennengelernt, die haben zu zweit im IT-Bereich begonnen und jetzt sind sie recht erfolgreich ist. Aber das sind eher Ausnahmen.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Lore Hostasch im Interview (2): Ein prekäres Arbeitsverhältnis war für mich klassischerweise die geringfügige Beschäftigung

Roman Korecky: Sie sagten, dass Teilzeit für Sie nicht unbedingt ein prekäres Arbeitsverhältnis ist. Wie würden Sie prekäre Arbeitsverhältnisse definieren? Was fällt da für Sie hinein?

Lore Hostasch: Ein prekäres Arbeitsverhältnis war für mich klassischerweise die geringfügige Beschäftigung. Wobei man da wieder sehr differenzieren müsste. Es gibt Pensionisten, die voll abgesichert sind mit Pensionsanspruch und Krankenversicherung, die sich nebenbei eine geringfügige Beschäftigung gesucht haben, um ein wenig zur Pension dazuzuverdienen. Dann gibt Frauen, die in Karenz sind, an ihren Betrieb angebunden bleiben wollen, aber ohne volle Verpflichtung, die geringfügig beschäftigt werden, mit Vertrag, begrenzten Stunden und einer klar definierten Leistung. Die sind nicht das Problem, die sind sozialversichert und integriert.

Regina Riebl: Da kenne ich aber auch noch andere Fälle, die nicht so gut abgesichert sind.

Lore Hostasch: Ja, natürlich gibt es Fälle, in denen jemand eine geringfügige Beschäftigung annehmen muss, um sich überhaupt irgendwie erhalten zu können, und dann nicht nur eine, sondern vielleicht auch noch eine zweite oder sogar dritte und eigentlich damals in meiner Regierungszeit nirgends abgesichert waren, weder in der Unfallversicherung, noch in der Pensionsversicherung, noch in der Krankenversicherung, auch nicht in der Arbeitslosenversicherung. Da haben wir überlegt, wie wir damit umgehen und haben eine sogenannte Opt-In-Lösung erreicht.

Roman Korecky: Was heißt Opt-In-Lösung?

Lore Hostasch: Die Überlegung war: Es hat keinen Sinn, jemanden, der ohnehin abgesichert ist, zu etwas zu zwingen, wo es keine Notwendigkeit gibt. Da erreicht man nur, dass man ihn in den Schwarzmarkt drängt. Und wir wollen ja alles legal erfasst haben. Diese Leute können sich entscheiden, ob sie krankenversichert und pensionsversichert werden möchten mit der geringfügigen Beschäftigung . Aber der Auftraggeber muss auf jeden Fall die Unfallversicherung bezahlen. Eine lange Diskussion hat es bei der Frage der Arbeitslosenversicherung gegeben, die ich leider nur zum Teil abschließen konnte. Die Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung waren mir wichtiger.

Roman Korecky: Die fehlende Arbeitslosenversicherung ist bei geringfügig Beschäftigen aber oft ein Problem.

Lore Hostasch: Bei der Arbeitslosenversicherung gibt es das Problem des Verhältnisses zwischen Beitrag und Leistung. Ich wollte damals keine Diskussion darüber haben, dass jemand nur 25 Euro Arbeitslosenunterstützung bekommt, wenn man es nach Beiträgen berechnet. In der Zwischenzeit hat man aber eine Lösung gefunden, dass auch geringfügig Beschäftige eine Arbeitslosenversicherung bekommen können.

Interview: Roman Korecky, Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

 

Lore Hostasch im Interview (1): Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen

Foto: SPÖ

Lore Hostasch war von 1997 bis 2000 Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In dieser Zeit wurden zahlreiche sozialpolitische Regelungen für prekäre Beschäftigungsverhältnisse geschaffen.

In Österreich hat sie sich mittlerweile aus allen Funktionen zurückgezogen. Bei der Europäischen Kommission führt sie den Vorsitz in einer Expertengruppe zu Demografiefragen. Dort werden Erfahrungen in der demografischen Entwicklung der einzelnen Länder auszutauschen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Betreuung der Älteren, Vorbereitung aufs Älterwerden.

Das Interview wurde von Regina Riebl und mir im Mai 2011 geführt.

Roman Korecky: Frau Hostasch, wir recherchieren gerade zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse. In den 90er-Jahren war das ganz große politische Thema aller Parteien das Recht auf Teilzeit, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, gleichzeitig ist allerdings die Teilzeitbeschäftigung für viele zur Falle geworden, die später eigentlich Vollzeit arbeiten wollten, beziehungsweise gibt es auch viele, die nur mehr Teilzeitjobs finden. Wie stehen Sie aus heutiger Sicht zu diesem Recht auf Teilzeit? Was sollte man da ändern?

Lore Hostasch: Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen. Es ist eine Arbeitszeitform. Für mich haben die prekären Arbeitsverhältnisse dort begonnen, wo es gegangen ist um Arbeit auf Abruf, geringfügig Beschäftigte, Scheinselbständige, alles was ein bisschen außerhalb des Arbeitsrechts gewesen ist. Die Teilzeit haben wir doch schon grundsätzlich immer im Arbeitsrecht drinnen gehabt. Darum habe ich ein bisschen ein Problem, Teilzeit als prekäres Arbeitsverhältnis zu definieren. Prekär ist nämlich nicht positiv besetzt. Daher ist es für mich problematisch, Teilzeit grundsätzlich als schlecht anzusehen. Nichtsdestotrotz haben wir eine klassische Diskriminierung von Teilzeitbeschäftigung gehabt im Vergleich zu Vollzeitbeschäftigung. Da gab es Beispiele, dass Teilzeitbeschäftigte Familienleistungen nicht oder nur aliquot bekommen haben, dass sie nicht ins Pensionsrecht einbezogen gewesen sind. Das signalisierte einer unerwünschten Tätigkeit. Das hat sich dann doch sehr grundsätzlich geändert, diese Haltung zur Teilzeit, und es ist von beiden Seiten der Wunsch nach mehr Teilzeit entstanden.

Roman Korecky: Aber die Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben dabei doch sehr unterschiedliche Interessen verfolgt, oder?

Lore Hostasch: Die Arbeitgeber haben Teilzeit als eine Arbeitszeitform gesehen, bei der sie nach Bedarf Mitarbeiter einsetzen können, also quasi kapazitätsorientiert. Da sind auch diese Modelle entstanden, bei denen man vormittags zwei Stunden und am Nachmittag dann noch einmal zwei Stunden gearbeitet hat, wobei die Wegzeiten nicht berücksichtigt worden sind. Bei der Arbeitnehmerseite hat es vor allem bei Frauen den Wunsch gegeben, Teilzeitbeschäftigung zu haben, um besser Familienaufgaben mit Berufstätigkeit zu vereinbaren. Ich bedaure, dass das immer noch vor allem ein weiblicher Wunsch ist, weil damit ja nach wie vor eine Segmentierung erfolgt, was die Familienpflichten betrifft.

Roman Korecky: Welche Rolle spielten in der Diskussion die Gewerkschaften?

Lore Hostasch: In den Gewerkschaften gab es sehr lange eine sehr zurückhaltende bis negative Haltung zur Teilzeit bis wird dann schon alle erkannt haben, dass man Teilzeit nicht verbieten kann. Wir trachteten dann danach, dass wir Teilzeit so ins Arbeitsrecht integrieren, dass es auf der einen Seite keine Konkurrenz zur Vollbeschäftigung wird, auf der anderen Seite aber für jene, die Teilzeit arbeiten, entsprechende sozialversicherungsrechtliche Absicherungen gibt und Diskriminierungen abzuschaffen.

Roman Korecky: Teilzeit wird dann später für viele zur Falle. Die Einkommen sind ja meist nicht existenzsichernd.

Lore Hostasch: Das ist natürlich ein Problem. Wir haben auch die Frage Recht auf Teilzeit lange diskutiert. Gibt es im Widerspruch dazu auch ein Recht auf Vollzeit? Aber es war wichtig, dieses Recht auf Teilzeit bei spezifischen, individuellen Situationen zu formulieren. Das ist für die Betroffenen eine sozialpolitische Notwendigkeit. Aber ich gestehe, dass adäquate Pensionsansprüche immer noch ein großes Problem sind. Wenn jemand zum Beispiel 20 Jahre teilzeitbeschäftigt war, ist das gleichwertig mit 20 Jahren Vollzeitbeschäftigung? Aber wir haben ein beitragsorientiertes System. Dementsprechend sollen Beitragsleistung und Ansprüche daraus in einem gewissen Verhältnis zueinander stehen.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Volontariate („Praktika“)

Volontäre und -innen betätigen sich lediglich kurzfristig zu Weiterbildungszwecken in einem Betrieb, ohne dass dies von der Schule als Praktikum gefordert wird. Sie erhalten kein oder nur ein geringes Entgelt und unterliegen auch nicht der Betriebsdisziplin.

Entgegen dieser Begriffsbestimmung werden Praktikanten jedoch häufig wie normale Dienstnehmer eingesetzt. Es findet keine oder nur eine unzureichende Ausbildung statt. Dies wird von diesen meist ohne Widerrede akzeptiert, da sie auf eine feste Anstellung hoffen. Diese Hoffnung erfüllt sich jedoch meist nicht.

Typisch sind solche Praktika für Studenten und Jung-Akademiker von Studien mit einem ungünstigen Verhältnis zwischen der Zahl der Studierenden und Arbeitsplätze, wie z. B. Publizistik, Rechtswissenschaften oder Architektur.

Arbeitsplatzsicherheit

Da das Volontariat eigentlich ein Ausbildungsverhältnis und kein Dienstverhältnis ist, gibt es auch keinen Arbeitsplatz und keine damit verbundene Sicherheit.

Lohnhöhe

Volontäre und -innen unterliegen meist keinen Kollektivverträgen und Mindestlöhnen. Der Lohn ist daher oft extrem niedrig oder entfällt überhaupt und ist so gut wie nie existenzsichernd.

Kündigungsschutz

Eine Beendigung des Volontariats ist meist jederzeit möglich. Es besteht kein Kündigungsschutz.

Sozialrechtliche Absicherung

Volontäre und Volontärinnen unterliegen lediglich der Unfallversicherungspflicht. Darüber hinaus gibt es keinerlei sozialrechtliche Absicherung.

Interessensvertretung

Weder der Betriebsrat noch eine gesetzliche Interessensvertretung kümmern sich um die Anliegen von Volontärinnen und Volontären. In Extremfällen übernimmt aber die Arbeiterkammer den Rechtsschutz, wenn es sich um ein verstecktes Dienstverhältnis handelt.

Zahlen, Daten, Fakten

Zur Zahl der Volontariate in Österreich gibt es leider keine statistischen Daten.

Mitarbeit: Regina Riebl

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Geringfügig Beschäftigte

Geringfügig Beschäftige sind eigentlich normale Dienstnehmer, die für ihre Tätigkeit weniger als € 374,02/Monat bzw. € 28,72/Tag brutto (Stand 2011) bekommen. Geringfügig Beschäftige sind genau genommen der Extremfall der Teilzeitbeschäftigung.

Arbeitsplatzsicherheit

Die Beschäftigung erfolgt oft nur fallweise. Es gibt daher meist keine oder nur eine sehr geringe Arbeitsplatzsicherheit.

Lohnhöhe

Geringfügige Beschäftigungen unterliegen grundsätzlich den normalen Kollektivverträgen. Der Lohn ist jedoch nicht existenzsichernd. Deshalb werden von vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gleich mehrere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse eingegangen.

Kündigungsschutz

Durch die nur fallweise Beschäftigung gibt es meist keinerlei Kündigungsschutz.

Sozialrechtliche Absicherung

Geringfügig Beschäftige unterliegen lediglich der Unfallversicherung. Wenn mehrere geringfügige Beschäftigungen eingegangen werden, deren Gesamtlohnhöhe die gesetzlichen Grenzen überschreiten, muss das der Gebietskrankenkasse gemeldet werden. In diesem Fall besteht dann eine Krankenversicherung und Pensionsversicherung. Durch die dann fälligen zusätzlichen Beiträge wird das Nettoeinkommen jedoch weiter herabgesetzt. Viele geringfügig Beschäftige werden von der Höhe dieser Beiträge dann aber überrascht.

Interessensvertretung

Geringfügig Beschäftigte sind bei Betriebsratswahlen nicht stimmberechtigt. Der Betriebsrat ist für sie unzuständig. Viele Vergünstigungen und Errungenschaften für das Stammpersonal wie zum Beispiel vergünstigtes Essen in der Kantine oder die Nutzung von Freizeiteinrichtungen sind daher auf geringfügig Beschäftigte nicht anwendbar. Die Arbeiterkammer übt jedoch eine gesetzliche Interessensvertretung aus.

Zahlen, Daten, Fakten

Jahr Männer Frauen Gesamt Erwerbstätige Gesamt Anteil Geringfügige

2008

106.842 210.186 317.028 4.090.000

7,75%

2009

113.344 212.581 325.925 4.077.700

7,99%

2010

118.448 215.493 333.941 4.096.400

8,15%

2011 (01 – 03) 125.237 218.963 344.200 4.071.800

8,45%

Quelle: Statistische Daten aus der Sozialversicherung, Mai 2011, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Deutlich sieht man den kontinuierlichen Anstieg geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse. Auch der Anteil der geringfügig Beschäftigten an den Erwerbstätigen nimmt kontinuierlich zu. Hält der Trend an, dürfte 2020 schon jeder zehnte Erwerbstätige betroffen sein. Betroffen sind überproportional Frauen, wobei der Männeranteil langsam und kontinuierlich ansteigt. Überproportional hoch ist der Männeranteil übrigens in Wien, während in Tirol und Vorarlberg der Frauenanteil größer ist als im Bundesdurchschnitt. Die Zahl der geringfügigen freien Dienstverträge nimmt übrigens kontinuierlich ab, kann aber den rasanten Anstieg der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse bei weitem nicht ausgleichen. Dieser Rückgang hat sich von 2010 auf 2011 jedoch auch deutlich abgebremst.

Die meisten geringfügig Beschäftigten sind im Handel, gefolgt von Gast- und Hotelgewerbe eingesetzt, wo ein gutes Drittel aller Betroffenen arbeiten.

Im Jahresabstand 2010 zu 2011 ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten vor allem in den Branchen Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden überproportional stark angestiegen. Ebenfalls groß ist der Anstieg im Gast- und Hotelgewerbe, während die Zahl der „Geringfügigen“ im Handel unterdurchschnittlich zugenommen hat. Zurückgegangen ist die Zahl in der Produktionsindustrie, der öffentlichen Verwaltung und besonders stark im Bereich der privaten Haushalte.

Die meisten geringfügig Beschäftigten sind zwischen 18 und 29 Jahren alt. Fast jeder Dritte fällt in diese Altersgruppe.

Mitarbeit: Tilak de Silva, Regina Riebl

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Neue Selbständige und gewerbetreibende Ein-Personen-Unternehmen (EPU)

Vor 1998 gab es in Österreich nur Gewerbetreibende und Freiberufler. Als Gewerbetreibender ist ein Gewerbeschein nötig. Nicht jede selbständige Tätigkeit ist jedoch ein Gewerbe. Gewerbetreibende unterliegen einer Sozialversicherungspflicht.

Im Gegensatz dazu gab es freie Berufe, wie z. B. Apotheker, Ärzte, Journalisten, Rechtsanwälte, Architekten usw. Freie Berufe waren vor 1998 häufig nicht sozialversichert.

Da ab den 1990er-Jahren immer mehr Personen selbständige Tätigkeiten ausübten, die weder ein Gewerbe noch ein freier Beruf waren, bestand politischer Handlungsbedarf. Deshalb wurden die „neuen Selbständigen“ eingeführt. Seither besteht für alle selbständig Tätigen mit und ohne Gewerbeschein Sozialversicherungspflicht.

Nicht immer ist eine selbständige Tätigkeit tatsächlich eine solche. Oft herrscht eine wirtschaftliche Abhängigkeit von einem oder einigen wenigen Auftraggebern. Hinzu kommt, dass für Selbständige keine Mindesteinkommen existieren.

Arbeitsplatzsicherheit

Selbständige haben keinen Arbeitsplatz im Sinne eines Dienstnehmers. Eine Einkommenssicherheit existiert nicht.

Lohnhöhe

Selbständige unterliegen keinerlei Kollektivverträgen und Mindestlöhnen. Die Einkommenshöhe ist daher oft signifikant niedriger als bei Dienstverhältnissen und oft nicht existenzsichernd. Drei von fünf SVA-Versicherten verdienen monatlich weniger als 600 Euro netto. Wer von ihnen kein zusätzliches Einkommen hat, liegt damit weit unter der Armutsgefährdungsgrenze, aktuell 994. Eine Frisörin, die im Monat 400 verdient, muss 47 % des Einkommens an Sozialabgaben an die SVA bezahlen.

Kündigungsschutz

Eine Kündigung durch Auftraggeber ist je nach Vertragsgestaltung jederzeit möglich.

Sozialrechtliche Absicherung

Selbständige unterliegen der Sozialversicherungspflicht. Sie sind pensions-, unfall- und krankenversichert.

Doch nicht alle sozialrechtlichen Risiken sind für Selbständige abgedeckt. Zu den wichtigsten Mankos zählen:

  • Kein bezahlter Urlaub
  • Keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall; mittels privater Versicherungen oder Zusatzbeiträgen ist jedoch der Bezug von Krankengeld möglich
  • Kein Schutz vor Arbeitslosigkeit; bestand vor der Aufnahme selbständiger Arbeit ein Anspruch auf Arbeitslosenentgelt, kann dieser Anspruch mitgenommen werden.
  • Bei jedem Arztbesuch sind 20 % Selbstbehalt an die SVA zu bezahlen.

Die Sozialversicherung ist gerade bei Wenigverdienern dieser Gruppe aber unverhältnismäßig hoch. Wer zum Beispiel im Monat nur 400 Euro verdient, muss 47 % des Einkommens an Sozialabgaben an die SVA bezahlen. Schuld daran ist eine Mindestbeitragsgrundlage, die es sonst in keiner Sozialversicherung gibt.

Interessensvertretung

Die meisten Selbständigen werden gesetzlich von der Wirtschaftskammer vertreten, die aber von größeren Unternehmen dominiert wird. Einige freie Berufe haben eigene Kammern für ihre Vertretung.

Zahlen, Daten, Fakten

Jahr EPU
1995 283.800
1996 275.500
1997 272.300
1998 275.600
1999 274.500
2000 270.100
2001 274.800
2002 280.200
2003 282.500
2004 274.400
2005 276.500
2006 281.400
2007 277.900
2008 275.000
2009 270.600
2010 282.700

Quelle: Statistische Daten aus der Sozialversicherung, Mai 2011, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Die Zahlen der EPU schwanken stark zwischen rund 270.000 und 283.000. Diese Schwankungen verlaufen in etwa parallel zur Konjunktur. Der Anteil der EPU an der Gesamtzahl der Beschäftigten nimmt daher kontinuierlich ab.

Mitarbeit: Tilak de Silva, Regina Riebl

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Freie Dienstnehmer

Um die Schutzbestimmungen für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen (z. B. Kündigungsfristen, Kollektivverträge etc.) zu umgehen und gleichzeitig auch Kosten z. B. für Sozialversicherung zu sparen, begannen viele Firmen ab den frühen 1980er-Jahren immer mehr Werkverträge zu vergeben. Ein Werkvertrag ist eigentlich nur dann zulässig, wenn der Vertragsgegenstand („das Werk“) genau definiert wird. Ein Auftrag an einen Tischler, ein bestimmtes Möbelstück anzufertigen ist ein Beispiel für einen solchen Werkvertrag. Vor allem mit dem Boom in der Erwachsenenbildung ab den frühen 1990er-Jahren wurden Werkverträge immer freier definiert.

Werkverträge unterliegen grundsätzlich keiner Sozialversicherungspflicht. Als Mitte der 1990er-Jahre die Beiträge zu den Sozialversicherungen dramatisch zurückgingen, wurde im Zuge der Budgetverhandlungen 1997 angekündigt, die Werkverträge stärker zu kontrollieren, was in manchen Branchen einem Verbot gleichkam. Viele ehemalige Werkvertragsnehmer und –nehmerinnen lösten daraufhin Gewerbescheine.

Doch nicht für alle war die Anmeldung eines Gewerbes eine gute Lösung. Die Sozialversicherungspflicht für Gewerbetreibende kombiniert mit einer relativ hohen Mindestbemessungsgrundlage von ca. € 1.000 monatlich machte diese Lösung nur für Personen attraktiv, die Werkverträge in Vollzeit erfüllten. Als Reaktion wurden 1998 „freie Dienstnehmer“ und „neue Selbständige“ eingeführt.

Im Unterschied zum Werkvertrag muss bei einem freien Dienstvertrag kein Werk zugrunde liegen. Im Unterschied zu einem normalen Dienstverhältnis besteht keine oder nur eine sehr geringe „persönliche Abhängigkeit“. Das bedeutet, dass ein freier Dienstnehmer bzw. eine freie Dienstnehmerin nicht an Weisungen oder bestimmte Arbeitszeiten gebunden ist.

In der Praxis ist die Abgrenzung zu einem normalen Dienstverhältnis jedoch schwierig. Oft wird das freie Dienstverhältnis zur Umgehung arbeitsrechtlicher Schutzbestimmungen missbraucht.

Arbeitsplatzsicherheit

Es gibt so gut wie keine Arbeitsplatzsicherheit. Freie Dienstverhältnisse sind jederzeit fristlos kündbar.

Lohnhöhe

Freie Dienstverhältnisse unterliegen keinerlei Kollektivverträgen und Mindestlöhnen. Die Lohnhöhe ist daher meist signifikant niedriger als bei normalen Dienstverhältnissen und oft nicht existenzsichernd.

Kündigungsschutz

Es besteht kein Kündigungsschutz.

Sozialrechtliche Absicherung

Freie Dienstnehmer und Dienstnehmerinnen unterliegen der Sozialversicherungspflicht. Sie sind pensions-, unfall- und krankenversichert. Hier hat es mit 1.1.2008 signifikante Verbesserungen gegeben. Folgende Leistungen sind seitdem neu:

  • Krankengeld und volles Wochengeld
  • Arbeitslosenversicherung
  • Insolvenzentgeltsicherung bei Konkurs des Dienstgebers

Damit einher ging allerdings auch eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge, was sich häufig negativ auf die Lohnhöhe auswirkte.

Noch immer haben aber freie Dienstnehmer und Dienstnehmerinnen neben dem fehlenden Kündigungsschutz und der geringen Entlohnung auch weniger Sozialrechte. Zu den wichtigsten Mankos zählen:

  • Kein bezahlter Urlaub
  • Keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall
  • Keine Überstundenzuschläge

Interessensvertretung

Freie Dienstnehmer und Dienstnehmerinnen sind bei Betriebsratswahlen nicht stimmberechtigt. Der Betriebsrat ist für sie unzuständig. Viele Vergünstigungen und Errungenschaften für das Stammpersonal wie zum Beispiel vergünstigtes Essen in der Kantine oder die Nutzung von Freizeiteinrichtungen sind daher auf freie Dienstnehmer und Dienstnehmerinnen nicht anwendbar. Die Arbeiterkammer übt jedoch seit 1.1.2008 eine gesetzliche Interessensvertretung auch für freie Dienstnehmer und Dienstnehmerinnen aus.

Zahlen, Daten, Faktuen

Leider konnten wir trotz intensiver Recherche, keine genauen Zahlen zu der Anzahl der freien Dienstnehmer in Österreich finden, da diese in den Statistiken der Sozialversicherung mit den normalen Dienstnehmern in einen Topf geworfen werden und auch in der Arbeitsmarktstatistik nicht gesondert erfasst werden.

Mitarbeit: Regina Riebl