Prekäre Arbeitsverhältnisse: Neue Selbständige und gewerbetreibende Ein-Personen-Unternehmen (EPU)

Vor 1998 gab es in Österreich nur Gewerbetreibende und Freiberufler. Als Gewerbetreibender ist ein Gewerbeschein nötig. Nicht jede selbständige Tätigkeit ist jedoch ein Gewerbe. Gewerbetreibende unterliegen einer Sozialversicherungspflicht.

Im Gegensatz dazu gab es freie Berufe, wie z. B. Apotheker, Ärzte, Journalisten, Rechtsanwälte, Architekten usw. Freie Berufe waren vor 1998 häufig nicht sozialversichert.

Da ab den 1990er-Jahren immer mehr Personen selbständige Tätigkeiten ausübten, die weder ein Gewerbe noch ein freier Beruf waren, bestand politischer Handlungsbedarf. Deshalb wurden die „neuen Selbständigen“ eingeführt. Seither besteht für alle selbständig Tätigen mit und ohne Gewerbeschein Sozialversicherungspflicht.

Nicht immer ist eine selbständige Tätigkeit tatsächlich eine solche. Oft herrscht eine wirtschaftliche Abhängigkeit von einem oder einigen wenigen Auftraggebern. Hinzu kommt, dass für Selbständige keine Mindesteinkommen existieren.

Arbeitsplatzsicherheit

Selbständige haben keinen Arbeitsplatz im Sinne eines Dienstnehmers. Eine Einkommenssicherheit existiert nicht.

Lohnhöhe

Selbständige unterliegen keinerlei Kollektivverträgen und Mindestlöhnen. Die Einkommenshöhe ist daher oft signifikant niedriger als bei Dienstverhältnissen und oft nicht existenzsichernd. Drei von fünf SVA-Versicherten verdienen monatlich weniger als 600 Euro netto. Wer von ihnen kein zusätzliches Einkommen hat, liegt damit weit unter der Armutsgefährdungsgrenze, aktuell 994. Eine Frisörin, die im Monat 400 verdient, muss 47 % des Einkommens an Sozialabgaben an die SVA bezahlen.

Kündigungsschutz

Eine Kündigung durch Auftraggeber ist je nach Vertragsgestaltung jederzeit möglich.

Sozialrechtliche Absicherung

Selbständige unterliegen der Sozialversicherungspflicht. Sie sind pensions-, unfall- und krankenversichert.

Doch nicht alle sozialrechtlichen Risiken sind für Selbständige abgedeckt. Zu den wichtigsten Mankos zählen:

  • Kein bezahlter Urlaub
  • Keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall; mittels privater Versicherungen oder Zusatzbeiträgen ist jedoch der Bezug von Krankengeld möglich
  • Kein Schutz vor Arbeitslosigkeit; bestand vor der Aufnahme selbständiger Arbeit ein Anspruch auf Arbeitslosenentgelt, kann dieser Anspruch mitgenommen werden.
  • Bei jedem Arztbesuch sind 20 % Selbstbehalt an die SVA zu bezahlen.

Die Sozialversicherung ist gerade bei Wenigverdienern dieser Gruppe aber unverhältnismäßig hoch. Wer zum Beispiel im Monat nur 400 Euro verdient, muss 47 % des Einkommens an Sozialabgaben an die SVA bezahlen. Schuld daran ist eine Mindestbeitragsgrundlage, die es sonst in keiner Sozialversicherung gibt.

Interessensvertretung

Die meisten Selbständigen werden gesetzlich von der Wirtschaftskammer vertreten, die aber von größeren Unternehmen dominiert wird. Einige freie Berufe haben eigene Kammern für ihre Vertretung.

Zahlen, Daten, Fakten

Jahr EPU
1995 283.800
1996 275.500
1997 272.300
1998 275.600
1999 274.500
2000 270.100
2001 274.800
2002 280.200
2003 282.500
2004 274.400
2005 276.500
2006 281.400
2007 277.900
2008 275.000
2009 270.600
2010 282.700

Quelle: Statistische Daten aus der Sozialversicherung, Mai 2011, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Die Zahlen der EPU schwanken stark zwischen rund 270.000 und 283.000. Diese Schwankungen verlaufen in etwa parallel zur Konjunktur. Der Anteil der EPU an der Gesamtzahl der Beschäftigten nimmt daher kontinuierlich ab.

Mitarbeit: Tilak de Silva, Regina Riebl