Lore Hostasch im Interview (1): Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen

Foto: SPÖ

Lore Hostasch war von 1997 bis 2000 Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In dieser Zeit wurden zahlreiche sozialpolitische Regelungen für prekäre Beschäftigungsverhältnisse geschaffen.

In Österreich hat sie sich mittlerweile aus allen Funktionen zurückgezogen. Bei der Europäischen Kommission führt sie den Vorsitz in einer Expertengruppe zu Demografiefragen. Dort werden Erfahrungen in der demografischen Entwicklung der einzelnen Länder auszutauschen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Betreuung der Älteren, Vorbereitung aufs Älterwerden.

Das Interview wurde von Regina Riebl und mir im Mai 2011 geführt.

Roman Korecky: Frau Hostasch, wir recherchieren gerade zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse. In den 90er-Jahren war das ganz große politische Thema aller Parteien das Recht auf Teilzeit, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, gleichzeitig ist allerdings die Teilzeitbeschäftigung für viele zur Falle geworden, die später eigentlich Vollzeit arbeiten wollten, beziehungsweise gibt es auch viele, die nur mehr Teilzeitjobs finden. Wie stehen Sie aus heutiger Sicht zu diesem Recht auf Teilzeit? Was sollte man da ändern?

Lore Hostasch: Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen. Es ist eine Arbeitszeitform. Für mich haben die prekären Arbeitsverhältnisse dort begonnen, wo es gegangen ist um Arbeit auf Abruf, geringfügig Beschäftigte, Scheinselbständige, alles was ein bisschen außerhalb des Arbeitsrechts gewesen ist. Die Teilzeit haben wir doch schon grundsätzlich immer im Arbeitsrecht drinnen gehabt. Darum habe ich ein bisschen ein Problem, Teilzeit als prekäres Arbeitsverhältnis zu definieren. Prekär ist nämlich nicht positiv besetzt. Daher ist es für mich problematisch, Teilzeit grundsätzlich als schlecht anzusehen. Nichtsdestotrotz haben wir eine klassische Diskriminierung von Teilzeitbeschäftigung gehabt im Vergleich zu Vollzeitbeschäftigung. Da gab es Beispiele, dass Teilzeitbeschäftigte Familienleistungen nicht oder nur aliquot bekommen haben, dass sie nicht ins Pensionsrecht einbezogen gewesen sind. Das signalisierte einer unerwünschten Tätigkeit. Das hat sich dann doch sehr grundsätzlich geändert, diese Haltung zur Teilzeit, und es ist von beiden Seiten der Wunsch nach mehr Teilzeit entstanden.

Roman Korecky: Aber die Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben dabei doch sehr unterschiedliche Interessen verfolgt, oder?

Lore Hostasch: Die Arbeitgeber haben Teilzeit als eine Arbeitszeitform gesehen, bei der sie nach Bedarf Mitarbeiter einsetzen können, also quasi kapazitätsorientiert. Da sind auch diese Modelle entstanden, bei denen man vormittags zwei Stunden und am Nachmittag dann noch einmal zwei Stunden gearbeitet hat, wobei die Wegzeiten nicht berücksichtigt worden sind. Bei der Arbeitnehmerseite hat es vor allem bei Frauen den Wunsch gegeben, Teilzeitbeschäftigung zu haben, um besser Familienaufgaben mit Berufstätigkeit zu vereinbaren. Ich bedaure, dass das immer noch vor allem ein weiblicher Wunsch ist, weil damit ja nach wie vor eine Segmentierung erfolgt, was die Familienpflichten betrifft.

Roman Korecky: Welche Rolle spielten in der Diskussion die Gewerkschaften?

Lore Hostasch: In den Gewerkschaften gab es sehr lange eine sehr zurückhaltende bis negative Haltung zur Teilzeit bis wird dann schon alle erkannt haben, dass man Teilzeit nicht verbieten kann. Wir trachteten dann danach, dass wir Teilzeit so ins Arbeitsrecht integrieren, dass es auf der einen Seite keine Konkurrenz zur Vollbeschäftigung wird, auf der anderen Seite aber für jene, die Teilzeit arbeiten, entsprechende sozialversicherungsrechtliche Absicherungen gibt und Diskriminierungen abzuschaffen.

Roman Korecky: Teilzeit wird dann später für viele zur Falle. Die Einkommen sind ja meist nicht existenzsichernd.

Lore Hostasch: Das ist natürlich ein Problem. Wir haben auch die Frage Recht auf Teilzeit lange diskutiert. Gibt es im Widerspruch dazu auch ein Recht auf Vollzeit? Aber es war wichtig, dieses Recht auf Teilzeit bei spezifischen, individuellen Situationen zu formulieren. Das ist für die Betroffenen eine sozialpolitische Notwendigkeit. Aber ich gestehe, dass adäquate Pensionsansprüche immer noch ein großes Problem sind. Wenn jemand zum Beispiel 20 Jahre teilzeitbeschäftigt war, ist das gleichwertig mit 20 Jahren Vollzeitbeschäftigung? Aber wir haben ein beitragsorientiertes System. Dementsprechend sollen Beitragsleistung und Ansprüche daraus in einem gewissen Verhältnis zueinander stehen.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky
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