Wie Kinder zum Konkurs erzogen werden

2011 gingen bereits über 9.500 Personen in den Privatkonkurs. Und die Geschichten ähneln einander überraschend oft: Man wird 18 oder 19 Jahre alt. Jahrelang hat man nur von Taschengeld oder ein paar Hundertern Lehrlingsentschädigung gelebt. Doch jetzt liegt das Nettogehalt endlich im vierstelligen Bereich. Ich bin reich oder zumindest auf dem Weg, es zu werden!

Foto: Boris Mitendorfer Photography (flickr)

Das muss man natürlich der Welt zeigen. Als erstes wird ein neues iPhone angeschafft, kostet ja eh nichts. 40 Euro monatlich für den Tarif wird man sich ja noch leisten können. Dann brauchte man natürlich erst einmal ein ordentliches Auto. Ein 3er-BMW erscheint genau richtig. Die Leasing-Raten kann man gerade so mit dem Betrag der Gehaltserhöhung begleichen. Und dann lernt man noch die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner kennen. Eine gemeinsame Wohnung muss her. Gleich was Großes, schließlich will man ja auch gemeinsam Kinder haben.

Das gemeinsame Haushaltseinkommen reicht locker für all die Ausgaben aus. Sparen, Geld zurücklegen? Das ist was für Spießbürger. Wir leben hier und heute. Es geht ja immer aufwärts. Was vom Einkommen übrig bleibt, wird in die Heimkino-Anlage, in teure Urlaube oder in teure Hobbys investiert. Was das Konto gerade nicht hergibt, wird halt auf Pump finanziert.

Foto: Kıvanç Niş (flickr)

Doch dann passieren Dinge, mit denen man so nicht gerechnet hat. Ein Kind kommt auf die Welt und plötzlich steht ein niedrigeres Haushaltseinkommen (Kinderbetreuung!) zusätzlichen Fixausgaben gegenüber. Oder man versteht sich mit der Liebe des Lebens doch nicht mehr so gut und trennt sich. Dann steht man alleine mit der großen, teuren Wohnung da. Oder ein Partner verliert den Job und muss einen schlechter bezahlten annehmen. Und schon schnappt die Schuldenfalle zu.

Die Schuld gebe ich hier klar den Eltern. Wir erziehen eine Generation der sorglosen Schuldner. Immer wieder höre ich von Menschen zwischen 20 und 40, dass man noch keine Kinder habe, weil man denen ja „was bieten möchte“. Was möchte man den Kindern denn bieten? Kinder brauchen ein Dach über dem Kopf, die uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern, ein wenig zu essen und gute Vorbilder.

Kein Kind braucht drei Spielekonsolen, das neueste SmartPhone, ein vierradgetriebenes 200 PS-Ungetüm und ein Kinderzimmer in der Größe mancher Kleinwohnung. Und ein billiger Urlaub auf einem österreichischen Bauernhof ist für Kinder bis ins Teenager-Alter hinein meist lehrreicher und lustiger als der teure Club-Urlaub an den schönsten Stränden der Welt. Und warum müssen schon Volksschulkinder Kleidung im Gegenwert eines guten Herrenanzugs in der Schule tragen? Um das fehlende Selbstwertgefühl zu kompensieren, weil ihre Eltern glauben, dass Geld Liebe und Aufmerksamkeit ersetzen kann?

Von vielen Familien mit Kindern hört man – wenn die Kinder außer Hörweite sind – ein stetes Jammern, wie teuer doch alles sei. Nicht wenige Familien krachen wie eine Kaisersemmel und das Bankkonto ist öfter im roten als im schwarzen Bereich. Doch den Kindern signalisiert man ewigen Wohlstand. Viele Kinder wissen besser darüber bescheid, wie oft die Eltern zusammen Sex haben, als über den familiären Kontostand.

Ich bin der Meinung, dass Kinder spätestens ab der Sekundarstufe (Hauptschule, Mittelschule, AHS) einen Einblick in die Finanzplanung der Familie haben sollten. Sie sollten wissen, was Mama und Papa ungefähr verdienen, ist das doch auch für die bald anstehende Berufswahl ein nicht unwesentlicher Faktor. Sie sollten aber auch wissen, was die Wohnung, das Auto, der Urlaub, aber auch Lebensmittel kosten. Sie sollten regelmäßig selbst einkaufen oder zumindest die Eltern beim Einkauf begleiten und tatkräftig unterstützen. Auch im Supermarkt sollte man ihnen erklären, warum man das eine Produkt kauft, aber das andere nicht. Und nein, Kindern sollte nicht jeder Wunsch von den Augen abgelesen werden.

Doch in einer Welt, in der Leistungsbereitschaft über die Höhe des Gehalts definiert wird, in der die Größe und Marke des Autos den Wert einer Person für die Gesellschaft darstellt, in der die Beliebtheit eines Mitschülers „in Megapixeln“ der Kamera (Zitat meines Sohnes) gemessen wird, wird diese Forderung immer weniger von den Eltern erfüllt.

Sollte diese Aufgabe der Schule übertragen werden? Sollte es ein Pflichtfach Wirtschaftskunde geben, in dem das Planen eines Haushaltsbudgets zu den wesentlichen Lehrinhalten zählen sollte? Was meinen meine geneigten Leser?

5 Gedanken zu „Wie Kinder zum Konkurs erzogen werden

  1. Es wäre sehr wünschenswert, wenn man ein Fach wie Wirtschaftskunde oder Umgang mit Geld an den Schulen unterrichten würde. Selbst Erwachsene wissen doch wenig darüber, wie die vielen Privat-Insolvenzen zeigen. Ganz nebenbei wird dann auch noch gelernt, was eigentlich „echtes“ Geld ist und was nicht. Empfehlenswert wäre, wenn man auch Know-How von z.B. Robert Kiyosaki mal mit einfließen lässt. Da würden den meisten die Augen aufgehen und sich endlich finanziell gut stellen anstatt einen Ratenkredit nach dem anderen abzubezahlen.

  2. Bei all deinen (bewussten) Überspitzungen muss ich dir weitgehend recht geben – danke für diesen Text, den ich nachher gleich weiterempfehlen werde! Aber in einem Punkt möchte ich intervenieren: Der Urlaub am heimischen Bauernhof ist gerade NICHT immer billiger als der Trip z.B. nach Griechenland oder in die Türkei. Vielleicht, wenn man’s wirklich mit dem fetten Club-Urlaub „all inclusive“ vergleicht, bei dem man die Kinder an der Rezeption abgibt, den ich aber ohnehin nie buchen möchte. Doch wenn man die erschreckend niedrigen Flugpreise (zumindest bei Pauschalreisen) mit den teils hohen Reisekosten in die Provinz vergleicht (z.B. zwei Mal Zug plus Bus von Wien nach Umgebung Mondsee), und dann noch die Zimmerpreise und die Verpflegung (Halbpension plus Mix aus selber kochen und Gasthaus), dann fragt man sich doch manchmal, was da wieder falsch läuft.

    • Ich muss ehrlich gestehen, ich war noch nie weit außerhalb Österreichs urlauben und schon gar nicht in einem Club, weil mich die Atmosphäre überhaupt anspricht, aber vielleicht müsste man die Formulierung nachbessern: Vielleicht ist ein Urlaub am Bauernhof nicht billiger, aber ich bin mir sicher, er ist PREISWERT.
      Da öffnet sich meiner Meinung das nächste Problem: In der heutigen Gesellschaft werden beide Wörter meist mit deckungsgleicher Bedeutung verwendet.

      • ja, das ist sicher eine überlegung wert. mit „lehrreicher und lustiger“ hat roman wohl auch recht, da kinder zwischen ca. 2 und ca. 12 eh voll auf bauernhoftiere abfahren – und danach zumindest noch auf pferde 🙂

  3. Ich kann mich noch sehr gut an meinen 11. Geburtstag erinnern, wir sind durch ganz Bludenz gelaufen und haben einen Computer für mich gesucht. Zu lesen waren hohe Zahlen. 11.000, 14.000 Schilling, für mich mit einem Taschengeld von 15 Schilling wöchentlich astronomische Summen. Meine Meinung damals war, dass mein Vater uns durchbringt. Gut durchbringt. Genauer gesagt, machte ich mir nicht wirklich Gedanken darüber. Allerdings hat mein Vater mir damals die Relation dieser Preise zu unserem Leben ziemlich gut klargemacht. Er hat mir damals gesagt, das können wir uns nicht leisten, weil dafür muss er 2 Wochen lang arbeiten. Und den Computer können wir dann auch nicht essen. Im ersten Moment war ich sauer. Dann hab ich aber nachgedacht und bin draufgekommen, dass es durchaus Sinn macht.

    Wirtschaftskunde? Ja, vielleicht. Hier gehören aber genauso die Eltern in die Pflicht genommen. Wieso soll ich als Kind meinem Lehrer mehr glauben als meinen Eltern, die mir trotzdem einen neuen Fernseher kaufen?

    Außerdem muss ich in einem Punkt widersprechen: „Dem Kind etwas bieten wollen“ muss nicht heißen, dass das Kind verwöhnt werden soll. Es muss nur ein schwerer Unfall passieren, der die Eltern einiges an Geld kostet. Mit „bieten wollen“ ist vielleicht einfach auch nur eine Art von Sicherheit gemeint.

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