Parkpickerl: Weniger Verkehr und trotzdem nicht mehr Parkplätze

Es ist unglaublich: Europa wird von einer der schwersten Krisen erfasst, aber die größte Sorge der Wiener scheint die geplante Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung (vulgo „Parkpickerl“) zu sein. Also muss ich wohl auch dazu schreiben. Vor allem, weil ich damit ganz eigene Erfahrungen gemacht habe.

Prolog

Das Auto ist ein Verkehrsmittel, das definitiv nicht für dicht verbaute Städte wie Wien gemacht wurde. Es erzeugt Schmutz (Feinstaub!) und Lärm und braucht Platz. Es ist der Autoverkehr, der viele Wiener vom eigenen Haus im Grünen träumen lässt. Wer es sich leisten kann, realisiert diesen Traum. Denn lebenswerter Wohnraum ist in Wien teuer. Und wenn wir es nicht schaffen, den Autoverkehr auf ein erträgliches Maß zu beschränken, wird dieser lebenswerte Wohnraum immer knapper und teurer werden.

Doch auch direkt führt der Autoverkehr zu hohen Wohnkosten. Die immer größer werdenden Verkehrs- und Parkplatzflächen schränken den bebaubaren Grund ein, was die Grundstückspreise zusätzlich in die Höhe treibt. 20 % der Baukosten entfallen bei Neubauten auf die Schaffung von Parkplätzen und Garagen. Das bezahlen auch jene, die auf ein Auto verzichten.

Städte sind entstanden, um Menschen ein reichhaltiges Angebot an Arbeitsplätzen, Waren und Dienstleistungen bei gleichzeitig kurzen Wegen zu ermöglichen. Und Wien ist (noch) eine Stadt der kurzen Wege. In einer Stunde kann man zu Fuß die erweiterte Innenstadt durchqueren. Wien hat ein dichtes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, das teilweise rund um die Uhr verkehrt.

Die Stadt komplett für Autos zu sperren, ist aber auch keine Lösung. Eine lebendige Wirtschaft braucht Lkw-Verkehr. Und es gibt durchaus Situationen, in denen auch für private das Auto das sinnvollste Verkehrsmittel ist. Aber es gibt leider zu viele unsinnige Fahrten. Und genau die wollen wir reduzieren und auf ein Minimum beschränken.

Reduziert das Parkpickerl den Verkehr?

Selbstverständlich. Alle Studien belegen das. Ich möchte die hier gar nicht zitieren. Vielmehr möchte ich einen kleinen Test mit Ihnen machen.

Sie möchten in der Stadt ein bestimmtes Ziel erreichen. Sie fahren alleine und haben keine größeren Dinge zu transportieren. Sie könnten den öffentlichen Verkehr benutzen. Das würde 4 Euro kosten. Die Fahrzeit beträgt 40 Minuten in eine Richtung, also insgesamt 1:20 Stunde. Oder sie nehmen ihr Auto. Die Fahrzeit beträgt 30 Minuten in eine Richtung, also insgesamt 1 Stunde. Sie halten sich am Zielort 4 Stunden auf. Das Parken wird sie mindestens 8 Euro kosten. Einen freien Parkplatz müssen Sie aber auch erst finden. Wofür entscheiden Sie sich?

Alle in meinem Freundes- und Bekanntenkreis entschieden sich in diesem Szenario für die Öffis. Braucht es noch einen schlagenderen Beweis, dass Parkraumbewirtschaftung den Autoverkehr reduziert?

Wer es immer noch nicht glaubt, der betrachte das einmal aus Sicht eines Pendlers. Wir erhöhen die Fahrzeit mit dem Auto auf 1 Stunde in eine Richtung, 2 Stunden insgesamt. Und wir erhöhen die Fahrzeit mit den Öffis auf 1,5 Stunden in eine Richtung, also 3 Stunden insgesamt. Die Kosten für die Öffis betragen 1.307 Euro im Jahr. Die Kosten für das Parken mit dem Auto betragen 3.520 Euro pro Jahr. Dazu kommen aber noch Treibstoff und sonstige Nebenkosten.

Wofür entscheiden Sie sich jetzt? Mindestens 184 Euro mehr am Konto jeden Monat sind doch ein starkes Argument, das Auto stehen zu lassen, oder?

Findet man in Parkpickerl-Gebieten leichter einen Parkplatz?

Nein, in den meisten Fällen nicht. Und das hat zweieinhalb Gründe.

Kurzfristig kann sich die Parkplatzsituation in parkraumbewirtschafteten Gebieten verbessern. Aber: Sobald freie Parkplätze vorhanden sind, kaufen Anrainer mit etwas Verzögerung auch wieder mehr Autos. Familien, die vorher kein Auto hatten, haben plötzlich eines. Und so mancher schafft sich plötzlich den Zweitwagen an, den er aufgrund der prekären Parkplatzsituation bisher verschmäht hat.

Ich habe im 6. Bezirk gewohnt, als das Parkpickerl dort eingeführt wurde. In den ersten 12 Monaten waren die Zustände im Vergleich zur Zeit davor geradezu paradiesisch. Musste ich davor am Abend oft mehr als 15 Minuten Kreisen, um einen Parkplatz zu finden, der gut 10 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt lag, parkte ich nach Einführung der Parkraumbewirtschaftung meist direkt vor dem Haus. Doch der Zustand hielt nur rund 1 Jahr an.

Solange öffentlicher Parkraum gratis oder zumindest sehr billig ist, wird dieser Parkraum auch zu nahezu 100 % genutzt. Ausnahmen stellen nur Gebiete dar, wo nicht viele Menschen wohnen und es auch sonst keine attraktiven Ziele gibt.

Ich wohne derzeit in einer Gegend, in der es viele Garagenplätze gibt. Viele davon stehen leer, obwohl sie nicht übermäßig teuer sind. Die Parkplätze auf den Straßen sind hingegen zu mehr als 100 % ausgelastet. In der Nacht wird fast durchgehend zweispurig geparkt.

Ein anderer Grund liegt in der Einführung des Handy-Parkens. Wer es sich leisten kann, kann mittlerweile praktisch unbegrenzt lange in den „Kurzparkzonen“ stehen. Die maximale Parkdauer wird bequem mit einer SMS vom Handy aus verlängert. Entgegen den Beteuerungen der Stadt wird die maximale Parkdauer nämlich nicht überwacht, solange Sie nur brav zahlen.

Doch es geht noch einfacher: Wer der Stadt jährlich rund 2.500 Euro überweist, bekommt ein schönes Taferl hinter die Windschutzscheibe, mit der man in allen Kurzparkzonen ohne Mehrkosten parken darf. Theoretisch darf auch da die maximale Parkdauer von 2 Stunden nicht überschritten werden. Aber wer kontrolliert das?

Ist die Parkraumbewirtschaftung sozial gerecht?

Nein. Wer es sich leisten kann, überweist eben 2.500 Euro an die Stadt und parkt überall, solange er will. Und wer nur hin und wieder lange parken muss, zahlt halt mit dem Handy. Die Quintessenz: Wer es sich leisten kann und will, fährt weiterhin mit dem Auto. Nur das gemeine Volk wird zum Umstieg auf Öffis genötigt oder findet zu Hause trotz Parkpickerl immer noch keinen Parkplatz.

Die Lösung wäre einfach: Früher mussten Handy-Parker und solche, die die Parkgebühren pauschale entrichtet haben, eine Parkuhr mit der Ankunftszeit hinter die Windschutzscheibe legen. So konnte die maximale Parkdauer leicht kontrolliert werden. Doch diese Regelung, die die Parkraumbewirtschaftung sozial gerecht machte und wirklich für freie Parkplätze sorgte, wurde aufgehoben. Seitdem sprudeln die Einnahmen aus Parkgebühren für die Stadt deutlich kräftiger. Ein Schelm, wer böses denkt…

Warum soll ich für einen Parkplatz bezahlen, der bisher gratis war?

Machen Sie mit mir ein einfache Gedankenexperiment: Kaufen Sie bei einem Gebrauchtwagenhändler einen billigen, alten Kastenwagen, der gerade noch das „Pickerl“ bekommt. Parken Sie ihn in der Nähe Ihrer Wohnung und räumen Sie ihn mit jenem Krempel voll, für den Sie in der Wohnung keinen Platz mehr haben. Fahren müssen Sie mit dem Wagen nie. Sie nutzen ihn nur als Lagerraum.

Doch optimal nutzt der Kastenwagen den Platz nicht aus. Also kaufen Sie einen Container und stellen ihn statt dem Kastenwagen an die gleiche Stelle. Da haben Sie noch mehr Platz für ihren Krempel, obwohl der Container außen genauso viel Platz braucht.

Der Unterschied? Um den Container auf der Straße abstellen zu dürfen, brauchen Sie eine Sondergenehmigung der Stadt und müssen nicht zu knapp monatlich Gebühren zahlen. Den Kastenwagen parken Sie gratis oder für sehr wenig Geld.

„Aber ich zahle doch für das Auto ohnehin schon so viel Steuer!“ Sie zahlen hauptsächlich für das Autofahren und nicht für das Parken. Bleiben wir beim obigen Beispiel mit dem Kastenwagen. Außer der Versicherungssteuer fällt für diesen Wagen keine Steuer an. Maximal kostet das rund 400 Euro im Jahr. Für den Container zahlen Sie hingegen mindesten 522 Euro im Jahr.

Das Parkpickerl kostet übrigens 142,50 Euro im Jahr, wenn es für 2 Jahre beantragt wird.

Schadet das Parkpickerl der Wirtschaft?

Nein. Einzelne Betriebe könnten abwandern.Wer mit dem Auto Einkaufen fahren will, fährt schon jetzt Geschäfte mit eigenem Parkplatz an.

Das Parkpickerl kann sogar für mehr Nahversorgung sorgen. So mancher Anrainer verzichtet auf das Auto, um das Parkpickerl zu sparen. Und die Lebensqualität im Grätzel steigt auch. So werden mehr Wege zu Fuß oder mit dem Rad erledigt. Und insbesondere Fußgänger sind der beste Dünger für eine florierende Wirtschaft. Alle bisherigen Parkpickerl-Bezirke haben überdurchschnittlich viele Unternehmensgründungen verzeichnet.

Epilog

Das Parkpickerl reduziert den Verkehr in der Stadt und erhöht damit die Lebensqualität. Die gestiegene Lebensqualität nutzt großen Teilen der Wirtschaft und reduziert die Wohnkosten.

Das Parkpickerl sorgt aber nicht für mehr Parkplätze. Und das Parkpickerl ist auch nicht sozial gerecht. Wer es sich leisten kann, parkt weiterhin überall unbegrenzt lange.

Würde die maximale Parkdauer zum Beispiel mit Parkuhren endlich wieder überwacht, gäbe es vielleicht wirklich mehr freie Parkplätze und die Regelung wäre auch sozial gerechter. Und der Geruch der „Abzocke“ wäre weniger penetrant.

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16 Gedanken zu „Parkpickerl: Weniger Verkehr und trotzdem nicht mehr Parkplätze

  1. Pingback: Parkpickerl-Volksbefragung: Ein demokratiepolitisches Desaster für alle Parteien | Linkswalzer

  2. Das sind wunderbare Ausführungen zu einer simplen Situation. Die Gemeinden und der Bund brauchen Geld, also überlegt man sich neue Steuern. Sämtliche andere Begründungen sind Schönfärberei, niemand der sein Auto tatsächlich benötigt fährt deswegen weniger.

    • Richtig. Es gibt aber leider auch sehr, sehr viele, die mit dem Auto nur aus Bequemlichkeit fahren oder weil sie nie über Alternativen nachgedacht haben. Und für diese haben Parkgebühren zweifellos einen Lenkungseffekt.

  3. Dann bitte die Parkgebühren nur von jenen kassieren, die aus Bequemlichkeit fahren und die nicht nachdenken, vor allem Letzeres sollte sowieso besteuert werden.

    • Und wie soll das gehen? Wer entscheidet das?

      Brauchen tun Autos zwei Sorten von Menschen:

      Die einen nutzen beruflich das Auto, weil sie schwere Sachen transportieren müssen, z. B. Gewerbetreibende. Für diese ist eine ordentlich implementierte Parkraumbewirtschaftung sogar ein Kostenvorteil, weil viel Parkplatzsuchzeit wegfallen kann. Wenn eine Monteur-Partie aus 2 Männern besteht und jeder von denen dem Unternehmer (billige) 20 Euro in der Stunde kostet, so amortisieren sich 2 Euro für 1 Stunde parken schon ab 6 Minuten weniger Parkplatzsuche. Das Transportgewerbe, das keine Parkgebühren zahlt, profitiert von weniger Verkehr und daher kürzeren Fahrzeiten. Nicht zuletzt deshalb spricht sich z. B. die Fachgruppe der Kleintransporteure in der Wirtschaftskammer ausdrücklich für flächendeckende Parkraumbewirtschaftung aus.

      Die andere Sorte von Menschen sind die Pendler. Und da muss ich sagen, da habe ich wenig Mitleid. Die allermeisten Pendler, die nach Wien kommen, haben sich in den letzten 2 Jahrzehnten freiwillig für ihr Schicksal entschieden, sind aus der Stadt weggezogen. Klar, im Umland bekomme ich mehr und billigere Wohnfläche mit mehr Lebensqualität (Ruhe, gute Luft). Jedem Pendler muss jedoch klar sein: Entweder ich wohne billig und habe höhere Mobilitätskosten (Geld, Zeit), oder ich zahle mehr für’s Wohnen und weniger für Mobilität.

      Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass eben diese Pendler wegen der besseren Lebensqualität ins Umland gezogen sind, aber genau mit ihrem Mobilitätsverhalten die Lebensqualität in der Stadt weiter verschlechtern. Das ist wie ein kleines Kind, das ins Becken pinkelt, dann rausgeht, weil das Wasser so gelb geworden ist und vom Beckenrand weiter hineinpinkelt.

      Seien wir ehrlich: Für Pendler gibt es meist gute Alternativen. Die Stadt Wien hat in den letzten Jahrzehnten an fast allen Stadträndern P+R-Anlagen errichtet. Viele davon stehen leer. Aber warum ist die Stadt Wien für die Pendler überhaupt verantwortlich? Einen Großteil der Steuern der Pendler fließt an den Bund und Niederösterreich. Warum baut Niederösterreich nicht mehr P+R-Anlagen bei Bahnhöfen? Warum zahlt das Land Niederösterreich nicht mehr für die Verbesserung der öffentlichen Verbindungen, sondern spart hier sogar von Jahr zu Jahr ein?

      Ja, ich sehe einige an der Parkraumbewirtschaftung auch kritisch, wie ja aus dem Artikel hervorgeht. Das sind aber ein paar kleine Stellschrauben, an denen man leicht drehen könnte. Ansonsten sehe ich kaum Alternativen, die Städte lebenswert zu erhalten. Die City-Maut wäre eine Alternative. Sie kostet aber in der Implementierung mehr und es gibt massive Datenschutzbedenken.

  4. Jede Lösung wird für manche (Berufs-) Gruppen ein Vorteil sein, für andere wieder ein Nachteil. „Etwas kritisch zu betrachten“ ist nur dann sinnvoll, wenn nicht gleichzeitig Entscheidungen übers Knie gebrochen werden, nur dann ist es auch ernst zu nehmen. Pendler hat es auch vor 30 Jahren gegeben. Einer der Gründe war, dass sie häufig keine Arbeit oder keine Anstellung ihrer Qualifikation entsprechend z.B. in Neusiedl am See gefunden haben. Nicht jeder will Boote vermieten und außerhalb der Sommersaison ist es ein schlechtes Geschäft. „Wir wollen eine lebenswerte Stadt“, sehr löblich, „also sackeln wir die Leute aus, weil, was sollte uns denn sonst einfallen als unkreative, fallweise auch (man liest halt so die Zeitung) korrupte oder zumindest ziemlich phantasielose Beamte. Und dafür brauch ma Leute, die schöne wissenschaftliche Thesen formulieren. Ist nicht neu diese Vorgangsweise, ich persönlich habe kein Verständnis dafür. Es gibt auch andere Maßnahmen, die Leute zum Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel zu motivieren, vielleicht würden sie dort oder da hin soagar gerne zu Fuß gehen, vorausgesetzt … es würde bei uns außerhalb der Fußgängerzonen nicht aussehen wie im ehemaligen Ostblock. Langweilige, öde, leblos wirkende Szenerie eines durch Provinzpolitiker lahmgelegten Stadtlebens … die natürlich iiimmer für „die Leute“ da sind. Wer sind diese Leute? Sie selber oder die Vorstellung, die sie von Leuten haben, eingeschlafene mundtote Bürger, die ihre Schmähs schlucken.

    • Bitte schauen Sie sich mal die Einwohnerentwicklung, Geburten und Sterberaten im Speckgürtel an. Der überwiegende Teil der heutigen Pendler hat sein Schicksal selbst gewählt und ist aus der Stadt auf’s Land gezogen. Die Pendler, die schon immer am Land gewohnt haben, fahren meiner Erfahrung nach überwiegend eh mit dem Zug. Denn sie wohnen in alten, gewachsenen Strukturen, nicht weit von öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt. Außerdem kann sich diese Gruppe oft den Luxus der täglichen Autofahrt gar nicht leisten.
      Wenn Niederösterreich und da Burgenland jahrzehntelang auf Teufel komm Raus billige Bauland widmen, dann sollen sie gefälligst auch die Infrastruktur dafür schaffen und erhalten. Wenn sie schon nicht genügend Arbeitsplätze schaffen können, dann müssen sie wenigsten leistungsfähigen öffentlichen Verkehr finanzieren. Es kann doch nicht sein, dass diese Bundesländer auf Kosten Wiens sich nur die Rosinen in Form von Steuereinnahmen herauspicken, aber die Folgekosten der Stadt überlassen. Das gestrige Statement von Frau Petrovic war in dieser Hinsicht mehr als entlarvend.
      Wir haben in Wien in einem Großteil der Stadt einen funktionierenden öffentlichen Verkehr. Auf den meisten Wegen innerhalb Wiens ist man mit den Öffis nicht signifikant langsamer als mit dem Auto, wenn man Parkplatzsuchzeit mit einkalkuliert. Und es gibt auch für Pendler genügend P + R-Anlagen an den Stadträndern. Ich kenne zumindest zwei, die großteils leer stehen. Ohne sanften Druck wird sich da nicht viel ändern.
      Dass viele Bereiche der Stadt für Fußgänger nicht attraktiv sind stimmt leider. Nur was ist die Ursache dafür? Jahrzehntelange Politik zugunsten des Autoverkehrs. Wenn es mehr Platz für parkende Autos als für Fußgänger gibt, wenn zwei Mütter mit Kinderwägen am Gehsteig nicht einmal aneinander vorbei können, weil dieser so schmal ist, dann steigen die natürlich auch auf’s Auto um. Und nur wo es Fußgänger gibt, können sich auch Geschäfte entwickeln.
      Wenn man sehen will, wie der Autoverkehr alte, gewachsene Strukturen zerstört, empfehle ich einmal einen Ausflug auf den Siegesplatz in Aspern bzw. den Asperner Heldenplatz, am besten am Freitag Nachmittag. Das ist definitiv kein Ort, wo man sich als Fußgänger gerne länger aufhält. Kein Wunder, dass die Geschäfte dort am Sterben sind.

  5. Kennen Sie andere Städte? Städte in denen es einen florierenden Kleinhandel gibt, attraktive Einkaufsstraßen auch in den Randbezirken? Lebhafte Städte, belebte Städte. Städte in denen sich Leben abspielt, außerhalb von eingegrenzten Zonen? Bitte bringen Sie nicht als Beispiel Tschernobyl und .. wie gut es uns hier daher geht. Diese Stadt braucht Leben, Marktplätze, Treffpunkte für alle Schichten, das wird nicht erreicht durch Parkgebühren für KEINE FREIEN PARKPLÄTZE. Selbstverständlich sollte nicht alles zugeparkt werden, sondern offener und einladender sein, für Bummler, Shopper, Spaziergänger, Jung und Alt. „Heb ma einfach höhere Gebühren ein, dann werden´s das Auto stehen lassen“, ist das ein echter Scherz oder nur ein schlechter. „Wenn´s zu teuer wird, werden´s das Auto schon stehen lassen“, was ist das? Sanfter Druck oder einfach phantasielose Einfältigkeit, alte restriktive Politik.

    • Ja, ich kenne solche Städte. Dazu müsste man halt den Mut haben, Autos, insbesondere parkende komplett aus bestimmten Bereichen der Stadt zu verbannen. Dazu fehlt in Wien leider der Mut.
      Aber es gibt auch Fehler in der Stadtplanung. In meinem in den 1990er-Jahren komplett neu errichteten Grätzel gibt es z. B. einen wunderbaren, zentralen, beinahe autofreien Platz, an dem alle regelmäßig zu Fuß vorbeikommen, wenn sie zur Schule, zur Straßenbahn, zum Autobus oder zum Kindergarten gehen. Die Geschäfte hat man aber nicht logischerweise rund um diesen Platz angesiedelt, nein, man hat sie um’s Eck versteckt. Vorbei gehen nur die wenigen Menschen, die zum Bus gehen, was seit der U2-Verlängerung auch immer weniger sind. Kein Wunder also, dass es diese Geschäfte schwer haben.
      Ähnliches kann man auf der Langobardenstraße sehen. Da sind die Geschäfte fast durchgehend sehr konsequent vor den Fußgängern versteckt worden, was dort schon eine hohe Kunst ist.

  6. Ausgezeichnet, ich bin ganz dieser Meinung … und Geschäftsinhaber, nebenbei erwähnt. Und diese von Ihnen beschriebene Situation finden Sie in ganz Wien, bis auf die eingerichteten Fußgängerzonen, die sich dann wieder kein Normalverbraucher leisten kann oder will. Lächerlich also diese Stadtplanung für einige wenige Nutznießer, Wien hat 1,7 Millionen Einwohner, sollen die alle zu den paar Fußgängerzonen pilgern? Es gibt unterschiedliche Ansprüche in einer Stadt, zum Beispiel Erholungsgebiete wie die Alte Donau oder den Stadtpark, wunderbar. Es gibt aber auch andere Stadtgebiete und über die reden wir ja hier, wo man vielleicht wohnt, sein Auto abstellt, kleine Märkte, Geschäfte, kleine Plätze, die so eingerichtet sind, dass man sich wohl fühlt … dort muss nichts besonderes sein, eventuell Leute die sich auch wohlfühlen, egal woher sie kommen, auch die Umgebung schafft nettere Menschen. Wer hier Politik betreibt, der Verkehrslösungen nur in Teuerungen sieht, wird zwangsläufig die Rechnung bei den nächsten Wahlen präsentiert bekommen. Parteien die aus populistischen Gründen solche Themen aufgreifen und lautstark protestieren, werden Wählerstimmen gewinnen. Viele Leute formulieren nicht Ihre Anliegen oder Proteste, das sollte man auch als Parteipolitiker realisieren. Sie ziehen aber Bilanz, sehr häufig als ersten Schritt einmal in ihrer Geldbörse. Denen wird man lange erklären müssen, dass sie jetzt weniger drinnen haben weil das Land Niederösterreich bei den öffentlichen Verbindungen spart, sie werden es womöglich auch dann noch nicht verstehen. Sie werden bestraft, weil sie nicht abgewandert sind, da hätten sie nämlich eine nette Garage und nicht einen kostenpflichtigen nicht vorhandenen Parkplatz!

    • Ganz nüchtern betrachtet: In allen Bezirken, in denen das Parkpickerl bisher eingeführt wurde, haben auf lange Sicht sowohl SPÖ als auch Grüne gewonnen – wenn man vom Sonderfall Josefstadt absieht, wo sich die Grünen selbst abgeschossen haben.

      Verkehr und Parkplätze sind ein lokales Problem. Wir haben eine föderalistische Struktur mit Bundesländern. Niederösterreicher sind in Wien nicht wahlberechtigt. Die Wiener Landesregierung ist nur den Wienern verpflichtet.

      Wer das kritisiert, sollte fordern, die Bundesländer abzuschaffen. Wenn ich aber in extrem zentralistisch regierte Länder (Frankreich! England!) blicke, bin ich mir nicht sicher, ob das das Beste für die Entwicklung der Städte ist.

      • Leider haben Sie die Sache nicht nüchtern genug betrachtet, denn sonst wäre Ihnen nicht entgangen, dass die innerhalb des Gürtels liegenden Bezirke eine häufig gänzlich andere Struktur aufweisen als die Außenbezirke. Nebenbei erwähnt, könnten Sie dieses Forum nicht besser publizieren? Sie und ich sind ja wohl nicht die einzigen die zu diesem Thema eine Meinung vertreten. Danke noch für die Aufklärung über die Bundesländer etc., ich kann keinerlei Zusammenhang zum Vorherigen erkennen.

        • Welche Struktur meinen Sie? Bevölkerungsstruktur und damit die politische Landkarte? Da haben Sie möglicherweise recht. Bauliche Struktur? Ich kann keinen allzu großen Unterschied zwischen beispielsweise dem 12. Bezirk und dem 3. Bezirk erkennen. Ja, Teile des 10., 11., 21., 22. und 23. Bezirk haben definitiv eine andere Struktur. Aber in diesen Bezirken waren ohnehin immer nur Insellösungen angedacht, die auch abgelehnt wurden. Ich wohne z. B. in der Gegen rund um das SMZ Ost, die für eine solche Insellösung vorgesehen wäre. Mit wem auch immer ich spreche, die meisten hätten eine Parkpickerllösung begrüßt. Das SMZ Ost hat einen großen Parkplatz, der großteils leer steht. Stattdessen parken viele Angestellte und Besucher lieber in der Umgebung und nehmen den Anrainern die Parkplätze weg. Zusammen mit den Pendlern, die seit der U2-Verlängerung auch ihre Autos in dem Bereich abstellen, ergibt das eine hohe Verkehrsbelastung und wenige Parkplätze. Ich selbst parke mein Auto in einer Garage, zahle dafür rund 60 Euro im Monat und finde das ganz selbstverständlich.
          Ad Bundesländer: Das bezog sich auf die Verkehrspolitik mit Teuerungen. Wirklich betroffen sind nämlich hauptsächlich die Pendler aus Niederösterreich. Die Anrainer hingegen werden – so wie in den anderen Bezirken auch – das Parkpickerl mit läppischen rund 100 Euro im Jahr mit Handkuss bezahlen, wenn sie erst einmal wahrnehmen, welchen Gewinn an Lebensqualität sie damit erzielen. Aber vielleicht habe ich Sie missverstanden?
          Was ich leider immer noch nicht herausgefunden habe: Wenn wir außer Streit stellen, dass eine lebenswerte Stadt möglichst wenig Autoverkehr erlauben sollte, welche Lösungsvorschläge haben Sie, die das Parkpickerl obsolet machen würden?
          Zur Publikation des Forums: Es wird im Schnitt von 31 Personen am Tag gelesen. Für eine rein privat betriebene Website ist das nicht schlecht. Es wird auch über Twitter und Facebook fast täglich von anderen promotet.

  7. Ich meine es sind vielfältige strukturelle Unterschiede, Bevölkerung, Ausländeranteil, Platzangebot, Dichte der Besiedelung etc. Reden sie eventuell einmal mit Leuten, die auf ihr Geld schaun müssen und sich daher nicht selbstverständlich mit Parkpickerln oder sonstigen Belastungen freiwillig ins Knie schießen um die Stadt lebenswerter zu machen. Sie sind eben auf den Zug aufgesprungen, Verkehrslösungen durch finanzielle Belastung für den einzelnen Bürger zu propagieren, das bringt den Politikern mehr Geld und damit ist nur noch die Frage offen: „Wie verkaufen wir das dem einfachen Volk, weil die sollen ja zahlen.“ Ihre Lösungen sind als weitere finanzielle Belastungswelle schlichtweg abzulehnen. Autofahrer zahlen genug Steuern und Gebühren, lassen sie sich etwas anderes einfallen für Ihre propagierte „Lebensqualität“. Ich habe Ihre These von der „lebenswerten Stadt die so wenig wie möglich Autoverkehr erlaubt“ nicht geteilt, meine These ist, wenn eine Stadt viele attraktive Plätze und Straßenzüge aufweist, gibt´s was zu erleben, dann behindert mich das Auto eher, Parkplatzsuche, Rückkehr zum selben Ort etc. Wenn gute öffentliche Verkehrsverbindungen angeboten werden, kann ich aussteigen wo ich will, weiterfahren, spazieren gehen, ich bin dann also flexibler. Gehen Sie einmal eine unserer vielen großen Straßenzüge außerhalb der Fußgängerzonen entlang, es wird Ihnen fad werden. So fad, dass Sie lieber zügiger von A nach B fahren, weil es ist Zeitverschwendung. Wenig Einzelhandelsgeschäfte, schmale Gehsteige, überall parkende Autos, wozu? Sie wollen gar nichts ändern, nur kassieren, dann sind auf den langweiligen Straßenzügen weniger Parkplätze verstellt, na super, das ist ja die echt elegante Lösung. Wie wär`s damit, sich einmal einen Gesamtüberblick zu verschaffen, bei allem Respekt, Ihre Parksituation beim SMZ OST interessiert mich nicht, das ist ein lokales Problem und es sind auch keine generellen Schlußfolgerungen daraus abzuleiten. Sie haben keine Ahnung von einer Stadtverbesserung und, ich habe es eingangs bereits erwähnt, Ihre kreative Idee ist wirklich superideenreich: „Erhöhen wir die Gebühren, machen wir das Autofahren noch teurer, dann werden´s das Auto schon stehen lassen“, soll man noch vieleicht „hähähä“ dazu fügen? Echt originell, für die Idee brauch ma auf jeden Fall Experten.

    • Verstehe ich Sie richtig? Ihr Lösungskonzept: Parkplätze weg, Gehsteige verbreitern, dafür kein Parkpickerl? Ja, die Verkehrsberuhigung würde sicher funktionieren, sogar sehr nachhaltig. Aber wird man dann wieder gewählt?

      • Darüber kann ich kein seriöses Urteil abgeben, doch das ist eben unsere unterschiedliche Position, ich brauch nicht gewählt zu werden, Ich wähle selbst, wo ich wohne, was ich unternehme und .. ich mag ein lebhafte Stadt, in der nicht die Verwaltungsgebühren und Abgaben mein Einkommen auffressen.

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