Expedition auf die Mariahilfer Straße

Man könnte ja meinen, dass das einzig wichtige Thema der letzten Monate in Wien die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße ist. Ist ja auch logisch, dass es in einer Stadt, in der jeder einen gut bezahlte Arbeit und eine billige Wohnung in Grünruhelage hat, man irgendeinen Aufreger braucht. Ich machte mich als Transdanubier auf die Suche nach dem Verkehrschaos im 6. und 7. Bezirk.

Vorbereitungen auf die große Expedition

Ich habe mir die Mariahilfer Straße absichtlich nicht in den ersten Wochen angeschaut, da neue Verkehrslösungen immer einige Zeit brauchen, bis sie sich einspielen. Aber gestern war es dann soweit und ich rüstete mich für die Expedition aus. Radio Wien meldete schon zu Mittag „lebhaftes Verkehrsaufkommen“ in ganz Wien. Ideale Voraussetzungen also, um das Chaos hautnah zu erleben. Als Expeditionsfahrzeug diente ein 5 Meter langes und fast 2 Tonnen schweres Großraumfahrzeug mit leichter Panzerung. Um im vorwinterlichen Chaos nicht unversorgt zu bleiben, stellte ich sicher, dass der Tank gut gefüllt war. In das Fahrzeug packte ich Decken, mehrere volle Thermoskannen Tee, einige Müsliriegel und eine Kiste Wasser. Notrufnummern wurden im Handy an schnell erreichbarer Position gespeichert.

Mein Basislager schlug ich in der Türkenstraße im 9. Bezirk auf, das ich um 16:30 verließ. Über die Lastenstraße (ehemalige 2er-Linie) erreichte ich in wenigen Minuten den eigentlichen Ausgangspunkt der Expedition, die untere Begegnungszone. Ich erwartete endlose Autokolonnen, hilflose Fußgänger und militante Radfahrer. Tatsächlich fuhr ich eines von nur sehr wenigen Fahrzeugen, nur wenige Radfahrer fuhren flott vor und hinter mir her. Fußgänger überquerten selbstbewusst die Fahrbahn. Was ich auch sah: Das Parkverbot wird weitgehend ignoriert. In nur wenigen Sekunden erreichte ich die Kreuzung mit der Stiftgasse. Noch vor einem Jahr, wäre diese Strecke nicht in unter 10 Minuten bewältigbar gewesen. Wohin hat sich der ganze Verkehr verlagert? Ich machte mich auf die Suche.

Auf der Suche nach der Spezies Automobil

Ich bog rechts in die Stiftgasse ab und suchte in der Lindengasse nach dem Verkehr. Ich fuhr das einzige motorisierte Fahrzeug.Zahlreiche Fußgänger und Radfahrer bevölkerten die Gasse. Wo ist der Verkehr? Weiter ging es durch die Zollergasse und Kirchengasse. Stau? Fehlanzeige! Wo waren also all die Autos hingekommen?

Ich vermutete die Neustiftgasse als letztes Reservat des stauenden Motorverkehrs. Also bog ich zweimal um’s Eck in die Neustiftgasse. Erstmals erblickte ich motorisierte Leidensgenossen. Doch der Aufstieg in Richtung Schottenfeldgasse ging trotz einiger Ampelpausen zügig voran.

Freundliche Begegnungen mit Eingeborenen

Ich suchte die Herausforderung also bog ich links in die Schottenfeldgasse ab. Vor der Kreuzung mit der Mariahilfer Straße gab es früher immer einen beträchtlichen Rückstau, die Fußgänger, die das Rotlicht gerne ignorierten, nicht gerade gemindert wurde. Die Ampel gibt es nicht mehr. Man wird gezwungen links in die Mariahilferstraße abzubiegen. Freundliche Fußgänger gewähren meinem Expeditionsfahrzeug Passage – das hätte es früher nicht gegeben, als die Kreuzung noch ampelgeregelt war. Also ab ins Chaos der oberen Begegnungszone.

Das Bild, das sich mir bot, glich dem der unteren Begegnungszone. Hier waren etwas mehr Radfahrer unterwegs. Aber man kam zügig voran. Ich nutzte meine letzte Chance, auf Chaos im 7. Bezirk zu stoßen und bog in die Zieglergasse ab und durchfuhr noch einmal die Neustiftgasse und die Schottenfeldgasse. Diesmal bog ich aber rechts in die Stollgasse ab, wo es ja laut Kurier Dauerstau gibt. Die Enttäuschung ist groß, die Thermoskannen sind immer noch voll mit Tee. Wo ist der Stau? Vielleicht werde ich im 6. Bezirk fündig.

Hindernisse zwingen zu Umwegen

Also noch einmal über den Gürtel in die Mariahilfer Straße, rechts die Webgasse hinunter. Neue Einbahnregelungen zwingen mich zu Umwegen, doch in kurzer Zeit erreicht mein Konvoi die Gumpendorfer Straße. Hier treffe ich erstmals auf größere Ansammlungen von Radfahrern. Von Stau kann hier aber auch keine Rede sein. Mein Ziel liegt in der Stumpergasse. Ich stelle mich auf eine längere Parkplatzsuche ein, da ja offensichtlich jetzt alle Anrainer ihre Autos stehen lassen. Doch direkt vor meinem Ziel hätten auch deutliche größere Expeditionsfahrzeuge parken können. Ohne Mühe stelle ich mein Fahrzeug ab und beende die Expedition kurz nach 17 Uhr.

Um 19 Uhr mache ich mich an den Abstieg ins Basislager Universitätsring. Ich durchfahre zügig die Stumpergasse, ignoriere tollkühn das Abbiegegebot in die Mariahilferstraße und fahre direkt über die Kaiserstraße in die Burggasse. Nach nur 10 Minuten Fahrzeit erreiche ich das Basislager. Meine Vorräte sind immer noch vollständig.

Konklusio

  • Die Mariahilfer Straße ist deutlich ruhiger geworden.
  • Lieferanten erreichen die Geschäfte in der Mariahilfer Straße deutlich schneller und problemloser.
  • In den angrenzenden Bezirken 6 und 7 ist ebenfalls eine deutliche Verkehrsreduktion spürbar.
  • In den Bezirken 6 und 7 kommt man mit dem Auto rascher voran, als noch vor einem Jahr und findet leichter einen Parkplatz.
  • Will man doch mit dem Auto in diese Bezirk fahren, helfen einem Navigationssysteme nur wenig. Die neuen Einbahnregelungen sind weitgehend unbekannt.
  • Fußgänger und Radfahrer haben die Herrschaft über die meisten Straßen übernommen.

Die Menschen sind intelligenter als viele selbsternannte Verkehrsexperten es ihnen zutrauen. Ich wünsche mir mehr Mariahilferstraßen in Wien, z. B. in der Stadlauer Straße, Wallensteinstraße, Klosterneuburgerstraße, Wagramer Straße, Taborstraße, um nur einige zu nennen.

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5 Gedanken zu „Expedition auf die Mariahilfer Straße

    • Mein Artikel basiert auf einer Momentaufnahme vom 12.11.2013. Zumindest an diesem Tag konnte ich nicht das Verkehrschaos beobachen, von dem ich so viel in der Zeitung (v. a. Kurier) gelesen habe. Weder in der Lindengasse noch in der Schottenfeldgasse, Burggasse, Neustiftgasse und Stollgasse bin ich in größeren Staus gestanden – und das in der Rush Hour zwischen 16:30 und 17:15.

      In Ihren Artikel habe ich eine Bestandsaufnahme vom 15.8. gefunden. Ich glaube Ihnen gerne, dass das an dem Tag so gelaufen ist. Es beweist aber, dass Autofahrer und Lenker anderer Fahrzeuge lernfähig sind. Auch der von Ihnen dokumentierte Stau am 12.10. betraf nur einen kurzen Straßenabschnitt und er könnte z. B. auch von einem Hindernis in der Zieglergasse ausgelöst worden sein. Mittlerweile scheint sich vieles eingespielt zu haben. Nur das Parkverbot wird nach wie vor ignoriert, da gebe ich Ihnen absolut recht. Das wird sich aber vermutlich nach dem endgültigen Umbau erledigen.

      Ich bin persönlich übrigens kein besonderer Freund des Projekts gewesen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Mariahilfer Straße eigentlich ganz gut funktioniert hat und die Sanierung anderer Einkaufsstraßen (von denen ich einige im Artikel erwähnt habe) wichtiger gewesen wäre. Trotzdem muss ich anerkennen, dass meinem Anschein nach das Projekt tatsächlich zu einer Verkehrsreduktion und nicht zu Chaos geführt hat.

      • Genau das kritisiere ich ja. Pro und Kontra Stellungnahmen von Menschen und „Studien“ auf Basis von Momentaufnahmen und Negation der Anrainer. Selbstverständlich haben auch die nach Lebenssituation unterschiedliche Meinungen, aber ich denke, dass allein die von mir eher zufällig dokumentierten Planungsfehler nicht abstreiten lassen, dass das Projekt als dilettantisch geplantes Prestigeprojekt bezeichnet werden kann. Es dann auf Basis eines „die Mucha war da“ schön zu schreiben ist ärgerlich.

        • ich finde es nicht fair, lauter Kleinigkeiten an einem Projekt zu kritisieren, das bei weitem nicht abgeschlossen ist. Es ist von Anfang an klar kommuniziert worden, dass es sich um eine Probephase handelt, in der mit minimalem Kostenaufwand versucht wird, optimale Lösungen zu finden. Wenn sich dann alles eingespielt hat, wird umgebaut und die Straßenoberfläche an die endgültige Lösung angepasst. Wenn Sie meinen Artikel genau gelesen und verstanden haben, haben Sie vielleicht auch gemerkt, dass ich darin einen Unsinn kritisiert habe, der ja angeblich auch demnächst korrigiert wird, nämlich die illegale Durchfahrt von der Stumpergasse in die Kaiserstraße.

          Und entgegen Ihrer Grundannahme, war es absolut nicht mein Ziel, das Projekt schön zu schreiben. Ich habe wirklich Chaos und stundenlange Staus erwartet. Wenn diese eingetreten wären, hätte ich darüber genauso geschrieben. Aber die habe ich eben nicht gefunden.

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