Notizen aus dem Raucherparadies Österreich

ZigarettenqualmIch gebe es zu: Ich bin Nichtraucher. Ich bin also jene intolerante, sektiererische Spezies, die keine Lebenslust verspürt und den Tag nur damit verbringt, dem blauen Dunst auszuweichen. Zumindest letzteres könnte sogar stimmen. Denn es ist in Österreich tatsächlich eine Herausforderung, nicht zum Rauchen gezwungen zu werden. Ein paar Notizen aus der letzten Woche.

Raststation St. Marein auf der S6: Diese kleine Raststation besteht aus dem obligatorischen Tankstellenshop ohne Gastronomie und einem direkt angeschlossenen Café mit kleinem Speisenangebot, das als reines Raucherlokal geführt wird. Die Lüftung ist dort so schlecht, dass man vor lauter blauem Dunst kaum die Hand vor den Augen erkennen kann. Ich halte dort, um ein dringendes Bedürfnis zu erledigen und im Tankstellenshop etwas zum Trinken zu kaufen. Um vom Tankstellenshop zum WC oder umgekehrt zu gelangen, muss man durch das stark verrauchte Café gehen – und zwar in voller Länge. Ein Vorraum des WCs kann zwar von der Straße direkt begangen werden, wegen dem starken Andrang ist aber die Tür zum verrauchten Café ständig offen, sodass der blaue Dunst bis in die WC-Kabinen zieht. Zahlreiche Familien mit Kindern halten dort notgedrungen an einem starken Reisetag.

Schigebiet Hauser Kaibling – Planai – Hochwurzen – Reiteralm: Fast alle Schihütten werden als reine Raucherlokale geführt, großteils nicht gesetzeskonform. Die Rauchbelastung ist je nach Tageszeit sehr unterschiedlich. Die Schihütten werden stark von Familien mit teilweise sehr kleinen Kindern frequentiert, die dem Rauch direkt ausgesetzt werden – teilweise von den eigenen Eltern.

Raststation Schottwien auf der S6: Die Kette Landzeit bewirbt ihre Raststationen extra für Kindergeburtstage. Die Raststation hat einen kleinen Raucherbereich, der prinzipiell vom großen Nichtraucherbereich komplett abgetrennt ist. Doch was nützt die Abtrennung, wenn die Türe ständig offen steht? Aufgrund des starken Reisetages sind die Plätze im Nichtraucherbereich sehr begehrt und viele finden keinen Sitzplatz. Familien mit kleinen Kindern sind abermals gezwungen, in den Raucherbereich auszuweichen.

Liebe Raucher unter meinen Lesern: Habe ich als Nichtraucher tatsächlich die Wahlfreiheit, nicht von euren Giften belästigt zu werden? Wie sollte ich mich eurer Meinung nach in den oben genannten Situationen verhalten?

Im Übrigen bin ich für ein totales Rauchverbot in der Gastronomie…

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Wie Kinder zum Konkurs erzogen werden

2011 gingen bereits über 9.500 Personen in den Privatkonkurs. Und die Geschichten ähneln einander überraschend oft: Man wird 18 oder 19 Jahre alt. Jahrelang hat man nur von Taschengeld oder ein paar Hundertern Lehrlingsentschädigung gelebt. Doch jetzt liegt das Nettogehalt endlich im vierstelligen Bereich. Ich bin reich oder zumindest auf dem Weg, es zu werden!

Foto: Boris Mitendorfer Photography (flickr)

Das muss man natürlich der Welt zeigen. Als erstes wird ein neues iPhone angeschafft, kostet ja eh nichts. 40 Euro monatlich für den Tarif wird man sich ja noch leisten können. Dann brauchte man natürlich erst einmal ein ordentliches Auto. Ein 3er-BMW erscheint genau richtig. Die Leasing-Raten kann man gerade so mit dem Betrag der Gehaltserhöhung begleichen. Und dann lernt man noch die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner kennen. Eine gemeinsame Wohnung muss her. Gleich was Großes, schließlich will man ja auch gemeinsam Kinder haben.

Das gemeinsame Haushaltseinkommen reicht locker für all die Ausgaben aus. Sparen, Geld zurücklegen? Das ist was für Spießbürger. Wir leben hier und heute. Es geht ja immer aufwärts. Was vom Einkommen übrig bleibt, wird in die Heimkino-Anlage, in teure Urlaube oder in teure Hobbys investiert. Was das Konto gerade nicht hergibt, wird halt auf Pump finanziert.

Foto: Kıvanç Niş (flickr)

Doch dann passieren Dinge, mit denen man so nicht gerechnet hat. Ein Kind kommt auf die Welt und plötzlich steht ein niedrigeres Haushaltseinkommen (Kinderbetreuung!) zusätzlichen Fixausgaben gegenüber. Oder man versteht sich mit der Liebe des Lebens doch nicht mehr so gut und trennt sich. Dann steht man alleine mit der großen, teuren Wohnung da. Oder ein Partner verliert den Job und muss einen schlechter bezahlten annehmen. Und schon schnappt die Schuldenfalle zu.

Die Schuld gebe ich hier klar den Eltern. Wir erziehen eine Generation der sorglosen Schuldner. Immer wieder höre ich von Menschen zwischen 20 und 40, dass man noch keine Kinder habe, weil man denen ja „was bieten möchte“. Was möchte man den Kindern denn bieten? Kinder brauchen ein Dach über dem Kopf, die uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern, ein wenig zu essen und gute Vorbilder.

Kein Kind braucht drei Spielekonsolen, das neueste SmartPhone, ein vierradgetriebenes 200 PS-Ungetüm und ein Kinderzimmer in der Größe mancher Kleinwohnung. Und ein billiger Urlaub auf einem österreichischen Bauernhof ist für Kinder bis ins Teenager-Alter hinein meist lehrreicher und lustiger als der teure Club-Urlaub an den schönsten Stränden der Welt. Und warum müssen schon Volksschulkinder Kleidung im Gegenwert eines guten Herrenanzugs in der Schule tragen? Um das fehlende Selbstwertgefühl zu kompensieren, weil ihre Eltern glauben, dass Geld Liebe und Aufmerksamkeit ersetzen kann?

Von vielen Familien mit Kindern hört man – wenn die Kinder außer Hörweite sind – ein stetes Jammern, wie teuer doch alles sei. Nicht wenige Familien krachen wie eine Kaisersemmel und das Bankkonto ist öfter im roten als im schwarzen Bereich. Doch den Kindern signalisiert man ewigen Wohlstand. Viele Kinder wissen besser darüber bescheid, wie oft die Eltern zusammen Sex haben, als über den familiären Kontostand.

Ich bin der Meinung, dass Kinder spätestens ab der Sekundarstufe (Hauptschule, Mittelschule, AHS) einen Einblick in die Finanzplanung der Familie haben sollten. Sie sollten wissen, was Mama und Papa ungefähr verdienen, ist das doch auch für die bald anstehende Berufswahl ein nicht unwesentlicher Faktor. Sie sollten aber auch wissen, was die Wohnung, das Auto, der Urlaub, aber auch Lebensmittel kosten. Sie sollten regelmäßig selbst einkaufen oder zumindest die Eltern beim Einkauf begleiten und tatkräftig unterstützen. Auch im Supermarkt sollte man ihnen erklären, warum man das eine Produkt kauft, aber das andere nicht. Und nein, Kindern sollte nicht jeder Wunsch von den Augen abgelesen werden.

Doch in einer Welt, in der Leistungsbereitschaft über die Höhe des Gehalts definiert wird, in der die Größe und Marke des Autos den Wert einer Person für die Gesellschaft darstellt, in der die Beliebtheit eines Mitschülers „in Megapixeln“ der Kamera (Zitat meines Sohnes) gemessen wird, wird diese Forderung immer weniger von den Eltern erfüllt.

Sollte diese Aufgabe der Schule übertragen werden? Sollte es ein Pflichtfach Wirtschaftskunde geben, in dem das Planen eines Haushaltsbudgets zu den wesentlichen Lehrinhalten zählen sollte? Was meinen meine geneigten Leser?

Lore Hostasch im Interview (5): Der Schlüssel für den Kinderentscheid ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Roman Korecky: Es gibt ja auch das Problem, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen und deshalb auch immer weniger Kinder. Das erste Kind über 30 ist ja mittlerweile ganz normal geworden.

Lore Hostasch: Ja, oder ganz zeitig.

Roman Korecky: Aber die Mittzwanzigjährigen, bekommen kaum mehr Kinder, wie das noch vor 30 bis 40 Jahren üblich war Wir glauben, dass das etwas mit der Prekarisierung am Arbeitsmarkt zu tun hat. Nimmt der Wille zur Familiengründung mit der Unsicherheit im Job ab?

Lore Hostasch: Dass der Kinderwunsch sich geändert hat, ist eine normale gesellschaftliche Entwicklung, die wir schon öfters hatten. Wenn man heute so tut, als hätten wir heute so wenige Kinder, muss man sagen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen es noch weniger Kinder gab. Das sind langfristig Wellen. In der jetzigen Bewertung hängt es zum einen damit zusammen, dass Paare den Wunsch haben, auf einigermaßen gesicherten Beinen zu stehen, bevor sie einen Kinderwunsch realisieren, und dass sie sichergehen wollen, dass sie für die Kinder sorgen können. Dass wegen der Prekarisierung diese Sicherheit nicht mehr so stark da ist, kann schon auch ein Grund sein, dass das hinausgeschoben wird. Zum Zweiten gibt es allgemein eine Unsicherheit, wie es in der Zukunft weitergeht. Da meine ich nicht nur die finanzielle Seite, sondern allgemein auch Umwelt, Gesellschaft, globale Themen. Überall dort, wo eine gewisse Unsicherheit in der Zukunftserwartung ist, überlegt man länger, ein Kind zu bekommen. Zum Dritten kommt natürlich dazu, dass Frauen mittlerweile auch darauf Bedacht nehmen, geplant Kinder zu bekommen. Früher hat man sie einfach bekommen und dann waren sie da. Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass Frauen in ihrer persönlichen Lebensplanung selbstständiger geworden sind und nichts dem Zufall überlassen wollen. Ich glaube aber nicht, dass das immer auf Dauer sein muss. Das sind Wellen – die exkommunistischen Länder sind unter unserem Schnitt, Frankreich dagegen ist über unserem Schnitt. Frankreich ist für mich das Beispiel für ein Land, in dem die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfach wesentlich besser ist als bei uns. In Belgien und in Frankreich ist es kein Problem, ein einjähriges Kind qualitativ bestens unterzubringen. Bei uns ist das alles immer noch ein Problem.

Roman Korecky: Als Vollzeitbeschäftigter ist die Kinderbetreuung außerhalb Wien immer noch ein Problem.

Lore Hostasch: Ja, Wien ist anders. Aber abgesehen von den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist für mich der Schlüssel für den Kinderentscheid insbesondere bei den Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn wir uns da verbessern würden – auch Wien bei den Unter-3-Jährigen – hätten wir auch ein paar Kinder mehr. Der Westen ist überhaupt eine Katastrophe, auch Niederösterreich, dort wird nur so getan, als wäre alles gut.

Roman Korecky: Wie danken Ihnen für das informative Gespräch!

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

100 Jahre Frauentag: Die Hürden zur Gleichberechtigung

Wir feiern heute 100 Jahre Frauentag. Die Frauenbewegung hat in diesen 100 Jahren viel erreicht. Doch es scheint, als ob eine gläserne Decke erreicht wurde. In den letzten 10, 15 Jahren gab es bei der Gleichberechtigung kaum Fortschritte. Woran liegt das? Und wie können wir das ändern? Gleich vorweg: An der Ausbildung und Bildung der jungen Frauen kann es nicht mehr liegen.

In der Schule: Mädchen bringen bessere Leistungen

Fangen wir an den Schulen an. Quer durch alle Schultypen und Schulstufen bringen Mädchen im Durchschnitt bessere Leistungen als Buben. Selbst wenn man die Spitzenleistungen in den einzelnen Gegenständen einschließlich der vielzitierten Mathematik betrachtet, sind ebenso viele Mädchen Klassenbeste wie Buben. Bei den Maturanten herrscht seit Jahrzehnten ein leichter Überhang bei den jungen Frauen.

Akademiker: Mehr Frauen schließen ein Studium ab

Foto: Marco F (flickr)

Sowohl bei den Studienanfängern als auch bei den Abschlüssen bilden Frauen ebenfalls seit Jahrzehnten eine leichte Mehrheit. Frauen unter 40 sind also mindestens ebenso gut ausgebildet wie die männlichen Kollegen. Es ist wahr, dass Frauen öfter Ausbildungen ergreifen, in denen die Bezahlung nicht so gut ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Frauen, die Jus, Publizistik oder Betriebswirtschaft studieren – und der Frauenanteil bei diesen Studien ist seit Jahrzehnten hoch – haben gegenüber ihren männlichen Kollegen eindeutig die schlechteren Karrierechancen.

Schlecht bezahlte Frauenberufe: Die Henne-Ei-Frage

Foto: Ed Yourdon (flickr)

Ich kann die Ausrede, dass typische Frauenberufe halt schlechter bezahlt werden und sich die jungen Frauen halt männlich dominierte Berufe aussuchen sollen, wenn sie ihrer Ausbildung entsprechend entlohnt werden wollen, nicht mehr hören. Nehmen wir zum Beispiel den Beruf der Programmiererin. Ich schreibe das jetzt bewusst in der weiblichen Form und ohne Binnen-I. Bis in die frühen 1980er-Jahre hinein war dieser Beruf weiblich dominiert und trotz aufwändiger Ausbildung relativ schlecht entlohnt. Ab den 1980er drängten viele junge Männer in diesen Beruf. Heute ist der Beruf männlich dominiert und blendend bezahlt. Die Gegenteilige Entwicklung trat beim Beruf des Sekretärs ein. Bis in die 1970er-Jahre waren die meisten Sekretäre Männer. Der Beruf genoss ein hohes Ansehen und war überdurchschnittlich gut bezahlt. Ab den 1970er-Jahren waren in diesem Beruf Frauen in der Mehrheit. An der Ausbildung änderte sich nicht viel, aber an der Bezahlung. Heute verdienen Sekretärinnen meist weniger als Facharbeiter. Viel hat das auch mit Macht zu tun. Während heute Kaffeekochen zu den Kernkompetenzen von Sekretärinnen zählt, hätte sich vor 50 Jahren wohl kaum ein Sekretär zu dieser Tätigkeit herabgelassen.

Foto: orangperlis (flickr)

Viele Frauen streben aber auch heute noch Berufe an, die mehr mit Menschen als mit Maschinen zu tun haben. Müssen wir das den Frauen vorwerfen? Nein. Jeder Mensch soll den Beruf ergreifen, der ihn erfüllt. Und jeder Beruf soll seiner Ausbildung und Arbeitsbelastung entsprechend bezahlt werden. Viele Berufe, in denen vorwiegend Frauen tätig sind, werden direkt oder indirekt von Steuergeldern finanziert. Die Politik hat es also direkt in der eigenen Hand, hier für mehr Emanzipation der Frauen zu sorgen. Warum verdienen Kindergartenpädagoginnen meist weniger als ein Filialleiter eines Supermarkts, obwohl sie eine bessere Ausbildung haben? Warum verdienen Pflegerinnen weniger als die meisten Facharbeiter, obwohl sie eine längere Ausbildung und oft auch eine schwerere Arbeit haben? Hier hat die Politik direkte und einfache Einflussmöglichkeiten.

Partnerschaft und Familie: Frauen machen sich von Männern abhängig

In anderen Bereichen tut sich die Politik eindeutig schwerer. Leider stehen Partnerschaft, Kinder und Familie in den Lebensentwürfen vieler junger Mädchen ganz, ganz weit oben auf der Prioritätenliste. Burschen hingegen geben sich in diesen Fragen meist wesentlich zurückhaltender. Für sie steht Beruf und Karriere an erster Stelle. Während das bei jungen Männern gesellschaftlich akzeptiert ist, werden Frauen, die den Beruf als oberste Priorität ansehen, als karrieregeil bezeichnet.

Wenn wir über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen, meinen wir meist mehr institutionelle Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten. Doch vielfach wären Beruf und Familie schon heute leicht vereinbar, wenn die jeweils anderen Partner entsprechend mitspielten. Da müsste halt auf Überstunden und Nachtdienstzuschläge verzichtet werden. Die Angst vieler Frauen, diesen Familieneinkommensverlust nicht durch die eigene Erwerbsarbeit kompensieren zu können, lässt sie dann doch davor zurückschrecken, solche Schritte von ihren Partnern zu verlangen.

Die lebenslange Partnerschaft: Ein Traum, der für die wenigsten in Erfüllung geht

Foto: Mazoe28 (flickr)

Letztlich erweist sich das aber sehr häufig als Bumerang. Der Traum von der lebenslangen Partnerschaft erfüllt sich nur für die wenigsten. Jede zweite Ehe wird geschieden. Und es sind überwiegend jene Ehen, in denen die Frau zugunsten der Familie berufliche Abstriche machen musste. Das ist auch völlig logisch. Erledigt die Frau den überwiegenden Teil der Familienarbeit, hat der Mann mehr Freizeit und fühlt sich viel weniger an die Familie gebunden. Gleichzeitig steigt aber auch der Frust bei den Frauen. Eine oft fatale Mischung, die die Liebe tötet.

In sehr, sehr vielen Fällen steht die Frau am Ende mit den Kindern da und verfügt über ein relativ geringes Einkommen, weil sie ja zugunsten der Familie ihre Karriere hintangestellt hat. Solange die Kinder noch minderjährig sind, können die Alimente des Ex-Partners den finanziellen Nachteil noch kompensieren. Doch spätestens wenn die Kinder das Haus verlassen, fallen viele Frauen in ein finanzielles Loch, wenn sie sich nicht einem neuen Partner in die Arme werfen. Besonders eklatant wird die Armutsgefährdung dann in der Pension. Weit mehr Frauen müssen mit der Mindestpension auskommen als Männer – darunter auch viele durchaus gut gebildete und ausgebildete Damen.

Mehr Männer in die Karenz, aber wie?

Die Lösung klingt einfach und kompliziert zugleich. Mehr Männer müssen in Karenz gehen. Doch für viele Familien ist das finanziell immer noch nicht leicht zu bewältigen. Bei Frauen rechnen Arbeitgeber damit, dass diese sich irgendwann um Kinder kümmern. Das wird schon lange vor dem ersten Kind in den Karrieren berücksichtigt. So investieren Unternehmen in die Aus- und Weiterbildung von Frauen weniger Geld, Frauen werden bei Beförderungen oft übergangen, alles mit der Auswirkung, dass Frauen schon vor dem ersten Kind bei gleicher Arbeit weniger verdienen als männliche Kollegen. Gerade in stark konjunkturabhängigen und dynamischen Branchen haben es Frauen besonders schwer. Der Kündigungsschutz ab Eintritt von Schwangerschaften, Mutterschutz, Kündigungsschutz in der Karenz sind Karrierekiller für viele Frauen. Die Firmen haben Angst, Mitarbeiterinnen nicht mehr loswerden zu können, wenn die Zeiten wirtschaftlich schlechter werden.

Doch warum gilt der Kündigungsschutz immer nur für jenen Elternteil, der schwanger ist oder Kinder betreuen muss? Wenn der Kündigungsschutz immer automatisch für beide Elternteile gelten würde, wäre das Risiko für Firmen bei Männern wie bei Frauen gleich groß. Gleichzeitig würden sich wohl mehr Paare für Kinder entscheiden, weil die wirtschaftliche Absicherung deutlich verbessert wäre. Dass dies der Wirtschaft nicht schadet, beweisen vergleichbare Modelle in den skandinavischen Ländern. In der Folge stiegen dort auch wieder die Geburtenraten, was langfristig auch dem Pensionssystem zugutekommt. Ein Kündigungsschutz für beide Elternteile bis zum Schuleintritt des Kindes oder zumindest bis zum vierten Lebensjahr würde sicher mehr Männer motivieren, auch in Karenz zu gehen, weil sie weniger Nachteile für die eigene Karriere fürchten müssten.

Was kann die Politik tun?

  • Angleichung der Gehälter in öffentlich finanzierten Branchen an die Privatwirtschaft
  • Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung während der Arbeitszeit bis zur 8. Schulstufe
  • Kündigungsschutz für beide Elternteile unabhängig von der Karenz ab Eintritt einer Schwangerschaft bis zum Schuleintritt des Kindes

Und zum Schluss: Der Appell an Mädchen, Frauen und Mütter

Was können Frauen und Mädchen tun, um ihre eigene Gleichberechtigung zu verbessern? Was sollten Eltern, insbesondere Mütter ihren Töchtern mit auf den Lebensweg geben?

Mädchen und Frauen, seht der Realität ins Auge! Legt eure Beziehung nicht auf die Ewigkeit aus. Macht euch unabhängig von euren Partnern. Wenn ihr Opfer für die Beziehung oder die Familie bringt, fragt, ob euer Partner vergleichbare Opfer bringen würde und fordert diese Opfer auch ein. Denkt öfter mal darüber nach, was ihr machen würdet, wenn morgen eure Partnerschaft zu Ende geht? Habt ihr dann noch eine Wohnung? Könnt ihr mit dem Geld überleben? Richtet euer Leben an diesen zentralen Existenzfragen aus. Und habt keine Angst, dass das der Beziehung schaden kann, das Gegenteil ist der Fall. Gute Männer lieben selbständige Frauen. Und der Rest sollte seine Einstellung überdenken.

Das Recht der Kinder auf beide Eltern: Automatisches Sorgerecht als Königsweg?

Foto: jmauerer (flickr.com)

Die Debatte um eine Neuregelung des Sorgerechts für Kinder nach Scheidungen erreichte in den letzten Wochen einen neuen Höhepunkt. Befürworter einer automatischen gemeinsamen Obsorge ziehen mit dem Schlachtruf „Recht des Kindes auf beide Eltern“ in die Diskussion. Die Gegner verweisen darauf, dass ein großer Teil der Familienlasten immer noch von den Frauen getragen wird und sie mit einer automatischen gemeinsamen Obsorge in ihren Rechten beschnitten werden, ohne dass ihnen Pflichten abgenommen werden.

Doch lassen wir in der ganzen Debatte einmal die Ideologien weg. Betrachten wir die Situationen, die sich in einer Familie im Zuge einer Scheidung ergeben. Im Grunde gibt es zwei Szenarien einer Scheidung: Entweder man trennt sich halbwegs gütlich. Dann werden die ehemaligen Ehepartner wohl auch kein Problem damit haben, sich auf eine gemeinsame Obsorge zu einigen.

Uneinigkeit bei der Scheidung, aber erzwungene Einigkeit bei der Erziehung?

Foto: Bühnen Halle (flickr.com)

Doch was ist, wenn die Scheidung zum Rosenkrieg ausartet? Natürlich werden in einem solchen Fall gerade die Kinder oft zum Streitobjekt. Letztlich muss das Gericht entscheiden, wer das Sorgerecht erhält. Natürlich könnte man mit einer automatischen gemeinsamen Obsorge diesen Streit verhindern.

Doch der Streit wird so nur für lange Zeit nach der Scheidung fortgesetzt. Das fängt bei der Frage an, wo die Kinder wann wohnen. Geht über finanzielle Fragen: Wer erhält die Familienbeihilfe? Wer zahlt an wen wie viel Alimente? Am Ende stehen für die Kinder existenzielle Fragen auf dem Spiel. In welche Schule sollen die Kinder wechseln? Welchen Lehrberuf sollen sie ergreifen? Bei all diesen Fragen ist die Zustimmung beider Ehepartner erforderlich, die sich Jahre zuvor nicht über das Sorgerecht einigen konnten. Und das soll gut gehen?

Jeder logisch denkende Mensch kann mir nur zustimmen, dass das automatische gemeinsame Sorgerecht nur für noch mehr Streit auf dem Rücken der Kinder sorgen würde. Können sich die Partner nicht einigen, muss eine eindeutige Regelung vom Gericht getroffen werden. In der Regel werden die Kinder jenem Partner zugesprochen werden, der oder die in den ersten Lebensjahren den intensiveren Kontakt zu den kleinen hatte. Das werden meistens die Frauen sein, weil noch immer mehrheitlich die Frauen in Karenz gehen.

Es gibt natürlich Fälle, bei denen die Kinder der Mutter oder dem Vater zugesprochen werden, und sich im Nachhinein herausstellt, dass dies nicht die beste Lösung für die Kleinen ist. Doch ein gerichtlicher Antrag zur Übertragung des Sorgerechts ist auch jetzt schon möglich. Da entscheiden dann Gutachter und Richter, aber nicht Politiker.

Uneheliche Kinder

Manche Extremisten fordern gar das automatische gemeinsame Sorgerecht für uneheliche Kinder. Das ist natürlich so realistisch wie dass sich plötzlich alle Autofahrer an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten. Wie soll das funktionieren? Will eine Frau nicht, dass auch der Vater das Sorgerecht bekommt, würde es ihr wohl nicht schwer fallen, dessen Identität zu verheimlichen. Leidtragende wären in diesem Fall die Kinder, die um Alimente umfallen und daher ein größeres Armutsrisiko aufweisen.

Zankapfel Besuchsrecht

In Wahrheit geht es in der ganzen Diskussion gar nicht um das Sorgerecht. Ich glaube gar nicht, dass so viele Väter unbedingt das gemeinsame Sorgerecht haben wollen. In Wahrheit geht es um das Besuchsrecht für ihre Kinder. Immer öfter verweigert ein Ex-Partner (meist die Frau) dem anderen (meist dem Mann) das eigentlich gerichtlich vereinbarte Besuchsrecht. Zurück bleiben frustrierte Väter, die den Kontakt zu ihren Kindern halten wollen, was aber vereitelt wird.

Bei kleinen Kindern reicht oft schon ein halbes Jahr Hinhaltetaktik, um ein Kind seinem Vater zu entfremden. Kommt es dann doch zu einem Besuch „fremdelt“ das Kind, was die Mutter als Beweis ansieht, dass das Kind den Vater nicht will. Es folgen Anträge bei Gericht auf Änderung oder sogar Aufhebung des Besuchsrechts. Das ist für beide Seiten zermürbend und endet oft in einem abgebrochenen Kontakt.

Vielleicht sollte man daher eher über ein automatisches, gesetzlich geregeltes Besuchsrecht nachdenken. Das sollte dann endlich auch für uneheliche Kinder verankert werden. Hier sollte es auch kurzfristig anzuordnende Sanktionen geben. Man könnte beispielsweise bei Verweigerung des Besuchsrechts die Alimente auf ein Treuhandkonto einzahlen, das erst bei Volljährigkeit an die Kinder direkt ausbezahlt wird, um Eltern finanziell unter Druck zu setzen.

Kinder haben tatsächlich das Recht auf beide Eltern. Aber Kindern ist es egal, wer jetzt die Obsorge hat. Wichtig ist ihnen, den Kontakt zu beiden Elternteilen zu halten. Und das sollte das wesentliche Ziel des Gesetzgebers sein.