Sieg für Sigrid Maurer

Nun wird Sigrid Maurer also vom Lokalbesitzer geklagt. Wahrscheinlich wird sie den Prozess verlieren, aber am Ende doch gewinnen.

Was ist vorgefallen? Sigrid Maurer, Ex-ÖH-Vorsitzende und Ex-Abgeordnete der Grünen ist auf ihrem Arbeitsweg vor einem Bierlokal „deppert angeredet“ worden. Kurz darauf wurden vom persönlichen Account sexuell anzügliche Nachrichten an Sigi Maurer geschickt, die auf den Vorfall auf der Straße Bezug nehmen. Diese Nachrichten veröffentlichte Sigi Maurer auf ihrem Facebook-Profil.

Wer auch immer Urheber dieser Nachrichten war, dass Sigi Maurer diese Person als Arschloch bezeichnet, scheint mir gerechtfertigt. Solche Äußerungen sind erniedrigend und nur in ganz wenigen Zusammenhängen zu rechtfertigen, sicher aber nicht in diesem.

Doch auch die Veröffentlichung privater Nachrichten durch Sigi Maurer ist moralisch fragwürdig. Es ist verständlich, dass das Passieren dieses Geschäfts für sie unangenehm ist. Doch die Nachrichten auf Facebook kann man auch einfach ignorieren und löschen. Auch ich bekomme als Mann mehrfach in der Woche sexuell aufgeladene Botschaften von mir unbekannten Frauen. Während wir das Spam-Problem bei E-Mail weitgehend gelöst haben, hinkt Facebook leider – wieder einmal – hinterher.

Sigi Maurer behauptet, dass der Inhaber des Geschäfts für beide Vorfälle (jenen auf der Straße und die Facebook-Nachrichten) verantwortlich ist. Ich unterstelle ihr einmal, dass sie bis zu jenem Tag nicht wusste, wer der Inhaber des Geschäfts war. Und ich unterstelle ihr auch, dass sie auch beim Vorfall auf der Straße den Urheber nicht kannte. Erst als sie die private Nachricht erhielt, zählte sie eins uns eins zusammen und beschuldigte den Geschäftsinhaber.

Albert L. (der Geschäftsinhaber) will aber in keinen der Vorfälle involviert sein. Er behauptet, dass sein PC offen stand und jeder im Geschäft die Nachricht von seinem Account geschickt haben könnte. Wenn das wahr ist, ist natürlich auch der Schluss von Sigrid Maurer, dass Albert L. für den Vorfall auf der Straße verantwortlich ist, falsch.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass man auf jeden Fall Verantwortung für Nachrichten von seinem PC trägt, wenn man so grob fahrlässig agiert und den PC anderen Personen zur Verfügung stellt, während man angemeldet ist. Zumindest ich persönlich teile diese Ansicht. Nichtsdestotrotz kann man den Account-Inhaber aber nicht gleichzeitig beschuldigen, für einen anderen Vorfall verantwortlich zu sein, nur weil die beiden Vorfälle in zeitlichem Zusammenhang stehen. Da ist Sigi Maurer wahrscheinlich zu weit gegangen.

Sigi Maurer setzt für ihre persönliche Psychohygiene die wirtschaftliche Existenz eines Mannes auf’s Spiel. Das ist nur zulässig, wenn man sich halbwegs sicher ist, dass der Mann sich tatsächlich so massiv fehl verhalten hat. Ein offen stehender PC ist dafür sicher nicht ausreichend. Hand auf’s Herz: Wer hat noch nie vergessen, seinen PC zu sperren? Wer hat noch nie seinen PC einem Bekannten oder Kollegen kurz überlassen?

Dass Albert L. Sigrid Maurer nun wegen Ruf- und Kreditschädigung klagt, ist daher nur logisch. Ich würde das in seiner Situation wohl auch tun. Wenn Sigi Maurer keine Zeugen für den Vorfall auf der Straße hat und nicht beweisen kann, dass Alber L. höchstpersönlich die obszönen Nachrichten verschickt hat, wird sie den Prozess wohl verlieren.

Sigrid Maurer nennt als Grund für die Veröffentlichung der Nachrichten, dass es juristisch keine andere Möglichkeit gibt, sich dagegen zu wehren. Und genau deshalb gehen sie und alle anderen Frauen auf jeden Fall als Sieger aus dem Vorfall, auch wenn der Prozess verloren geht. Denn jedem bürgerlich und progressiv denkenden Menschen wird nun klar, dass hier eine Gesetzeslücke klafft. Die Diskussion ist eröffnet. Und selbst unsere reaktionäre Regierung hat begriffen, dass hier ein gesellschaftliches Bedürfnis besteht und will die Lücke schließen.

Auch wenn Sigi Maurer eindeutig Grenzen überschritten hat und vielleicht nicht absehen konnte, welche Folgen ihr Handeln haben wird, es ist ihr zu gratulieren. Auch Rosa Parks wusste wahrscheinlich nicht, dass sie mit einer Gesetzesverletzung die Gesellschaft positiv verändern würde.

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