Der Schmäh von der angeblich so attraktiven Mindestsicherung

Die Regierung reformiert die Mindestsicherung. Ziel ist es, Arbeit wieder attraktiv zu machen. Sie argumentiert damit, dass vor allem kinderreiche Familien mehr Geld aus der Mindestsicherung bekommen können als so manch arbeitende Familie.

Vor einigen Tagen hat Bundeskanzler Sebastian Kurz in der ZiB2 mit Rechenbeispielen aufhorchen lassen, in denen die Familie eines Verkäufers mit drei Kindern auf nur 2.500 Euro netto kommt, inklusive Familienbeihilfe, wohingegen eine vergleichbare Familie in Wien rund 2.600 Euro Mindestsicherung. Die Kleine Zeitung hat bereits vorgerechnet, dass die Argumentation so nicht stimmt:

  1. Wenn eine Familie weniger verdient, als die Mindestsicherung ausmachen würde, kann sie eine sogenannte Aufstockung beantragen. Sie bekommt dann die Differenz ebenfalls als Mindestsicherung ausbezahlt.
  2. Nach dem neuen Modell könnte die Mindestsicherungsfamilie in Wien sogar auf über 2.700 Euro kommen.

Zwar würde dank Familienbonus auch die arbeitende Familie auf knapp über 2.700 Euro kommen, und zwar sogar ohne Aufstockung, aber das erklärte Ziel, einen deutlichen Einkommensabstand zwischen der arbeitenden Familie und den Mindestsicherungsbeziehern zu schaffen, wird damit klar verfehlt.

Mindestsicherung ist keine Hängematte

Das Rechenbeispiel ist aber noch aus einem anderen Grund falsch. Es existiert nämlich keine Wahlfreiheit zwischen dem Bezug von mindestsichernden Leistungen und der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit.

Im Kurz’schen Rechenbeispiel hat sich die Frau des Verkäufers (warum eigentlich ausgerechnet die Frau und nicht der Mann?) aktiv dafür entschieden, „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. Sie steht also dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Würde das Paar mit oder ohne Kinder Mindestsicherung beziehen, müssten beide Bewerbungen schreiben und an Schulungen oder sonstigen „aktivierenden Leistungen“ des AMS teilnehmen. Ein alleiniges Dasein als Hausfrau und Mutter ist somit nicht möglich.

Richtig gerechnet

Das Rechenbeispiel müsste also folgendermaßen lauten:

Variante 1

In der Mindestsicherungsfamilie entscheidet sich die Frau ebenfalls für ein Dasein als Hausfrau und Mutter und steht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Statt rund 1.300 Euro Mindestsicherung für Paare erhält nur mehr der Mann rund 860 Euro als Alleinstehender (in Wien). Somit reduziert sich die Leistung aus der Mindestsicherung für die Familie um rund 430 Euro. Die Mindestsicherung für die Kinder bleibt gleich.

Die Rechnung lautet nun also rund 2.170 Euro für die Mindestsicherungsfamilie gegenüber immer noch rund 2.500 Euro für die Familie mit mindestens einem voll arbeitenden Elternteil. Die monatliche Differenz von rund 430 Euro summiert sich im Jahr auf über 5.000 Euro. Um dieses Geld kann die Familie einen netten Urlaub verbringen.

Variante 2

Die Frau entscheidet sich doch dafür, zumindest Teilzeit arbeiten zu gehen statt sich vom AMS schikanieren zu lassen. Das Mindestgehalt im Handel beträgt laut Kollektivvertrag 1.533 Euro brutto im Monat bei Vollzeit. Arbeitet die Frau 50 % Teilzeit, also rund 20 Stunden in der Woche, hat die Familie inklusive 13. und 14. Bezug  rund 760 Euro zusätzlich im Monat zur Verfügung. Im Jahr sind das über 9.100 Euro. Da geht sich auch noch ein zweiter Urlaub locker aus.

Und um lediglich die Differenz zur vollen Mindestsicherung aus Variante 1 zu verdienen, also rund 5.000 Euro im Jahr, müsste die Frau nur etwas über 9 Stunden in der Woche arbeiten. Diese Arbeitsleistung sollte auch mit einem vierjährigen Kind kein großes Problem darstellen.

Noch mehr Gründe für die Arbeit

Dazu kommen noch andere Faktoren, die Arbeit attraktiv machen. Ich will hier erst gar nicht auf die soziale Komponente eingehen, dass ein regelmäßiger Tagesrhythmus, der Kontakt mit Kollegen und Kunden und so weiter Menschen zufriedener und glücklicher macht. Es gibt auch handfeste materielle Gründe, die für die Erwerbsarbeit sprechen. Die hier angeführten Gehälter beziehen sich ausschließlich auf Berufsanfänger. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten auch in nicht üppig bezahlten Branchen zusätzliches Einkommen zu generieren. Zusätzlich zu den jährlich von der Gewerkschaft ausgehandelten Gehaltserhöhungen, die unter anderem die Inflation abdecken, gibt es in allen Kollektivverträgen Vorrückungen mit zunehmender Berufserfahrung. Im Handel ist das zum Beispiel alle 3 Jahre der Fall. Nach 6 Jahren (was im Kurz’schen Rechenbeispiel mit einem zehnjährigen Kind nicht unrealistisch erscheint) liegt das Mindestgehalt im Handel schon rund 100 Euro höher.

Wir sprechen dabei aber immer von völlig unqualifizierten Angestellten. Bei einem Lehrabschluss beträgt sch das Anfangsgehalt rund 100 Euro mehr. Nach 13 Dienstjahren (bei einem zehnjährigen Kind wie im Kurz’schen Rechenbeispiel nicht unrealistisch) verdient man im Handel schon rund 2.000 Euro. Die Möglichkeit, Zusatzqualifikationen zu erwerben, um beispielsweise eine Filialleitung zu übernehmen, sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. Mögliche Überstunden habe ich auch noch nicht berücksichtigt.

Auch über den Vermögenszugriff muss gesprochen werden. Die arbeitende Familie kann so viel ansparen, wie sie will, während die Mindestsicherungsbezieher ihr Vermögen bis auf wenige tausend Euro aufbrauchen müssen. Die Wohnung darf nicht zu groß sein und wer gar Immobilien besitzt, muss diese vorher verkaufen. Auch ein Auto muss in den meisten Fällen verwertet werden.

Arbeit ist auf jeden Fall attraktiver

Die Mär von der angeblich so attraktiven Mindestsicherung ist also nicht aufrecht zu erhalten. Wer Mindestsicherung bezieht, muss dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und kann sich nicht auf eine Rolle als Hausmann und Vater (oder Hausfrau und Mutter) zurückziehen. Schon mit wenig Arbeitsleistung des Partners oder der Partnerin kommen Familien auf erheblich höhere Jahreseinkommen. Gehaltsvorrückungen, Überstunden, Karrieremöglichkeiten und die Ansparmöglichkeiten machen die Arbeit in jedem Fall attraktiver als die Mindestsicherung.

Was bleibt: Schikanen und höhere Kosten

Was bleibt also von der reformierten Mindestsicherung? Migranten werden schikaniert und kinderreiche Familien in die Armut getrieben. Die Chancen, dass diese Kinder jemals aus der Rolle als Leistungsempfänger entkommen können, wird damit sicher nicht erhöht. Positiv sind lediglich der Freibetrag für Zusatzverdienst und der entschärfte Vermögenszugriff insbesondere auf Immobilien zu werden, der vor allem am Land die Schwelle absenkt die Mindestsicherung zu beantragen. Billiger wird das System dadurch wohl nicht werden.

Hurra, ich werde reich!

Mit fast einem Jahr Verzögerung kommt diesmal der schon traditionelle Bericht, wie gut das staatlich verordnete Zwangssparen (auch bekannt als Selbständigenvorsorge) läuft. Zur Erinnerung: Selbständige sind gezwungen, 1,53 % der Beitragsgrundlage (also des Bruttogewinns) an die Sozialversicherung zu bezahlen, die dieses Geld an private Investoren weiterreicht. Theoretisch erwerbe ich dort einen Anspruch auf eine „Abfertigung“. Bei Unselbständigen existiert ein ähnliches System als „Abfertigung neu“. Faktisch handelt es sich um ein staatlich gefördertes Zwangssparen. Gefördert deshalb, weil diese Beiträge steuermindernd wirken.

In den vergangenen Jahren waren die Veranlagungsergebnisse sehr mager. Ein Großteil des Ertrags ist in Verwaltungskosten verpufft. 2012 sah die Sache bei mir etwas erfreulicher aus. Mit einem satten Veranlagungsertrag von 3,87 % lag die Vorsorgekasse deutlich über allen anderen Sparformen.

Doch es hätte erheblich mehr sein können. Mehr als 8 % des Ertrags verpuffte für die Verwaltung. Anders ausgedrückt, wäre der Ertrag ohne die exorbitanten Verwaltungskosten bei 4,21 % gelegen, also um 0,34 Prozentpunkte höher.

Zieht man über die letzten 5 Jahre Bilanz, ergibt sich ein mittlerer Ertrag von 1,35 %. Je nach Einkommen darf man dann noch eine geringe Steuerersparnis dazu rechnen. Die Inflationsrate lag jedoch in allen Jahren darüber. Vergleicht man mit anderen Anlageformen, die eine Mindestbindung von 3 Jahren haben, fällt der Ertrag trotzdem äußerst gering aus. Selbst zum derzeit extrem niedrigen Zinsniveau erhält man für eine Bindung von 3 Jahren bei guten und sicheren Anlageformen doch über 2 % Zinsen. Das kann auch die Steuerersparnis nicht wettmachen.

Das Fazit fällt also nach wie vor ernüchternd aus. Vom staatlich geförderten Zwangssparen profitieren durch exorbitante Verwaltungskosten vor allem die privaten Vorsorgekassen und die Finanzmärkte.

Blaue Chaotenpartie

Neben Arbeitsplätzen und dem nebulösen Thema „Wirtschaft“ war ja ein gesetzlicher Mindestlohn ein wichtiges Thema im ausklingenden Wahlkampf.

SPÖ (Projekt 19) und Grüne fordern ja einen Mindestlohn von € 1.500 brutto, wobei die Grünen das gerne gesetzlich verankert hätten, während die SPÖ auf Kollektivveträge setzt. Das BZÖ scheint auch für einen gesetzlichen Mindestlohn von € 1.500 zu sein, auch wenn man da in den Archiven schon etwas weiter zurückblättern muss. Das Team Stronach hat bei dieser wichtigen Fragen – wie so oft – gar keine Meinung und die ÖVP will von einem solchen Mindestlohn nichts wissen, weil er angeblich Arbeitsplätze vernichten könnte.

Die blaue Chaotenpartie rund um die Sprechpuppe H. C. hingegen kann sich selbst bei so einer Frage nicht auf eine einheitliche Linie einigen. Im Sinne von „mehr geht immer“ übertrifft man die anderen Parteien und fordert auf der Webseite der FPÖ Wien gleich € 1.600 Mindestlohn und das übrigens schon im Jahr 2010! „Nur“ ein halbes Jahr später kommt die Antwort aus Vorarlberg: Mindestlohn nur im Gesamtpaket. Hier wird ähnlich wie bei der ÖVP argumentiert, dass ein Mindestlohn den Wirtschaftsstandort schwächen und Arbeitsplätze kosten würde.

Dass bei der FPÖ die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut (z. B. drei Bier bestellen), ist ja nichts Neues. Dass aber der blaue Weihnachtsmann H. C. im TV auch noch eine Mindestpension von € 1.200 gefordert hat, schießt den Vogel ab. € 1.200 wären nämlich exakt 75 % vom Letztgehalt. Dank der FPÖ-Pensionsreformen liegt aber die durchschnittliche ASVG-Pension bei nur 60 % des Letztgehalts. Dass die gleiche FPÖ eine abschlagsfreie Pension erst nach 45 Beitragsjahren fordert, wird die Pension auch nicht gerade erhöhen.

Damit wir einmal mehr klar: H. C. hat seine eigene Partei nicht im Griff. Und rechnen können die blauen auch nicht. Das einzige, was sie können, ist den Menschen das Blaue (Wunder) vom Himmel versprechen. Darauf sollte sich aber niemand verlassen.

Freies WLAN in Wien – wer braucht so etwas?

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Gestern hat die Junge Generation Wien der SPÖ eine Petition und Kampagne gestartet, die den flächendeckenden Ausbau von kostenlosem WLAN in Wien fordert. Diese Forderung kommt um mindestens 10 Jahre zu spät und schadet mittlerweile mehr als sie nutzt. Dabei ist die JG Wien nicht einmal die erste politische Organisation, die freies WLAN in Wien fordert. Sowohl die JVP als auch die Grünen sind damit schon in den Wahlkampf 2010 gezogen.

Ich bin seit fast 20 Jahren im „Computer“-Geschäft tätig. Fast ebenso lange verfüge ich über einen Internet-Zugang. Begonnen habe ich mit einem Modem mit 14,4 kb/s, Bit nicht Byte. Ich hatte damals fallweise Telefonrechnungen in der Höhe der Miete einer Gemeindebauwohnung. Nach einem Umzug war ich Mitbegründer eines Vereins, der in meinem Wohnhaus den Bewohnern kostengünstiges und schnelles Internet zur Verfügung gestellt hat, lange bevor Internet über Telekabel, ADSL & Co flächendeckend verfügbar war. Ich nutze PDAs, SmartPhones und ähnliche Geräte seit 1997, also einer Zeit, als es diese Begriffe in den Medien noch kaum verwendet wurden.

Warum kommt die Forderung zu spät?

Mobiles Internet ist in Österreich mittlerweile billig und flächendeckend für jeden verfügbar.  Die starke Konkurrenz unter den Netzanbietern hat auch im internationalen Vergleich zu niedrigen Preisen geführt. Ein Datenvertrag mit 1 GB Volumen ist bei mehreren Anbietern bereits für 4 Euro im Monat verfügbar, dem Preis eines Hamburgers. Drei bietet sogar einen komplett kostenlosen Datenvertrag an, der 20 MB pro Tag inkludiert. Um nur 2 Euro zusätzlich kann man innerhalb einer Woche sogar 1 GB übertragen.

Gerne wird argumentiert, dass es in vielen anderen Städten kostenloses WLAN gibt. Das ist vor allem in den USA der Fall. Diese Städte haben aber teilweise schon vor 10 Jahren begonnen, diese Infrastruktur aufzubauen, zu einer Zeit, als schnelles Internet über Mobilfunknetze noch lange nicht flächendeckend verfügbar war. Kaum eine dieser Städte würde ähnliches heute noch einmal durchziehen.

Wem nützt kostenloses WLAN?

Die SPÖ will und soll sich ja vor allem für die sozial schwachen einsetzen. Doch würden diese tatsächlich von kostenlosem WLAN profitieren? Tablets, mit denen sich kostenloses WLAN gut nutzen ließe, kosten mindestens € 200. Das ist für Lehrlinge, Studenten und wenig verdienende junge Erwachsene durchaus ein größerer Batzen Geld. Viele können und wollen sich solche Geräte nicht leisten. Für die gut verdienende Mittel- und Oberschicht hingegen sind solche Geräte ein Mitnahme-Artikel. Es ist daher einleuchtend, wer kostenloses WLAN wohl stärker nutzen würde.

Um kostenloses WLAN in Wien flächendeckend anzubieten, bräuchte man rund 4 000 Hotpots. Bei angenommenen Kosten von rund 2.000 Euro pro Hotspot. Würden alleine die Investitionskosten rund mindestens 8 Millionen Euro ausmachen. Um das gleiche Geld könnte man jedem Wiener Volksschüler zum Schuleintritt einen Computer schenken. Update: Alleine das freie WLAN auf der Donauinsel hat 650.000 Euro gekostet. Die abgedeckte Fläche beträgt dabei rund 0,4 km². Hochgerechnet auf die Fläche von Wien würde ein flächendeckendes WLAN somit die astronomische Summe von 650 Millionen Euro kosten, ungefähr die dreifache Summe der für 2013 veranschlagten Wohnbauförderung.

Welche Auswirkungen hätte kostenloses WLAN?

Doch betrachten wir einmal nicht nur die Kosten. Wie würde sich ein kostenloses WLAN auf die Stadt und auf Österreich auswirken? Zweifellos wäre ein kostenloses WLAN in Wien eine große Konkurrenz für die Mobilfunkbetreiber. Diese erzielen heute einen großen Teil ihres Umsatzes mit Datenverträgen und das zu einem großen Teil in Wien. Es besteht wohl kein Zweifel, dass ein großer Teil dieses Geschäfts wegfallen würde. Da die Infrastruktur aber vorhanden ist und aufgrund gesetzlicher Verpflichtungen auch erhalten werden muss, würde das zu massiven Tariferhöhungen führen. Gleichzeitig würden die Investitionen in die Verbesserung des Netzes deutlich abnehmen. Wer würde also indirekt für das freie WLAN in Wien zur Kasse gebeten werden? Die österreichische Bevölkerung außerhalb Wiens.

Aber würde freies WLAN nicht die Bürgerrechte und damit die Demokratie stärken? Mitnichten! Ein zentrales, öffentlich betriebenes WLAN erlaubt es, Bürger zu überwachen, Inhalte zu sperren oder auch im Anlassfall diesen Zugang komplett zu deaktivieren. Wenn erst einmal genügend Bürger das freie WLAN nutzen, werden die feuchten Träume der Datenschnüffler in Polizei und Justiz Realität. Aber auch Regierungen könnten einfach die Abschaltung des Zugangs verfügen. Das ist bei privat betriebenen Internet-Zugängen nicht so einfach möglich.

Dass Überwachung und die Sperre von Inhalten in Wien bereits Realität sind, zeigt das Pilotprojekt des Gratis-WLANs auf der Donauinsel. Nutzer müssen sich mit Handy-Nummer registrieren, was man so im Internet treibt wird dank Vorratsdatenspeicherung 6 Monate lang aufbewahrt und obendrauf werden auch noch nicht näher spezifizierte Inhalte einfach gesperrt. Stolz ist Wien auch auf die standortbezogenen Informationen, die darauf hindeuten, dass auch die Bewegungsdaten der Nutzer protokolliert und gespeichert werden. Die Nominierung von Vize-Bürgermeisterin Maria Vassilakou für den Big Brother-Award war somit hochverdient.

Schließt freies WLAN die digitale Lücke?

Das Internet ist heute zweifellos eine wichtige Informationsquelle. Ich teile die Meinung der Jungen Generation, dass der Zugang zum Internet ein Bürgerrecht sein sollte. Doch was sind die Gründe, dass Menschen nach wie vor das Internet nicht nutzen? Sind es tatsächlich die Zugangskosten? Ich behaupte hier: nein!

4 Euro im Monat sind selbst für Empfänger der Mindestsicherung ein überschaubarer Betrag. Doch um Zugang zum Internet zu erlangen, braucht es mehr als den reinen Zugang. Man braucht einen Computer, ein Smartphone oder Tablet und das nötige Wissen. Mindestsicherungsbezieher bekommen problemlos Zuschüsse, wenn der Fernseher oder die Waschmaschine den Geist aufgibt. Aber für einen Computer bezahlt das Sozialamt nichts. Man kann ja schließlich öffentliche Terminals z. B. in Bibliotheken nutzen. Die Barriere zur Nutzung derartiger Angebote ist aber aber unvergleichlich hoch.

Ist freies WLAN sozialdemokratisch?

Einen Dienst öffentlich zu betreiben, der von privater Seite bereits kostengünstig und zufriedenstellend angeboten wird, darf keine sozialdemokratische Forderung sein. Kommunisten würde das gut zu Gesicht stehen, weil diese ja Privateigentum grundsätzlich ablehnen, für die Verstaatlichung aller Wirtschaftsbetriebe eintreten und gegen anti-demokratische Tendenzen alles andere als immun sind. Aber sozialdemokratische, christlich-soziale und links-ökologische Bewegungen sollten solche Forderungen nicht stellen.

Vielmehr sollte die Sozialdemokratie sich dafür einsetzen, dass bestehende Barrieren zur Nutzung des Internets abgebaut werden. So sollten Zugangsgeräte für sozial bedürftige finanziert werden. Aber auch in die Bildung aller Bevölkerungsschichten sollte verstärkt investiert werden.

Ein zeitgemäßer Informatik-Unterricht ab der Sekundarstufe spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn Gegenstände wie Bildnerische Erziehung, Werken oder Latein in Schulen breiteren Raum einnehmen als die Kulturtechnik EDV, darf man sich nicht wundern, wenn die digitale Lücke immer weiter aufgeht.

Fazit

Ein öffentlich betriebenes, freies WLAN ist eine sinnlose Geldverbrennungsaktion, die vor allem Besserverdienern nützt und potentielle Gefahren für die Demokratie mit sich bringt.

Krankenstände häufen sich an Montagen – ist ja logisch!

Ich lese gerade im Kurier, dass der Wirtschaftsbund-Generalsekretär Hauben fordert, dass der erste Krankenstandstag nicht mehr bezahlt werden solle. Obwohl er es nicht klar ausspricht, unterstellt er Arbeitnehmern pauschal, dass viele Kurzzeit-Krankenstände (unter 3 Tagen) nicht gerechtfertigt seien. Besonders hebt er hervor, dass sich die Krankenstände an Montagen häufen.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie wenig Ahnung von Mathematik Vertreter der Wirtschaft haben. Denn hätte Hauben von Mathematik eine Ahnung, wäre es auch für ihn logisch, dass sich Krankenstände an Montagen häufen müssen.

Die Natur kennt bekanntlich keine Wochentage. Während die meisten Arbeitnehmer Montag bis Freitag arbeiten, arbeitet die Natur 7 Tage in der Woche. Auch Schnupfenviren und Bakterien. Man kann also davon ausgehen, dass sich die Zahl der Krankheitsausbrüche gleichmäßig auf die Wochentage verteilt. Da aber Samstag und Sonntag nur wenige Arbeitnehmer arbeiten, werden Krankheitsausbrüche an diesen Tagen nicht gemeldet, sondern eben erst am darauffolgenden Montag. An Montagen müsste es daher rein statistisch dreimal so viele Krankmeldungen geben, wie an allen anderen Wochentagen.

Tatsächlich liegt die Zahl der Krankmeldungen an Montagen zwar deutlich höher als an anderen Wochentagen, ist aber weit von dreimal so hohen Werten entfernt. Das wirft die Frage auf, ob Peter Hauben mit diesen mangelhaften Mathematik-Kenntnissen wohl die Lehrabschlussprüfung geschafft hätte.

Die unsoziale Sozialversicherung des Selbständigen

Die Tageszeitung Kurier berichtet in ihrem heutigen Top-Thema von Armutsgefährdung der Selbständigen durch die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA).

Laut SVA-Jahresbericht wurden 2010 fast 20 % der Versicherten gemahnt und fast jeder zehnte exekutiert, das waren 33.668 Einzelschicksale. Hauptgrund für diese hohe Zahl dürfte wohl die im Sozialversicherungsrecht einzigartige Mindestbeitragsgrundlage sein.

Egal, wie wenig man durch selbständige Arbeit verdient, man bezahlt auf jeden Fall für rund 650 Euro die Sozialversicherung. Und auch der Beitragssatz ist nicht gerade wenig: 26,68 %, das sind mindestens 184,43 Euro. Zum Leben bleiben da gerade einmal 487,59 Euro übrig. Eine kleine Erleichterung gibt es in den ersten drei Jahren der Selbständigkeit, beträgt da der Mindestbeitrag nur 151,73 Euro.

Kein Wunder, dass ein Großteil der Mindestsicherungsempfänger Selbständige sind. Immerhin haben Selbständige ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Unselbständige und das Median-Einkommen ist um ein Drittel geringer als bei Arbeitnehmern. Laut der Facebook-Gruppe Amici delle SVA, einem Zusammenschluss von Selbständigen, die die Ungerechtigkeiten in der gewerblichen Sozialversicherung bekämpfen wollen, ist die SVA für die Hälfte aller Unternehmer-Konkurs verantwortlich.

Bei normalen Arbeitern und Angestellten gibt es hingegen keine Mindestbeitragsgrundlage. Zudem sind die Versicherungsprämien mit maximal 18,20 % auch weit geringer. Einem Arbeiter mit 650 Euro Bruttogehalt bleiben so mit 531,70 Euro gut 44 Euro im Monat mehr zum Leben als einem Selbständigen.

Dazu kommt, dass Selbständige im Gegensatz zu Arbeitnehmern für Arztbesuche trotz der höheren Beiträge zusätzlich noch 20 % Selbstbehalt bezahlen müssen. Das kann sich zusätzlich noch auf einige hundert Euro im Jahr summieren.

Das eklatante Ungleichgewicht zeigt sich auch, dass die SVA 33 % der Einkünfte aus den Beiträgen der niedrigsten Einkommen lukriert. Durch die Höchstbeitragsgrundlage tragen Topverdiener hingegen nur mit 12 % der Beiträge zur Sozialversicherung bei.

Durch das Sparpaket der Regierung wird die Lage noch zusätzlich verschärft, ist doch geplant, den Pensionsbeitrag für Selbständige um einen Prozentpunkt anzuheben, was noch einmal 78,58 Euro weniger zum Leben für Selbständige bedeutet. Im Gegenzug ist die geplante Absenkung der Mindestbeitragsgrundlage wieder vom Tisch.

Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leite, der auch SVA-Obmann ist und als solcher eigentlich die Interessen der Selbständigen vertreten sollte, meint dazu nur: „Man muss sich schon durchbeißen.“. Weiß er, dass 55,6 % der Mitglieder Ein-Personen-Unternehmen sind? Vielleicht merkt er es bei den nächsten Wahlen.

Vorsorgekassen: Enteignung zugunsten der Finanzwirtschaft

Dieser Artikel begründet nun fast schon so etwas wie eine jährlich wiederkehrende Tradition. Gestern habe ich wieder einmal das jährliche Informationsschreiben der Vorsorgekasse erhalten, an dich zwangsweise 1,45 % meines Einkommens abführen darf. Über die Hintergründe und die Performance in den vergangen Jahren habe ich schon letztes Jahr im Artikel Staatlich verordnetes Zwangssparen inklusive Kapitalvernichtung ausführlich geschrieben.

Heuer kommt noch ein neuer Aspekt hinzu: Bisher konnte man noch argumentieren, dass der Gesamtbeitragssatz in der Sozialversicherung durch das Zwangssparen nicht gestiegen ist, da ja die Krankenversicherungsbeiträge 2008 um 1,45 % gesenkt wurden. Doch dank „Stabilitätspakt 2012“ wird der Pensionsbeitrag in der Versicherung der Selbständigen um einen Prozentpunkt angehoben. Somit zahlen Selbständige ab 2013 die höchsten Sozialversicherungsbeiträge in der Geschichte. Und 1,45 % davon gehen direkt in die Taschen der Finanzwirtschaft, die damit wild herum spekulieren und die Realwirtschaft nachhaltig beschädigen darf.

Die Rendite

Schon 2011 kritisierte ich die mehr als mangelhafte Rendite. Und auch in diesem Jahr hat sich nichts an der Ertragslage verbessert.

Im Jahr 2011 betrug die Nettorendite der BAWAG Allianz Vorsorgekasse sage und schreibe -1,05 %. Ja, Sie lesen richtig: minus eins Komma null fünf Prozent. Wieder einmal ein Vergleich mit einem täglich fälligen Sparkonto bei der BAWAG-Gruppe: Mit Ende 2011 zahlte dieselbe Bank da 1,85 % Zinsen. Selbst nach Abzug der KESt bleiben da noch 1,35 % übrig. Der Ertrag ist also im mehr als 200 % höher.

Rendite in der BAWAG Allianz Vorsorgekasse im Vergleich zu easybank Zinsmax Sparkonto

Dass auch die angebliche Kapitalgarantie nichts wert ist, zeigt sich bei einer detaillierten Auswertung. In 4 Jahren habe ich um fast 1 % mehr einbezahlt, als mir die Vorsorgekasse garantiert. Die gar nicht so geringe Inflation habe ich da noch gar nicht berücksichtigt.

Was lernen wir daraus?

So sieht also neoliberalerechtskonservative Wirtschaftspolitik aus: Wir ziehen das Geld der Realwirtschaft aus den Taschen um es der Finanzwirtschaft steuerbegünstigt in den Rachen zu werfen. Wären alle Selbständigen dazu verpflichtet, 1,45 % ihres Einkommens in österreichische oder europäische Staatsanleihen zu investieren, hätten wir wohl keine Staatsschuldenkrise. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass auf die Zinserträge auch noch 25 % KESt anfallen würden, sieht man erst recht den Treppenwitz: Der Staat entzieht nicht nur den Unternehmen Geld, sondern sich selbst auch. Die 1,45 % verringern die Steuerbasis für die Einkommensteuern, die (fiktive) Rendite in der Vorsorgekasse ist steuerfrei und ich habe als Selbständiger weniger Geld in der Tasche. Das Geld fließt also wie auf einer schiefen Ebene in Richtung Finanzwirtschaft.

Erich Foglar: „Es gibt keine Generalregelung für prekäre Arbeitsverhältnisse“

Foto: ÖGB/Christina Häusler

Erich Foglar ist seit 2008 geschäftsführender und seit 2009 gewählter Präsident des ÖGB. Am 26. Mai 2011 konnten ihm unter anderen Regina Riebl, Tilak de Silva, Jacqueline Promont und ich im Rahmen einer SPÖ-internen Veranstaltung einige Fragen zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse zu stellen. Mit freundlicher Genehmigung seiner Pressestelle veröffentliche ich hier Teile dieses Gesprächs im Rahmen meines Schwerpunkts „Prekariat“.

Roman Korecky: Wie will die Gewerkschaft prekäre Arbeitsverhältnisse wie ungewollte Teilzeit, befristete Arbeitsverhältnisse mit Kettenverträgen, wie sie im öffentlichen Dienst besonders stark zum Einsatz kommen, freie Dienstnehmer, unechte Selbständigkeit. Kann das durch das neue Lohn- und Sozialdumpinggesetz auch bekämpft werden?

Erich Foglar: Das ist kein geeignetes Werkzeug dagegen. Prekär steht für ungesichertes Arbeitsverhältnis, die also nicht normalen Regelungen und Schutzbestimmungen unterliegen. Da sind zum Beispiel die „Leiharbeiter“, die erste Form von prekärer Arbeit, die von den Gewerkschaften in den 1970er-Jahren total bekämpft wurde. Da war der Tenor, das ist moderne Sklaverei, das lehnen wir total ab. Da haben wir uns aber nicht durchgesetzt. Daher haben wir uns nach langer, gewerkschaftsinterner Diskussion dazu durchgerungen, dass wir es doch gesetzlich regeln sollten und haben das Arbeitskräfteüberlassungsgesetz gemacht. Dann haben die Gewerkschaften gesagt, dass das reicht. Einen Kollektivvertrag machen wir dort nicht, sonst würden wir das ja anerkennen und so weiter. Dann ist diese Branche gewachsen und viele Arbeitsplätze wurden dort geschaffen. Wir erkannten dann, wenn wir das nicht mit einem Kollektivvertrag regeln, haben wir einen riesengroßen ungeregelten Bereich, der Druck auf Stammbelegschaften ausübt. Wir haben dann gegen die Unternehmen eine regelrechte gerichtliche Klagen-Kampagne durchgeführt, die den ortsüblichen Lohn gemäß den gesetzlichen Bestimmungen einklagte, dass die Unternehmen bereit waren, einen Kollektivvertrag abzuschließen. Heute haben wir einen der besten Zeitarbeiter- und Zeitarbeiterinnen-Kollektivverträge, die es europaweit gibt vor allem durch die Regelung zum ortsüblichen Lohn und mit Referenzzuschlägen. Auf diesem Sektor sind wir zum Beispiel Deutschland meilenweit voraus. Das zeigt den Weg auf, wie man mit dem Problem prekäre Arbeitsverhältnisse umgehen kann. Denn es gibt keine Generalregelung, mit der wir das Problem aller prekären Arbeitsverhältnisse lösen können.

Roman Korecky: Prekär sind aber auch die freien Dienstnehmer.

Erich Foglar: Bei den freien Dienstnehmern gab es keine Sozialversicherungspflicht oder nur eine Teilsozialversicherungspflicht. Wir haben so lange daran gearbeitet, bis wir die freien Dienstnehmer in die volle Sozialversicherungspflicht einbezogen und damit gleichgestellt haben. Aber ist das jetzt noch ein prekäres Arbeitsverhältnis? Zum Beispiel gab es beim BFI beziehungsweise in der Erwachsenenbildung allgemein die Entscheidung des Arbeitsmarktservice, dass wenn bestimmte Merkmale eines normalen Angestelltenverhältnisses erfüllt sind, die Trainerinnen und Trainer anzustellen sind, was diese aber zum Teil gar nicht wollen.

Regina Riebl: Was ist aber der Grund dafür, dass sie nicht angestellt werden wollen? Weil das Einkommen laut Kollektivertrag so gering ist, dass sie einen realen Lohnverlust haben.

Erich Foglar: Das Problem ist, dass wir auf der einen Seite einen immensen Kostenschub bekommen, aber auf der anderen Seite dem auch eine Leistung gegenübersteht. Aber es gibt natürlich auch viele, die ihren Freiraum wollen und ohnehin in einem anderen Verhältnis versichert sind und durch die Trainertätigkeit nur dazuverdienen wollen. Da gibt es viele verschiedene Argumente.

Regina Riebl: Ich weiß von Leuten, die 400 Euro im Monat netto weniger verdienen.

Erich Foglar: Aber warum haben sie netto so viel weniger verdient? Weil mehr Absicherung damit verbunden ist. Das kennen wir seit Jahrzehnten von der Gastgewerbebranche. Ich gebe doch das Trinkgeld nicht an. Ich lasse mich mit dem mindesten Gehalt anstellen und mache das andere schwarz. Aber wenn ich dann krank bin und Krankengeld beziehe, sehe ich dann wie wenig ich bekomme. Und wenn ich dann in Pension bin, sehe ich, was mir an Versicherungszeiten fehlt. Und dann frage ich, warum ich so wenig bekomme, obwohl ich doch mein ganzes Leben lang gearbeitet habe. Wir zahlen alle 18 % vom Lohn für eines der besten Sozialversicherungssysteme, das jetzt gerade in der Krise automatisch stabilisiert hat, sodass die Leute, wenn sie den Arbeitsplatz verlieren, nicht total absacken. Ja, das kostet was. Aber ich habe auch eine ordentliche Leistung dafür. Natürlich ist es furchtbar, wenn ich jetzt 400 netto weniger habe. Aber dann ist es nicht mehr prekär. Wir können daher immer nur von Fall zu Fall definieren, was die unerwünschte Erscheinung ist. Die muss dann gezielt entweder über Gesetze oder über Kollektivverträge bekämpft werden.

Regina Riebl: Aber was ist mit Werksverträgen?

Erich Foglar: Der Werksvertrag ist grundsätzlich kein prekäres Arbeitsverhältnis, weil es sonst keine Selbständigen und Freiberufler gäbe, die das ja wollen. Das ist ein ganz normaler Vertrag. Er wird dann zum prekären Arbeitsverhältnisse, wenn ich reguläre Arbeitsverhältnisse damit verschleiere, also zum Beispiel ein Kellner, der das Werk des Bier- und Speisenaustragens erbringt oder die Trockenbaupartie, die Gipswände aufstellt und alle Selbständige sind. Dann wird es zu einem prekären Arbeitsverhältnis. Das muss man kontrollieren. Das ist einer der wesentlichen Punkte, die wir derzeit auf der Agenda haben. Die Abgrenzung zwischen ordentlichem Arbeitsverhältnis und Werkvertrag ist durch die persönliche Abhängigkeit des Arbeitnehmers vom Arbeitgeber definiert. Das ist mir zu wenig. Um die Scheinwerkverträge zu bekämpfen, müsste die Definition auf die wirtschaftliche Abhängigkeit ausgeweitet werden, was aber eine Gesetzesänderung benötigen würde.

Warum an der Erhöhung des Pensionsalters kein Weg vorbei führt

Da ist sie wieder, unser guter alter Freund, die Pensionsdebatte. Es ist ja kein Geheimnis für die Leser dieses Blogs, dass ich der SPÖ und ihren Positionen sehr nahe stehe, ja sogar Mitglied bin. Nur beim Thema Pensionen bin ich meist nicht einer Meinung mit meinen Parteifreunden.

Zunächst einmal zu den Fakten: In den 1970er-Jahren begannen die meisten Menschen spätestens mit 20 Jahren zu arbeiten, hatten durchgehende Erwerbsbiographien und damit Versicherungszeiten, gingen mit knapp 60 (Frauen) bzw. knapp 65 Jahren (Männer) in Pension und lebten danach im Schnitt noch 5 bis 10 Jahre, wenn es gut ging, vielleicht auch 15 Jahre.

Heute beginnt das Erwerbsleben vieler erst mit 25 Jahren, ist immer wieder von Arbeitslosigkeit unterbrochen, und die meisten Männer und Frauen gehen spätestens mit 57 oder 58 Jahren in Pension. Danach beziehen sie diese Leistung aber im Durchschnitt von 20 Jahre.

Noch ohne den demographischen Faktor zu berücksichtigen (immer weniger Kinder, immer mehr alte Leute), erkennt jeder mit mathematischen Kenntnissen auf Volksschul-Niveau, dass sich die Finanzierung des Systems so nicht ausgehen kann. Nur zur Klarstellung: Natürlich wird es immer Pensionen geben. Schließlich garantiert der Staat dafür. Und der Staat sind wir alle. Aber die Zuschüsse des Staates in das System werden immer höher werden müssen, was das Budgetdefizit weiter ansteigen lässt. Es bleibt dann immer weniger Geld für Investitionen in die Zukunft übrig. Jetzt kann man prinzipiell an 5 Schrauben drehen, um das System wieder finanzierbar zu machen.

Die erste Schraube wäre es, junge Leute schneller ins Erwerbsleben zu integrieren. Dem steht entgegen, dass wir von eben diesen Leuten eine immer bessere Ausbildung verlangen, weil Österreich eben kein Billiglohnland ist. Und Ausbildung braucht Zeit. Zumindest beim Studium könnte man die Bedingungen verbessern, um es zu beschleunigen. Obwohl das prinzipiell wünschenswert ist, wird es das Pensionssystem auch nicht finanzierbarer machen.

Die zweite Schraube ist es, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Darum bemüht sich die Politik seit 40 Jahren jeden Tag. Mal geht das besser, mal schlechter. Eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit wird aber wohl die nächsten Jahrzehnte erhalten bleiben. Auch das wird unser Budget nicht retten.

Die dritte Schraube wäre die Beitragshöhe. Wenn aber ohnehin schon von jedem Euro Personalkosten rund 36 Cent an Sozialversicherungsbeiträgen bezahlt werden und dann noch Lohnsteuer abgezogen wird, würde eine weitere Anhebung nur noch mehr Arbeitsplätze vernichten. Womit sich Schraube 2 wieder lockert.

Die vierte Schraube wäre es, die Pensionshöhe zu reduzieren. Darüber kann man sicher diskutieren. Kurzfristig (das heißt innerhalb der nächsten 20 Jahre) wird man aber aufgrund des Vertrauensgrundsatzes maximal bei den jährlichen Pensionserhöhungen sparen können. Substanzielle Sparmöglichkeiten sehe ich hier kurzfristig nicht.

Bleibt die Schraube Nummer 5: länger Arbeiten. Doch wirksame Maßnahmen werden hier gerade von der SPÖ immer wieder verhindert. Dass die Sozialdemokraten zwar regelmäßig am 1. Mai das Lied der Arbeit intoniert, in der realen Politik aber eher das Recht auf Pension hochhalten, ist wohl vor allem mit den Mitgliederstruktur zu erklären, die mittlerweile zum Großteil aus Pensionisten besteht.

Ich möchte hier ein paar oft gehörte Argumente entkräften, warum das Pensionsalter nicht so einfach angehoben werden kann.

Längeres Arbeiten würde die Jugendarbeitslosigkeit ansteigen lassen.

Auf den ersten Blick scheint dieses Argument durchaus plausibel. Allerdings kämpft die Wirtschaft in einigen Bereichen schon jetzt mit einem Mangel an Fachkräften. Dieses Problem wird sich in den nächsten Jahren durch die nach wie vor geburtenschwachen Jahrgänge weiter verschärfen. Das beste Mittel gegen Jugendarbeitslosigkeit ist immer noch eine gute Ausbildung. Gerade da scheitert der österreichische Staat bei einer nicht unerheblichen Anzahl von Jugendlichen schon seit Jahren. Aber das ist ein anderes Thema. Es mag also sein, dass die Jugendarbeitslosigkeit durch eine Erhöhung des realen Pensionsalters um das eine oder andere Zehntel Prozent ansteigt. Diesen Preis wird die Jugend aber gerne bezahlen, wenn dafür das ersparte Geld in Schulen, Universitäten oder in die Familien fließt.

Viele sind zu krank, um zu arbeiten.

Wer zu krank zum Arbeiten ist, für den gibt es die Invaliditätspension. Ich wäre dafür, diese anzuheben, um jenen, die sich wirklich krank gearbeitet haben, einen menschenwürdigen Lebensabend zu gönnen. Wenn ich jedoch pensionierte Postler sehe, die in „invalide“ am Fußballplatz Jugendmannschaften trainieren, so kann da etwas am System nicht stimmen. Aber auch normale Alterspensionisten, die die Golf- und Tennisplätze unsicher machen, könnten locker noch ein paar Jahre länger arbeiten. Zu krank sind sie dafür sicher nicht.

Es gibt einfach zu wenige Arbeitsplätze für Ältere.

Auf den ersten Blick mag auch das stimmen. Ein hoher Prozentsatz geht direkt von der Arbeitslosigkeit in Pension. Was die Statistik aber verschweigt: Nur wenige davon sind Langzeitarbeitslose. Vielfach wird die Pensionierung durch die Firmen einfach ein paar Monate vorverlegt. Ist ja auch recht kostengünstig, wenn die allgemeine Arbeitslosenversicherung einen nicht unerheblichen Teil des Einkommens für die Frühpensionisten finanziert. Die Differenz wird dann generös von den Unternehmen in Form von „golden Handshakes“ übernommen. Diese Praxis könnte man durch einige wenige gesetzliche Maßnahmen abstellen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn es eine Regressmöglichkeit der Arbeitslosenversicherung bei den kündigenden Firmen gäbe, wenn der ehemalige Mitarbeiter von der Arbeitslosigkeit direkt in die Pension geht?

Es gibt aber noch eine andere Seite der Medaille: Viele klagen darüber, dass wenn sie Ende 40 oder 50 arbeitslos werden, nur schwer eine neue Stellung finden. Vor allem Frauen zählen mit Mitte 40 oft schon zum alten Eisen. Dabei hätten Frauen in diesem Alter für Firmen einen entscheidenden Vorteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie schwanger werden und sich für Jahre der Kindererziehung widmen, ist ab dem 40. Lebensjahr doch schon deutlich niedriger.

Betrachten wir doch einmal das Problem aus Sicht des Unternehmens: Vor allem bei höher qualifizierten Jobs braucht jeder Mitarbeiter eine gewisse Einarbeitungszeit. Außerdem muss die Firma auch immer wieder in die Weiterbildung von Mitarbeitern investieren. Diese Investitionen müssen sich auch irgendwann amortisieren. Je nach Branche stehen hierfür zwischen 5 und 10 Jahren zur Verfügung. Wenn die Firma nun befürchten muss, dass der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin sich innerhalb dieser Zeit in die Pension verabschiedet, wird diese Investitionen nicht getätigt. Ältere Arbeitssuchende werden nicht eingestellt und schon bestehende Mitarbeiter nicht mehr weitergebildet, was deren Risiko, bei der nächsten Krise gekündigt zu werden, deutlich erhöht.

Die Wahrheit ist also: Das Alter, ab dem man zum „alten Eisen“ zählt korreliert direkt mit dem durchschnittlichen Pensionsalter. Eine Erhöhung des Pensionsalters würde also kaum zu höherer Altersarbeitslosigkeit führen.

Und wenn doch: Es ist immer noch günstiger, ältere Arbeitslose aktiv zu halten und ihnen potentiell vielleicht doch noch den einen oder anderen Job zu vermitteln, als sie dauerhaft in Pension zu schicken. Diese Ersparnis könnten man ruhig in eine höhere Arbeitslosenunterstützung und längere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes investieren.

Die Mittelstands-Bildungssteuer

Die ÖVP sieht sich ja gerne als die „Beschützerin des Mittelstands“. Wenn man jedoch die konkrete Politik der Konservativen betrachtet, erweisen sich die Schwarzen als die größten Feinde eben dieses Mittelstands.

Wer ist eigentlich dieser „Mittelstand“?

Various Euro bills.

Wieviel Euro verdient man als "Mittelstand"?

Versuchen wir doch einmal den vielzitierten „Mittelstand“ zu definieren. Laut Statistik Austria verdienen 50 % der Bevölkerung Im Jahr 2009 zwischen 11.237 und 37.601 Euro im Jahr. Dies entspricht bei 14 Monatsgehältern einem Bruttomonatseinkommen zwischen rund 800 und 2.700 Euro, also deutlich unter den „zwei-, drei- oder viertausend Euro“, die SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas im Sommer in einem ZiB2-Interview genannt hat. Die Abgabenbelastung (Lohnsteuer und Sozialversicherung ohne Arbeitgeberbeiträge) beträgt in diesem Segment zwischen rund 15 und 33 Prozent.

Genau jene am oberen Ende dieser Skala bezeichnet die ÖVP ja so gerne als die Leistungsträge. Und genau jene müssen somit jeden dritten Euro, den sie verdienen, an das Finanzamt oder die Krankenkasse abliefern. Gleichzeitig verfügen in diesem Segment die meisten wohl kaum über nennenswerte Vermögen im Euro-Millionen-Bereich. Wie auch? Von netto maximal rund 2.000 Euro im Monat ist die Miete oder das Wohnbaudarlehen zu bezahlen, sind Lebensmittel zu kaufen, meist auch ein Auto zu erhalten, Versicherungsprämien zu bezahlen usw. Und auf Urlaub will man ja auch hin und wieder einmal fahren. Wen da ein dreistelliger Euro-Betrag im Monat überbleibt, kann man sich schon zu den Sparefrohs zählen. Unter diesen Umständen auch nur eine halbe Million Euro anzusparen, dafür reicht ein Menschenleben kaum aus.

Gerade dieser Mittelstand profitiert extrem stark von staatlichen Leistungen. Das Eigenheim ist mit einem vom Land geförderten Wohnbaukredit errichtet worden, die Kinder besuchen staatliche Schulen, bekommen dort gratis Schulbücher und im Krankheitsfall erhält man weitgehend kostenlose medizinische Versorgung, die im internationalen Vergleich absolut Spitze ist. Jeweils ein Elternteil darf sich auch auf Staatskosten jahrelang ausschließlich um die Kinder kümmern, später werden die kleinen dann fast gratis im Kindergarten oder in der Schule auch am Nachmittag betreut – okay, nicht in allen Bundesländern im gleichen Ausmaß. Wird man arbeitslos, wird man von einem zwar nicht allzu bequemen, aber doch recht dichten sozialen Netz aufgefangen. Und mit rund 60 Jahren verabschiedet man sich dann in die „wohlverdiente“ Pension.

Die „Flat Tax“ und der Mittelstand

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Länder, die eine "Flat Tax" oder entsprechende Pläne haben

Als Mittelstand wurschtelt man halt irgendwie durchs Leben. Man lebt gut, wenn auch nicht luxuriös. Natürlich will man nicht mehr als ein Viertel seines Einkommens wieder abgeben müssen. Also trommelt die ÖVP fortwährend den Slogan von der Entlastung des Mittelstands. Da hört man solche Ideen wie eine Flat Tax von 25 %, in der Sozialversicherung und Lohnsteuer schon inkludiert sind. Das klingt auf den ersten Blick bestechend. Wenn das aber wirklich alle bezahlen müssen, bedeutet das für rund die Hälfte der Bevölkerung eine erhebliche Mehrbelastung. Und das genau für jene Hälfte, mit ohnehin unterdurchschnittlichem Einkommen. Betroffen wären aber nicht nur die Ärmsten der Bevölkerung, sondern auch gut die Hälfte des vielzitierten „Mittelstands“. Gleichzeitig würde das Steueraufkommen aber insgesamt sogar leicht sinken. Wenn die Ärmsten, also jene, die – sagen wir einmal – weniger als 11.237 Euro im Jahr verdienen, von der Flat Tax ausnimmt, sinkt das Steueraufkommen sogar noch drastischer.

Woher will die ÖVP also das fehlende Steuergeld nehmen? Logisch wäre es, dies wenigstens von den großen Vermögen in Form von Erbschafts-, Schenkungs-, Grund- und/oder Vermögenssteuern hereinzuholen. Dann wäre der Slogan, dass sich Leistung wieder lohnen muss, wenigstens halbwegs glaubwürdig, obwohl die ÖVP immer noch Leistung mit Einkommen verwechselt. Aber nein, unsere Konservativen wollen ja Vermögen keinesfalls besteuern. Dann gibt es angesichts des immer noch hohen Budgetdefizits eigentlich nur zwei Möglichkeiten, dieses Geld wieder hereinzuholen.

Entweder man hebt Massensteuern an, also Mehrwertsteuer oder Mineralölsteuer. Damit wird wieder tief in die verfügbaren Einkommen des Mittelstands hineingeschnitten. Denn hebt man die Mehrwertsteuer an, so trifft das vor allem die einkommensschwächere Hälfte der Bevölkerung, die kaum Geld ansparen kann. Hebt man hingegen die Mineralölsteuer an, so trifft das zwar die Ärmsten der Bevölkerung kaum, weil diese nur wenig mit dem Auto unterwegs sind, dafür den gesamten Mittelstand umso mehr.

Die zweite Möglichkeit besteht in der Kürzung staatlicher Ausgaben. Weniger Geld für die Schulen, weniger Geld für die Universitäten, Einsparungen bei der Gesundheitsvorsorge, Einsparungen bei der sozialen Absicherung gegen Arbeitslosigkeit, Gebühren für Kindergarten und Nachmittagsbetreuung der Kinder. Wen trifft das am stärksten? Richtig: Wieder den Mittelstand, der sich sein halbwegs lebenswertes Leben nur aufgrund genau dieser staatlichen Leistungen erlauben kann.

Eine geht noch: Die Mittelstands-Bildungssteuer

Und da kommt der nächste vermeintliche Wahlkampfschlager der ÖVP daher: Studiengebühren. Wohl die meisten Eltern, die sich zum Mittelstand zählen, würden gerne ihre Kinder auf die Uni schicken. Ja, Studiengebühren sind ja sozial gerecht. Wer Studienbeihilfe kassiert, müsste ohnehin keine Gebühren bezahlen. Dass die Einkommensgrenzen für die Studienbeihilfe jedoch so niedrig sind, dass ein erheblicher Teil der Mittelstandskinder nicht im Entferntesten Anspruch auf Studienbeihilfe hätten, verschweigen die christlichen „Sozialreformer“ nur allzu gerne. Somit nennen wir die Studiengebühren doch mit dem richtigen Namen: Mittelstandsbildungssteuer.

Fassen wir zusammen: Alle Ideen zu Steuern und Gebühren, die aus dem schwarzen Lager kommen, führen zu immer stärkeren Belastungen für den Mittelstand. Übrigens gilt das Gesagte genauso für das blaue Lager. Und der SPÖ-Bundesgeschäftsführerin sei ins Stammbuch geschrieben, dass der Mittelstand keine drei- oder viertausend Euro im Monat verdient – weder brutto, geschweige denn netto.