Lore Hostasch im Interview (4): Die Pflichtpraktika sind eine Sauerei

Roman Korecky: Wir sehen zunehmend das Problem, dass immer mehr Leute mit ihrem Einkommen nicht auskommen, die eben zum Beispiel als Teilzeitbeschäftigte keinen Vollzeitjob finden, in solchen freien Dienstnehmerverhältnissen sind, oder als neue Selbstständige angemeldet sind und unter dem Kollektivvertrag als solche bezahlt werden. Haben Sie eine Antwort für diese Leute? Wie könnte man das bekämpfen?

Lore Hostasch: Ich kenne viele Jüngere, die den Wunsch haben, sich nicht auf 38 Stunden zu binden, sondern etwas mehr Freiheit zu haben.

Roman Korecky: Das habe ich auch schon von jungen Leuten gehört, die teilweise noch bei den Eltern wohnen. Die sagen, das Geld reicht mir, aber spätestens, wenn sie auf eigenen Füßen stehen, sehen sie, dass sie damit nicht auskommen. Dann ist das eine Falle.

Lore Hostasch: Ja, deshalb habe ich das jetzt erwähnt. Da tappt man in die Falle der Arbeitgeber. Wir leben aber zum Glück in einer freien Gesellschaft und es muss eine gewisse freie Disponierbarkeit geben. Wir brauchen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht Rahmenbedingungen, bei denen die Normen nicht zu eng sind, denn bei zu engen Normen brechen entweder Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus. Im Gesundheitsbereich kann man Ärzten das beste Arbeitszeitgesetz geben, beide Seiten halten sich nicht daran. Faktum ist aber sicher, dass es Zeiten gab, wo es leichter war, dafür Sorge zu tragen, dass jeder auf ein weitgehend geregeltes, gesichertes, auf lange Sicht orientierbares Arbeitsverhältnis aufbauen konnte. Dass man, wie ich es noch erlebt hatte, im selben Betrieb in Pension gegangen ist, wo man begonnen hat, hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv geändert, und es wird uns auch eingeredet, dass das etwas Schönes ist.

Regina Riebl: Ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsmarkt einfach ausnutzt, dass die Beschäftigung nicht so hoch ist und dass es einfach immer mehr Arbeitssuchende gibt. Echte Beschäftigungsverhältnisse werden als freie Dienstnehmer vergeben und einfach anders benannt, weil das billiger ist und man Urlaub und Weihnachtsgeld nicht zahlen muss.

Lore Hostasch: Bei geringfügigen Arbeitsverhältnissen haben wir zum Beispiel durchgesetzt, dass es ein 13. und 14. Gehalt geben muss. Ob das überall auch bezahlt wird, weiß ich nicht. Das waren Versuche, es durch Verteuerung unattraktiver zu machen.

Roman Korecky: Ich habe den Eindruck, dass von prekarisierten Arbeitsverhältnissen überwiegend relativ gut gebildete Arbeitskräfte, ab Maturaniveau, betroffen sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Maturanten und Akademiker über ihre Rechte am Arbeitsmarkt zu wenig informiert sind. Während Berufsschüler recht gut von der Gewerkschaft über ihre Rechte und Pflichten informiert werden, wissen die Maturanten nichts darüber und lernen es in weiterer Folge auch nicht.

Lore Hostasch: Ja, das stimmt sicher.

Roman Korecky: Sollten die Gewerkschaften auch mehr in AHS, BHS usw. gehen?

Lore Hostasch: Da kommen sie nicht hinein.

Roman Korecky: Warum geht es dann in den Berufsschulen?

Lore Hostasch: Dort haben wir unsere Leute hineingebracht, aber überall kann man aber nicht hinein. Ich denke, Claudia Schmid wird sich darüber auch nicht trauen, weil dann sofort der Aufschrei käme, das sei Politik in der Schule.

Roman Korecky: Es ginge ja einfach nur um Rechtslehre. An den Berufsschulen gibt es das Fach „Staatsbürgerkunde und Rechtslehre“, wo man solche Dinge auch lernen kann. Ein AHS-Absolvent hat das gar nicht.

Lore Hostasch: Aber hören Sie sich an, was die Lehrer vortragen.

Roman Korecky: Gut, das weiß ich nicht. Ich hatte das in der HAK und da war es sehr gut. Das war bei uns der interessanteste Gegenstand.

Lore Hostasch: In der GPA haben wir ja versucht, eine Schüler- und Hochschüler-Gruppe zu etablieren, aber es ist mühsam, denn direkt hinein kommt man in die Schulen kaum. Da können höchstens Lehrer helfen, die ein besonderes Interesse haben. Wir versuchen ja auch bei den Berufsinformationswochen präsent zu sein. Scheinbar schaffen wir nicht, in ausreichendem Ausmaß ein gewisses Eigeninteresse entstehen zu lassen. Die Eltern kümmern sich auch deutlich weniger darum, dass die Jungen sich auch informieren. Wenn niemand dahinter ist, der einem Tipps gibt, woher soll es kommen?

Regina Riebl: Was ich noch gerne kurz ansprechen würde, sind die Praktika. Gerade wenn man studiert, wird man teilweise in äußerst viele Praktika gedrängt. Wie sehen Sie das?

Lore Hostasch: Ich finde, die Pflichtpraktika sind eine Sauerei, zumal diese ja vorgeschrieben werden, und die Betroffenen oft gar keine Chance haben, sie auch zu machen, sodass das ganze Studium dann „hängt“. Bei Ferialpraktikanten haben wir durch Informationsmaßnahmen ein wenig erreicht. Wir haben auch versucht, in Kollektivverträgen Bestimmungen unterzubringen. Die sonstigen Praktika sind aber eine Ausbeutung par excellence. Das erinnert mich daran, was ich von meinen Großeltern gehört habe, dass man einst für einen Lehrplatz gezahlt hat.

Roman Korecky: Sie wären also fast dafür, dass man die Pflichtpraktika überhaupt abschafft, um den Druck wegzunehmen?

Lore Hostasch: Ich weiß nicht, ob man sie komplett abschaffen sollte. Ich kritisiere nur: Wenn sie vorgeschrieben sind, muss jeder auch die Chance haben, sie zu ordentlichen Bedingungen wahrnehmen zu können. Im Hotelbereich zum Beispiel bekommt man nirgends einen ordentlichen Platz. Da wird man für etwas eingesetzt, was der Aufgabe nicht entspricht. Bei den Lehrlingen haben wir noch bessere Eingriffsmöglichkeiten. Bei den Praktika dagegen fehlen uns die Möglichkeiten.

Regina Riebl: Das müsste man vielleicht in die Kollektivverträge einbauen, denn es geht ja gar nicht nur um die Schulpraktika, sondern auch um Studenten, die sechs Monate in einem Betrieb voll arbeiten, normale Arbeitskräfte sind und geringfügig bezahlt werden. Das können sich auch nur Leute leisten, die von woanders das Geld bekommen oder zu Hause wohnen.

Lore Hostasch: Das geht im Prinzip bis zu den Ärzten. Das ist wirklich Ausbeutung und Vergeudung von Zeit und Ressourcen. Es wäre also noch genug zu tun. Meine Erfahrung ist, dass man mit dem Kollektivvertrag alleine schwach ist. Ein Gesetz ermöglicht den Gang zu Gericht, bei einem Kollektivvertrag ist das schon mühsamer. Alles muss aber nicht im Gesetz geregelt sein.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky
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Das Vertrauen in das Bildungssystem fehlt also – was nun?

Das Bildungssystem ist also krank. Die Kindergartenpädagogen sind unterqualifiziert und unterbezahlt. Die Schulverwaltung schafft es nicht, Lehrerposten zeitgerecht neu zu besetzen. Lehrer können ohne Konsequenz die Zukunft mehrerer Schülergenerationen ruinieren. Die Lehrergewerkschaft hat kein Interesse daran, das Image des Lehrberufs zu heben. Und wenn man Studenten den Ratschlägen des Wissenschaftsministeriums folgen, werden sie von einem Chaos in das andere geschickt.

Wundert es also jemanden, dass viele Eltern jeder radikalen Veränderung des Systems skeptisch gegenüber stehen? Wundert es, dass sie ein noch größeres Chaos befürchten? Ja, die Ganztagsschule als Regel wäre sinnvoll, doch wer will sein Kind schon unfähigen Lehrern den ganzen Tag aussetzen? Ja, die gemeinsame Schule von 6 bis 14 würde vieles vereinfachen und allen Schülern bessere Bildungschancen bringen, doch traut man dieser Schulverwaltung tatsächlich die innere Differenzierung zu?

Vielleicht sollte die Politik statt der großen Reformen endlich versuchen, das Vertrauen wiederherzustellen. Die großen Reformen werden dann wohl umso leichter fallen. Daher fordere ich noch vor allen anderen Reformschritten:

  • Schrittweise Anhebung des Ausbildungsniveaus von Kindergartenpädagogen und –pädagoginnen auf akademisches Niveau bei gleichzeitiger Erhöhung der Bezahlung
  • Konsequente Bereinigung des Lehrkörpers um unqualifizierte Mitglieder
  • Ausreichende Finanzierung der Hochschulen

Lehrer und Schüler strafen – oder doch keinen?

Jüngst hat ja die Lehrergewerkschaft den Wunsch geäußert, dass Lehrer wieder strafen dürfen sollen. Abgesehen davon, dass das eine Polemik ist, weil Lehrer schon jetzt durchaus Sanktionsmöglichkeiten haben, sollten die Lehrer mal vor der eigenen Türe kehren und Schauen, was sie für ein Vorbild abgeben.

Aber fangen wir mal beim Ist-Zustand an: Eine sehr wichtige Sanktionsmöglichkeit, die Lehrer jetzt schon haben, ist es, dass sie Schülern auftragen können, im Unterricht Versäumtes zu Hause nachzuholen. Im Klartext: Schüler, die den Unterricht stören, können z. B. mit Extra-Aufgaben belegt werden. Über diesen Umweg sind sogar die vielgeschmähten Kollektivstrafen möglich. Stört ein Schüler den Unterricht nachhaltig, haben ja alle was versäumt, was sich in den Hausübungen auswirkt. Warum das von Lehrern nicht gemacht wird, liegt auf der Hand: Hausübungen müssen auch kontrolliert werden, was auch für die Lehrer Mehraufwand bedeutet. Doch wie sähe das bei den vorgeschlagenen Sozialdiensten aus? Die müssen schließlich auch beaufsichtigt werden.

So unrealistisch der Vorschlag der Gewerkschaft da ist, die Gewerkschaft sollte einmal dafür sorgen, dass die Lehrer selbst ihre Pflichten erfüllen. Ich rede hier jetzt nicht von Einzelfällen, die durchaus eine signifikante Masse erreichen können, sondern von einer Art kollektiven Bummelstreik. Ein Lehrer hat zum Beginn der Unterrichtsstunde in der Klasse zu sein. So schreibt es das Schulunterrichtsgesetz und das Dienstrecht vor. In der Praxis ist das praktisch nie der Fall. Im Durchschnitt beginnt der Unterricht im Schnitt mindestens 5 Minuten nach Beginn der Unterrichtsstunde. Jeder einzelne Lehrer prellt den Steuerzahler so um 50 Stunden Arbeitszeit im Jahr! Das wären übrigens ziemlich genau die 2 Stunden mehr Lehrverpflichtung, die ja im Frühjahr gescheitert sind.

Das skandalöse dabei ist, dass nicht nur Millionen Unterrichtsstunden dadurch verloren gehen, die wir alle bezahlen müssen, sondern dass die Lehrer dabei auch noch ein schreckliches Vorbild ihren Schülern abgeben. Schließlich verlangen sie ja von den Schülern sehr wohl Pünktlichkeit.

Und bevor es irgendjemand anderer bringt: Hier das häufigste Gegenargument, warum es angeblich nicht möglich ist, pünktlich in der Klasse zu sein: Gangaufsicht. Nur stimmt dieses Argument nicht. Erstens hat nur ein geringer Anteil der Lehrer in jeder Pause Gangaufsicht. Zweitens könnte die Gangaufsicht ja vorzeitig beendet werden, wenn der unterrichtende Lehrer rechtzeitig in der Klasse wäre, sozusagen eine Staffelübergabe.

Ich bin ja sehr für Sanktionen, aber sie sollten dann auch bitte für beide gelten.

Warum sind so viele Schulabgänger nicht auf das Leben vorbereitet?

Eine neue Studie stellt die Frage: Warum können so viele Schulabgänger nicht sinnerfassend lesen und haben zu geringe Mathematik-Kenntnisse, obwohl ihre Schulnoten anderes sagen? Mehr als ein Drittel benötigt Nachhilfe in der Muttersprache und in Mathematik.

Der Leiter der Studie meint, dass an das Problem klinisch herangegangen werden muss, genauso wie Ärzte Patienten untersuchen. “Sobald wir die Schüler hierher bekommen, müssen wir diagnostizieren, dokumentieren und handeln. Wenn wir das richtige Rezept finden, um diese kritischen Wissenslücken zu füllen, können wir diese Jugendlichen eine neue Perspektive geben.”

Ziel und der Umfang der Studie, die jeden Schulabgänger evaluieren und die bisherige Schulkarriere exakt nachvollziehen soll, soll ein neues Paradigma schaffen, wie mit schwachen Schülern umgegangen werden soll. Der Schlüssel sollen kurze Tests sein, die gerade eingeführt werden um die Lücken im Leseverständnis der Schulabgänger zu identifizieren, die nicht in den Zeugnissen aufscheinen. Ein neuer Test für die Mathematikkompetenzen wird für den nächsten Herbst erwartet.

Die Möglichkeit, dass bei dieser Studie Häufungen von Schülern, die unter den Erwartungen bleiben, nicht nur bestimmten Schulen, sondern sogar einzelnen Klassen zugeordnet werden können, ruft die Lehrergewerkschaft auf den Plan. “Schüler kommen in die Schule mit einem Bündel an Problemen, von denen viele nicht einmal vom besten Lehrer gelöst werden könnten”, meint ein Führungsmitglied der Gewerkschaft.

Der Vizepräsident des Instituts, das die Studie durchführt entgegnet: “Es geht hier nicht um die Anprangerung von Lehrern, es geht um das Offenlegen der Probleme, die wir haben, um dann ehrliche Strategien zu entwickeln, um sie zu lösen. Wir würden es gerne einen Versuch nennen, den Lehrern zu helfen”.

Diese Geschichte könnte aus Österreich stammen. In Wahrheit habe ich sie heute in der Las Vegas Sun gelesen und handelt von High School Abgängern in Nevada. Die Parallelen sind aber augenscheinlich…

Einigung mit Lehrergewerkschaft

Gestern gab es eine Einigung im sogenannten „Lehrerstreit“. Kurz zusammengefasst:

  • Die 4 – 5 schulautonomen Tage werden gestrichen.
  • Lehrer müssen statt 10 nun 20 Supplierstunden unbezahlt halten.
  • Zulagen werden gestrichen.
  • Schulen müssen 2 Jahre lang keine Miete an die Bundesimmobiliengesellschaft zahlen.

Die Streichung der Zulagen ist meiner Meinung nach ein falsche Signal. Denn Lehrer, die Sonderleistungen erbringen, werden bestraft.

Doch wie wirken sich die Maßnahmen auf die Lehrerarbeitszeit aus? Zur Erinnerung: Ich schätze die durchschnittliche Jahresarbeitszeit eines AHS-Lehrers auf ca. 1.272 Stunden ein. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in anderen Branchen kommt auf ca. 1.709 Stunden.

Mit den oben angeführten Maßnahmen würde die Jahresarbeitszeit auf ca. 1.354 Stunden steigen. Damit arbeiten Lehrer immer noch rund 350 Stunden weniger als die meisten anderen Arbeitnehmer. Das sind fast 47 Arbeitstage oder anders ausgedrückt ziemlich genau die Sommerferien.

Josef Pröll verursacht Probleme und erwartet Lösungen

Ignoranter kann man wohl nicht Politik machen. Da schreibt Josef Pröll als Finanzminister der Bildungsministerin Claudia Schmied ein Budget vor, mit dem sie längst überfällige und großteils auch schon beschlossene Reformen nicht durchführen kann, und dann erwartet er von eben dieser Ministerin Lösungen. Ist das der Politik-Stil der ÖVP?

Es zeigt sich halt wieder einmal, dass der ÖVP Bildungspolitik anscheinend nicht wichtig ist. Wegen der Aussagen von Krugman, dass Österreich ein Staatsbankrott möglich wäre, gibt Pröll hingegen ein ausführliches Interview.

Wer bitte blockiert eine Lösung in der Frage? Doch nur Pröll und die Lehrergewerkschaft. Claudia Schmied hat sich ja schon gehörig bewegt.

Lehrer planen großen Protesttag

Den Geist der Lehrergewerkschaft konnte man heute wieder spüren. Obwohl Claudia Schmied auf die Lehrer mit einem neuen Angebot zugegangen ist, haben diese praktisch einen Streiktag für den 23. April angekündigt. Diese Vorgehensweise ist in Österreich nicht üblich. Während laufender Verhandlungen sollte nicht gestreikt und schon gar keine Streikmaßnahmen angekündigt werden.

Übrigens habe ich errechnet, dass mit einer Unterrichtsverpflichtung von durchschnittlich 21 Stunden (Angebot von Claudia Schmied) die Lehrer eine Arbeitszeit annähern wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer erreichen würde.