Lore Hostasch im Interview (5): Der Schlüssel für den Kinderentscheid ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Roman Korecky: Es gibt ja auch das Problem, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen und deshalb auch immer weniger Kinder. Das erste Kind über 30 ist ja mittlerweile ganz normal geworden.

Lore Hostasch: Ja, oder ganz zeitig.

Roman Korecky: Aber die Mittzwanzigjährigen, bekommen kaum mehr Kinder, wie das noch vor 30 bis 40 Jahren üblich war Wir glauben, dass das etwas mit der Prekarisierung am Arbeitsmarkt zu tun hat. Nimmt der Wille zur Familiengründung mit der Unsicherheit im Job ab?

Lore Hostasch: Dass der Kinderwunsch sich geändert hat, ist eine normale gesellschaftliche Entwicklung, die wir schon öfters hatten. Wenn man heute so tut, als hätten wir heute so wenige Kinder, muss man sagen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen es noch weniger Kinder gab. Das sind langfristig Wellen. In der jetzigen Bewertung hängt es zum einen damit zusammen, dass Paare den Wunsch haben, auf einigermaßen gesicherten Beinen zu stehen, bevor sie einen Kinderwunsch realisieren, und dass sie sichergehen wollen, dass sie für die Kinder sorgen können. Dass wegen der Prekarisierung diese Sicherheit nicht mehr so stark da ist, kann schon auch ein Grund sein, dass das hinausgeschoben wird. Zum Zweiten gibt es allgemein eine Unsicherheit, wie es in der Zukunft weitergeht. Da meine ich nicht nur die finanzielle Seite, sondern allgemein auch Umwelt, Gesellschaft, globale Themen. Überall dort, wo eine gewisse Unsicherheit in der Zukunftserwartung ist, überlegt man länger, ein Kind zu bekommen. Zum Dritten kommt natürlich dazu, dass Frauen mittlerweile auch darauf Bedacht nehmen, geplant Kinder zu bekommen. Früher hat man sie einfach bekommen und dann waren sie da. Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass Frauen in ihrer persönlichen Lebensplanung selbstständiger geworden sind und nichts dem Zufall überlassen wollen. Ich glaube aber nicht, dass das immer auf Dauer sein muss. Das sind Wellen – die exkommunistischen Länder sind unter unserem Schnitt, Frankreich dagegen ist über unserem Schnitt. Frankreich ist für mich das Beispiel für ein Land, in dem die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfach wesentlich besser ist als bei uns. In Belgien und in Frankreich ist es kein Problem, ein einjähriges Kind qualitativ bestens unterzubringen. Bei uns ist das alles immer noch ein Problem.

Roman Korecky: Als Vollzeitbeschäftigter ist die Kinderbetreuung außerhalb Wien immer noch ein Problem.

Lore Hostasch: Ja, Wien ist anders. Aber abgesehen von den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist für mich der Schlüssel für den Kinderentscheid insbesondere bei den Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn wir uns da verbessern würden – auch Wien bei den Unter-3-Jährigen – hätten wir auch ein paar Kinder mehr. Der Westen ist überhaupt eine Katastrophe, auch Niederösterreich, dort wird nur so getan, als wäre alles gut.

Roman Korecky: Wie danken Ihnen für das informative Gespräch!

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky
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Das Recht der Kinder auf beide Eltern: Automatisches Sorgerecht als Königsweg?

Foto: jmauerer (flickr.com)

Die Debatte um eine Neuregelung des Sorgerechts für Kinder nach Scheidungen erreichte in den letzten Wochen einen neuen Höhepunkt. Befürworter einer automatischen gemeinsamen Obsorge ziehen mit dem Schlachtruf „Recht des Kindes auf beide Eltern“ in die Diskussion. Die Gegner verweisen darauf, dass ein großer Teil der Familienlasten immer noch von den Frauen getragen wird und sie mit einer automatischen gemeinsamen Obsorge in ihren Rechten beschnitten werden, ohne dass ihnen Pflichten abgenommen werden.

Doch lassen wir in der ganzen Debatte einmal die Ideologien weg. Betrachten wir die Situationen, die sich in einer Familie im Zuge einer Scheidung ergeben. Im Grunde gibt es zwei Szenarien einer Scheidung: Entweder man trennt sich halbwegs gütlich. Dann werden die ehemaligen Ehepartner wohl auch kein Problem damit haben, sich auf eine gemeinsame Obsorge zu einigen.

Uneinigkeit bei der Scheidung, aber erzwungene Einigkeit bei der Erziehung?

Foto: Bühnen Halle (flickr.com)

Doch was ist, wenn die Scheidung zum Rosenkrieg ausartet? Natürlich werden in einem solchen Fall gerade die Kinder oft zum Streitobjekt. Letztlich muss das Gericht entscheiden, wer das Sorgerecht erhält. Natürlich könnte man mit einer automatischen gemeinsamen Obsorge diesen Streit verhindern.

Doch der Streit wird so nur für lange Zeit nach der Scheidung fortgesetzt. Das fängt bei der Frage an, wo die Kinder wann wohnen. Geht über finanzielle Fragen: Wer erhält die Familienbeihilfe? Wer zahlt an wen wie viel Alimente? Am Ende stehen für die Kinder existenzielle Fragen auf dem Spiel. In welche Schule sollen die Kinder wechseln? Welchen Lehrberuf sollen sie ergreifen? Bei all diesen Fragen ist die Zustimmung beider Ehepartner erforderlich, die sich Jahre zuvor nicht über das Sorgerecht einigen konnten. Und das soll gut gehen?

Jeder logisch denkende Mensch kann mir nur zustimmen, dass das automatische gemeinsame Sorgerecht nur für noch mehr Streit auf dem Rücken der Kinder sorgen würde. Können sich die Partner nicht einigen, muss eine eindeutige Regelung vom Gericht getroffen werden. In der Regel werden die Kinder jenem Partner zugesprochen werden, der oder die in den ersten Lebensjahren den intensiveren Kontakt zu den kleinen hatte. Das werden meistens die Frauen sein, weil noch immer mehrheitlich die Frauen in Karenz gehen.

Es gibt natürlich Fälle, bei denen die Kinder der Mutter oder dem Vater zugesprochen werden, und sich im Nachhinein herausstellt, dass dies nicht die beste Lösung für die Kleinen ist. Doch ein gerichtlicher Antrag zur Übertragung des Sorgerechts ist auch jetzt schon möglich. Da entscheiden dann Gutachter und Richter, aber nicht Politiker.

Uneheliche Kinder

Manche Extremisten fordern gar das automatische gemeinsame Sorgerecht für uneheliche Kinder. Das ist natürlich so realistisch wie dass sich plötzlich alle Autofahrer an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten. Wie soll das funktionieren? Will eine Frau nicht, dass auch der Vater das Sorgerecht bekommt, würde es ihr wohl nicht schwer fallen, dessen Identität zu verheimlichen. Leidtragende wären in diesem Fall die Kinder, die um Alimente umfallen und daher ein größeres Armutsrisiko aufweisen.

Zankapfel Besuchsrecht

In Wahrheit geht es in der ganzen Diskussion gar nicht um das Sorgerecht. Ich glaube gar nicht, dass so viele Väter unbedingt das gemeinsame Sorgerecht haben wollen. In Wahrheit geht es um das Besuchsrecht für ihre Kinder. Immer öfter verweigert ein Ex-Partner (meist die Frau) dem anderen (meist dem Mann) das eigentlich gerichtlich vereinbarte Besuchsrecht. Zurück bleiben frustrierte Väter, die den Kontakt zu ihren Kindern halten wollen, was aber vereitelt wird.

Bei kleinen Kindern reicht oft schon ein halbes Jahr Hinhaltetaktik, um ein Kind seinem Vater zu entfremden. Kommt es dann doch zu einem Besuch „fremdelt“ das Kind, was die Mutter als Beweis ansieht, dass das Kind den Vater nicht will. Es folgen Anträge bei Gericht auf Änderung oder sogar Aufhebung des Besuchsrechts. Das ist für beide Seiten zermürbend und endet oft in einem abgebrochenen Kontakt.

Vielleicht sollte man daher eher über ein automatisches, gesetzlich geregeltes Besuchsrecht nachdenken. Das sollte dann endlich auch für uneheliche Kinder verankert werden. Hier sollte es auch kurzfristig anzuordnende Sanktionen geben. Man könnte beispielsweise bei Verweigerung des Besuchsrechts die Alimente auf ein Treuhandkonto einzahlen, das erst bei Volljährigkeit an die Kinder direkt ausbezahlt wird, um Eltern finanziell unter Druck zu setzen.

Kinder haben tatsächlich das Recht auf beide Eltern. Aber Kindern ist es egal, wer jetzt die Obsorge hat. Wichtig ist ihnen, den Kontakt zu beiden Elternteilen zu halten. Und das sollte das wesentliche Ziel des Gesetzgebers sein.