Warum Teilzeitarbeit meist ein prekäres Beschäftigungsverhältnis ist

In meinem Schwerpunkt zum Thema Prekariat habe ich Teilzeitarbeit auch dazu gezählt. Viele Teilzeitkräfte fühlen sich aber nicht als prekär Beschäftigte. Warum ist das so?

Zunächst möchte ich hier einmal zwischen freiwilliger Teilzeitarbeit, bedingt freiwilliger Teilzeitarbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit unterscheiden.

Unfreiwillige Teilzeitarbeit ist typisch für einige Branchen wie beispielsweise dem Handel. Dort gibt es so gut wie keine Vollzeitarbeitsplätze mehr. Teilzeitarbeitskräfte sind nämlich flexibler einsetzbar und somit in der Regel in Summe billiger.

Viele Frauen entscheiden sich für Teilzeitarbeit, weil sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Das nenne ich bedingt freiwillige Teilzeitarbeit. Warum ist es immer noch der Lebenstraum eines großen Teils junger Frauen, daheim bei den Kindern bleiben zu können oder zumindest „nur“ in Teilzeit arbeiten zu müssen? Natürlich klingt mehr Freizeit verlockend. Doch ist es nicht auch deshalb ein Traum, weil die Kinderbetreuung zu Normalarbeitszeiten bis zum 14. Lebensjahr in vielen Regionen Österreichs einfach nicht gewährleistet ist und auch in den restlichen Regionen meist nicht die Qualität erreicht, die sich viele Eltern wünschen würden? Wer hat denn noch Lust, nach einem Vollzeitarbeitstag noch mit den Kindern für die Schule zu lernen, was aber in Österreich leider meist notwendig ist, weil die Schule schon lange nicht mehr ihre Kernaufgaben erfüllt. Ist der Wunsch nach Teilzeit unter diesem Aspekt wirklich rein freiwilliger Natur?

Mehr als die Hälfte aller Teilzeitarbeitskräfte verdient weniger als 1.100 Euro brutto im Monat und 8 von 10 Teilzeitarbeitskräften sind Frauen. Wenn der Ehemann oder Lebenspartner genug verdient sind auch einige Tausender im Jahr ein netter Zuverdienst und die Familienfinanzen deshalb noch lange nicht in einer prekären Lage. Bedenkt man jedoch dass jede zweite Ehe geschieden wird, kann aus einer komfortablen Situation schnell eine finanzielle Krise werden. Denn der Teilzeitarbeitsplatz lässt sich nicht so mir nichts dir nichts in eine Vollzeitstelle umwandeln.

Aber für die Kinder zahlt der Ex-Partner doch Alimente. Ja, aber: Was ist bei Arbeitslosigkeit des Ex? Und wenn die Kinder auf eigenen Füßen stehen, versiegt diese Einkommensquelle. Spätestens im Alter merken dann viele Frauen, dass die Alimente nicht zur Pensionsberechnung herangezogen werden. Und Unterhalt gibt es nur noch in Ausnahmefällen.

Genau deshalb ist es mein fester Standpunkt, dass jeder Mensch über ein ausreichendes eigenes Einkommen verfügen sollte, um seinen eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Da aber mehr als die Hälfte aller Teilzeitarbeitsverhältnisse nicht ausreichend dotiert sind, fällt die Teilzeitarbeit größtenteils auch unter die prekären Beschäftigungsverhältnisse.

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Lore Hostasch im Interview (5): Der Schlüssel für den Kinderentscheid ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Roman Korecky: Es gibt ja auch das Problem, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen und deshalb auch immer weniger Kinder. Das erste Kind über 30 ist ja mittlerweile ganz normal geworden.

Lore Hostasch: Ja, oder ganz zeitig.

Roman Korecky: Aber die Mittzwanzigjährigen, bekommen kaum mehr Kinder, wie das noch vor 30 bis 40 Jahren üblich war Wir glauben, dass das etwas mit der Prekarisierung am Arbeitsmarkt zu tun hat. Nimmt der Wille zur Familiengründung mit der Unsicherheit im Job ab?

Lore Hostasch: Dass der Kinderwunsch sich geändert hat, ist eine normale gesellschaftliche Entwicklung, die wir schon öfters hatten. Wenn man heute so tut, als hätten wir heute so wenige Kinder, muss man sagen, dass es Zeiten gegeben hat, in denen es noch weniger Kinder gab. Das sind langfristig Wellen. In der jetzigen Bewertung hängt es zum einen damit zusammen, dass Paare den Wunsch haben, auf einigermaßen gesicherten Beinen zu stehen, bevor sie einen Kinderwunsch realisieren, und dass sie sichergehen wollen, dass sie für die Kinder sorgen können. Dass wegen der Prekarisierung diese Sicherheit nicht mehr so stark da ist, kann schon auch ein Grund sein, dass das hinausgeschoben wird. Zum Zweiten gibt es allgemein eine Unsicherheit, wie es in der Zukunft weitergeht. Da meine ich nicht nur die finanzielle Seite, sondern allgemein auch Umwelt, Gesellschaft, globale Themen. Überall dort, wo eine gewisse Unsicherheit in der Zukunftserwartung ist, überlegt man länger, ein Kind zu bekommen. Zum Dritten kommt natürlich dazu, dass Frauen mittlerweile auch darauf Bedacht nehmen, geplant Kinder zu bekommen. Früher hat man sie einfach bekommen und dann waren sie da. Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass Frauen in ihrer persönlichen Lebensplanung selbstständiger geworden sind und nichts dem Zufall überlassen wollen. Ich glaube aber nicht, dass das immer auf Dauer sein muss. Das sind Wellen – die exkommunistischen Länder sind unter unserem Schnitt, Frankreich dagegen ist über unserem Schnitt. Frankreich ist für mich das Beispiel für ein Land, in dem die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfach wesentlich besser ist als bei uns. In Belgien und in Frankreich ist es kein Problem, ein einjähriges Kind qualitativ bestens unterzubringen. Bei uns ist das alles immer noch ein Problem.

Roman Korecky: Als Vollzeitbeschäftigter ist die Kinderbetreuung außerhalb Wien immer noch ein Problem.

Lore Hostasch: Ja, Wien ist anders. Aber abgesehen von den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist für mich der Schlüssel für den Kinderentscheid insbesondere bei den Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn wir uns da verbessern würden – auch Wien bei den Unter-3-Jährigen – hätten wir auch ein paar Kinder mehr. Der Westen ist überhaupt eine Katastrophe, auch Niederösterreich, dort wird nur so getan, als wäre alles gut.

Roman Korecky: Wie danken Ihnen für das informative Gespräch!

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Das Vertrauen in das Bildungssystem fehlt also – was nun?

Das Bildungssystem ist also krank. Die Kindergartenpädagogen sind unterqualifiziert und unterbezahlt. Die Schulverwaltung schafft es nicht, Lehrerposten zeitgerecht neu zu besetzen. Lehrer können ohne Konsequenz die Zukunft mehrerer Schülergenerationen ruinieren. Die Lehrergewerkschaft hat kein Interesse daran, das Image des Lehrberufs zu heben. Und wenn man Studenten den Ratschlägen des Wissenschaftsministeriums folgen, werden sie von einem Chaos in das andere geschickt.

Wundert es also jemanden, dass viele Eltern jeder radikalen Veränderung des Systems skeptisch gegenüber stehen? Wundert es, dass sie ein noch größeres Chaos befürchten? Ja, die Ganztagsschule als Regel wäre sinnvoll, doch wer will sein Kind schon unfähigen Lehrern den ganzen Tag aussetzen? Ja, die gemeinsame Schule von 6 bis 14 würde vieles vereinfachen und allen Schülern bessere Bildungschancen bringen, doch traut man dieser Schulverwaltung tatsächlich die innere Differenzierung zu?

Vielleicht sollte die Politik statt der großen Reformen endlich versuchen, das Vertrauen wiederherzustellen. Die großen Reformen werden dann wohl umso leichter fallen. Daher fordere ich noch vor allen anderen Reformschritten:

  • Schrittweise Anhebung des Ausbildungsniveaus von Kindergartenpädagogen und –pädagoginnen auf akademisches Niveau bei gleichzeitiger Erhöhung der Bezahlung
  • Konsequente Bereinigung des Lehrkörpers um unqualifizierte Mitglieder
  • Ausreichende Finanzierung der Hochschulen

Bildung: Das Vertrauen fehlt

Foto: cklingler (flickr)

Gesamtschule, Neue Mittelschule, Gymnasium für alle, Ganztagsschule, Universitätsmisere, PISA-Debakel – diese Schlagwörter prägen die Debatte um die dringend erforderliche Reform des Bildungssystems in Österreich. Doch in Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes: Vertrauen.

Warum würden die meisten Eltern ihre Kinder am liebsten ausschließlich zu Hause betreuen und keinesfalls in einen Kindergarten geben? Weil sie kein Vertrauen haben, dass ihre Kinder im Kindergarten die optimale Förderung bekommen.

Warum beantworten zwar die meisten Wähler die Frage, ob sie für den Ausbau von ganztätigen Schulformen sind, mit ja, aber wenn es um die eigenen Kinder geht, dann ist die Ganztagsschule doch nur die letzte Lösung, wenn es sonst keine anderen Möglichkeiten der Betreuung gibt? Weil die Eltern kein Vertrauen in die Lehrer haben.

Warum will die Mehrheit der Österreicher keine Gesamtschule oder Neue Mittelschule und beharrt auf dem veralteten Zwei-Klassen-Schulsystem? Weil sie fürchten, dass ihre Kinder sonst keine ausreichende Ausbildung bekommen?

Warum wollen die meisten Frauen, die Kinder im Pflichtschulalter haben, zu Hause bleiben oder maximal in Teilzeit arbeiten? Weil die Kinder von der Schule nicht zuverlässig betreut werden können.

Es fehlt das Vertrauen in die Pädagogen. Es fehlt das Vertrauen in die Schulverwaltung. Es fehlt das Vertrauen in die Politik, dass diese Probleme endlich angegangen werden.

Jede Diskussion um eine Reform des Bildungssystems muss daher mit einer Frage beginnen: Wie können wir das Vertrauen der Menschen in das System wiederherstellen? Welche Maßnahmen können wir setzen, damit Eltern das Gefühl haben, dass ihre Kinder in guten Händen sind?

Ich werde in den nächsten Tagen hier einige Problemfelder aufzeigen, die deutlich machen, warum das Vertrauen in das Bildungssystem so schwer erschüttert wird.

Das Bildungskonzept-Konzept der ÖVP

Nun ist die Schulreform hoffentlich nicht mehr weit. Alle bisherigen politischen Versuche sind ja daran gescheitert, dass die kleinere der beiden Regierungsparteien keinen Standpunkt hatte. Und ohne Standpunkt kann man keine politische Diskussion führen, geschweige denn Entscheidungen treffen. Doch jetzt ist auch diese Hürde gefallen, die ÖVP hat endlich einen Standpunkt in Form eines “Bildungskonzepts”.

Wichtig ist dabei das Wort “Konzept”. Denn ein ausgereiftes Papier sieht anders aus. Dazu hat die ÖVP Monate gebraucht? Sechs zusammengeschusterte Seiten mit Aufzählungspunkten, wobei schon ab der zweiten Seite auf vollständige Sätze verzichtet wird, lassen den Schluss zu, dass das Bildungskonzept selbst maximal ein Konzept eines solchen, also ein Entwurf ist, quasi ein Bildungskonzeptkonzept. Dazu kommen viele zentrale, ungelöste Fragen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich die ÖVP für dieses Konzept eigentlich noch mehr Zeit lassen wollte, aber der öffentliche Druck und der Druck der katastrophalen PISA-Ergebnisse dies nicht zuließen.

Wer es nicht glaubt, kann das Konzept gerne hier im Original nachlesen. Viel Zeit braucht man dazu nicht. Die ÖVP-Politiker haben offensichtlich mehr Energie in die Präsentation und die begleitenden Interviews investiert als in das Papier selbst.

Grundsätze

Doch schauen wir uns einmal die Knackpunkte im Detail an. Das Konzept beginnt mit einigen allgemeinen Grundsätzen.

Die Schule soll das Wohl des Kindes und die Wahlfreiheit in den Mittelpunkt stellen.

Die Eltern sind für die Erziehung und Ausbildung der Kinder verantwortlich und werden von der Schule in der Begleitung und Förderung ihrer Kinder unterstützt. Die partnerschaftlichen Aufgaben zwischen Schule und Eltern werden in einer Bildungsvereinbarung festgeschrieben.

Immer mehr Eltern scheitern bei der Erziehung ihrer Kinder. Man kann den Eltern dabei oft gar keinen Vorwurf machen. In einem Land, in dem seit Jahrzehnten zwar in allen politischen Programmen als Ziel die “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” steht, diese Vereinbarkeit aber in der Praxis immer weniger gegeben ist, ist es die Politik, die hier versagt hat.

Der Staat, der diese Misere verursacht hat, darf sich nicht so leicht aus dieser Verantwortung stehlen. Wenn das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen soll, aber gleichzeitig die Schule die alleinige Verantwortung auf die Eltern abschiebt, was machen wir mit dem guten Drittel an Kindern, bei denen die Eltern diese Verantwortung nicht wahrnehmen (können). Gilt für die der Grundsatz, dass das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen soll nicht?

Ganztägige Schulformen

Weiter geht es mit dem Thema Schule in der Gesellschaft, wobei anscheinend die Betreuungsangebote im Vordergrund stehen.

Die Schule soll den geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung tragen und bedarfsorientiert flächendeckende, ganztägige Betreuungsangebote schaffen.

In ähnlicher Form findet man diesen Satz dann auch im Abschnitt zum Kindergarten:

bedarfsorientiertes flächendeckendes Angebot für alle drei- bis sechsjährigen Kinder;

Und auch die Volksschule darf da selbstverständlich nicht hinterher hinken:

im Rahmen der bedarfsorientierten Nachmittagsbetreuung soll ein besonderer Fokus auf Förderung der musisch-kreativen Fächer und Sport – auch in Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen – erfolgen;

Und weil es so schön war, ein letztes Mal bei der Mittelstufe:

ganztägige bedarfsorientierte Betreuung und Förderung in Abstimmung mit außerschulischen Einrichtungen (Jugendgruppen, Sportvereine, Musikvereine etc.)

Ein durchaus positiver Ansatz. Der Haken ist: Was heißt bedarfsorientiert? Wenn es in einem Vorarlberger Tal nur eine Handvoll alleinerziehender Mütter gibt, die auf Betreuungsangebote angewiesen sind, damit sie überhaupt einen Job finden, ist das schon ein Bedarf? Und was ist eigentlich mit Unter-Drei-Jährigen? Darf es da keinen Bedarf geben? Oder gibt es für die keine Bildung?

Zudem fehlt mir überall das Wort “Qualität”. Dieses Wort kommt übrigens im gesamten Bildungskonzept erst auf der allerletzten Seite im vorletzten Absatz das erste und einzige Mal vor.

Was die ÖVP unter “bedarfsorientiert” verstehen könnte findet sich zum ersten Mal im Abschnitt über die Volksschule:

integrative Sprachschule bedeutet verpflichtende Sprachförderung am Nachmittag für Kinder mit sprachlichen Defiziten;

Und im Abschnitt zur Mittelstufe findet sich eine ähnliche Überschrift:

für Schülerinnen und Schüler, die den notwendigen Lernerfolg nicht erbringen, wird ein Förderangebot am Nachmittag verpflichtend;

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Teile der ÖVP die Ganztagsschule als Regelschule wollen, sich aber nicht gegen den internen Widerstand (Stichwort “Zwangstagsschule”) durchsetzen konnten. Wenn Schüler mit Sprachdefiziten verpflichtenden Zusatzunterricht am Nachmittag erhalten, so klingt das für mich wie “Nachsitzen”. Wo bleibt da eigentlich die Begabtenförderung, die sich die ÖVP ja so gerne auf die Fahnen schreibt? Warum nicht einfach für alle Schüler verpflichtenden Zusatzunterricht am Nachmittag mit innerer Differenzierung?

Gesamtschule, Neue Mittelschule, Gymnasium

Kommen wir zu einem der größten Streitpunkte der beiden Koalitionsparteien. Soll es weiterhin eine Differenzierung ab dem 10. Lebensjahr geben oder kommt die Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr. Im ÖVP-Bildungskonzeptkonzept liest man dazu:

Geprägt vom Prinzip der Durchlässigkeit darf es keinen Abschluss ohne Anschluss geben.

Die Schule soll keine Entscheidung über die Bildungslaufbahn vor dem 14. Lebensjahr vorgeben.

Das klingt ja so, als ob die ÖVP endlich die Meinung fast aller Experten übernommen hätte und die Differenzierung im 10. Lebensjahr endlich aufgeben würde. Doch was lese ich weiter unten im Abschnitt über die Mittelstufe?

Gymnasium und die Mittelschule sind zwei gleichwertige Säulen für die 10- bis 14-jährigen;

beide Schultypen sind in sich leistungsdifferenziert. Die Form der Leistungsdifferenzierung  wird am Schulstandort bestimmt;

durch einen gemeinsamen Fächerkanon und Bildungsstandards wird die volle Durchlässigkeit zwischen der Mittelschule und dem Gymnasium Unterstufe gewährleistet

Alles gut und schön. Doch wozu brauchen wir dann noch die Differenzierung in Gymnasium und Neue Mittelschule, wenn beide gleichwertig sind, beide eine innere Leistungsdifferenzierung haben, beide die gleichen Zugangsvoraussetzungen haben und der Fächerkanon auch ident ist?

“Ich, ich, ich – ich weiß es (handheb)!” Damit wir weiterhin Bundes- und Landesschulen haben, in die die Landesfürsten ordentlich hineinregieren können. Denn die Neuen Mittelschulen sollen ja aus den bestehenden Hauptschulen hervorgehen und die Gymnasien sollen Gymnasien bleiben. Es geht also doch nicht um das Wohl des Kindes, sondern um bloße politische Macht.

Im Abschnitt über die Volksschule liest man zudem:

ohne positive Bildungsempfehlung ist ein Übertritt in die Mittelstufe nicht möglich.

Sowohl für NMS als auch für AHS ist also eine positive Bildungsempfehlung erforderlich. Was aber machen wir mit Schülern, die diese positive Bildungsempfehlung nicht bekommen? Sonderschule? Fortsetzung der Volksschule? Wie ist das mit dem Grundsatz “kein Abschluss ohne Anschluss” vereinbar? Fragen über Fragen…

Als Abschluss für die Mittelstufe in allen Schultypen soll es eine mittlere Reife geben, die Voraussetzung für den Übertritt in höhere Schulen ist:

mittlere Reife in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und in einer lebenden Fremdsprache sowie zwei weiteren Schwerpunktfächern bzw. jeweils einem weiteren Kern- und Schwerpunktfach am Ende der Mittelstufe als Voraussetzung für den Aufstieg in die Angebote der Oberstufe (AHS-Oberstufe, Oberstufenrealgymnasium, BHS, Lehre mit Maturaschule);

Ein interessanter Ansatz. Das kann man sicher diskutieren.

Oberstufe

Zur Oberstufe fiel der ÖVP nicht allzu viel ein. Vor allem fehlt es wieder einmal an einem schlüssigen Konzept an der Schnittstelle höhere Schule zur akademischen Bildung. Als Beispiel möchte ich zwei Zitate herausgreifen:

spezielle Förderung beruflich verwertbarer Fähigkeiten;

Kooperationen mit der Wirtschaft und dem tertiären Bildungssektor verstärken;

Oh je! In Zukunft wird die Wirtschaft die Lehrpläne bestimmen. Ausbildung statt Bildung wird diese Lehrpläne bestimmen. Wer nach der Schule studieren möchte, wird also ordentlich Stoff nachholen müssen. Gleichzeitig wird die Halbwertszeit des an der Schule erlernten Wissens drastisch reduziert. Die Wirtschaft will sich die Berufsausbildung sparen und so sparen wir bei der Bildung der Jugendlichen.

Fazit

Positiv ist zu beurteilen, dass die ÖVP nun endlich auch einen Standpunkt zur künftigen Bildungspolitik hat, auch wenn dieser bei weitem nicht ausgereift ist. Positiv ist auch das verhaltene Bekenntnis zur Neuen Mittelschule und zu ganztägigen Schulformen. Wie sich die ÖVP aber genau diese ganztägigen Schulformen vorstellt, weiß ich nach Lektüre des Konzeptkonzepts immer noch nicht genau. Und worin genau der Unterschied zwischen Gymnasium und Neuer Mittelschule liegen soll, weiß wohl nicht einmal die ÖVP selbst.

Warum ausgerechnet die ÖVP so wenig Ansätze zur Begabtenförderung hat (Begabtenförderung kommt das erste Mal im Abschnitt zur Oberstufe und da auch nur einmal vor), zeigt mit welch heißer Nadel das Konzept gestrickt wurde. Auch den künftigen Stellenwert von Privatschulen vermisst man in dem Papier völlig.

Da wundert es auch kaum noch, dass Bildung bei der ÖVP erst mit 3 Jahren beginnt und mit der Matura aufhört. Ist ja nur logisch, denn angesichts der Finanzmisere an den Universitäten, können die ohnehin bald keine Lehre mehr anbieten.

Abtreibung als gesellschaftliches Unvermögen

Angesichts des Jubiläums der ersten österreichischen Abtreibungsklinik ist die Diskussion um die sogenannte Fristenlösung wieder voll entbrannt. Militante Abtreibungsgegner fahren schwere Geschütze auf und von den Befürwortern wird das Recht der Frauen am der Selbstbestimmung über den eigenen Körper betont. Doch schauen wir uns die Argumente mal der Reihe nach an.

Abtreibung ist Mord?

Abtreibungsgegner argumentieren gerne damit, dass hier menschliches Leben zerstört wird. Es wird gerne mit Mord und sogar mit dem Holocaust an Föten argumentiert. Doch warum sieht keine der großen Weltreligionen eine Trauerfreier oder gar ein religiöses Begräbnis für Föten vor? Die Religionen gehen davon aus, dass die Beseelung des Fötus erst bei der Geburt eintritt und erst dadurch zum Menschen wird. Doch was ist der Fötus davor? Wenn man von radikalen Positionen absieht, kann das anscheinend keine Religion eindeutig beantworten.

Wie wären eigentlich Frauen zu behandeln, die durch ihre Lebensweise alles unternehmen, um einen natürlichen Abortus zu erzwingen und dabei durchaus häufig erfolgreich sind? Sollen diese auch als Mörder strafrechtlich behandelt werden?

Junge Schwangere

Warum treiben Frauen nun ab? Da gibt es zum einen sehr junge schwangere, oft noch im Teenager-Alter, die sich der Aufgabe als Mutter einfach nicht gewachsen fühlen. Noch häufiger würden sie sich aber vielleicht schon gewachsen fühlen, aber das Umfeld – Eltern, Schule – übt Druck in Richtung Abtreibung aus. Diesem Druck sind junge Mädchen und Frauen meist nicht gewachsen. Das beste Rezept zur Verhinderung von Abtreibung liegt wohl in der Vermeidung von Teenager-Schwangerschaften.

Die Rezepte zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften sind einfach und liegen klar auf der Hand: offener Aufklärungsunterricht an der Schule und einfacher Zugang zu Verhütungsmittel. Doch genau die Abtreibungsgegner waren es, die am lautesten gegen den berüchtigten Sexkoffer in den 1980ern geschrien haben. Und genau die Abtreibungsgegner sind es auch heute, die gegen die einfache und anonyme Verschreibung der Anti-Baby-Pille für junge Mädchen sind. Enthaltsamkeit mag zwar ein hehres Ziel für manche sein, für die Mehrheit der Bevölkerung stellt der Geschlechtsakt jedoch das ultimative Lusterlebnis dar, das kein Staat und keine Religion der Welt verbieten oder einschränken kann.

Frauen im Berufsleben

Ebenfalls ein häufiger Grund für Abtreibungen ist die berufliche Stellung der Schwangeren. Das Kind käme halt zum falschen Zeitpunkt. Aber was ist schon der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Das Problem ist ja, dass ein Kind immer noch einen Karriereknick für Frauen bedeutet. Kommt dazu noch der Kindesvater abhanden, ist die Armutsfalle perfekt.

Gerade die Abtreibungsgegner hängen einem Familienbild nach, das vielleicht für eine Generation in Österreich tatsächlich existent war. Ein Kind ist in Österreich immer noch eine große Belastung, weil es keine flächendeckenden und ausreichenden Kinderbetreuungsangebote gibt. Dass professionelle Kinderbetreuung nicht nur das berufliche Fortkommen der Frauen fördert, sondern gleichzeitig auch die Entwicklung der Kinder, hat eine schwedische Langzeitstudie gerade erst bewiesen. Es gibt daher keine Gründe dafür, dass eine Frau länger als 1 – 2 Jahre zu Hause beim Kind bleiben sollte.

Konsequenzen

Da sich die Gesellschaft über die Definition von menschlichen Leben offensichtlich nicht einig ist, ist die Fristenlösung die beste Kompromisslösung. Es sollte jedoch ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel sein, die Zahl der Abtreibungen so gering wie möglich zu halten. Eine Abtreibung drückt immer das Unvermögen der Gesellschaft aus, einer werdenden Mutter anständige Zukunftsperspektiven zu bieten. Wer Abtreibungen verhindern will, muss daher die Last der Mutterschaft verringern, indem die viel beschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich umgesetzt werden. Zusätzlich muss auch der Zugang zu Verhütungsmitteln gerade für junge Mädchen und Frauen so einfach wie möglich sein.