Warum Fahrplandaten NICHT in Google Maps aufscheinen sollten

Mein gestriger Beitrag, wer schuld daran ist, dass man keine öffentlichen Verkehrsrouten mehr mit Google Maps planen kann, hat für große Resonanz gesorgt. Die Zugriffsraten auf den Blog sind geradezu in die Höhe geschnellt (+ 600 %). Das Thema interessiert anscheinend viele und ich wurde mit meiner kontroversiellen Meinung auch des öfteren zitiert. In der Zwischenzeit habe ich ein wenig recherchiert und bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass es für den öffentlichen Verkehr wahrscheinlich besser ist, wenn man seine Fahrten nicht mit Google Maps plant. Doch mal langsam von Anfang an.

Derzeit gibt es drei verschiedene Routenplaner für den Raum Wien und Umgebung:

  • Die Fahrplanabfrage des VOR berücksichtigt auch – wo möglich – Live-Daten, das heißt Verspätungen auf Linien. Diese Fahrplanabfrage wird auch von den Wiener Linien verwendet. Die Software dazu dürfte eine Eigenentwicklung sein. Die Mobilapplikation namens Qando wurde von der Wiener Firma Fluidtime geschrieben. Sie ist derzeit für die meisten Handys erhältlich u. a. für das iPhone, Android, Windows Mobile, Blackberry, Nokia, Motorola, Samsung und Sony Ericsson. Grundsätzlich kann jedes Java-fähige Handy Qando ausführen.
  • Der Routenplaner www.anachb.at berücksichtigt angeblich auch Live-Daten. Die Routing-Ergebnisse unterscheiden sich etwas von der VOR-Software. Für das iPhone gibt es eine mobile Anwendung, für andere Plattformen nicht.
  • Scotty ist die Fahrplanabfrage der ÖBB. Dabei handelt es sich um eine leicht angepasste Version von HAFAS, einem relativ alten Fahrplaninformationssystem, das u. a. auch von der Deutschen Bahn und den Schweizer Bundesbahnen verwendet wird. Die Fahrplanabfrage kann auch Live-Daten liefern, berücksichtigt diese aber bei der Routenplanung nicht. Eine Mobil-Version gibt es für die gleichen Plattformen wie bei Qando, allerdings liefert die ÖBB derzeit die Android-Version nicht aus. Es dürfte sich aber nur um eine Frage der Zeit handeln.

Im Zuge der Vorbereitungen zur Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz lieferte die ÖBB Fahrplandaten auch an Google, wodurch eine Routenplanung auch mit Google Maps ermöglicht wurde. Die Erfahrungen damit waren laut ÖBB aber nicht sehr positiv. Tatsächlich findet man nach einiger Recherche im Internet eine Menge sehr unzufriedener Anwenderberichte. Der Routing-Mechanismus von Google dürfte nicht immer optimale Routen liefern.

Ich habe mir im Zuge meiner Recherchen die Mühe gemacht, die Spezifikation zu lesen, wie Google die Fahrplandaten erwartet. Diese hat Google als General Transit Feed Specification veröffentlicht. Hauptproblem dieser Spezifikation ist, dass keine Live-Daten verarbeitet werden können. Schlimmer noch: Nicht einmal langfristige Betriebsunterbrechungen oder –änderungen zum Beispiel durch Baustellen können berücksichtigt werden, weil der Betreiber keine Möglichkeit hat, Änderungen an Google “zu pushen”. Der Betreiber stellt lediglich eine Datei mit den Daten auf dem eigenen Webserver bereit, die dann Google abholt, wann immer es dem Konzern gerade passt.

Alle Fahrgastbefragungen der letzten Jahre (u. a. vom ÖBB-kritischen Verein Probahn) zeigen jedoch eines ganz deutlich: Besonders wichtig ist es den Benutzern öffentlicher Verkehrsmittel rechtzeitig über Verspätungen und andere Störungen informiert zu werden und Alternativen angeboten zu bekommen. Dies ist aufgrund des von Google verwendeten Mechanismus jedoch nicht möglich. Da die Fahrgäste das nicht wissen (Hand auf’s Herz: Wer hat die General Transit Feed Specification gelesen?) werden die Fahrgäste, die Google Maps zur Planung verwendet haben, den Verkehrsbetrieben die Schuld geben.

Hinzu kommt, dass natürlich ein erheblicher Teil der Fahrplanabfragen dann nicht über die eigenen Server geht, sondern über Google. Die Daten der Abfragen können jedoch ein wichtiges Planungsinstrument sein. Wenn beispielsweise die Anzahl der Abfragen für eine bestimmte Destination in einem groben Missverhältnis zum tatsächlichen Fahrgastaufkommen liegt, ist das Angebot auf der Destination wahrscheinlich nicht attraktiv genug.

Wenn man all dies in Erwägung zieht, kommt man letztlich zu dem Schluss, dass es für die Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs wahrscheinlich besser ist, wenn Fahrplanabfragen nicht in die Hände eines einzelnen Konzerns gelegt werden, dessen Spezifikation gravierende technische Schwächen aufweist, der aber gleichzeitig ein Quasi-Monopol für Suchen im Internet hat.

Besser wäre es, wenn die Verkehrsbetriebe eine eigene Spezifikation für Web-Services ausarbeiten, die eine Integration von Fahrplandaten in Geographische Anwendungen ermöglicht und diese Spezifikation veröffentlicht. Ich denke, dass so etwas nicht die Aufgabe einzelner Verkehrsbetriebe sein kann. Vielmehr wäre das eine lohnende Aufgabe für die EU-Ebene, um diese Spezifikation dann auch europaweit einsetzen zu können. Auf jeden Fall sollte sichergestellt sein, dass zumindest Kerndaten der Abfrage an den Verkehrsbetrieb gehen. Ebenso sollte es die Möglichkeit geben, Live-Daten zu integrieren.

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Fahrplandaten ein Staatsgeheimnis?

image Bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2009 konnten nicht nur Fußgänger und Autofahrer ihre Routen in Google Maps planen, sondern auch Öffi-Benutzer. Google Maps hat viele Vorteile für die Benutzer, ist es doch nicht nur als Website am PC verfügbar, sondern auf praktisch allen aktuellen Mobiltelefon-Plattformen. Es kann außerdem auf allen Telefonen den aktuellen Standort des Benutzers mehr oder weniger genau bestimmen, mit GPS-Empfänger sogar sehr genau. Bedienung und Darstellung auf der Karte sind sehr einfach gehalten und somit für jedermann und jederfrau verständlich.

Doch seit Dezember 2009 ist der Zauber vorbei. Die ÖBB, die die Fahrplandaten zuvor an Google geliefert hatte, stellte diesen Service ein. Öffi-Benutzer sollen doch gefälligst das ÖBB-eigene Programm Scotty benutzen. Dass dieses Programm auf den mittlerweile recht verbreiteten Android-Telefonen vieler Hersteller nicht verfügbar ist und es auch keine mobile Website gibt, ist egal. Wer das Glück hat, ein Windows Mobile-Telefon zu benutzen, darf eine Java-Anwendung herunterladen. Die beherrscht aber keine Standortbestimmung. Die Bedienung dieser Applikation erforder einen guten halben Tag Einarbeitung. Dann ist sie nicht unpraktisch, aber von intuitiv weit entfernt. Gelegenheitsbenutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln wird man mit dieser Anwendung sicher nicht den Umstieg schmackhaft machen.

Offiziell begründen die ÖBB diesen Schwenk damit, dass man mit Google Maps keine guten Erfahrungen gemacht hat. Angeblich waren die von Google Maps berechneten Routen oftmals nicht optimal. Doch stimmen diese Argumente, oder steckt vielleicht was anderes dahinter? Ein kurzer Reality-Check soll Licht ins Dunkel bringen.

Ich komme am 23.07.2010 um ca. 19:00 Uhr mit einem Zug aus Graz am Bahnhof Wien Meidling an und möchte wissen, wie ich am schnellsten nach Hause komme. Mühsam navigiere ich mit meinem Android-Telefon auf der ÖBB-Website. In der Zwischenzeit fahren mir 2 Schnellbahnen und gefühlte 3 U-Bahnen davon. Aber vielleicht wären die ohnehin nicht optimal gewesen. Die Fahrplanauskunft der ÖBB schlägt tatsächlich etliche durchaus brauchbare Verbindungen vor. Ich nehme eine Schnellbahn um 19:06 Richtung Floridsdorf, fahre damit bis zum Praterstern, steige dort in die U1 um und in Kagran in die Straßenbahnlinie 26. Weil mir der 26er in Kagran vor der Nase davon fährt, wird aus der geschätzten Ankunftszeit von 19:51 nichts. Tatsächlich bin ich kurz vor 20:00 Uhr zu Hause. Hätte ich laut ÖBB die Schnellbahn um 19:12 genommen, wäre ich um die gleiche Zeit zu Hause gewesen.

Man sollte jetzt meinen, dass alle Fahrplanauskünfte im Raum Wien zu den gleichen Ergebnissen kommen. Schließlich ist das ja laut ÖBB genau der Grund, warum man Google Maps nicht mehr unterstütze. Also habe ich auf der Heimfahrt einmal die Fahrplanauskunft der Wiener Linien getestet. Die Ergebnisse sind übrigens immer identisch mit denen des VOR. Die Schnellbahn um 19:06 hätten mir die Wiener Linien auch vorgeschlagen. Allerdings hätten sie mich schon am Südtiroler Platz in die U1 umsteigen lassen, wodurch ich überhaupt keine Chance auf den früheren 26er in Kagran gehabt hätte. Folglich komme ich mit den Wiener Linien um mindesten 7 Minuten später an. Mindestens deshalb, weil die Wiener Linien als nächste Verbindung um 19:07 den Weg mit U6 über Längenfeldgasse, U1 bis Kagran und dann weiter mit dem 26er vorschlagen. Ankunftszeit: 20:04, also gute 6 Minuten später als die ÖBB-Verbindung um 19:12, bei der ich mir noch gemütlich in Meidling was zu essen kaufen hätte können.

Doch was wäre gewesen, wenn ich erst um 19:08 von Meidling wegfahren würde? Laut Wiener Linien gibt es bis 19:24, also 16 Minuten lang keine sinnvolle Verbindung (siehe Abbildung). Erst um 19:24 fährt angeblich eine Schnellbahn, die mich zum provisorischen Ostbahnhof bringt, von wo aus ich mit einem Regionalzug und dem 26er nach Hause komme. Ankunftszeit: 20:10. Die Verbindung um 19:12 mit einer Ankunftszeit von 19:58, also vor allen anderen von den Wiener Linien vorgeschlagenen Verbindungen, wird komplett verschwiegen. Auch um 19:19 gäbe es laut ÖBB eine Verbindung, die mich aber erst um 20:19 nach Hause bringt. Hier sind die Wiener Linien also entschuldigt, dass sie mir diese nicht vorschlagen.

Eine weitere Website mit Fahrplanauskünften ist www.anachb.at. Diese schägt wiederum völlig andere Verbindungen vor. Die günstigen Verbindungen um 19:06 und 19:07 werden unterschlagen. Stattdessen wird eine Verbindung um 19:08 mit einer Ankunftszeit von 20:05 vorgeschlagen. Na ja. Laut dieser Website gibt es auch keine Verbindung nach 19:02, die mich noch vor 20:00 nach Hause bringt.

Was ist nun das Fazit dieses Tests? Routen zu berechnen ist eine komplizierte Angelegenheit. Bei Routen für öffentliche Verkehrsmittel kommen noch Parameter wie Gehgeschwindigkeiten (wichtig beim Umsteigen) hinzu. Dass es dadurch zu unterschiedlichen Ergebnissen durch die verschiedenen Algorithmen kommen kann, ist nicht verwerflich. Auf anderen Routen hat z. B. AnachB schon bessere Verbindungen vorgeschlagen als die ÖBB-Fahrplanauskunft. Tatsache ist aber, dass es im Raum Wien zumindest drei verschiedene Routenplaner gibt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Google Maps wäre ein vierter. Die Argumentation der ÖBB hinkt daher. Und die Strategie dahinter ist offensichtlich: Man will keine zusätzlichen Kunden.

Scotty Mobil: Die Krux mit der Sommerzeit

Wer mir auf Twitter folgt weiß: Seit Wochen geisele ich die ÖBB, weil Scotty Mobil auf meinem Handy (HTC TyTN II mit Windows Mobile 6.1) immer noch die Winterzeit anzeigt.

Scotty Mobil ist eine Java-Anwendung, mit der man öffentliche Verkehrsverbindungen abfragen kann. Das schöne an Scotty Mobil ist, dass man sich die Fahrpläne für häufig benutzte Routen auf das Handy herunterladen kann, wodurch sie nicht nur schneller, sondern auch offline abfragbar sind.

Scotty Mobil zeigt in der Anwendung eine Uhrzeit an. Diese Uhrzeit wird auch als Standardzeit für alle Abfragen verwendet. Scotty Mobil hat auf meinem Handy die Umstellung auf die Sommerzeit nicht mitgemacht, wodurch ich bei jeder Abfrage händisch die Uhrzeit um eine Stunde vorstellen musste.

Heute habe ich die Entdeckung gemacht: Tief in den Einstellungen der Java-Anwendung liegt die Uhrzeit vergraben. Offensichtlich kann man bei Scotty Mobil eine Art “Uhrzeit-Offset” einstellen, sodass die Uhrzeit der Anwendung sich von der Systemzeit des Handys unterscheiden kann. Diese Uhrzeit habe ich korrigiert und Scotty Mobil funktioniert nun wieder so, wie ich es gewohnt bin.

Man kann diesen Vorfall jetzt als Benutzerfehler meinerseits einstufen und zu den Akten legen. Es bleiben jedoch zwei Kritikpunkte:

  1. Warum gibt es diese Funktion überhaupt? Und warum macht Sie die Zeitumstellung zweimal im Jahr nicht mit?
  2. Warum konnte mir der Kundendienst der ÖBB trotz mehrmaliger Beschwerde-Mails nicht helfen und mir keinen Hinweis auf diese einfache Lösung geben?