Die “Werte” von Frau Rosenkranz und Herrn Gehring

2 Tage vor der Wahl möchte ich die beiden Herausforderer von Bundespräsident Heinz Fischer hier einmal einem kurzen “Reality Check” unterziehen, inwiefern sie die von ihnen vertretenen Werte auch tatsächlich leben.

Beide Kandidaten wollen ja Familien stärken uns insbesondere Hausfrauen und Mütter gesellschaftlich aufwerten. Lassen wir einmal den ideologischen Balast (“zurück an den Herd”) beiseite und prüfen wir, wie die beiden das in der Realität halten.

Herr Gehring tritt dafür ein Mutter als Beruf anzuerkennen, möglicherweise sogar mit eigener Bezahlung. Immer wieder betont er, dass Kinder solange wie möglich bei der Mutter bleiben sollen und wie unglaublich wichtig der Beruf der Hausfrau und Mutter für die geistige Gesundheit unserer Gesellschaft ist.

Dass er diese Haltung offensichtlich nicht wirklich verinnerlicht hat, sondern nur ein fieser Macho in ihm steckt, bewies er bei der TV-Konfrontation mit Barbara Rosenkranz in ORF2 am 18.4.2010. Er warf Barbara Rosenkranz minutenlang vor, ja nie einen “richtigen” Beruf ausgeübt zu haben und daher für ein so hohes politisches Amt inkompetent zu sein. Wie war das jetzt mit der Anerkennung der Hausfrau als “richtigen” Beruf, Herr Gehring?

Aber auch bei Barbara Rosenkranz klaffen politische Vorstellungen und ihr eigener Lebensstil weit auseinander. Barbara Rosenkranz hat ab 1980 sage und schreibe neunmal “geworfen”. Ich habe leider keine exakten Geburtsjahre dieser neun Kinder gefunden, wenn man aber davon ausgeht, dass der Abstand rein biologisch gesehen irgendwo zwischen 12 und 18 Monaten liegt, kann das neunte Kind noch nicht sehr alt gewesen sein, als Barbara Rosenkranz 1993 Landtagsabgeordnete in Niederösterreich wurde. Wenn man dazu bedenkt, dass man nicht einfach so Landtagsabgeordnete wird, sondern dass dem jahrelange intensive politische Arbeit vorangeht, kann Barbara Rosenkranz keine so ideale Mutter gewesen sein, wie sie von gewissen Kreisen gerne dargestellt wird. Das zehnte Kind ist übrigens 2002 auf die Welt gekommen, als Frau Rosenkranz bereits vielbeschäftige Nationalratsabgeordnete und später Landesrätin war.

Nun wäre ihr das nicht vorzuwerfen. Immerhin gibt es auch andere Berufspolitikerinnen im In- und Ausland, die Kinder zur Welt gebracht haben. Wenn sie aber Frauen in ihrem Buch vorwirft, dass sie die Mutterrolle nicht wahrnehmen, muss man sie schon fragen, inwieweit sie diese Rolle übernimmt.

Ja, Horst Jakob Rosenkranz mag ein aufopfernder Vater sein, der bereitwillig zu Haus bleibt, um die kleinen Kinder zu hüten. Dass er dies nicht ganz freiwillig tut, sondern weil er aufgrund seiner extremistischen Tätigkeiten einfach keinen Job mehr in seinem erlernten Beruf als Filmcutter findet, wollen wir hier einmal beiseite lassen. Tatsache ist jedoch, dass Frau Rosenkranz als Landtagsabgeordnete, Landesrätin und Nationalratsabgeordnete netto ziemlich genau das Doppelte des Durchschnittsösterreichers bzw. der Durchschnittsösterreicherin an Einkommen hat, wie sie im Fernsehen auch freimütig zugegeben hat, erleichterte Herrn Rosenkranz sicher die Entscheidung, Hausmann zu werden.

Lassen wir uns am Sonntag also nicht von den plakatierten Werten dieser beiden Personen täuschen, sondern schauen wir ein wenig hinter die Kulissen, dann erkennen wir, dass wir es mit zwei – wie es die Bibel ausdrücken würde – selbstgefälligen Pharisäern zu tun haben.