Lore Hostasch im Interview (4): Die Pflichtpraktika sind eine Sauerei

Roman Korecky: Wir sehen zunehmend das Problem, dass immer mehr Leute mit ihrem Einkommen nicht auskommen, die eben zum Beispiel als Teilzeitbeschäftigte keinen Vollzeitjob finden, in solchen freien Dienstnehmerverhältnissen sind, oder als neue Selbstständige angemeldet sind und unter dem Kollektivvertrag als solche bezahlt werden. Haben Sie eine Antwort für diese Leute? Wie könnte man das bekämpfen?

Lore Hostasch: Ich kenne viele Jüngere, die den Wunsch haben, sich nicht auf 38 Stunden zu binden, sondern etwas mehr Freiheit zu haben.

Roman Korecky: Das habe ich auch schon von jungen Leuten gehört, die teilweise noch bei den Eltern wohnen. Die sagen, das Geld reicht mir, aber spätestens, wenn sie auf eigenen Füßen stehen, sehen sie, dass sie damit nicht auskommen. Dann ist das eine Falle.

Lore Hostasch: Ja, deshalb habe ich das jetzt erwähnt. Da tappt man in die Falle der Arbeitgeber. Wir leben aber zum Glück in einer freien Gesellschaft und es muss eine gewisse freie Disponierbarkeit geben. Wir brauchen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht Rahmenbedingungen, bei denen die Normen nicht zu eng sind, denn bei zu engen Normen brechen entweder Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus. Im Gesundheitsbereich kann man Ärzten das beste Arbeitszeitgesetz geben, beide Seiten halten sich nicht daran. Faktum ist aber sicher, dass es Zeiten gab, wo es leichter war, dafür Sorge zu tragen, dass jeder auf ein weitgehend geregeltes, gesichertes, auf lange Sicht orientierbares Arbeitsverhältnis aufbauen konnte. Dass man, wie ich es noch erlebt hatte, im selben Betrieb in Pension gegangen ist, wo man begonnen hat, hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv geändert, und es wird uns auch eingeredet, dass das etwas Schönes ist.

Regina Riebl: Ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsmarkt einfach ausnutzt, dass die Beschäftigung nicht so hoch ist und dass es einfach immer mehr Arbeitssuchende gibt. Echte Beschäftigungsverhältnisse werden als freie Dienstnehmer vergeben und einfach anders benannt, weil das billiger ist und man Urlaub und Weihnachtsgeld nicht zahlen muss.

Lore Hostasch: Bei geringfügigen Arbeitsverhältnissen haben wir zum Beispiel durchgesetzt, dass es ein 13. und 14. Gehalt geben muss. Ob das überall auch bezahlt wird, weiß ich nicht. Das waren Versuche, es durch Verteuerung unattraktiver zu machen.

Roman Korecky: Ich habe den Eindruck, dass von prekarisierten Arbeitsverhältnissen überwiegend relativ gut gebildete Arbeitskräfte, ab Maturaniveau, betroffen sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Maturanten und Akademiker über ihre Rechte am Arbeitsmarkt zu wenig informiert sind. Während Berufsschüler recht gut von der Gewerkschaft über ihre Rechte und Pflichten informiert werden, wissen die Maturanten nichts darüber und lernen es in weiterer Folge auch nicht.

Lore Hostasch: Ja, das stimmt sicher.

Roman Korecky: Sollten die Gewerkschaften auch mehr in AHS, BHS usw. gehen?

Lore Hostasch: Da kommen sie nicht hinein.

Roman Korecky: Warum geht es dann in den Berufsschulen?

Lore Hostasch: Dort haben wir unsere Leute hineingebracht, aber überall kann man aber nicht hinein. Ich denke, Claudia Schmid wird sich darüber auch nicht trauen, weil dann sofort der Aufschrei käme, das sei Politik in der Schule.

Roman Korecky: Es ginge ja einfach nur um Rechtslehre. An den Berufsschulen gibt es das Fach „Staatsbürgerkunde und Rechtslehre“, wo man solche Dinge auch lernen kann. Ein AHS-Absolvent hat das gar nicht.

Lore Hostasch: Aber hören Sie sich an, was die Lehrer vortragen.

Roman Korecky: Gut, das weiß ich nicht. Ich hatte das in der HAK und da war es sehr gut. Das war bei uns der interessanteste Gegenstand.

Lore Hostasch: In der GPA haben wir ja versucht, eine Schüler- und Hochschüler-Gruppe zu etablieren, aber es ist mühsam, denn direkt hinein kommt man in die Schulen kaum. Da können höchstens Lehrer helfen, die ein besonderes Interesse haben. Wir versuchen ja auch bei den Berufsinformationswochen präsent zu sein. Scheinbar schaffen wir nicht, in ausreichendem Ausmaß ein gewisses Eigeninteresse entstehen zu lassen. Die Eltern kümmern sich auch deutlich weniger darum, dass die Jungen sich auch informieren. Wenn niemand dahinter ist, der einem Tipps gibt, woher soll es kommen?

Regina Riebl: Was ich noch gerne kurz ansprechen würde, sind die Praktika. Gerade wenn man studiert, wird man teilweise in äußerst viele Praktika gedrängt. Wie sehen Sie das?

Lore Hostasch: Ich finde, die Pflichtpraktika sind eine Sauerei, zumal diese ja vorgeschrieben werden, und die Betroffenen oft gar keine Chance haben, sie auch zu machen, sodass das ganze Studium dann „hängt“. Bei Ferialpraktikanten haben wir durch Informationsmaßnahmen ein wenig erreicht. Wir haben auch versucht, in Kollektivverträgen Bestimmungen unterzubringen. Die sonstigen Praktika sind aber eine Ausbeutung par excellence. Das erinnert mich daran, was ich von meinen Großeltern gehört habe, dass man einst für einen Lehrplatz gezahlt hat.

Roman Korecky: Sie wären also fast dafür, dass man die Pflichtpraktika überhaupt abschafft, um den Druck wegzunehmen?

Lore Hostasch: Ich weiß nicht, ob man sie komplett abschaffen sollte. Ich kritisiere nur: Wenn sie vorgeschrieben sind, muss jeder auch die Chance haben, sie zu ordentlichen Bedingungen wahrnehmen zu können. Im Hotelbereich zum Beispiel bekommt man nirgends einen ordentlichen Platz. Da wird man für etwas eingesetzt, was der Aufgabe nicht entspricht. Bei den Lehrlingen haben wir noch bessere Eingriffsmöglichkeiten. Bei den Praktika dagegen fehlen uns die Möglichkeiten.

Regina Riebl: Das müsste man vielleicht in die Kollektivverträge einbauen, denn es geht ja gar nicht nur um die Schulpraktika, sondern auch um Studenten, die sechs Monate in einem Betrieb voll arbeiten, normale Arbeitskräfte sind und geringfügig bezahlt werden. Das können sich auch nur Leute leisten, die von woanders das Geld bekommen oder zu Hause wohnen.

Lore Hostasch: Das geht im Prinzip bis zu den Ärzten. Das ist wirklich Ausbeutung und Vergeudung von Zeit und Ressourcen. Es wäre also noch genug zu tun. Meine Erfahrung ist, dass man mit dem Kollektivvertrag alleine schwach ist. Ein Gesetz ermöglicht den Gang zu Gericht, bei einem Kollektivvertrag ist das schon mühsamer. Alles muss aber nicht im Gesetz geregelt sein.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky
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Das Vertrauen in das Bildungssystem fehlt also – was nun?

Das Bildungssystem ist also krank. Die Kindergartenpädagogen sind unterqualifiziert und unterbezahlt. Die Schulverwaltung schafft es nicht, Lehrerposten zeitgerecht neu zu besetzen. Lehrer können ohne Konsequenz die Zukunft mehrerer Schülergenerationen ruinieren. Die Lehrergewerkschaft hat kein Interesse daran, das Image des Lehrberufs zu heben. Und wenn man Studenten den Ratschlägen des Wissenschaftsministeriums folgen, werden sie von einem Chaos in das andere geschickt.

Wundert es also jemanden, dass viele Eltern jeder radikalen Veränderung des Systems skeptisch gegenüber stehen? Wundert es, dass sie ein noch größeres Chaos befürchten? Ja, die Ganztagsschule als Regel wäre sinnvoll, doch wer will sein Kind schon unfähigen Lehrern den ganzen Tag aussetzen? Ja, die gemeinsame Schule von 6 bis 14 würde vieles vereinfachen und allen Schülern bessere Bildungschancen bringen, doch traut man dieser Schulverwaltung tatsächlich die innere Differenzierung zu?

Vielleicht sollte die Politik statt der großen Reformen endlich versuchen, das Vertrauen wiederherzustellen. Die großen Reformen werden dann wohl umso leichter fallen. Daher fordere ich noch vor allen anderen Reformschritten:

  • Schrittweise Anhebung des Ausbildungsniveaus von Kindergartenpädagogen und –pädagoginnen auf akademisches Niveau bei gleichzeitiger Erhöhung der Bezahlung
  • Konsequente Bereinigung des Lehrkörpers um unqualifizierte Mitglieder
  • Ausreichende Finanzierung der Hochschulen

Kann man einer kranken Schulverwaltung vertrauen?

Foto: huberSen (flickr)

Österreich ist ja ein sehr gut verwaltetes Land. Hundertschaften an Fachinspektoren, Bezirksschulinspektoren, Landesschulräten und sonstigen Beamten verwalten österreichische Schulen. Doch allzu oft fragt man sich als Vater oder Mutter, was all diese Leute, von denen man die wenigsten jemals zu Gesicht bekommt, eigentlich den lieben ganzen Tag tun, außer sinnlose Erlässe zu schreiben, die jede moderne Pädagogik im Keim ersticken?

Da wird zum Beispiel eine Lehrerin schwanger. Das soll ja hin und wieder doch einmal vorkommen. Einer der interessanteren Aspekte des Lehrberufs ist ja, dass man sich seine eigene Kundschaft produzieren kann. Ein großer Teil an Schwangerschaften ist ja ganz gut planbar. Der Geburtstermin kann dank moderner Medizin recht exakt berechnet werden. Und dass die Lehrerin 8 Wochen davor in den Mutterschutz und danach wahrscheinlich mindestens eineinhalb Jahre danach in Karenz gehen wird, ist auch bekannt. Nehmen wir einmal an, dass die Lehrerin ihre Schwangerschaft erst relativ spät bemerkt hat. Nehmen wir also 8 Wochen nach dem Empfängnis an. Der Schulverwaltung stehen dann ganze 24 Wochen oder fast ein halbes Jahr zur Verfügung, um eine Ersatzlehrerin oder einen Ersatzlehrer zu organisieren.

Das müsste reichen, sollte man meinen. Doch in der Praxis funktioniert das so gut wie nie. Ich kenne jedenfalls keinen einzigen Fall, in dem es einen nahtlosen Übergang zwischen den beiden Lehrern gegeben hätte. Noch weniger kenne ich einen Fall, in dem es zwischen den Lehrern eine ordentliche Arbeitsübergabe gegeben hätte. Stattdessen wird müssen die Direktionen in solchen Fällen immer relativ chaotische Supplierpläne aufstellen. Die dadurch anfallenden Überstunden kommen dem Steuerzahler teuer zu stehen.

So wird beispielsweise eine Mathematiklehrerin schwanger und geht ungefähr in der Mitte des Schuljahrs in Mutterschutz. Den Rest des Schuljahrs wird suppliert. Doch nicht einmal am Beginn des neuen Schuljahrs steht ein Ersatzlehrer zur Verfügung. Gut 8 Wochen wird auch noch im neuen Schuljahr von verschiedenen Lehrern suppliert, bis endlich ein (unfähiger) Ersatzlehrer aufgetrieben wird.

Doch nicht nur bei Schwangerschaften zeigt sich die ganze Unfähigkeit der Schulverwaltung. Da gibt es auch geplante Krankenstände von Lehrern zum Beispiel wegen Kuraufenthalten oder wegen geplanter Operationen. Da teilt der Lehrer oder die Lehrerin den voraussichtlichen Beginn des Krankenstandes lange im Voraus mit. Doch auch hier: Zahllose Stunden müssen entfallen, suppliert wird oft nur, wenn es nicht anders geht. Dass bei überraschenden, länger dauernden Krankenständen von Lehrern die Schulverwaltung völlig überfordert ist, brauche ich wohl gar nicht mehr zu erwähnen.

Warum gibt es in Österreich keine „Springer“-Lehrer? Das sind Lehrer, die keine feste Stelle haben, sondern die kurzfristig kranke Kollegen ersetzen. Das wäre doch eine ideale Bewährungsprobe für Junglehrer. Jetzt kommt sicher die Ausrede vom Lehrermangel. Doch das lasse ich nicht gelten. Schon zu meiner Schulzeit, die doch Jahrzehnte her ist, dauerte es Monate bis kranke Lehrer ersetzt wurden. Da kam es vor, dass eine Klasse einen bestimmten Gegenstand fast ein halbes Jahr einfach nicht hatte. Und ich bin zu einer Zeit in die Schule gegangen, als es noch eine hohe Lehrerarbeitslosigkeit gab und uns alle davon abrieten, ein Lehramt zu studieren.

Ich unterstelle dem riesigen Beamtenapparat in den Bezirks- und Landesschulräten und im Ministerium nicht, dass sie faule Nichtstuer sind. Nein, die Beamten sind damit beschäftigt, so sinnentleerte Erlässe zu verfassen, dass Lehrer, die keine Turnlehrer sind, mit den Kindern keinen Turnsaal betreten dürfen. Da aber Bewegung für den Lernerfolg wichtig ist, wird halt in der Klasse geturnt. Ist ja viel ungefährlicher bei all den Sesseln und Tischkanten.

Bildung: Das Vertrauen fehlt

Foto: cklingler (flickr)

Gesamtschule, Neue Mittelschule, Gymnasium für alle, Ganztagsschule, Universitätsmisere, PISA-Debakel – diese Schlagwörter prägen die Debatte um die dringend erforderliche Reform des Bildungssystems in Österreich. Doch in Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes: Vertrauen.

Warum würden die meisten Eltern ihre Kinder am liebsten ausschließlich zu Hause betreuen und keinesfalls in einen Kindergarten geben? Weil sie kein Vertrauen haben, dass ihre Kinder im Kindergarten die optimale Förderung bekommen.

Warum beantworten zwar die meisten Wähler die Frage, ob sie für den Ausbau von ganztätigen Schulformen sind, mit ja, aber wenn es um die eigenen Kinder geht, dann ist die Ganztagsschule doch nur die letzte Lösung, wenn es sonst keine anderen Möglichkeiten der Betreuung gibt? Weil die Eltern kein Vertrauen in die Lehrer haben.

Warum will die Mehrheit der Österreicher keine Gesamtschule oder Neue Mittelschule und beharrt auf dem veralteten Zwei-Klassen-Schulsystem? Weil sie fürchten, dass ihre Kinder sonst keine ausreichende Ausbildung bekommen?

Warum wollen die meisten Frauen, die Kinder im Pflichtschulalter haben, zu Hause bleiben oder maximal in Teilzeit arbeiten? Weil die Kinder von der Schule nicht zuverlässig betreut werden können.

Es fehlt das Vertrauen in die Pädagogen. Es fehlt das Vertrauen in die Schulverwaltung. Es fehlt das Vertrauen in die Politik, dass diese Probleme endlich angegangen werden.

Jede Diskussion um eine Reform des Bildungssystems muss daher mit einer Frage beginnen: Wie können wir das Vertrauen der Menschen in das System wiederherstellen? Welche Maßnahmen können wir setzen, damit Eltern das Gefühl haben, dass ihre Kinder in guten Händen sind?

Ich werde in den nächsten Tagen hier einige Problemfelder aufzeigen, die deutlich machen, warum das Vertrauen in das Bildungssystem so schwer erschüttert wird.

100 Jahre Frauentag: Die Hürden zur Gleichberechtigung

Wir feiern heute 100 Jahre Frauentag. Die Frauenbewegung hat in diesen 100 Jahren viel erreicht. Doch es scheint, als ob eine gläserne Decke erreicht wurde. In den letzten 10, 15 Jahren gab es bei der Gleichberechtigung kaum Fortschritte. Woran liegt das? Und wie können wir das ändern? Gleich vorweg: An der Ausbildung und Bildung der jungen Frauen kann es nicht mehr liegen.

In der Schule: Mädchen bringen bessere Leistungen

Fangen wir an den Schulen an. Quer durch alle Schultypen und Schulstufen bringen Mädchen im Durchschnitt bessere Leistungen als Buben. Selbst wenn man die Spitzenleistungen in den einzelnen Gegenständen einschließlich der vielzitierten Mathematik betrachtet, sind ebenso viele Mädchen Klassenbeste wie Buben. Bei den Maturanten herrscht seit Jahrzehnten ein leichter Überhang bei den jungen Frauen.

Akademiker: Mehr Frauen schließen ein Studium ab

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Sowohl bei den Studienanfängern als auch bei den Abschlüssen bilden Frauen ebenfalls seit Jahrzehnten eine leichte Mehrheit. Frauen unter 40 sind also mindestens ebenso gut ausgebildet wie die männlichen Kollegen. Es ist wahr, dass Frauen öfter Ausbildungen ergreifen, in denen die Bezahlung nicht so gut ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Frauen, die Jus, Publizistik oder Betriebswirtschaft studieren – und der Frauenanteil bei diesen Studien ist seit Jahrzehnten hoch – haben gegenüber ihren männlichen Kollegen eindeutig die schlechteren Karrierechancen.

Schlecht bezahlte Frauenberufe: Die Henne-Ei-Frage

Foto: Ed Yourdon (flickr)

Ich kann die Ausrede, dass typische Frauenberufe halt schlechter bezahlt werden und sich die jungen Frauen halt männlich dominierte Berufe aussuchen sollen, wenn sie ihrer Ausbildung entsprechend entlohnt werden wollen, nicht mehr hören. Nehmen wir zum Beispiel den Beruf der Programmiererin. Ich schreibe das jetzt bewusst in der weiblichen Form und ohne Binnen-I. Bis in die frühen 1980er-Jahre hinein war dieser Beruf weiblich dominiert und trotz aufwändiger Ausbildung relativ schlecht entlohnt. Ab den 1980er drängten viele junge Männer in diesen Beruf. Heute ist der Beruf männlich dominiert und blendend bezahlt. Die Gegenteilige Entwicklung trat beim Beruf des Sekretärs ein. Bis in die 1970er-Jahre waren die meisten Sekretäre Männer. Der Beruf genoss ein hohes Ansehen und war überdurchschnittlich gut bezahlt. Ab den 1970er-Jahren waren in diesem Beruf Frauen in der Mehrheit. An der Ausbildung änderte sich nicht viel, aber an der Bezahlung. Heute verdienen Sekretärinnen meist weniger als Facharbeiter. Viel hat das auch mit Macht zu tun. Während heute Kaffeekochen zu den Kernkompetenzen von Sekretärinnen zählt, hätte sich vor 50 Jahren wohl kaum ein Sekretär zu dieser Tätigkeit herabgelassen.

Foto: orangperlis (flickr)

Viele Frauen streben aber auch heute noch Berufe an, die mehr mit Menschen als mit Maschinen zu tun haben. Müssen wir das den Frauen vorwerfen? Nein. Jeder Mensch soll den Beruf ergreifen, der ihn erfüllt. Und jeder Beruf soll seiner Ausbildung und Arbeitsbelastung entsprechend bezahlt werden. Viele Berufe, in denen vorwiegend Frauen tätig sind, werden direkt oder indirekt von Steuergeldern finanziert. Die Politik hat es also direkt in der eigenen Hand, hier für mehr Emanzipation der Frauen zu sorgen. Warum verdienen Kindergartenpädagoginnen meist weniger als ein Filialleiter eines Supermarkts, obwohl sie eine bessere Ausbildung haben? Warum verdienen Pflegerinnen weniger als die meisten Facharbeiter, obwohl sie eine längere Ausbildung und oft auch eine schwerere Arbeit haben? Hier hat die Politik direkte und einfache Einflussmöglichkeiten.

Partnerschaft und Familie: Frauen machen sich von Männern abhängig

In anderen Bereichen tut sich die Politik eindeutig schwerer. Leider stehen Partnerschaft, Kinder und Familie in den Lebensentwürfen vieler junger Mädchen ganz, ganz weit oben auf der Prioritätenliste. Burschen hingegen geben sich in diesen Fragen meist wesentlich zurückhaltender. Für sie steht Beruf und Karriere an erster Stelle. Während das bei jungen Männern gesellschaftlich akzeptiert ist, werden Frauen, die den Beruf als oberste Priorität ansehen, als karrieregeil bezeichnet.

Wenn wir über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen, meinen wir meist mehr institutionelle Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten. Doch vielfach wären Beruf und Familie schon heute leicht vereinbar, wenn die jeweils anderen Partner entsprechend mitspielten. Da müsste halt auf Überstunden und Nachtdienstzuschläge verzichtet werden. Die Angst vieler Frauen, diesen Familieneinkommensverlust nicht durch die eigene Erwerbsarbeit kompensieren zu können, lässt sie dann doch davor zurückschrecken, solche Schritte von ihren Partnern zu verlangen.

Die lebenslange Partnerschaft: Ein Traum, der für die wenigsten in Erfüllung geht

Foto: Mazoe28 (flickr)

Letztlich erweist sich das aber sehr häufig als Bumerang. Der Traum von der lebenslangen Partnerschaft erfüllt sich nur für die wenigsten. Jede zweite Ehe wird geschieden. Und es sind überwiegend jene Ehen, in denen die Frau zugunsten der Familie berufliche Abstriche machen musste. Das ist auch völlig logisch. Erledigt die Frau den überwiegenden Teil der Familienarbeit, hat der Mann mehr Freizeit und fühlt sich viel weniger an die Familie gebunden. Gleichzeitig steigt aber auch der Frust bei den Frauen. Eine oft fatale Mischung, die die Liebe tötet.

In sehr, sehr vielen Fällen steht die Frau am Ende mit den Kindern da und verfügt über ein relativ geringes Einkommen, weil sie ja zugunsten der Familie ihre Karriere hintangestellt hat. Solange die Kinder noch minderjährig sind, können die Alimente des Ex-Partners den finanziellen Nachteil noch kompensieren. Doch spätestens wenn die Kinder das Haus verlassen, fallen viele Frauen in ein finanzielles Loch, wenn sie sich nicht einem neuen Partner in die Arme werfen. Besonders eklatant wird die Armutsgefährdung dann in der Pension. Weit mehr Frauen müssen mit der Mindestpension auskommen als Männer – darunter auch viele durchaus gut gebildete und ausgebildete Damen.

Mehr Männer in die Karenz, aber wie?

Die Lösung klingt einfach und kompliziert zugleich. Mehr Männer müssen in Karenz gehen. Doch für viele Familien ist das finanziell immer noch nicht leicht zu bewältigen. Bei Frauen rechnen Arbeitgeber damit, dass diese sich irgendwann um Kinder kümmern. Das wird schon lange vor dem ersten Kind in den Karrieren berücksichtigt. So investieren Unternehmen in die Aus- und Weiterbildung von Frauen weniger Geld, Frauen werden bei Beförderungen oft übergangen, alles mit der Auswirkung, dass Frauen schon vor dem ersten Kind bei gleicher Arbeit weniger verdienen als männliche Kollegen. Gerade in stark konjunkturabhängigen und dynamischen Branchen haben es Frauen besonders schwer. Der Kündigungsschutz ab Eintritt von Schwangerschaften, Mutterschutz, Kündigungsschutz in der Karenz sind Karrierekiller für viele Frauen. Die Firmen haben Angst, Mitarbeiterinnen nicht mehr loswerden zu können, wenn die Zeiten wirtschaftlich schlechter werden.

Doch warum gilt der Kündigungsschutz immer nur für jenen Elternteil, der schwanger ist oder Kinder betreuen muss? Wenn der Kündigungsschutz immer automatisch für beide Elternteile gelten würde, wäre das Risiko für Firmen bei Männern wie bei Frauen gleich groß. Gleichzeitig würden sich wohl mehr Paare für Kinder entscheiden, weil die wirtschaftliche Absicherung deutlich verbessert wäre. Dass dies der Wirtschaft nicht schadet, beweisen vergleichbare Modelle in den skandinavischen Ländern. In der Folge stiegen dort auch wieder die Geburtenraten, was langfristig auch dem Pensionssystem zugutekommt. Ein Kündigungsschutz für beide Elternteile bis zum Schuleintritt des Kindes oder zumindest bis zum vierten Lebensjahr würde sicher mehr Männer motivieren, auch in Karenz zu gehen, weil sie weniger Nachteile für die eigene Karriere fürchten müssten.

Was kann die Politik tun?

  • Angleichung der Gehälter in öffentlich finanzierten Branchen an die Privatwirtschaft
  • Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung während der Arbeitszeit bis zur 8. Schulstufe
  • Kündigungsschutz für beide Elternteile unabhängig von der Karenz ab Eintritt einer Schwangerschaft bis zum Schuleintritt des Kindes

Und zum Schluss: Der Appell an Mädchen, Frauen und Mütter

Was können Frauen und Mädchen tun, um ihre eigene Gleichberechtigung zu verbessern? Was sollten Eltern, insbesondere Mütter ihren Töchtern mit auf den Lebensweg geben?

Mädchen und Frauen, seht der Realität ins Auge! Legt eure Beziehung nicht auf die Ewigkeit aus. Macht euch unabhängig von euren Partnern. Wenn ihr Opfer für die Beziehung oder die Familie bringt, fragt, ob euer Partner vergleichbare Opfer bringen würde und fordert diese Opfer auch ein. Denkt öfter mal darüber nach, was ihr machen würdet, wenn morgen eure Partnerschaft zu Ende geht? Habt ihr dann noch eine Wohnung? Könnt ihr mit dem Geld überleben? Richtet euer Leben an diesen zentralen Existenzfragen aus. Und habt keine Angst, dass das der Beziehung schaden kann, das Gegenteil ist der Fall. Gute Männer lieben selbständige Frauen. Und der Rest sollte seine Einstellung überdenken.

Das Bildungskonzept-Konzept der ÖVP

Nun ist die Schulreform hoffentlich nicht mehr weit. Alle bisherigen politischen Versuche sind ja daran gescheitert, dass die kleinere der beiden Regierungsparteien keinen Standpunkt hatte. Und ohne Standpunkt kann man keine politische Diskussion führen, geschweige denn Entscheidungen treffen. Doch jetzt ist auch diese Hürde gefallen, die ÖVP hat endlich einen Standpunkt in Form eines “Bildungskonzepts”.

Wichtig ist dabei das Wort “Konzept”. Denn ein ausgereiftes Papier sieht anders aus. Dazu hat die ÖVP Monate gebraucht? Sechs zusammengeschusterte Seiten mit Aufzählungspunkten, wobei schon ab der zweiten Seite auf vollständige Sätze verzichtet wird, lassen den Schluss zu, dass das Bildungskonzept selbst maximal ein Konzept eines solchen, also ein Entwurf ist, quasi ein Bildungskonzeptkonzept. Dazu kommen viele zentrale, ungelöste Fragen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich die ÖVP für dieses Konzept eigentlich noch mehr Zeit lassen wollte, aber der öffentliche Druck und der Druck der katastrophalen PISA-Ergebnisse dies nicht zuließen.

Wer es nicht glaubt, kann das Konzept gerne hier im Original nachlesen. Viel Zeit braucht man dazu nicht. Die ÖVP-Politiker haben offensichtlich mehr Energie in die Präsentation und die begleitenden Interviews investiert als in das Papier selbst.

Grundsätze

Doch schauen wir uns einmal die Knackpunkte im Detail an. Das Konzept beginnt mit einigen allgemeinen Grundsätzen.

Die Schule soll das Wohl des Kindes und die Wahlfreiheit in den Mittelpunkt stellen.

Die Eltern sind für die Erziehung und Ausbildung der Kinder verantwortlich und werden von der Schule in der Begleitung und Förderung ihrer Kinder unterstützt. Die partnerschaftlichen Aufgaben zwischen Schule und Eltern werden in einer Bildungsvereinbarung festgeschrieben.

Immer mehr Eltern scheitern bei der Erziehung ihrer Kinder. Man kann den Eltern dabei oft gar keinen Vorwurf machen. In einem Land, in dem seit Jahrzehnten zwar in allen politischen Programmen als Ziel die “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” steht, diese Vereinbarkeit aber in der Praxis immer weniger gegeben ist, ist es die Politik, die hier versagt hat.

Der Staat, der diese Misere verursacht hat, darf sich nicht so leicht aus dieser Verantwortung stehlen. Wenn das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen soll, aber gleichzeitig die Schule die alleinige Verantwortung auf die Eltern abschiebt, was machen wir mit dem guten Drittel an Kindern, bei denen die Eltern diese Verantwortung nicht wahrnehmen (können). Gilt für die der Grundsatz, dass das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen soll nicht?

Ganztägige Schulformen

Weiter geht es mit dem Thema Schule in der Gesellschaft, wobei anscheinend die Betreuungsangebote im Vordergrund stehen.

Die Schule soll den geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung tragen und bedarfsorientiert flächendeckende, ganztägige Betreuungsangebote schaffen.

In ähnlicher Form findet man diesen Satz dann auch im Abschnitt zum Kindergarten:

bedarfsorientiertes flächendeckendes Angebot für alle drei- bis sechsjährigen Kinder;

Und auch die Volksschule darf da selbstverständlich nicht hinterher hinken:

im Rahmen der bedarfsorientierten Nachmittagsbetreuung soll ein besonderer Fokus auf Förderung der musisch-kreativen Fächer und Sport – auch in Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen – erfolgen;

Und weil es so schön war, ein letztes Mal bei der Mittelstufe:

ganztägige bedarfsorientierte Betreuung und Förderung in Abstimmung mit außerschulischen Einrichtungen (Jugendgruppen, Sportvereine, Musikvereine etc.)

Ein durchaus positiver Ansatz. Der Haken ist: Was heißt bedarfsorientiert? Wenn es in einem Vorarlberger Tal nur eine Handvoll alleinerziehender Mütter gibt, die auf Betreuungsangebote angewiesen sind, damit sie überhaupt einen Job finden, ist das schon ein Bedarf? Und was ist eigentlich mit Unter-Drei-Jährigen? Darf es da keinen Bedarf geben? Oder gibt es für die keine Bildung?

Zudem fehlt mir überall das Wort “Qualität”. Dieses Wort kommt übrigens im gesamten Bildungskonzept erst auf der allerletzten Seite im vorletzten Absatz das erste und einzige Mal vor.

Was die ÖVP unter “bedarfsorientiert” verstehen könnte findet sich zum ersten Mal im Abschnitt über die Volksschule:

integrative Sprachschule bedeutet verpflichtende Sprachförderung am Nachmittag für Kinder mit sprachlichen Defiziten;

Und im Abschnitt zur Mittelstufe findet sich eine ähnliche Überschrift:

für Schülerinnen und Schüler, die den notwendigen Lernerfolg nicht erbringen, wird ein Förderangebot am Nachmittag verpflichtend;

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Teile der ÖVP die Ganztagsschule als Regelschule wollen, sich aber nicht gegen den internen Widerstand (Stichwort “Zwangstagsschule”) durchsetzen konnten. Wenn Schüler mit Sprachdefiziten verpflichtenden Zusatzunterricht am Nachmittag erhalten, so klingt das für mich wie “Nachsitzen”. Wo bleibt da eigentlich die Begabtenförderung, die sich die ÖVP ja so gerne auf die Fahnen schreibt? Warum nicht einfach für alle Schüler verpflichtenden Zusatzunterricht am Nachmittag mit innerer Differenzierung?

Gesamtschule, Neue Mittelschule, Gymnasium

Kommen wir zu einem der größten Streitpunkte der beiden Koalitionsparteien. Soll es weiterhin eine Differenzierung ab dem 10. Lebensjahr geben oder kommt die Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr. Im ÖVP-Bildungskonzeptkonzept liest man dazu:

Geprägt vom Prinzip der Durchlässigkeit darf es keinen Abschluss ohne Anschluss geben.

Die Schule soll keine Entscheidung über die Bildungslaufbahn vor dem 14. Lebensjahr vorgeben.

Das klingt ja so, als ob die ÖVP endlich die Meinung fast aller Experten übernommen hätte und die Differenzierung im 10. Lebensjahr endlich aufgeben würde. Doch was lese ich weiter unten im Abschnitt über die Mittelstufe?

Gymnasium und die Mittelschule sind zwei gleichwertige Säulen für die 10- bis 14-jährigen;

beide Schultypen sind in sich leistungsdifferenziert. Die Form der Leistungsdifferenzierung  wird am Schulstandort bestimmt;

durch einen gemeinsamen Fächerkanon und Bildungsstandards wird die volle Durchlässigkeit zwischen der Mittelschule und dem Gymnasium Unterstufe gewährleistet

Alles gut und schön. Doch wozu brauchen wir dann noch die Differenzierung in Gymnasium und Neue Mittelschule, wenn beide gleichwertig sind, beide eine innere Leistungsdifferenzierung haben, beide die gleichen Zugangsvoraussetzungen haben und der Fächerkanon auch ident ist?

“Ich, ich, ich – ich weiß es (handheb)!” Damit wir weiterhin Bundes- und Landesschulen haben, in die die Landesfürsten ordentlich hineinregieren können. Denn die Neuen Mittelschulen sollen ja aus den bestehenden Hauptschulen hervorgehen und die Gymnasien sollen Gymnasien bleiben. Es geht also doch nicht um das Wohl des Kindes, sondern um bloße politische Macht.

Im Abschnitt über die Volksschule liest man zudem:

ohne positive Bildungsempfehlung ist ein Übertritt in die Mittelstufe nicht möglich.

Sowohl für NMS als auch für AHS ist also eine positive Bildungsempfehlung erforderlich. Was aber machen wir mit Schülern, die diese positive Bildungsempfehlung nicht bekommen? Sonderschule? Fortsetzung der Volksschule? Wie ist das mit dem Grundsatz “kein Abschluss ohne Anschluss” vereinbar? Fragen über Fragen…

Als Abschluss für die Mittelstufe in allen Schultypen soll es eine mittlere Reife geben, die Voraussetzung für den Übertritt in höhere Schulen ist:

mittlere Reife in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und in einer lebenden Fremdsprache sowie zwei weiteren Schwerpunktfächern bzw. jeweils einem weiteren Kern- und Schwerpunktfach am Ende der Mittelstufe als Voraussetzung für den Aufstieg in die Angebote der Oberstufe (AHS-Oberstufe, Oberstufenrealgymnasium, BHS, Lehre mit Maturaschule);

Ein interessanter Ansatz. Das kann man sicher diskutieren.

Oberstufe

Zur Oberstufe fiel der ÖVP nicht allzu viel ein. Vor allem fehlt es wieder einmal an einem schlüssigen Konzept an der Schnittstelle höhere Schule zur akademischen Bildung. Als Beispiel möchte ich zwei Zitate herausgreifen:

spezielle Förderung beruflich verwertbarer Fähigkeiten;

Kooperationen mit der Wirtschaft und dem tertiären Bildungssektor verstärken;

Oh je! In Zukunft wird die Wirtschaft die Lehrpläne bestimmen. Ausbildung statt Bildung wird diese Lehrpläne bestimmen. Wer nach der Schule studieren möchte, wird also ordentlich Stoff nachholen müssen. Gleichzeitig wird die Halbwertszeit des an der Schule erlernten Wissens drastisch reduziert. Die Wirtschaft will sich die Berufsausbildung sparen und so sparen wir bei der Bildung der Jugendlichen.

Fazit

Positiv ist zu beurteilen, dass die ÖVP nun endlich auch einen Standpunkt zur künftigen Bildungspolitik hat, auch wenn dieser bei weitem nicht ausgereift ist. Positiv ist auch das verhaltene Bekenntnis zur Neuen Mittelschule und zu ganztägigen Schulformen. Wie sich die ÖVP aber genau diese ganztägigen Schulformen vorstellt, weiß ich nach Lektüre des Konzeptkonzepts immer noch nicht genau. Und worin genau der Unterschied zwischen Gymnasium und Neuer Mittelschule liegen soll, weiß wohl nicht einmal die ÖVP selbst.

Warum ausgerechnet die ÖVP so wenig Ansätze zur Begabtenförderung hat (Begabtenförderung kommt das erste Mal im Abschnitt zur Oberstufe und da auch nur einmal vor), zeigt mit welch heißer Nadel das Konzept gestrickt wurde. Auch den künftigen Stellenwert von Privatschulen vermisst man in dem Papier völlig.

Da wundert es auch kaum noch, dass Bildung bei der ÖVP erst mit 3 Jahren beginnt und mit der Matura aufhört. Ist ja nur logisch, denn angesichts der Finanzmisere an den Universitäten, können die ohnehin bald keine Lehre mehr anbieten.

Was PISA mit Studiengebühren zu tun hat

Seit Jahrzehnten sagen uns Experten, dass es in Österreich trotz Gratis-Uni nur wenige aus den sogenannten bildungsfernen Schichten an die Hochschulen schaffen. Ganz offensichtlich ist die österreichische Bildungspolitik – und ich sage jetzt ganz bewusst nicht Hochschulpolitik – gescheitert. Doch die Wurzeln des Problems liegen nicht in der Finanzierung der Unis, auch wenn da vieles im Argen liegt.

Das österreichische Bildungssystem ist nicht dazu konstruiert, möglichst vielen Kindern die maximal mögliche Bildung zu ermöglichen, sondern um die Nachkriegsprobleme auf dem Arbeitsmarkt zu lösen. Die Eckpfeiler des Schulwesens wurden nach dem 1. Weltkrieg gebildet und nach dem 2. Weltkrieg noch einmal manifestiert. Nach beiden Kriegen hatte Österreich das Problem, dass es durch heimkehrende Soldaten ein Überangebot an Arbeitskräften gab. Um der drohenden Massenarbeitslosigkeit, die den Aufschwung behindern würde, entgegen zu wirken, wurden Frauen ganz bewusst aus dem Arbeitsmarkt verdrängt.

Die österreichische Regelschule, die nach wie vor als Halbtagsschule konzipiert ist, zeigt das am deutlichsten: Das System sieht vor, dass Lehrer am Vormittag die Schüler mit Wissen abfüllen, die Schüler damit dann zu Mittag nach Hause gehen und dieses Wissen zusammen mit den Müttern einüben. Dieses Modell hat in der Zwischenkriegszeit und in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Mehrheit der Mütter noch Hausfrauen waren, gut funktioniert.

Sehen wir uns aber einmal die gesellschaftliche Realität heute an. Mindestens 3 von 4 Frauen im gebärfähigen Alter gehen heute einer entgeltlichen Beschäftigung nach. Die Frauenerwerbsquote pendelt rund um 80 % und ist damit kaum geringer als bei den Männern. Nur wenige Frauen, die das Glück haben, einen Top-Verdiener als Ehemann zu haben, können heute bei den Kindern zu Hause bleiben und ihnen bei Hausübungen helfen.

Damit ist die soziale Selektion schon im Schulsystem vorprogrammiert. Ein Teil kann durch externe Nachhilfe kompensiert werden, doch die kann sich auch nicht jede Familie leisten. Dass unter diesen Bedingungen es ein Großteil der viel zitierten Arbeiterkinder gar nicht bis zur Matura schafft, liegt auf der Hand. Denen ist es daher völlig egal, ob jetzt Studiengebühren eingehoben werden oder nicht.

Beenden wir daher die Diskussion über Studiengebühren. Einigen wir uns darauf, dass die Ganztagsschule zur Regel werden muss und diskutieren wir darüber, wie wir diese Ganztagsschule organisieren, damit die Begabungen unserer Kinder darin optimal gefördert werden können.