Welche Steuern kosten Arbeitsplätze?

Reflexartig warnen Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung vor neuen Steuern auf Unternehmensgewinne oder große Vermögen. Das gefährde Arbeitsplätze, lautet das Standardargument, ohne zu sagen, welche Arbeitsplätze gemeint sind.

Im Wesentlichen kann in großen Unternehmen zwischen folgenden Arten von Arbeitsplätzen unterschieden werden:

  • Produktion: Je nach Branche ist hier eventuell die größte Anzahl an Arbeitnehmern tätig. Diese Arbeitsplätze sind direkt mit dem Produktionsprozess von betrieblichen Gütern und Dienstleistungen verknüpft und führen standardisierte Tätigkeiten aus. Es handelt sich meist um weniger qualifizierte Arbeitsplätze.
  • Forschung und Entwicklung: In den meisten Branchen gibt es in diesem Bereich nur wenige, dafür gut bezahlte und hochqualifizierte Arbeitsplätze. Hier werden die Güter und Dienstleistungen der Zukunft entwickelt, es handelt sich also um einen höchst kreativen Prozess.
  • Vertrieb: Je nach Branche ist die Anzahl der Mitarbeiter hier sehr unterschiedlich. Diese Arbeitnehmer bemühen sich, die Güter und Dienstleistungen an den Kunden zu bringen. Nähe zum Kunden ist dabei wichtig. Die Qualifikation hängt stark von der Branche ab.
  • Verwaltung: Hier sind meist relativ wenige, meist hoch qualifizierte Mitarbeiter tätig, da Verwaltung nur Geld kostet, aber kein Geld bringt. Zu diesem Bereich zählt das Management und sämtliche Stabstellen.

Moderne Großbetriebe sind global aufgestellt. Jeder der erwähnten Bereiche kann in einem anderen Land stationiert sein. Die Konzernzentrale mit dem Großteil der Verwaltung ist meist in einem Land angesiedelt, das einerseits über eine gute Verkehrsanbindung (insbesondere Flugverbindungen) verfügt, andererseits über günstige Steuergesetze, weil am Sitz der Konzernzentrale meist der größte Teil des Unternehmensgewinns versteuer werden muss. Der Vertrieb ist hingegen meist dezentral organisiert, um möglichst nahe beim Kunden zu sein. Vertriebsmitarbeiter verteilen sich damit proportional auf alle Absatzmärkte. Forschung und Entwicklung werde ich als Unternehmer dort ansiedeln, wo ich die fähigsten Forscher und Ingenieure finden kann.

Bleibt noch die Produktion. Hier ist zwischen Dienstleistungsunternehmen und Sachgüterindustrie zu unterscheiden. Dienstleistungsunternehmen können ihre Produktion nicht irgendwo ansiedeln, sondern müssen ihre Leistung dort erbringen, wo sie nachgefragt wird, nämlich beim Kunden. Anders sieht es bei bei der Sachgüterindustrie aus. Im Wesentlichen sind es zwei Faktoren, die den Standort einer Sachgüterproduktion bestimmen, nämlich die Produktivität der Arbeitnehmer und die Lohnkosten. Die Produktivität ist dabei wesentlich von einer guten Ausbildung der Arbeitskräfte abhängig, aber auch von Rahmenbedingungen am Standort, wie zum Beispiel Energieversorgung, verkehrstechnische Anbindung und behördliche Auflagen. In manchen Branchen (z. B. Lebensmittel) ist zudem die Nähe zu Lieferanten relevant. Immer öfter werden Lieferanten aber dazu gezwungen, sich in der Nähe des Produktionsstandorts des Abnehmers anzusiedeln.

Unterm Strich kann ein Unternehmen sich den Standort von nur zwei Arten von Arbeitsplätzen wirklich frei aussuchen, nämlich Produktion, ausgenommen Dienstleistungsunternehmen, und Verwaltung.

Die eingangs erwähnte Steuerdiskussion dreht sich vor allem um drei Steuern bzw. Steuermodelle:

  • Bei der Gruppenbesteuerung können in Österreich ansässige Konzernzentralen Verluste von Auslandstöchtern in Österreich steuerlich geltend machen, das bedeutet, dass sie weniger Steuern in Österreich bezahlen.
  • Bei der Vermögenszuwachssteuer geht es darum, dass Gewinne aus der Kauf und Verkauf von Vermögensgütern (z. B. Immobilien, Aktien und andere Wertpapiere) der Gewinn versteuert werden soll. Derzeit ist dies nur der Fall, wenn zwischen Kauf und Verkauf relativ wenig Zeit vergangen ist (Spekulationsfrist).
  • Stiftungen sind wiederum Konstruktionen, in denen Vermögen eingebracht werden kann, das in der Regel schon einmal versteuert wurde. Der Gewinn, den die Stiftung mit diesem Vermögen erzielt, wird derzeit relativ niedrig versteuert, solange das zusätzlich verdiente Vermögen in der Stiftung verbleibt oder sogar reinvestiert wird.

Würde man die Gruppenbesteuerung abschaffen, könnte das dazu führen, dass Konzernzentralen aus Österreich abgesiedelt werden, was einige wenige hochqualifizierte Arbeitsplätze kosten könnte. Konzerne, die in Österreich bleiben, würden hingegen wohl wieder stärker in Österreich investieren, weil ja der Steuervorteil einer Auslandsinvestition verloren geht. Dies würde wohl einige Arbeitsplätze schaffen. Dies könnte den Verlust der Verwaltungsarbeitsplätze ausgleichen.

Die Vermögenszuwachssteuer würde kaum Auswirkungen auf Arbeitsplätze haben, da sie fast ausschließlich vermögende Privatpersonen und Stiftungen treffen würde. Unternehmen müssen z. B. Gewinne aus Kauf- und Verkauf von Immobilien und Wertpapieren schon jetzt unabhängig von der Spekulationsfrist versteuern. Eine Vermögenszuwachssteuer könnte die Bereitschaft in den österreichischen Kapitalmarkt zu investieren senken und so die Beschaffung von Eigenkapital für Unternehmen erschweren, wird gerne argumentiert. Dies ist jedoch falsch, weil diese Steuer ausländische Investoren z. B. überhaupt nicht treffen würde. Umgekehrt müssten Österreicher Gewinne aus Auslandsinvestitionen genauso versteuern.

Eine höhere Besteuerung von Stiftungen könnte dazu führen, dass diese ins Ausland abwandern. Das würde zum Verlust von einigen wenigen Verwaltungsarbeitsplätzen führen. Die Stiftungen würden aber ihre Beteiligungen in Österreich deshalb sicher nicht aufgeben, denn der Grund für die Beteiligungen sind ja nicht die günstige Besteuerung, sondern vielmehr die satten Gewinne, die diese abwerfen.

Wie man sieht, würden die vorgeschlagenen Maßnahmen praktisch keine Arbeitsplätze kosten. Würde man andererseits Massensteuern erhöhen, würde dies das verfügbare Einkommen vieler Menschen reduzieren. Als Folge würde die Kaufkraft sinken. Dies würde zunächst Arbeitsplätze in Vertrieb und Produktion und dann auch in den anderen Bereichen kosten. Eine andere Folge könnte sein, dass die Gewerkschaften den Einkommensverlust durch höhere Lohnabschlüsse auszugleichen versucht, was letztlich die Verlagerung von Produktionsstätten in Billiglohnländer fördern würde.

In jedem Fall kosten höhere Massensteuern deutlich mehr Arbeitsplätze als die höhere Besteuerung von Unternehmensgewinnen, Stiftungen und Kapitalerträgen.