Studiengebühren sind eine Mittelstandssteuer

Da ist sie wieder, die Debatte über Studiengebühren. Die Jugend soll gefälligst dafür zahlen, dass sie höhere Bildung anstrebt. Später werden die Akademiker dann auch noch besser verdienen und so über höhere Steuern noch mehr zur Finanzierung des Staates beitragen. Und weil die meisten aufgrund der schlechten Studienbedingungen viel zu lange studieren und so die „Jahre“ für die Pensionsversicherung nicht beisammen haben, gehen sie auch viel später in den wohlverdienten Ruhestand und belasten so das System auch noch weniger. Mit anderen Worten: Studenten und Akademiker sollen die Deppen der Nation spielen und im Alleingang das Triple-A Österreichs retten.

In Österreich gibt es abgesehen einer kurzen Periode in den Nullerjahren seit 1970 keine Studiengebühren mehr. Die ersten, die von deren Abschaffung profitiert haben, sind vor kurzem in Pension gegangen. Es sind genau jene, die am lautesten darüber nachdenken, dass Studiengebühren doch sozial ur-gerecht wären. Ja, auch SPÖ-Mitglieder sind darunter.

Ich bin der Mittelstand. Meine beiden Söhne werden demnächst ein Studium beginnen. Ich sage es ganz ehrlich: Ich bin nicht bereit, mit meinen Steuergeldern einerseits die Frühpensionen von Beamten, Eisenbahnern und anderen privilegierten Berufsgruppen zu finanzieren, andererseits dann auch noch Gebühren dafür zu zahlen, dass meine Kinder ihren Fähigkeiten entsprechende Berufe ergreifen können.

Sagen wir es offen: Studiengebühren sind eine Mittelstandssteuer.

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Die Mittelstands-Bildungssteuer

Die ÖVP sieht sich ja gerne als die „Beschützerin des Mittelstands“. Wenn man jedoch die konkrete Politik der Konservativen betrachtet, erweisen sich die Schwarzen als die größten Feinde eben dieses Mittelstands.

Wer ist eigentlich dieser „Mittelstand“?

Various Euro bills.

Wieviel Euro verdient man als "Mittelstand"?

Versuchen wir doch einmal den vielzitierten „Mittelstand“ zu definieren. Laut Statistik Austria verdienen 50 % der Bevölkerung Im Jahr 2009 zwischen 11.237 und 37.601 Euro im Jahr. Dies entspricht bei 14 Monatsgehältern einem Bruttomonatseinkommen zwischen rund 800 und 2.700 Euro, also deutlich unter den „zwei-, drei- oder viertausend Euro“, die SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas im Sommer in einem ZiB2-Interview genannt hat. Die Abgabenbelastung (Lohnsteuer und Sozialversicherung ohne Arbeitgeberbeiträge) beträgt in diesem Segment zwischen rund 15 und 33 Prozent.

Genau jene am oberen Ende dieser Skala bezeichnet die ÖVP ja so gerne als die Leistungsträge. Und genau jene müssen somit jeden dritten Euro, den sie verdienen, an das Finanzamt oder die Krankenkasse abliefern. Gleichzeitig verfügen in diesem Segment die meisten wohl kaum über nennenswerte Vermögen im Euro-Millionen-Bereich. Wie auch? Von netto maximal rund 2.000 Euro im Monat ist die Miete oder das Wohnbaudarlehen zu bezahlen, sind Lebensmittel zu kaufen, meist auch ein Auto zu erhalten, Versicherungsprämien zu bezahlen usw. Und auf Urlaub will man ja auch hin und wieder einmal fahren. Wen da ein dreistelliger Euro-Betrag im Monat überbleibt, kann man sich schon zu den Sparefrohs zählen. Unter diesen Umständen auch nur eine halbe Million Euro anzusparen, dafür reicht ein Menschenleben kaum aus.

Gerade dieser Mittelstand profitiert extrem stark von staatlichen Leistungen. Das Eigenheim ist mit einem vom Land geförderten Wohnbaukredit errichtet worden, die Kinder besuchen staatliche Schulen, bekommen dort gratis Schulbücher und im Krankheitsfall erhält man weitgehend kostenlose medizinische Versorgung, die im internationalen Vergleich absolut Spitze ist. Jeweils ein Elternteil darf sich auch auf Staatskosten jahrelang ausschließlich um die Kinder kümmern, später werden die kleinen dann fast gratis im Kindergarten oder in der Schule auch am Nachmittag betreut – okay, nicht in allen Bundesländern im gleichen Ausmaß. Wird man arbeitslos, wird man von einem zwar nicht allzu bequemen, aber doch recht dichten sozialen Netz aufgefangen. Und mit rund 60 Jahren verabschiedet man sich dann in die „wohlverdiente“ Pension.

Die „Flat Tax“ und der Mittelstand

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Länder, die eine "Flat Tax" oder entsprechende Pläne haben

Als Mittelstand wurschtelt man halt irgendwie durchs Leben. Man lebt gut, wenn auch nicht luxuriös. Natürlich will man nicht mehr als ein Viertel seines Einkommens wieder abgeben müssen. Also trommelt die ÖVP fortwährend den Slogan von der Entlastung des Mittelstands. Da hört man solche Ideen wie eine Flat Tax von 25 %, in der Sozialversicherung und Lohnsteuer schon inkludiert sind. Das klingt auf den ersten Blick bestechend. Wenn das aber wirklich alle bezahlen müssen, bedeutet das für rund die Hälfte der Bevölkerung eine erhebliche Mehrbelastung. Und das genau für jene Hälfte, mit ohnehin unterdurchschnittlichem Einkommen. Betroffen wären aber nicht nur die Ärmsten der Bevölkerung, sondern auch gut die Hälfte des vielzitierten „Mittelstands“. Gleichzeitig würde das Steueraufkommen aber insgesamt sogar leicht sinken. Wenn die Ärmsten, also jene, die – sagen wir einmal – weniger als 11.237 Euro im Jahr verdienen, von der Flat Tax ausnimmt, sinkt das Steueraufkommen sogar noch drastischer.

Woher will die ÖVP also das fehlende Steuergeld nehmen? Logisch wäre es, dies wenigstens von den großen Vermögen in Form von Erbschafts-, Schenkungs-, Grund- und/oder Vermögenssteuern hereinzuholen. Dann wäre der Slogan, dass sich Leistung wieder lohnen muss, wenigstens halbwegs glaubwürdig, obwohl die ÖVP immer noch Leistung mit Einkommen verwechselt. Aber nein, unsere Konservativen wollen ja Vermögen keinesfalls besteuern. Dann gibt es angesichts des immer noch hohen Budgetdefizits eigentlich nur zwei Möglichkeiten, dieses Geld wieder hereinzuholen.

Entweder man hebt Massensteuern an, also Mehrwertsteuer oder Mineralölsteuer. Damit wird wieder tief in die verfügbaren Einkommen des Mittelstands hineingeschnitten. Denn hebt man die Mehrwertsteuer an, so trifft das vor allem die einkommensschwächere Hälfte der Bevölkerung, die kaum Geld ansparen kann. Hebt man hingegen die Mineralölsteuer an, so trifft das zwar die Ärmsten der Bevölkerung kaum, weil diese nur wenig mit dem Auto unterwegs sind, dafür den gesamten Mittelstand umso mehr.

Die zweite Möglichkeit besteht in der Kürzung staatlicher Ausgaben. Weniger Geld für die Schulen, weniger Geld für die Universitäten, Einsparungen bei der Gesundheitsvorsorge, Einsparungen bei der sozialen Absicherung gegen Arbeitslosigkeit, Gebühren für Kindergarten und Nachmittagsbetreuung der Kinder. Wen trifft das am stärksten? Richtig: Wieder den Mittelstand, der sich sein halbwegs lebenswertes Leben nur aufgrund genau dieser staatlichen Leistungen erlauben kann.

Eine geht noch: Die Mittelstands-Bildungssteuer

Und da kommt der nächste vermeintliche Wahlkampfschlager der ÖVP daher: Studiengebühren. Wohl die meisten Eltern, die sich zum Mittelstand zählen, würden gerne ihre Kinder auf die Uni schicken. Ja, Studiengebühren sind ja sozial gerecht. Wer Studienbeihilfe kassiert, müsste ohnehin keine Gebühren bezahlen. Dass die Einkommensgrenzen für die Studienbeihilfe jedoch so niedrig sind, dass ein erheblicher Teil der Mittelstandskinder nicht im Entferntesten Anspruch auf Studienbeihilfe hätten, verschweigen die christlichen „Sozialreformer“ nur allzu gerne. Somit nennen wir die Studiengebühren doch mit dem richtigen Namen: Mittelstandsbildungssteuer.

Fassen wir zusammen: Alle Ideen zu Steuern und Gebühren, die aus dem schwarzen Lager kommen, führen zu immer stärkeren Belastungen für den Mittelstand. Übrigens gilt das Gesagte genauso für das blaue Lager. Und der SPÖ-Bundesgeschäftsführerin sei ins Stammbuch geschrieben, dass der Mittelstand keine drei- oder viertausend Euro im Monat verdient – weder brutto, geschweige denn netto.

Warum Studiengebühren die Hochschulen nicht finanzieren können

Wissenschaftsministerin Beatrix Karl wird ja angesichts des immer dramatischer werdenden Finanzierungschaos an den Universitäten nicht müde zu betonen, dass zur Schließung der Lücke private Mittel notwendig seien. Unter privaten Mitteln versteht die ÖVP gemeinhin vor allem Studiengebühren.

Ich lasse hier einmal das Schlagwort “freier Hochschulzugang” bewusst weg. Es scheint auf den ersten Blick sozial gerecht und logisch, künftige Akademiker für ihre Ausbildung bezahlen zu lassen. Immerhin stammt ein Großteil der Studenten aus der Mittel- und Oberschicht. Außerdem verdienen Akademiker später mehr. Die Unterschicht finanziert damit indirekt mit ihren Steuern die aufklaffende Einkommensschere zwischen arm und reich.

Eine kleine Polemik sei mir erlaubt: Mit der gleichen Begründung könnte man auch gleich Schulgeld nach der 9. Schulstufe einführen. Schließlich verdienen Maturanten im Schnitt auch deutlich besser als der gemeine “Hackler”.

Bevor wir aber Studiengebühren ernsthaft diskutieren, möchte ich hier drei Thesen aufstellen.

  1. Die österreichischen Universitäten sind dramatisch unterfinanziert. Derzeit gibt Österreich 1,3 % des BIP für den Tertiärbereich aus. Österreich hat sich dazu verpflichtet, bis 2020 auf 2 % des BIP zu kommen. Da man davon ausgehen kann, dass das BIP bis dahin um ca. 25 % steigen wird, heißt das, dass das Uni-Budget jährlich um gut 10 % steigen müsste, um dieses Ziel zu erreichen. Tatsächlich sieht das Budget eine Reduktion der Ausgaben bis 2014 vor!
  2. Österreich hat im OECD-Vergleich viel zu wenige Akademiker. In Österreich schließen nur 20 % der Menschen eines Jahrgangs ihre Ausbildung mit einem Hochschulabschluss ab. Der OECD-Schnitt beträgt 36 %, also fast das Doppelte. Da Österreich weder über nennenswerte Bodenschätze noch über einen Meereszugang verfügt, können wir unseren Wohlstand nur erhalten, wenn wir die Ressource zwischen unseren Ohren (© Wolfgang Schüssel) entsprechend ausbauen.
  3. Wir bekommen nur dann die besten Köpfe an die Universitäten, wenn der Hochschulzugang alleine von der Begabung und nicht von der finanziellen Ausstattung des Elternhauses abhängig ist.

Die Finanzierungslücke an den Unis zwischen den 1,3 % und den 2 % des BIP beträgt nach heutigem Stand rund 2 Milliarden Euro. Müsste diese Lücke nur durch Studiengebühren geschlossen werden, würde das einen Betrag von rund 4.400 Euro pro Semester ausmachen. Das könnten sich wohl nur wenige Studenten leisten. Damit müsste der Staat das Stipendiensystem deutlich ausbauen, sodass auch Studenten aus der Mittelschicht davon großteils profitieren können. Dass damit ein Großteil der “Ersparnis” für den Steuerzahler wieder weg wäre, versteht wohl hoffentlich auch der dümmste Politiker.

Natürlich könnte man jetzt auch über ein Kreditsystem diskutieren. Die Studiengebühren könnten gestundet werden und werden später, wenn der Akademiker oder die Akademikerin gut verdient, in Raten zurückgezahlt. Ein Blick nach Großbritannien, wo es dieses System mit ziemlich genau diesen Gebührenhöhen auch gibt, zeigt, dass ein Großteil der Akademiker die Studiengebühren nie vollständig bezahlen kann. Damit entsteht für den Staat eine doppelte Finanzierungslücke: Erstens muss er das Studium auf Jahrzehnte hinaus vorfinanzieren und zweitens bekommt er einen Großteil der Studiengebühren nie wieder herein. Man beachte auch, dass bei Studiengebühren in dieser Größenordnung die Studenten auch Rechtsansprüche auf eine adäquate Ausstattung der Unis mit Raum, Personal und technischen Geräten hätten. Auch diese Ausstattung müsste erst einmal finanziert werden. Außer einer Riesen-Bürokratie gewinnen wir so also nichts.

Die Debatte um die Studiengebühren lenkt daher nur von den wahren Problemen in unserer Bildungspolitik ab: Warum finden trotz Gratis-Unis nur so wenige Arbeiterkinder den Weg zu höherer Bildung? Wie wollen wir die Finanzierungslücke in der Höhe von 2 Milliarden Euro für Wissenschaft und Forschung schließen? Studiengebühren verschieben das Problem nur, lösen es aber ganz offensichtlich nicht.