Warum Teilzeitarbeit meist ein prekäres Beschäftigungsverhältnis ist

In meinem Schwerpunkt zum Thema Prekariat habe ich Teilzeitarbeit auch dazu gezählt. Viele Teilzeitkräfte fühlen sich aber nicht als prekär Beschäftigte. Warum ist das so?

Zunächst möchte ich hier einmal zwischen freiwilliger Teilzeitarbeit, bedingt freiwilliger Teilzeitarbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit unterscheiden.

Unfreiwillige Teilzeitarbeit ist typisch für einige Branchen wie beispielsweise dem Handel. Dort gibt es so gut wie keine Vollzeitarbeitsplätze mehr. Teilzeitarbeitskräfte sind nämlich flexibler einsetzbar und somit in der Regel in Summe billiger.

Viele Frauen entscheiden sich für Teilzeitarbeit, weil sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Das nenne ich bedingt freiwillige Teilzeitarbeit. Warum ist es immer noch der Lebenstraum eines großen Teils junger Frauen, daheim bei den Kindern bleiben zu können oder zumindest „nur“ in Teilzeit arbeiten zu müssen? Natürlich klingt mehr Freizeit verlockend. Doch ist es nicht auch deshalb ein Traum, weil die Kinderbetreuung zu Normalarbeitszeiten bis zum 14. Lebensjahr in vielen Regionen Österreichs einfach nicht gewährleistet ist und auch in den restlichen Regionen meist nicht die Qualität erreicht, die sich viele Eltern wünschen würden? Wer hat denn noch Lust, nach einem Vollzeitarbeitstag noch mit den Kindern für die Schule zu lernen, was aber in Österreich leider meist notwendig ist, weil die Schule schon lange nicht mehr ihre Kernaufgaben erfüllt. Ist der Wunsch nach Teilzeit unter diesem Aspekt wirklich rein freiwilliger Natur?

Mehr als die Hälfte aller Teilzeitarbeitskräfte verdient weniger als 1.100 Euro brutto im Monat und 8 von 10 Teilzeitarbeitskräften sind Frauen. Wenn der Ehemann oder Lebenspartner genug verdient sind auch einige Tausender im Jahr ein netter Zuverdienst und die Familienfinanzen deshalb noch lange nicht in einer prekären Lage. Bedenkt man jedoch dass jede zweite Ehe geschieden wird, kann aus einer komfortablen Situation schnell eine finanzielle Krise werden. Denn der Teilzeitarbeitsplatz lässt sich nicht so mir nichts dir nichts in eine Vollzeitstelle umwandeln.

Aber für die Kinder zahlt der Ex-Partner doch Alimente. Ja, aber: Was ist bei Arbeitslosigkeit des Ex? Und wenn die Kinder auf eigenen Füßen stehen, versiegt diese Einkommensquelle. Spätestens im Alter merken dann viele Frauen, dass die Alimente nicht zur Pensionsberechnung herangezogen werden. Und Unterhalt gibt es nur noch in Ausnahmefällen.

Genau deshalb ist es mein fester Standpunkt, dass jeder Mensch über ein ausreichendes eigenes Einkommen verfügen sollte, um seinen eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Da aber mehr als die Hälfte aller Teilzeitarbeitsverhältnisse nicht ausreichend dotiert sind, fällt die Teilzeitarbeit größtenteils auch unter die prekären Beschäftigungsverhältnisse.

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Prekariat: Jeder und jede zweite ist betroffen

Eigentlich wollte ich diesen Artikel schon viel früher veröffentlichen, da er meine Serie über das Prekariat vom Herbst fortsetzt. Eine aktuelle Diskussion auf Twitter, ist aber jetzt der konkrete Anlassfall.

Ich behaupte: Bis zu 55 % aller Erwerbstätigen waren 2010 in Österreich prekär beschäftigt. Die Zahl erscheint hoch? Ich erkläre sie gerne.

Im Jahr 2010 gab es in Österreich rund 4.096.000 erwerbstätige Menschen. Davon waren 333.941 (8,15 %) geringfügig beschäftigt. Dazu kommen rund 652.300 (15,93 %) befristete Dienstverträge. Weiters gab es 69.800 (1,70 %) in Leiharbeit beschäftige Personen. Den größten Anteil machen die Teilzeitarbeitskräfte aus: 882.100 (21,54 %) Personen. Geringer ist der Anteil der Ein-Personen-Unternehmen (EPU) mit 282.700 (6,90 %).

Zählt man alle zusammen, so waren 2010 bis zu 2.221.000 Menschen prekär beschäftigt. Das sind 54,22 % aller Erwerbstätigen. Anders gesagt: Jeder und jede zweite verfügt über kein ausreichendes und/oder sicheres Einkommen.

Doch kann man die Zahlen einfach aufaddieren? Seriöserweise muss ich natürlich darauf hinweisen, dass es zwischen den einzelnen Gruppen sicher erhebliche Überschneidungen gibt. Viele Teilzeitarbeitskräfte sind auch befristet angestellt. Ebenso ist die Kombination aus Befristung und Leiharbeit häufig. Etliche EPUs werden sicher auch neben einem existenzsichernden Job betrieben. Ebenso gibt es auch zahlreiche Pensionisten, die sich sich als geringfügig Beschäftigte die Pension aufbessern. Allerdings fehlen in der Statistik auch große Gruppen der prekär beschäftigten: So konnte ich trotz intensiver Recherche keine Zahlen zu den freien Dienstnehmern finden. Und auch die Praktika („Volontariate“) werden nirgends erfasst. Wirklich seriöse Zahlen zu den prekären Dienstverhältnissen gibt es in Österreich also nirgends.

Aber sind alle genannten Gruppen wirklich prekäre Beschäftigte? Geringfügig Beschäftigte, befristete Dienstverträge und Leiharbeitsverträge stelle ich hier einmal außer Diskussion. In der SVA der gewerblichen Wirtschaft sind rund 376.000 Personen Pensionsversichert (Beitragszahler). Die EPU machen somit rund 75 % aller Versicherten aus. Gleichzeitig verdienen 3 von 5 (60 %) in der SVA Versicherten weniger als 600 Euro im Monat. Somit kann man die EPU fast vollständig dem Prekariat zurechnen.

Und Teilzeit? Erst ab einem monatlichen Bruttoeinkommen von rund 1.100 Euro oder einem Jahresbruttoeinkommen von 15.400 Euro befindet man sich komfortabel über der Armutsgrenze. Mehr als die Hälfte aller Teilzeitarbeitskräfte liegen unter dieser Grenze.

Unter Berücksichtigung dieser zusätzlichen Daten dürften mindestens 1,7 Mio. Menschen in Österreich prekär beschäftigt sein. Das sind mehr als 42 %. Da fehlen aber immer noch die freien Dienstnehmer und Praktikanten. Die Wahrheit dürfte also irgendwo zwischen 42 und 55 % liegen.

Quellen für alle Daten: Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Statistik Austria

Lore Hostasch im Interview (4): Die Pflichtpraktika sind eine Sauerei

Roman Korecky: Wir sehen zunehmend das Problem, dass immer mehr Leute mit ihrem Einkommen nicht auskommen, die eben zum Beispiel als Teilzeitbeschäftigte keinen Vollzeitjob finden, in solchen freien Dienstnehmerverhältnissen sind, oder als neue Selbstständige angemeldet sind und unter dem Kollektivvertrag als solche bezahlt werden. Haben Sie eine Antwort für diese Leute? Wie könnte man das bekämpfen?

Lore Hostasch: Ich kenne viele Jüngere, die den Wunsch haben, sich nicht auf 38 Stunden zu binden, sondern etwas mehr Freiheit zu haben.

Roman Korecky: Das habe ich auch schon von jungen Leuten gehört, die teilweise noch bei den Eltern wohnen. Die sagen, das Geld reicht mir, aber spätestens, wenn sie auf eigenen Füßen stehen, sehen sie, dass sie damit nicht auskommen. Dann ist das eine Falle.

Lore Hostasch: Ja, deshalb habe ich das jetzt erwähnt. Da tappt man in die Falle der Arbeitgeber. Wir leben aber zum Glück in einer freien Gesellschaft und es muss eine gewisse freie Disponierbarkeit geben. Wir brauchen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht Rahmenbedingungen, bei denen die Normen nicht zu eng sind, denn bei zu engen Normen brechen entweder Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus. Im Gesundheitsbereich kann man Ärzten das beste Arbeitszeitgesetz geben, beide Seiten halten sich nicht daran. Faktum ist aber sicher, dass es Zeiten gab, wo es leichter war, dafür Sorge zu tragen, dass jeder auf ein weitgehend geregeltes, gesichertes, auf lange Sicht orientierbares Arbeitsverhältnis aufbauen konnte. Dass man, wie ich es noch erlebt hatte, im selben Betrieb in Pension gegangen ist, wo man begonnen hat, hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv geändert, und es wird uns auch eingeredet, dass das etwas Schönes ist.

Regina Riebl: Ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsmarkt einfach ausnutzt, dass die Beschäftigung nicht so hoch ist und dass es einfach immer mehr Arbeitssuchende gibt. Echte Beschäftigungsverhältnisse werden als freie Dienstnehmer vergeben und einfach anders benannt, weil das billiger ist und man Urlaub und Weihnachtsgeld nicht zahlen muss.

Lore Hostasch: Bei geringfügigen Arbeitsverhältnissen haben wir zum Beispiel durchgesetzt, dass es ein 13. und 14. Gehalt geben muss. Ob das überall auch bezahlt wird, weiß ich nicht. Das waren Versuche, es durch Verteuerung unattraktiver zu machen.

Roman Korecky: Ich habe den Eindruck, dass von prekarisierten Arbeitsverhältnissen überwiegend relativ gut gebildete Arbeitskräfte, ab Maturaniveau, betroffen sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Maturanten und Akademiker über ihre Rechte am Arbeitsmarkt zu wenig informiert sind. Während Berufsschüler recht gut von der Gewerkschaft über ihre Rechte und Pflichten informiert werden, wissen die Maturanten nichts darüber und lernen es in weiterer Folge auch nicht.

Lore Hostasch: Ja, das stimmt sicher.

Roman Korecky: Sollten die Gewerkschaften auch mehr in AHS, BHS usw. gehen?

Lore Hostasch: Da kommen sie nicht hinein.

Roman Korecky: Warum geht es dann in den Berufsschulen?

Lore Hostasch: Dort haben wir unsere Leute hineingebracht, aber überall kann man aber nicht hinein. Ich denke, Claudia Schmid wird sich darüber auch nicht trauen, weil dann sofort der Aufschrei käme, das sei Politik in der Schule.

Roman Korecky: Es ginge ja einfach nur um Rechtslehre. An den Berufsschulen gibt es das Fach „Staatsbürgerkunde und Rechtslehre“, wo man solche Dinge auch lernen kann. Ein AHS-Absolvent hat das gar nicht.

Lore Hostasch: Aber hören Sie sich an, was die Lehrer vortragen.

Roman Korecky: Gut, das weiß ich nicht. Ich hatte das in der HAK und da war es sehr gut. Das war bei uns der interessanteste Gegenstand.

Lore Hostasch: In der GPA haben wir ja versucht, eine Schüler- und Hochschüler-Gruppe zu etablieren, aber es ist mühsam, denn direkt hinein kommt man in die Schulen kaum. Da können höchstens Lehrer helfen, die ein besonderes Interesse haben. Wir versuchen ja auch bei den Berufsinformationswochen präsent zu sein. Scheinbar schaffen wir nicht, in ausreichendem Ausmaß ein gewisses Eigeninteresse entstehen zu lassen. Die Eltern kümmern sich auch deutlich weniger darum, dass die Jungen sich auch informieren. Wenn niemand dahinter ist, der einem Tipps gibt, woher soll es kommen?

Regina Riebl: Was ich noch gerne kurz ansprechen würde, sind die Praktika. Gerade wenn man studiert, wird man teilweise in äußerst viele Praktika gedrängt. Wie sehen Sie das?

Lore Hostasch: Ich finde, die Pflichtpraktika sind eine Sauerei, zumal diese ja vorgeschrieben werden, und die Betroffenen oft gar keine Chance haben, sie auch zu machen, sodass das ganze Studium dann „hängt“. Bei Ferialpraktikanten haben wir durch Informationsmaßnahmen ein wenig erreicht. Wir haben auch versucht, in Kollektivverträgen Bestimmungen unterzubringen. Die sonstigen Praktika sind aber eine Ausbeutung par excellence. Das erinnert mich daran, was ich von meinen Großeltern gehört habe, dass man einst für einen Lehrplatz gezahlt hat.

Roman Korecky: Sie wären also fast dafür, dass man die Pflichtpraktika überhaupt abschafft, um den Druck wegzunehmen?

Lore Hostasch: Ich weiß nicht, ob man sie komplett abschaffen sollte. Ich kritisiere nur: Wenn sie vorgeschrieben sind, muss jeder auch die Chance haben, sie zu ordentlichen Bedingungen wahrnehmen zu können. Im Hotelbereich zum Beispiel bekommt man nirgends einen ordentlichen Platz. Da wird man für etwas eingesetzt, was der Aufgabe nicht entspricht. Bei den Lehrlingen haben wir noch bessere Eingriffsmöglichkeiten. Bei den Praktika dagegen fehlen uns die Möglichkeiten.

Regina Riebl: Das müsste man vielleicht in die Kollektivverträge einbauen, denn es geht ja gar nicht nur um die Schulpraktika, sondern auch um Studenten, die sechs Monate in einem Betrieb voll arbeiten, normale Arbeitskräfte sind und geringfügig bezahlt werden. Das können sich auch nur Leute leisten, die von woanders das Geld bekommen oder zu Hause wohnen.

Lore Hostasch: Das geht im Prinzip bis zu den Ärzten. Das ist wirklich Ausbeutung und Vergeudung von Zeit und Ressourcen. Es wäre also noch genug zu tun. Meine Erfahrung ist, dass man mit dem Kollektivvertrag alleine schwach ist. Ein Gesetz ermöglicht den Gang zu Gericht, bei einem Kollektivvertrag ist das schon mühsamer. Alles muss aber nicht im Gesetz geregelt sein.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Lore Hostasch im Interview (1): Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen

Foto: SPÖ

Lore Hostasch war von 1997 bis 2000 Bundesministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In dieser Zeit wurden zahlreiche sozialpolitische Regelungen für prekäre Beschäftigungsverhältnisse geschaffen.

In Österreich hat sie sich mittlerweile aus allen Funktionen zurückgezogen. Bei der Europäischen Kommission führt sie den Vorsitz in einer Expertengruppe zu Demografiefragen. Dort werden Erfahrungen in der demografischen Entwicklung der einzelnen Länder auszutauschen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Betreuung der Älteren, Vorbereitung aufs Älterwerden.

Das Interview wurde von Regina Riebl und mir im Mai 2011 geführt.

Roman Korecky: Frau Hostasch, wir recherchieren gerade zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse. In den 90er-Jahren war das ganz große politische Thema aller Parteien das Recht auf Teilzeit, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, gleichzeitig ist allerdings die Teilzeitbeschäftigung für viele zur Falle geworden, die später eigentlich Vollzeit arbeiten wollten, beziehungsweise gibt es auch viele, die nur mehr Teilzeitjobs finden. Wie stehen Sie aus heutiger Sicht zu diesem Recht auf Teilzeit? Was sollte man da ändern?

Lore Hostasch: Ich habe ein Problem damit, Teilzeit grundsätzlich als prekäre Arbeit zu sehen. Es ist eine Arbeitszeitform. Für mich haben die prekären Arbeitsverhältnisse dort begonnen, wo es gegangen ist um Arbeit auf Abruf, geringfügig Beschäftigte, Scheinselbständige, alles was ein bisschen außerhalb des Arbeitsrechts gewesen ist. Die Teilzeit haben wir doch schon grundsätzlich immer im Arbeitsrecht drinnen gehabt. Darum habe ich ein bisschen ein Problem, Teilzeit als prekäres Arbeitsverhältnis zu definieren. Prekär ist nämlich nicht positiv besetzt. Daher ist es für mich problematisch, Teilzeit grundsätzlich als schlecht anzusehen. Nichtsdestotrotz haben wir eine klassische Diskriminierung von Teilzeitbeschäftigung gehabt im Vergleich zu Vollzeitbeschäftigung. Da gab es Beispiele, dass Teilzeitbeschäftigte Familienleistungen nicht oder nur aliquot bekommen haben, dass sie nicht ins Pensionsrecht einbezogen gewesen sind. Das signalisierte einer unerwünschten Tätigkeit. Das hat sich dann doch sehr grundsätzlich geändert, diese Haltung zur Teilzeit, und es ist von beiden Seiten der Wunsch nach mehr Teilzeit entstanden.

Roman Korecky: Aber die Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben dabei doch sehr unterschiedliche Interessen verfolgt, oder?

Lore Hostasch: Die Arbeitgeber haben Teilzeit als eine Arbeitszeitform gesehen, bei der sie nach Bedarf Mitarbeiter einsetzen können, also quasi kapazitätsorientiert. Da sind auch diese Modelle entstanden, bei denen man vormittags zwei Stunden und am Nachmittag dann noch einmal zwei Stunden gearbeitet hat, wobei die Wegzeiten nicht berücksichtigt worden sind. Bei der Arbeitnehmerseite hat es vor allem bei Frauen den Wunsch gegeben, Teilzeitbeschäftigung zu haben, um besser Familienaufgaben mit Berufstätigkeit zu vereinbaren. Ich bedaure, dass das immer noch vor allem ein weiblicher Wunsch ist, weil damit ja nach wie vor eine Segmentierung erfolgt, was die Familienpflichten betrifft.

Roman Korecky: Welche Rolle spielten in der Diskussion die Gewerkschaften?

Lore Hostasch: In den Gewerkschaften gab es sehr lange eine sehr zurückhaltende bis negative Haltung zur Teilzeit bis wird dann schon alle erkannt haben, dass man Teilzeit nicht verbieten kann. Wir trachteten dann danach, dass wir Teilzeit so ins Arbeitsrecht integrieren, dass es auf der einen Seite keine Konkurrenz zur Vollbeschäftigung wird, auf der anderen Seite aber für jene, die Teilzeit arbeiten, entsprechende sozialversicherungsrechtliche Absicherungen gibt und Diskriminierungen abzuschaffen.

Roman Korecky: Teilzeit wird dann später für viele zur Falle. Die Einkommen sind ja meist nicht existenzsichernd.

Lore Hostasch: Das ist natürlich ein Problem. Wir haben auch die Frage Recht auf Teilzeit lange diskutiert. Gibt es im Widerspruch dazu auch ein Recht auf Vollzeit? Aber es war wichtig, dieses Recht auf Teilzeit bei spezifischen, individuellen Situationen zu formulieren. Das ist für die Betroffenen eine sozialpolitische Notwendigkeit. Aber ich gestehe, dass adäquate Pensionsansprüche immer noch ein großes Problem sind. Wenn jemand zum Beispiel 20 Jahre teilzeitbeschäftigt war, ist das gleichwertig mit 20 Jahren Vollzeitbeschäftigung? Aber wir haben ein beitragsorientiertes System. Dementsprechend sollen Beitragsleistung und Ansprüche daraus in einem gewissen Verhältnis zueinander stehen.

Interview: Roman Korecky und Regina Riebl
Mitarbeit: Paul Korecky

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Teilzeitarbeit

Teilzeitarbeit bedeutet, dass der oder die Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin nicht die kollektivvertraglich volle Arbeitszeit leistet. Der Lohn wird dann entsprechend verkürzt. Teilzeitarbeit kann mit befristeten Arbeitsverhältnissen oder Leiharbeitsverträgen in Kombination auftreten.

Teilzeitarbeit wird überwiegend von Frauen in allen Branchen und allen Qualifikationsstufen geleistet. Vor allem in den 1990er-Jahren galt das „Recht auf Teilzeit“ als politisches Wundermittel, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. Nach wie vor suchen viele Frauen ganz bewusst nach Teilzeitarbeitsplätzen, um noch genügend Zeit für die Familienarbeit zu haben.

In der Praxis ergibt sich durch die Teilzeitarbeit jedoch eine Reihe von Problemen. Die vereinbarte Arbeitszeit wird oft nicht eingehalten. Die Mehrstunden gelten bis zum Umfang der Normalarbeitszeit nicht als Überstunden. Daher werden in vielen Branchen (z. B. im Handel) bevorzugt Teilzeitarbeitsplätze geschaffen, weil Mehrarbeit der Dienstnehmerinnen oder Dienstnehmer deutlich kostengünstiger abgedeckt werden kann als mit Vollzeitarbeitskräften, denen Überstundenzuschläge bezahlt werden müssten. Seit 1.1.2008 wird dem gesetzlich entgegen gewirkt, indem auch Teilzeitarbeitskräfte einen Anspruch auf 25 % Zuschlag für die geleistete Mehrarbeit haben. Doch selbst mit dieser Regelung, die durch Gleitzeitregelungen mit langen Durchrechnungszeiträumen oft auch noch ausgehöhlt wird, sind Überstunden von Teilzeitarbeitskräften noch immer deutlich günstiger als die von Vollzeitarbeitskräften.

Oft gelten Betriebsvereinbarungen nicht in vollem Umfang für Teilzeitarbeitskräfte. Somit sind Teilzeitarbeitskräfte oft von betrieblichen Pensionsvereinbarungen oder zusätzlichen Urlaubsansprüchen ausgeschlossen. Manchmal stehen auch andere Vergünstigungen wie Zuschüsse für Kantinenessen oder die Nutzung von Freizeiteinrichtungen nicht in vollem Umfang zu. Teilzeitarbeitskräfte haben meist auch geringere bis gar keine innerbetrieblichen Aufstiegsmöglichkeiten. Ein Umstieg auf einen Vollzeitarbeitsplatz ist ohne Arbeitsplatzwechsel meist nicht möglich.

Nicht zuletzt wird Teilzeitarbeit vor allem für Frauen oft zur Armutsfalle. Was anfangs als Dazuverdienen für die Familie gedacht war, muss später nach einer Scheidung (jede zweite Ehe wird geschieden!) plötzlich als Existenzgrundlage für die dann alleinerziehende Mutter und ihre Kinder dienen.

In manchen Branchen gibt es auch fast nur mehr Teilzeitarbeit, z. B. bei den Raumpflegern und –pflegerinnen. Für ein existenzsicherndes Einkommen müssen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen dann oft mehrere Dienstverträge eingehen. Die Wegzeiten zwischen den verschiedenen Dienstorten gelten in diesem Fall nicht als Arbeitszeit.

Arbeitsplatzsicherheit

Die Arbeitsplatzsicherheit ist vergleichbar mit normalen Dienstverhältnissen, wenn nicht andere Faktoren wie Leiharbeit oder Befristung hinzukommen.

Lohnhöhe

Teilzeitarbeitskräfte unterliegen den normalen Kollektivverträgen. Durch die geringere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ist der Lohn jedoch meist nicht existenzsichernd. Typische Bezieher der bedarfsorientierten Mindestsicherung sind Teilzeitarbeitskräfte.

Kündigungsschutz

Der Kündigungsschutz entspricht jenem eines normalen Dienstverhältnisses.

Sozialrechtliche Absicherung

Teilzeitarbeitskräfte unterliegen der vollen Sozialversicherungspflicht. Sie erwerben damit in allen Sozialversicherungen einschließlich der Arbeitslosenversicherung Ansprüche. Durch die geringere Lohnhöhe ist jedoch die Höhe des Arbeitslosengeldes und der späteren Pension deutlich herabgesetzt. Arbeitslosigkeit und Pensionierung sind somit weitere Armutsfallen für Teilzeitarbeitskräfte.

Interessensvertretung

Teilzeitarbeitskräfte nehmen an Betriebsratswahlen teil und sollten daher auch von diesem vertreten werden. Häufig ist jedoch zu beobachten, dass der Betriebsrat sich nur unzureichend um die Anliegen dieser Kollegen und Kolleginnen kümmert. Problematisch ist dabei auch die geringere Anwesenheitszeit im Betrieb, wodurch Teilzeitarbeitskräfte oft weniger Kontaktmöglichkeiten mit dem Betriebsrat haben. Gesetzlich ist auch die Arbeiterkammer für die Interessensvertretung zuständig.

Zahlen, Daten, Fakten

Jahr Vollzeit Teilzeit Gesamt Anteil
2004 2.591.600 674.900 3.266.500

21%

2005 2.595.500 721.600 3.317.100

22%

2006 2.632.600 764.100 3.396.700

22%

2007 2.671.000 779.200 3.450.200

23%

2008 2.708.700 819.300 3.528.000

23%

2009 2.666.000 866.200 3.532.200

25%

2010 2.650.700 882.100 3.532.800

25%

Quelle: Arbeitsmarktstatistik der Statistik Austria

Der Anteil der Teilzeitbeschäftigung nimmt kontinuierlich stark zu. Bereits jeder vierte Arbeitnehmer ist in Teilzeit beschäftigt. Die Zunahme der Beschäftigtenzahlen ist daher vor allem eine Zunahme der Teilzeitarbeit.

Teilzeit ist weiblich. 2010 waren nur rund 15 % der Teilzeitbeschäftigen sind Männer. Allerdings wird Teilzeit zunehmen männlicher, denn 2004 betrug der Männeranteil nur knapp 12 %.

Die meisten Teilzeitbeschäftigten arbeiten zwischen 12 und 35 Stunden in der Woche. Typische Arbeitszeiten betrugen 20 oder 30 Stunden, die sich etwa die Waage halten, wobei 30-Stunden-Jobs leicht überwiegen.

Mitarbeit: Tilak de Silva, Regina Riebl

Prekäre Arbeitsverhältnisse: Eine Definition

Den Schwerpunkt auf diesem Blog im September soll ein Problem darstellen, das von der Politik leider viel zu wenig wahrgenommen wird, obwohl es schätzungsweise jeden zweiten Erwerbstätigen in Österreich betrifft: prekäre Arbeitsverhältnisse. Die Texte dieser Serie entstanden im Zuge einer gemeinsamen Projektarbeit mit einigen Gleichgesinnten im Frühsommer 2011. In diesem ersten Artikel soll es zunächst um den Versuch gehen, prekäre Arbeitsverhältnisse zu definieren.

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind Arbeitsplätze mit zu geringer Einkommenssicherheit. Es handelt sich dabei um Arbeitsverhältnisse auf die ein oder mehrere der folgenden Faktoren zutreffen:

  • Mangelnde Arbeitsplatzsicherheit
  • Niedriger Lohn, der für eine Existenzsicherung nicht ausreicht
  • Mangelnder Kündigungsschutz
  • Keine oder zu geringe sozialrechtliche Absicherung
  • Fehlende Interessensvertretung z. B. durch Betriebsrat

Typische Erscheinungsformen sind in Österreich:

  • Befristete Dienstverträge
  • Leiharbeitsverträge
  • Teilzeitarbeit
  • Freie Dienstnehmer
  • Neue Selbständige und gewerbetreibende Ein-Personen-Unternehmen
  • Geringfügig Beschäftige
  • Volontariate („Praktika“)

In den kommenden Teilen dieser Serie möchte ich einige dieser Beschäftigungsformen näher beleuchten.

Mitarbeit: Regina Riebl