Morgen startet die Volksbefragung in Wien

Zur Erinnerung: Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Hier noch einmal kurz meine Wahlempfehlung für die 5 Fragen:

Wien will's wissen

Ich empfehle bei allen Fragen mit Ja zu stimmen. Hier noch einmal die kurzen Begründungen und die Links zu den ausführlichen Artikeln:

  1. Hausbesorger erhöhen den “Wohlfühlfaktor” in Wohnbauten. Die Mieter bzw. Eigentümer können selbst entscheiden, ob ihnen das die Mehrkosten wert ist. Auf jeden Fall sollte es dafür eine neue gesetzliche Basis geben, daher Ja. Mehr…
  2. Die Ganztagsschule führt zu einem deutlich verbesserten Bildungsangebot für unsere Kinder und entspricht den Lebensrealitäten der meisten Familien, daher ein klares Ja. Mehr…
  3. Die Citymaut ist zwar nicht das beste Modell, den Pkw-Verkehr in Wien zu beschränken, aber es ist wichtig, die Diskussion in Gang zu halten, weil der Pkw-Verkehr die Stadt tötet und soziale Unterschiede verschärft. Daher ein Ja mit Bauchweh. Mehr…
  4. Der öffentliche Verkehr gehört kontinuierlich verbessert. Nur Angebot schafft Nachfrage. Ein 24-Stunden-Betrieb der U-Bahn führt zu lächerlichen Mehrkosten, aber zu dramatischen Fahrzeitverkürzungen auf den meisten Destinationen. Angesichts der vielen Vorteile ohne nennenswerte Nachteile bin ich hier für ein klares Ja. Mehr…
  5. Der Besitz der meisten Hunde ist zumindest ebenso gefährlich für andere wie der Besitz eines Motorrades. Motorradfahrer müssen einen Führerschein haben und sogar eine Haftpflichtversicherung, warum nicht Hundebesitzer? Daher auch hier ein klares Ja. Mehr…

Zum Schluss das Wichtigste: Hingehen und die Meinung äußern, weil das gelebte Demokratie ist.

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Volksbefragung in Wien: Hundeführerschein

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 5 lautet:

Wien will's wissen

Seit 2006 wird in Wien ein freiwilliger Hundeführschein angeboten. Der Hundeführschein ist eine fundierte Ausbildung für Hundehalter/innen, bei welcher der richtige Umgang mit Hunden gelehrt wird. Bei der Prüfung müssen Hundehalter/innen zeigen, dass sie den Hund auch in schwierigen Situationen im Griff haben. Sind Sie dafür, dass es in Wien für sogenannte "Kampfhunde" einen verpflichtenden Hundeführschein geben soll?

Hunde können eine Gefahr für die Mitmenschen darstellen. Das Ausmaß dieser Gefahr geht vor allem vom Hundehalter aus, der den Hund nicht richtig erzogen hat. Eine verpflichtende Prüfung, die zeigt, dass der Hundehalter mit dem Hund umgehen kann und auch die wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen zur Hundehaltung kennt, kann das Zusammenleben von Mensch und Tier in der Stadt sicher verbessern, sofern diese Regelung auch streng kontrolliert wird.

Die Frage ist, was ein sogenannter Kampfhund ist? Bestimmte Rassen zu verteufeln halte ich für nicht zielführend, sind doch gerade der Deutsche Schäferhund und der Dackel für einen Großteil der Bissverletzungen verantwortlich, beides Rassen, die man gemeinhin nicht als Kampfhunde bezeichnen würde.

Vielmehr sollte die Verpflichtung zum Hundeführerschein an äußerlichen Merkmalen des Hundes vor allem betreffend der Beißkraft festgemacht werden. Es könnte so etwas wie ein Beißkraftindex erstellt werden, der sich aus Parametern wie Kieferlänge, maximaler Öffnungswinkel und Beißkraft zusammensetzt. Von einem Malteser geht z. B. sicher keine Gefahr aus. Mehr als gebissener Finger, ist da nicht drin und den muss man auch erst hinhalten.

Insgesamt sage ich ja, ich bin für den verpflichtenden Hundeführerschein, weil es ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Volksbefragung in Wien: 24 Stunden U-Bahn

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 4 lautet:

Wien will's wissenIn Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende (Freitag und Samstag) kostet pro Jahr 5 Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse am Wochenende. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?

Fangen wir diesmal bei den Kosten an: 5 Millionen Euro klingen für den einzelnen nach viel, sind aber im Grunde ein läppischer Betrag. Abgesehen davon hat ein Direktor der Wiener Linien Ende September von lediglich 2,5 Millionen gesprochen. Christoph Chorherr brachte es im Oktober in seinem Blog auf den Punkt: Alleine die Verbreiterung des Gürtels im Bereich der A23-Abfahrt um eine Fahrspur (mit mehr als fraglichen Auswirkungen auf den Verkehr in der Stadt) kostet 110 Millionen Euro. Wenn man Zinsen und Inflation berücksichtigt, bedeutet das, dass man von den Kosten für die fragwürdige Verbreiterung des Gürtels über eine Distanz von ein paar hundert Metern, die U-Bahn ein Vierteljahrhundert in der Nacht fahren lassen könnte und so nebenbei dadurch auch etliche Arbeitsplätze entstehen könnten. Man bedenke dazu auch, dass Straßenbauten angesichts der Tatsache, dass wir in spätestens 20 Jahren (wahrscheinlich schon viel früher) kein Erdöl mehr zum Verfeuern in Explosionsmotoren mehr haben, ohnehin eine fragwürdige Angelegenheit.

Lassen wir also die Kosten beiseite, die pro Wiener nicht einmal einen Cent pro Tag ausmachen. Tatsache ist, dass mittlerweile sehr viele Wiener in der Nacht unterwegs sind und dabei auf das Auto verzichten wollen, was ja an sich sehr löblich ist. Dies erhöht nebenbei auch die Sicherheit. Gegenden, wo viele Passanten unterwegs sind, werden von Kriminellen tendenziell gemieden (wenn man von einigen Spezialisten absieht).

Das derzeitige Netz der Nachtbusse ist bequem, weil man viele Destinationen ohne Umsteigen erreichen kann. Leider sind die Streckenverläufe gerade Gelegenheitsnutzern meist nicht bekannt. Deshalb wird das Angebot nicht in dem Maße genutzt, wie es nötig wäre. Die Streckenverläufe der U-Bahnen sind hingegen fast jedem Wiener bekannt.

Ich habe mir im Detail angesehen, was sich durch einen Nachtbetrieb der U-Bahnen ändern würde. Viele Nutzer der Öffis müssten, um nach Hause zu kommen, einmal zusätzlich umsteigen. Dies ist jedoch kein Nachteil, da bei einer guten Koordinierung der Fahrpläne der U-Bahnen mit den Anschlussbussen sich die Fahrzeit nirgends verlängern, in den meisten Fällen sogar beinahe halbieren würde.

Deshalb meine Antwort: Ja, ich bin für den Nachtbetrieb der U-Bahn.

Für die Interessierten, hier die möglichen Auswirkungen im Detail:

U1

Die Linie N25 würde durch den Nachtbetrieb vermutlich nicht mehr vom Ring weg, sondern nur mehr von Kagran verkehren. Der restliche Streckenverlauf ist nämlich weitgehend ident mit der U1. Der Betrieb der U1 würde die Fahrzeit um sage und schreibe 26 Minuten verkürzen! Am südlichen Zweig würde die U1 die Linien N66 und N67 ersetzen bzw. verkürzen. Hier würde jedoch keine nennenswerte Fahrzeitverkürzung entstehen.

U2

Ein Großteil des heutigen Verlaufs der U2 wird in der Nacht von der Linie N29 abgedeckt. Zwischen Schottenring und Stadion würde hier keine nennenswerte Fahrzeitverkürzung entstehen. Anders sieht jedoch die Situation nach der U2-Verlängerung im Herbst aus. Vom Ring bis zum SMZ Ost käme es durch die U-Bahn zu einer Fahrzeitverkürzung von gut 20 Minuten gegenüber der jetzigen Linie N26, die wahrscheinlich trotzdem in Betrieb bleiben würde. Dies entspricht nahezu einer Halbierung der Fahrzeit!

U3

Der Verlauf der U3 wird derzeit im Osten von der Linie N75 abgedeckt. Bis zum Gasometer kommt es durch die U-Bahn zu einer Fahrzeitverkürzung von mindestens 9 Minuten. Zur Simmeringer Hauptstraße führt derzeit in der Nacht die Linie N71. Hier würde es durch den U3-Betrieb wahrscheinlich zu keiner nennenswerten Fahrzeitverkürzung kommen. Das westliche Ende der U3 wird derzeit von der LInie N49 bedient, die übrigens auch den Bahnhof Hütteldorf und damit teilweise die Funktion der U4 übernimmt. Zwischen Museumsquartier und Bujattigasse würde es durch den U-Bahn-Betrieb zur einer Fahrzeitverkürzung von rund 15 Minuten kommen.

U4

Die Linien N58 und N60 verkehren derzeit im Verlauf der U4 zwischen Ring und Hietzing. Der Betrieb der U4 würde hier eine annähernd identische Fahrzeit bewirken. Anders sieht es im nördlichen Zweig der U4 aus. Dieser wird derzeit von keinem Nachtautobus ordentlich bedient. Eine halbwegs vergleichbare Strecke fährt die Linie N36, die aber wahrscheinlich in Betrieb bleiben würde. Zwischen Schottenring und Heiligenstadt würde der Betrieb der U4 eine Verkürzung der Fahrzeit um 20 Minuten bringen!

U6

Der nördliche Ast der U6 wird derzeit teils von der Linie N6, teils von der Linie N29 bedient. Im Verlauf der Linie N6 würde es zwischen Westbahnhof und Spittelau zu keiner nennenswerten Änderung in der Fahrzeit kommen. Zwischen Spittelau und Handelskai würde der N6 wahrscheinlich in Betrieb bleiben, weil der Streckenverlauf ein anderer ist. Bis Handelskai fährt die U6 um 9 Minuten schneller als der N6. Nach Floridsdorf fährt derzeit die Linie N29. Diese würde wahrscheinlich zumindest zwischen Tabor und Floridsdorf in Betrieb bleiben. Vom Schwedenplatz nach Floridsdorf benötigt der N29 derzeit 29 Minuten. Mit U4 und U6 würde sich die Fahrzeit um 18 Minuten auf 11 Minuten verkürzen.

An de Beispielen sieht man, dass ein Nachtbetrieb der U-Bahn für die meisten Destinationen teilweise dramatische Fahrzeitverkürzungen zur Folge hätte. In keinem Fall wäre ein derartiger Betrieb für die Betroffenen von Nachteil. Eine Frage bleibt: Warum soll die U-Bahn eigentlich nur am Wochenende 24 Stunden fahren?

Volksbefragung in Wien: Citymaut

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 3 lautet:

Wien will's wissen

Einige Großstädte (z. B. London, Stockholm) haben zur Bewältigung des innerstädtischen Verkehrs eine Einfahrtsgebühr für das Stadtzentrum eingeführt (Citymaut). In Wien konnte durch die Verkehrspolitik (Ausbau öffentlicher Verkehr, Parkraumbewirtschaftung, Wohnsammelgaragen, Ausbau Radwegenetz) in den letzten Jahren der Autoverkehr in der Stadt deutlich reduziert werden. Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?

Es gilt mittlerweile als allgemein anerkannt, dass privater Autoverkehr in Städten hauptsächlich Nachteile bringt:

  • “Gewachsene” Städte wie Wien können unmöglich genügend Verkehrsflächen anbieten, damit der Autoverkehr durchgehend flüssig verläuft.
  • Wo Autoverkehr fließt, ist leben unerträglich. Möchten Sie direkt an der A23, an der Triester Straße oder am Gürtel wohnen?
  • Wo kein Autoverkehr fließt, lebt die Stadt auf. Zu den schönsten Punkten in der Stadt zählen Fußgängerzonen und verkehrsberuhigte Bereiche, z. B. Kärntner Straße, Graben, Kohlmarkt, Mariahilfer Straße, aber auch Kleinode wie das Servitenviertel im 9. Bezirk. Selbst im 1. Bezirk gibt es Straßen, in denen man sich aufgrund des Autoverkehrs nicht gerne länger aufhält. Dazu zähle ich z. B. die Salztorgasse oder das Salzgries.
  • Wo Viertel verkehrsberuhigt werden, steigt der Radverkehr an. Wo Radfahrer sind, blüht auch die Stadt auf.
  • Nur wenige Kunden erreichen die Geschäfte mit dem Auto. Ist ja auch klar: Neue, interessante Geschäfte entdeckt man am besten zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Im Auto muss man sich ja zu sehr auf den Verkehr konzentrieren und kann auch nicht überall stehen bleiben.

Das Auto ist ein Verkehrsmittel, das hervorragend die Fläche erschließt. Wien ist aber eine der am dichtesten verbauten Städte Mitteleuropas. Das Auto ist somit kein geeignetes Verkehrsmittel für Wien.

Das Auto ist auch ein unsoziales Verkehrsmittel. Etwa die Hälfte der Wiener Haushalte verfügt über kein Auto. Besonders sozial schwachen Familien steht dieses Verkehrsmittel nicht zur Verfügung. Umgekehrt leiden aber gerade die ärmeren Bevölkerungsschichten besonders unter dem Autoverkehr, können sie sich doch oft nur Wohnungen in wenig attraktiven Wohngegenden mit hohem Verkehrslärm leisten.

Es muss das langfristige Ziel sein, den Autoverkehr zurückzudrängen. Davon würden alle Bevölkerungsschichten profitieren. Gleichzeitig müsste der öffentliche Verkehr und der Radverkehr deutlich attraktiviert werden. Öffentlicher Verkehr, Fußgänger und Radfahrer sollten die bevorzugten Verkehrsteilnehmer sein. Leider sind besonders Fußgänger und Radfahrer gegenüber dem Autoverkehr stark benachteiligt.

Seit mehr als 15 Jahren gibt es in Wien die sogenannte Parkraumbewirtschaftung. Anfangs nur im 1. Bezirk wurde sie sukzessive auf alle Bezirke innerhalb von Gürtel und Donau ausgeweitet. Die Parkraumbewirtschaftung funktionierte anfangs sehr gut. Ich wohnte damals selbst im 6. Bezirk. Der Autoverkehr ging stark zurück, Parkplätze für Anrainer waren in ausreichender Zahl vorhanden.

Die Wende brachte das sogenannte Handy-Parken. De facto kann die Parkzeit nun beliebig verlängert werden, ohne dass man einen neuen Parkschein ins Auto legen muss. Der Autoverkehr stieg wieder deutlich an. Viele fahren nun wieder auch in den Innenbezirken mit dem Auto zur Arbeit. Da ich ein Büro im 1. Bezirk habe, konnte ich das hautnah erleben. Kam vor Einführung des Handy-Parkens kaum ein Kollege mit dem Auto in den 1. Bezirk, ist das nun fast wieder die Regel. Damit wurde die Parkraumbewirtschaftung zur reinen Einnahmequelle für die Stadt degradiert. Dazu kommt, dass das “Laterndlparken” leider immer noch billiger ist als in die Garage zu fahren. Ein erheblicher Anteil am Verkehr in den Innenbezirken ist der Parkplatzsuchverkehr.

Ich bin persönlich kein Freund der City-Maut. Der technische Aufwand ist sehr hoch und es ist ein weiteres Instrument zur Überwachung. Persönlich wäre ich für die Einführung einer Parkraumbewirtschaftung, die diesen Namen auch verdient:

  • Flächendeckende Gebühren in ganz Wien.
  • Selbst die kürzeste Parkdauer sollte zumindest so viel kosten wie zwei Fahrscheine für die Öffis, also die erste halbe Stunde mindestens  € 3,60.
  • Umstellung auf Automaten statt Parkscheine und Handy-Parken.
  • Parken auf der Straße muss immer teurer sein als in den umliegenden Garagen.
  • Parktarife müssen flexibel sein: In Wohngebieten sollte es tagsüber günstiger sein, am Abend teurer, in Bürogegenden umgekehrt. Auch muss Parken nicht überall gleich viel kosten.

Man würde staunen, wie viel Parkplätze bei Umsetzung dieser Maßnahmen in Fahrspuren, Gehwege oder Radwege umgewandelt werden könnten!

Jetzt kommt aber die Überraschung: Ja, ich bin trotz allem für die Citymaut.

Überzeugt hat mich ein Artikel im Falter. Ich empfehle für die Citymaut zu stimmen, nicht weil es ein so tolles Modell wäre, sondern “um nicht jede verkehrspolitische Vision und Diskussion des kommenden Jahrzehnts abzuwürgen.”

Volksbefragung in Wien: Ganztagsschule

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 2 lautet:

Wien will's wissenInternationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?

Abseits aller Parteipropaganda zunächst einmal ein paar Definitionen. Grundsätzlich gibt es in Österreich zwei Varianten von ganztägigen Schulformen.

Bei der Ganztagsschule (GTS) müssen alle Schüler von 8 bis 15:30 oder 16 Uhr in der Schule anwesend sein. Diese Schulform ist vor allem bei Volksschulen verbreitet. Für Schüler, die früher in die Schule gebracht werden oder später abgeholt werden, gibt es einen Früh- bzw. Spätdienst, der ähnlich wie die Tagesheimschule (siehe unten) organisiert ist. Der Unterricht wird auf den gesamten Tag verteilt. Integriert in den Stundenplan sind sogenannte Übungsstunden, die für “Hausübungen” dienen, die es in dieser Schulform aber in Wahrheit nicht in der klassischen Form gibt. Vielmehr gibt in diesen Übungsstunden der oder die Lehrer/-in direkt Aufgaben an Schüler, die durchaus auch individuell ausfallen können. Ebenfalls in den Schulbetrieb integriert sind Freizeitmöglichkeiten, die vergleichbar mit unverbindlichen Übungen sind. Das sind Dinge wie Kochen, Fußball, Schach, Erlernen von Instrumenten usw. Dafür gibt es keine Noten und diese Freizeitgegenstände scheinen auch nicht im Zeugnis auf. Die Kinder kommen am Ende des Tages nach Hause und haben in der Regel keine Hausübungen mehr. Schwächere Schüler müssen aber eventuell noch etwas zusätzlich lernen.

Die Tagesheimschule (THS), gemeinhin auch als “Nachmittagsbetreuung” bezeichnet ist vor allem in der Sekundarstufe (10- bis 14-Jährige) verbreitet. Nicht alle Schüler eine Klasse müssen die Nachmittagsbetreuung besuchen. Es handelt sich um ein optionales Angebot. Die Tagesheimschule ist einem Hort vergleichbar. Die Kinder essen zuerst gemeinsam zu Mittag. Danach werden Hausübungen gemacht. Fallweise übernehmen einzelne Stunden der Nachmittagsbetreuung Fachlehrer, die mit den Schülern vertiefende Übungen machen oder auch nur bei den Hausübungen helfen (Tutorien-System). Wie lange die Schüler in der Nachmittagsbetreuung bleiben, bleibt den Eltern überlassen. Qualitativ ist die Nachmittagsbetreuung der Ganztagsschule bei weitem unterlegen. Die Betreuungspersonen sind nicht immer sehr engagiert oder fachlich kompetent. Dadurch, dass am Nachmittag meist andere Lehrer als am Vormittag betreuen, kann es auch zu Missverständnissen kommen. In der Praxis kommen viele Schüler aus der THS und haben kaum Hausübungen gemacht, weil nur der “Schmäh g’rennt” ist.

Ich kenne übrigens aus eigener Erfahrung beide Modelle. Ich selbst habe in der Volksschule eine Ganztagsschule besucht und in der AHS eine Tagesheimschule. Meine eigenen Kinder hatten sowohl in der Volksschule als auch in der AHS Nachmittagsbetreuung nach dem THS-Modell. Häufig hatten sie dabei ihre Aufgaben nicht erledigt.

De facto wurde zumindest ab der Sekundarstufe in Österreich längst die Ganztagsschule in einer äußerst minderwertigen Form eingeführt. Die meisten Schulen haben sich nämlich inzwischen für die 5-Tage-Woche entschieden. Bei einer Stundenzahl zwischen 30 und 35 Stunden plus evt. Freigegenständen und unverbindlichen Übungen bedeutet das für die meisten Schüler mehrmals in der Woche Nachmittagsunterricht. Zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht bleibt oft nicht genügend Zeit, um nach Hause zu fahren. Viele Kinder sind in dieser Zeit unbetreut, können nur notdürftig Mahlzeiten zu sich nehmen und machen teilweise sogar die Gegend rund um die Schule unsicher.

Ich selbst halte beruflich ständig Seminare für Erwachsene. Kein Erwachsener würde sich dazu vergewaltigen lassen, von 8 – 14 Uhr ohne längere Pause lernen zu müssen. Schon nach 3 – 4 Stunden nimmt trotz Pausen der Aufmerksamkeitspegel stark ab, bei manchen sogar noch viel früher. Unseren Kindern muten wir jedoch zu, gut 6 Stunden höchst aufmerksam zu sein. Lehrer können ein Lied davon singen, dass das nicht funktioniert. Nicht umsonst gibt es Erlässe des Unterrichtsministeriums, die das Abhalten von Schularbeiten in der 5. und 6. Stunden verbietet. Wenn zu diesen Zeiten keine Schularbeiten durchgeführt werden dürfen, bei denen die Schüler eigentlich nur ihr Wissen unter Beweis stellen sollen, wie sollen sie dann in der Lage sein, neues Wissen aufzunehmen?

Um aus diesem Dilemma zu entfliehen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir reduzieren die Stundentafel radikal oder wir stellen auf eine echte Ganztagsschule um. Die erste Möglichkeit würde bedeuten, dass wir entweder den Lehrstoff stark reduzieren müssten oder noch mehr Arbeit auf die Eltern (oder den Nachhilfelehrer) verlagern müssten. Ersteres würde uns im internationalen Wettbewerb sehr rasch Nachteile einbringen, die andere Möglichkeit aber auch. Je mehr Leistungen von der Schule auf die Eltern verlagert werden, desto stärker kommt es zu einem sozialen Ungleichgewicht. In gut situierten Familien muss die Mutter möglicherweise nicht arbeiten und kann ausgiebig mit den Kindern lernen oder es können teure Nachhilfelehrer engagiert werden. Es ist also keine Frage des Talents, ob ein Schüler höhere Bildung erreicht, sondern eine Frage der Herkunft. Dass unserer Volkswirtschaft auf diese Art viele Talente verloren gehen, liegt auf der Hand.

Zusammenfassung:

An der Ganztagsschule führt kein Weg vorbei, wollen wir im Bildungsbereich und damit letztlich in allen Wirtschaftsbereichen wettbewerbsfähig bleiben und gleichzeitig unseren Wohlstand erhalten. Daher die klare Wahlempfehlung von mir: Ja, ich bin für ein flächendeckendes Angebot der Ganztagsschule in Wien.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich bin sogar dafür, dass die Ganztagsschule der verpflichtende Normalfall wird, ja ich bin für die Zwangstagsschule, um im ÖVP-Jargon zu sprechen.

Volksbefragung in Wien: Hausbesorger

Vom 10. – 12. Februar 2009 findet in Wien eine Volksbefragung mit 5 Fragen statt. Frage 1 lautet:

Wien will's wissenIm Jahr 2000 wurde durch den Bundesgesetzgeber die Möglichkeit abgeschafft, Hausbesorger/innen anzustellen. Eine bundesgesetzliche Neuregelung ist seither nicht zustande gekommen. Sind Sie dafür, dass in Wien die Möglichkeit geschaffen wird, neue Hausbesorger/innen (mit modernem Berufsbild) einzustellen?

Der oder die alte Hausbesorger(in) war meist im Haus anwesend und hatte zu diesem Zweck eine kostenlose Dienstwohnung. Die Bezahlung dieses Berufsstandes war hingegen sehr gering. Das Problem an der alten Regelung war, dass in Häusern, in denen es einen Hausbesorger gab, dieser oder diese auf alle Ewigkeit einzementiert war. Erstens konnten schlechte Hausbesorger kaum gekündigt werden, da aufgrund der Dienstwohnung ein weitreichender Kündigungsschutz existierte. Zudem war die Dienstwohnung fix gewidmet. Ging ein(e) Hausbesorger(in) in Pension oder quittierte den Dienst aus anderen Gründen, gab es de facto keine freie Entscheidungsmöglichkeit, auf den oder die Hausbesorger(in) zu verzichten. Aus diesem Grund verschlechterte sich das Image dieses Berufsstandes zusehends. Hausbesorger(innen) wurden immer stärker als “Grätzelkaiser” empfunden, die sich alles erlauben konnten, aber kaum Sanktionen zu fürchten hatten. Mir sind aus Gemeindebauten in Floridsdorf Hausbesorger bekannt, die sich beispielsweise einen Teil der öffentlichen Grünflächen einfach als Privatgarten abzäunten.

Seit dem Jahr 2000 werden die Hausbesorger immer weniger, da aufgrund der aufgehobenen gesetzlichen Regelung keine Möglichkeit der Nachbesetzung gibt. Die Hausbesorger wurden durch private Firmen ersetzt: eine Firma räumt den Schnee weg, eine andere pflegt den Garten. Für kleinere Reparaturarbeiten im Haus (bis hin zum einfachen Glühkörpertausch) wurden fallweise externe Firmen beauftragt. Ein Glühkörpertausch konnte da leicht eine Rechnung von € 150 ausmachen, fast die Hälfte eines Monatsgehalts eines Hausbesorgers. Während in kleinen Anlagen die privaten Firmen tatsächlich Einsparungen brachten (die Dienstwohnung konnte ja jetzt vermietet werden), explodierten in größeren Anlagen die Kosten gar nicht so selten. Dazu kam, dass die Servicequalität der privaten Firmen nicht immer das hielt, was versprochen wurden. Am augenscheinlichsten ist das bei der Schneeräumung. Obwohl die Gehsteige von 6 – 22 Uhr geräumt sein müssen, ist das in der Praxis von privaten Firmen nicht einmal theoretisch zu bewerkstelligen, müssten dazu doch personelle Kapazitäten gehalten werden, die bar jeder wirtschaftlichen Vernunft wären.

Zuletzt hatte der Hausbesorger in vielen Wohnhausanlagen noch eine wichtige soziale Funktion: Er oder sie war erste(r) Ansprechpartner(in) bei jedweder Art von Problemen in der Anlage. Das konnten technische Probleme sein, aber auch Konflikte zwischen Bewohnern. Gerade diese fehlende Ansprechperson führte zur immer schlechter werdenden Stimmung in den Gemeindebauten.

Daher die klare Wahlempfehlung von mir: Ja, ich bin für ein neues Berufsbild Hausbesorger.

Wichtig ist es aber, dass es weiterhin eine realistische Wahlmöglichkeit für die Hauseigentümer oder Mieter gibt, dass die Hausbesorger auch halbwegs einfach gekündigt werden können und umfassende Kompetenzen, aber auch Pflichten auferlegt bekommen.

Doch vielleicht kann man die Vision sogar noch weiter spinnen: Wie wäre es z. B. mit einer Reform des Hausangestelltengesetzes? Dann könnte nicht nur die Hausbetreuung, sondern auch die Betreuung pflegebedürftiger Personen bedarfsgerechter gestaltet werden.