Tarifreform der Wiener Linien: Licht und Schatten

Der Verlierer der Tarifreform ist die 8-Tage-Klimakarte (Bild: Wiener Linien)

Das Thema des gestrigen Tages in Wien war sicher die Tarifreform der Wiener Linien, die am 1. Mai 2010 in Kraft treten wird. Glücklicherweise haben sich die Grünen mit ihren unrealistischen Wahlkampfforderungen nicht durchgesetzt. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Verbilligungen beim öffentlichen Nahverkehr. Ich kenne nämlich keinen Autofahrer und keine Autofahrerin, der oder die mit dem Auto fährt, weil ihm oder ihr die Öffis zu teuer wären. Vielmehr sind die Hauptargumente für das Auto Schnelligkeit und Bequemlichkeit. Entzieht man dem öffentlichen Verkehr nun Geld, wie das mit den Verbilligungen gemacht wird, so steigert das nicht unbedingt die Qualität und wird kaum Autofahrer zum Umsteigen bringen. Die Stadt hat zwar angekündigt, dass sie den Einnahmenentfall aus Steuergeldern ersetzen wird, aber dieses Geld fehlt dann wiederum anderswo. Da die Öffi-Tarife nicht sozial gestaffelt sind, regiert hier wieder einmal das Gießkannenprinzip. Aber gut. Genug gemeckert. Schauen wir uns die Reform im Detail an.

Jahreskarte

Die Verbilligung der Jahreskarte ist eine nette Belohnung für diejenigen, die ohnehin schon mit Öffis fahren. Neukunden wird man damit kaum gewinnen. Ja, ich gebe zu, dass ich mir jetzt vielleicht auch eine Jahreskarte nehme. Ich muss mir das einmal durchrechnen. Aber ich werde deshalb nicht weniger mit dem Auto fahren. Denn ich fahre schon jetzt nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. Aber ich werde öfter das Rad stehen lassen. Ob das meiner Gesundheit zuträglich ist? Noch entscheidender: Die Wiener Linien werden durch mich keine zusätzlichen Einnahmen lukrieren, dazu bin ich ein zu kühler Rechner. Aber sie werden für meine häufigeren Fahrten mehr Kapazität brauchen. Okay, nicht für mich alleine, aber ich bin vielleicht nicht der einzige, der so denkt. Wer finanziert die zusätzlichen Kapazitäten?

Seniorenkarten

Die Seniorenkarten waren in den 1990er-Jahren einmal ein Wahlzuckerl der SPÖ. Für mich waren sie immer sozial ungerecht. Pensionisten müssen viel seltener mit Öffis fahren. Wenn sie fahren, dann häufig zum Vergnügen. Die arbeitenden Menschen hingegen brauchen die Öffis, um zur Arbeit zu kommen, die letztlich die Pensionen finanziert. Und es gibt viele arbeitende Menschen, die deutlich weniger pro Monat verdienen als so mancher Pensionist. Vor Einführung der Seniorenfahrkarten durften Mindestpensionisten mit Halbpreisfahrscheinen fahren. Genau diese Gruppe der wirklich Armen zahlt mit dem Seniorenfahrschein drauf. Statt das Anspruchsalter für Männer auf 60 zu senken, wäre es klüger gewesen, die Seniorenfahrscheine ganz abzuschaffen und stattdessen wieder die alte Regelung in Kraft zu setzen. Die gute Nachricht: Die Jahreskarte für Senioren wurde wenigstens nicht billiger.

8-Tage-Klimakarte

Dieses Produkt der Wiener Linien wurde viel zu wenig beworben, ist aber eines der besten Tarifprodukte – gewesen! An acht beliebigen, auch nicht aufeinanderfolgenden Tagen fährt man mit einmal „zwicken“ den ganzen Tag. Das ideale Produkt für all jene, die nur gelegentlich mit Öffis fahren, also auch für Autofahrer und –innen, die das Öffis mal ausprobieren wollen. Diese Karte kostet derzeit € 28,80. Das macht pro Tag € 3,60, also exakt den Preis von zwei Einzelfahrscheinen. Da man normalerweise einmal hin- und einmal zurückfährt, ist dieses Ticket zumindest bequemer (nur einmal zwicken!) als die Einzeltickets. Ab der dritten Fahrt spart man dann richtig.

Der Preis der Einzelfahrscheine wird mit 1. Mai auf zwei Euro angehoben. Es ist daher völlig logisch, dass auch die Klimakarte teurer wird. Entsprechend der alten Formel (2 Euro mal 2 Fahrten mal 8 Tage) müsste der neue Preis 32 Euro betragen. Aber, Überraschung, der Preis wird ab 1. Mai 2012 € 33,80 sein. Will man so Gelegenheitsfahrer und Autofahrer zum Öffi-Test animieren? Für mich ist das der größte Flop der Tarifreform.

Update Mai 2012:

Das Modell der 8-Tage-Klimakarte haben uns viele andere Städte im deutschsprachigen Raum abgeschaut. Überall sonst gilt die Formel: 2 Einzelfahrscheine ist gleich ein Tag. In Zürich kann man mit einer Entwertung sogar 24 Stunden fahren. Ideal für Leute mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten, zum Beispiel Spitalsbedienstete mit Nachtdiensten. Aber Wien macht dieses Modell nicht attraktiver, sondern verschlechtert es. Schade!

Wochen- und Monatskarte

Einen positiven Effekt hat die überproportionale Verteuerung der 8-Tage-Klimakarte: Die Monatskarte wird attraktiver, dazu hätte es der Preissenkung von 49.50 auf 45 Euro gar nicht bedurft. Beim bisherigen Preis musste mal mindestens an 14 Tage im Monat die Öffis nehmen, um zu sparen, am Mai tritt der Spareffekt schon ab Tag 12 ein.

Die Wochenkarte hingegen bleibt unattraktiv wie eh und je. Kaufen kann man sie weiterhin nur am Freitag beim Ticketautomaten oder in Trafiken. Sie ist immer noch auf eine Kalenderwoche beschränkt und gilt nicht an beliebigen 7 Tagen. Dafür ist der Preis zu hoch: Bei 15 Euro rechnet sich die Wochenkarte erst am 4. Tag der Woche. Wenn man bedenkt, dass viele Menschen nur an 5 Tagen in der Woche Öffis benutzen, ist der Anreiz, eine Wochenkarte zu kaufen, recht gering.

Schüler und Studenten

Das Semesterticket ist nicht mehr an die Familienbeihilfe gebunden. Eine sozial- und bildungspolitisch gute Entscheidung. Die Gültigkeit beträgt nun einen Monat mehr. Da ist die leichte Preiserhöhung zu rechtfertigen. Eine wirklich gute Nachricht gibt es für alle Schüler und Schülerinnen, die nahe bei der Schule wohnen und somit keinen Anspruch auf die Schülerfreifahrt haben. Die Nachmittagsbildungskarte (auch „Monatsmarke für Schüler“ genannt) gilt in Zukunft schon ab 12 Uhr und sogar vormittags bei Schulveranstaltungen. Auch am Samstag gilt sie schon am Vormittag. Diese Änderungen waren schon lange fällig.

Mitnahme von Fahrrädern

Das Fahrräder in Zukunft immer gratis mitgenommen werden können, ist nett, erhöht aber wiederum nicht gerade die Attraktivität der Jahreskarte, wo das schon bisher möglich war. Und auch als Radfahrer sage ich: Mein Fahrrad belegt doch relativ viel Platz in der U-Bahn. Ich finde es durchaus gerecht, dafür auch etwas Aufpreis zahlen zu müssen.

Fazit

Positiv sind die Erleichterungen für Studenten und Schüler. Der große Wehrmutstropfen ist die exorbitante Verteuerung der 8-Tage-Klimakarte. Dass Schwarzfahrer in Zukunft mehr zahlen müssen, finde ich in Ordnung. Der große Wurf, der tausende Autofahrer zum Umstieg auf die Öffis bewegen wird, ist das sicher nicht. Eher haben wir es hier mit klassischer grüner Klientel-Politik zu tun. Stammkunden der Öffis und Radfahrer sollen belohnt werden, aber man will doch eher unter sich bleiben und nur ja keine Neukunden werben.

Postskriptum

Ein paar Ideen für eine wirklich innovative Tarifreform:

Off-Peak-Tickets: Diese könnte die Seniorentickets ersetzen, aber ohne Alterslimits. Viele andere Städte haben ein derartiges Angebot schon. Die Tickets gelten auf dem gesamten Netz, aber nur zwischen 9 und 15 und nach 18:30 Uhr. Damit kann man die Kapazitäten besser auslasten.

Winter-Ticket: 5-Monats-Karte zum vergünstigten Preis, also ungefähr zum Preis von 4 Monatskarten.

Woche- und Monatskarten mit beliebigem Gültigkeitszeitraum.

90-Minuten-Ticket statt Einzelfahrschein: Statt wie bisher für eine Fahrt in beliebiger Richtung ohne Unterbrechung sollte der Einzelfahrschein einfach 90 Minuten Gültigkeit haben. Innerhalb dieses Zeitraums kommt man in Wien überall hin. Aber bei kurzen Fahrten kann man zwischendurch auch Einkäufe erledigen.

Dann gäbe es da noch einige Ideen für Produktkombinationen, wenn die Jahreskarte endlich in Form einer modernen Scheckkarte ausgestellt würde.

Öffi & Citybike: Die Jahreskarte in Form einer Scheckkarte und schon könnten Öffi-Fahrer die Citybikes zu besseren Konditionen ausleihen, zum Beispiel 3 Stunden statt nur einer Stunde gratis.

Park & Ride: Im Tarif für die P + R-Anlagen sollte die Tageskarte für die Öffis schon inkludiert sein. Und Jahreskartenbesitzer sollten überhaupt gratis oder stark verbilligt parken dürfen.

Park & Try: Kurzparken sollte um mindestens zwei Euro pro Stunde verteuert werden. Dafür kann der Kurzparkschein einmal als Einzelfahrschein benutzt werden: der 30 Minuten-Schein als Kurzstreckenkarte, der 60 Minuten-Schein als normaler Einzelfahrschein und der 2 Stunden-Schein als Tageskarte.

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Wer ist böser: Die Wiener Linien oder Google?

Google Maps ist nicht nur eine Website mit Kartenmaterial von einem Großteil der Welt. Es gibt auch für fast alle führenden SmartPhone-Plattformen eine Google Maps-Anwendung. Besonders praktisch ist, dass Google Maps auch Routen berechnen kann. Dies funktioniert für Autofahrer und Fußgänger sehr gut. Bis Dezember 2009 konnte man über Google Maps auch die Fahrpläne eines Großteils der öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Österreich abfragen. Die Daten wurden bis dahin von den ÖBB geliefert. Seit Dezember 2009 funktioniert das nicht mehr.

Viele verärgerte Benutzer beschweren sich seither laufend über diese Einschränkungen, die nicht gerade eine Werbung für öffentliche Verkehrsmittel darstellt. Die Beschwerdeflut gipfelte heute in einem dringlichen Antrag vom grünen Gemeinderat Marco Schreuder, der die Lieferung der Daten zumindest der Wiener Linien an Google forderte. Der Antrag fand die Zustimmung von FPÖ, Grünen und ÖVP, aber nicht der SPÖ und fand so keine Mehrheit.

Ich habe die kurze Debatte über diesen Antrag live verfolgt. Zwei Argumente sind mir in der Debatte aufgefallen. Zunächst einmal wurde argumentiert, dass es ja z. B. den Dienst www.anachb.at gäbe. Ich habe selbst in diesem Frühjahr an einem Feldtest dieser Anwendung teilgenommen. Tatsache ist, dass dieser Dienst zwar ganz gut gemacht ist und auch gute Routing-Resultate liefert (jedenfalls bessere als die Fahrplanabfrage der Wiener Linien), aber auf dem SmartPhone völlig unbrauchbar ist.

Beim zweiten Argument gegen die Einbindung der Daten in Google Maps wurde ich allerdings hellhörig. Der Redner der SPÖ argumentierte, dass die Daten ja ohnehin zur Verfügung stünden, dass aber Google diese angeblich in einem speziellen Format bräuchte. Dies würde Kosten auf Seiten der Wiener Linien verursachen, für die es nun einmal keine ausreichende Rechtfertigung gäbe. Diese Argumentation wird auch von einem E-Mail unterstützt, das ich auf meine Beschwerde in der gleichen Sache hin von den Wiener Linien bereits am 15.03.2010 erhalten habe:

Sehr geehrter Herr Korecky!

Die Mobilapplikation von GoogleMaps werden nicht von den Wiener Linien betreut und wir haben leider auch keinen Einfluss auf die Funktionalität dieses Angebotes. Laut „Google“ wird unser Service bald wieder für Sie verfügbar sein.

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit dieser Information helfen konnten.

Mit freundlichen Grüßen
Wiener Linien GmbH & Co KG
Kundendienst

Auffällig ist jedenfalls, dass sich ÖBB, Google und Wiener Linien in der Causa die heiße Kartoffel ständig gegenseitig zuschieben ohne die wahren Gründe zu nennen, warum der Dienst nicht zur Verfügung steht. Jedenfalls ist es ein Faktum, dass es sehr wohl Anwendungen von Fremdherstellern gibt, die auf die Fahrplandaten zugreifen und diese in eigenen Apps verwenden. Zum Beispiel gibt es im Android-Market die App FahrplanAT, die ich seit Monaten gerne verwende. Der freie Entwickler Georg Kaindl bietet mit ViennaNav ein alternatives und für SmartPhones optimiertes Web-Interface für die Fahrplanabfrage an. Beide Anwendungen wurden von den Wiener Linien nicht juristisch bekämpft. Das Beispiel des Nokia N900-Entwicklers, das Macro Schreuder heute gebracht hat, den die Wiener Linien genötigt hatten, seine Anwendung wieder zu entfernen, dürfte wohl eher auf die unglückliche Namenswahl seiner Anwendung zurückzuführen gewesen sein. Er nannte sie OpenQando. Qando ist aber die offizielle Anwendung der Wiener Linien für SmartPhones.

Das sind die Fakten. Der Rest ist jetzt Spekulation, die mir aber plausibel erscheint:

Google benötigt die Fahrplandaten in einem speziellen Format. Dieses ist nicht direkt kompatibel mit dem Fahrplandatenformat, dass in Österreich allgemein Verwendung findet. Anlässlich der Fußball-Europameisterschaft 2006 in Österreich erhielten die ÖBB wohl den politischen Auftrag, die Daten im nötigen Format an Google zu liefern. Meine Erfahrungen bis 2009 zeigten, dass diese Daten offensichtlich keine Live-Daten waren. Während die ÖBB-eigene Anwendung Scotty Zugverspätungen oder kurzfristige Streckensperrungen berücksichtigte, führte Google Maps teilweise direkt in die Falle. Ich vermute, dass die ÖBB einfach die Fahrplandaten konvertiert und einmalig an Google geliefert haben, wodurch selbst wochenlange Baustellen auf Strecken nicht berücksichtigt wurden.

Nun kann man argumentieren, dass statische Daten immer noch besser sind als gar keine Daten. Doch diese Vorgehensweise hat für Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel Nachteile. Fahrgäste, die von Verspätungen, Streckensperrungen oder Umleitungen betroffen sind, werden verärgert sein. Sie werden die Schuld daran nicht Google, sondern dem Betreiber des Verkehrsmittels geben, selbst wenn dieser wochenlang vorher über die ihm zur Verfügung stehenden Informationskanäle angekündigt werden.

Liefert man Google jedoch die Daten live, so verliert man die Kontrolle darüber, welche Routen geplant werden. Die Abfragedaten der Kunden sind jedoch für die Verkehrsbetriebe sehr wertvoll, können sie doch bei der Planung von Fahrgastströmen sinnvolle Informationen liefern. Google erwartet die Informationen offensichtlich in einem Format, dass eine Rückverfolgung der Anfragen für die Verkehrsbetriebe nicht ermöglicht. Im Gegensatz dazu nutzen die vorher erwähnten Anwendungen die vorhandenen Schnittstellen. Werden darüber Anfragen gesendet, so bekommen die Verkehrsbetriebe die gleichen Daten wie wenn der Kunde die normalerweise dafür vorgesehenen Webseiten nutzt.

Es handelt sich also weniger um eine Frage von OpenData, also ob mit Steuergeld finanzierte Daten öffentlich zugänglich sein sollen, sondern vielmehr um eine Machtfrage: Wollen wir Nutzungsdaten unterer öffentlichen Verkehrsmittel in die Hand eines amerikanischen Konzerns geben, der damit letztlich wiederum Geld verdient? Wenn Google wirklich einen nützlichen Dienst anbieten wollte, dann hätte der Konzern ganz offensichtlich die Möglichkeit, die offiziellen Schnittstellen zu verwenden.

Wiener Linien und das Recht auf freie Meinungsäußerung

Die Wiener Linien lassen eine Kampagne für mehr Humanität stoppen: http://www.politwatch.at/stories/wiener-linien-drehen-atheisten-buskampagne-ab/

Ich habe daher folgendes E-Mail an den Kundendienst und an Stadtrat Rudi Schicker geschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein verfassungsmäßig garantiertes Recht. Dies schließt auch die Werbung ein.

 

Warum wurde die Kampagne der AG-ATHE, AHA und Freidenkerbund nun gestoppt? Immerhin sind die Inhalte bereits vorher bekannt gewesen.

 

Angesichts der Tatsache, dass die meisten bewaffnete Konflikte auf der Welt einen religiösen Hintergrund haben, erscheint es mir doch sinnvoll, über Religion an sich zu diskutieren und mit der Kampagne zumindest einen Denkanstoß zu geben.

 

Dass es sich dabei um politische oder religiöse Werbung handeln soll, kann ich nicht nachvollziehen. Warum konnte dann auch die Aktion Leben bei den Wiener Linien werben? Angesichts der Tatsache, dass in fast jedem Wartehäuschen der Wiener Linien politische Werbung zu finden ist, erscheint mir das außerdem als billige Ausrede.

 

Ich fordere Sie daher auf, ein humanistisches und liberales Zeichen zu setzen und diese Kampagne fortzusetzen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Roman Korecky