Erschüttern freie Skripten und Mitschriften den Wissenschaftsbetrieb?

Beim Barcamp Vienna am 29. und 30. Mai 2010 stellten einige Studenten und junge Wissenschaftler Initiativen vor, die Skripten und Mitschriften von universitären Veranstaltungen (Vorlesungen etc.) frei im Internet verfügbar machen. Den Initiatoren wollen damit quasi den Open Source-Gedanken auf universitäres Wissen ausdehnen. Entsprechend diesem Open Source-Gedanken haben sie auch die Folien ihres Vortrags online zur Verfügung gestellt.

Vorgestellt wurden u. a.:

  • www.skriptensuche.org, eine Meta-Suchmaschine über österreichische Mitschriften-Seiten
  • www.skriptenforum.net, freie Skripten für Studierende und Veröffentlichungsplattform für Lehrende
  • www.elib.at, ein Digitalisierungsprojekt und Repositorium für freie Texte für Forschung und Lehre

Solche Initiativen sind sehr wertvoll und prinzipiell zu begrüßen. Sie helfen Studenten, sich auf den Lehrstoff zu konzentrieren und nicht auf das Mitschreiben. Damit wird ein sehr moderner Zugang zu Bildung gefördert.

Leider stoßen die Initiatoren auch auf Widerstände seitens der Lehrenden. Einerseits kann dies natürlich darauf zurückzuführen sein, dass Studenten, die Vorlesungen nicht mehr wortwörtlich mitschreiben müssen, einen höheren Qualitätsanspruch an die Didaktik stellen.

Andererseits können solche Initiativen die Karriere junger Wissenschaftler/-innen behindern. Wenn z. B. ein junger Wissenschaftler oder eine junge Wissenschaftlerin in einer Lehrveranstaltung seine oder ihre Forschungsergebnisse auszugsweise verwendet und diese dann als Mitschriften in solchen Projekten landen, kann der oder die Wissenschaftler/-in diese Ergebnisse nur mehr schwer bei einem renommierten Verlag publizieren. Da aber der Fortgang der Karriere von solchen Publikationen maßgeblich abhängt, kann sich dies sehr schädlich auswirken.

Trotzdem begrüße ich solche Projekte, weil sie das Potenzial haben, den gesamten Wissenschaftsbetrieb zu erschüttern und endlich ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Denn die Wissenschaftsverlage, die auf Kosten der Steuerzahler hohe Gewinne erzielen, sind wahrscheinlich unnötiger als die vielgeschmähte Musikindustrie.

Die USA sind da schon viel weiter. Ergebnisse aus öffentlich finanzierten Forschungsprojekten müssen dort auch öffentlich für jedermann einsichtig sein. Das wäre doch einmal eine sinnvolle Aufgabe für die EU-Wissenschaftspolitik: Eine internationale Veröffentlichungs- und Review-Plattform für wissenschaftliche Texte, die für jedermann zugänglich ist und von allen Forschungseinrichtungen anerkannt wird. Ich bin mir sicher, dass die Wissenschaftsverlage dann genauso unnötig werden wie die vielgeschmähte Musikindustrie. Ein solches Projekt würde sogar etliche Millionen an Steuergeldern sparen, weil die Forschungseinrichtungen dann nicht mehr in dem Umfang wie heute teure Wissenschaftszeitschriften abonnieren oder Bücher kaufen müssten.

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Private Verlage in sozialer Hängematte

Aktuell wird die politische Diskussion von zwei Themen bestimmt: soziale Gerechtigkeit und die Uni-Misere. Vordergründig haben diese Themen nicht viel miteinander zu tun. Doch wenn man etwas hinter die Kulissen des Wissenschaftsbetriebs blickt, erkennt man eine nicht unbeträchtliche soziale Schieflage. Private Verlage verdienen Geld mit öffentlich finanzierter Arbeit, indem sie genau diese Arbeit wieder der öffentlichen Hand verkaufen.

Stellen Sie sich einmal folgendes vor: Ihr Nachbar engagiert und bezahlt einen Bautrupp, der dann aber auf Ihrem Grundstück ein Haus errichtet. Nicht viele haben so wohltätige Nachbarn. Und Nachbarn, die so wohltätig sind, selbst aber noch kein Dach über dem Kopf haben, gibt es wahrscheinlich nur in Träumen. Viele würden einen solchen Nachbarn wohl einfach nur als dumm bezeichnen. Und Dummheit muss in der Neoliberalen Gesellschaftsordnung ausgenutzt werden. Also vermieten wir das Haus auf unserem Grundstück, das der Nachbar eigentlich bezahlt hat, an genau diesen Nachbarn und verdienen damit Geld.

Sie glauben, diese Geschichte ist eine reine Utopie? Mitnichten! Okay, in der Realität sind es keine Häuser, aber es ist Wissen, dessen Erschaffung teilweise mehr kostet als ein schmuckes Einfamilienhaus. Doch beginnen wir einmal von vorne.

Wissenschaftliche Grundlagenforschung kann kaum privat finanziert werden. Deshalb gibt es zum Glück Einrichtungen wie Universitäten, die Akademie der Wissenschaften und andere, an denen fest oder befristet angestellte Wissenschaftler möglichst ohne Finanzierungsdruck an Grundlagenwissen arbeiten können, von denen die Gesellschaft profitiert. Zusätzlich gibt es für Sonderprojekte noch Einrichtungen wie den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). All diese Fonds und Einrichtungen haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden von Steuergeld finanziert.

Wie wird der Erfolg wissenschaftlicher Arbeit gemessen? Dazu gibt es sogenannte Wissensbilanzen. Der Hauptfaktor dieser Bilanzen sind Veröffentlichungen von eigenen Büchern sowie Artikeln in Sammelbänden und wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Diese Veröffentlichungen sind die Währung der Wissenschaft. Vor allem Jungwissenschaftler versuchen daher, so viele Artikel wie möglich zu veröffentlichen. Nur aus veröffentlichten Arbeiten können andere Wissenschaftler wieder zitieren und so den Bekanntheitsgrad der Forschungen erhöhen.

Hier kommen die Wissenschaftsverlage ins Spiel. Bei ihnen werden die Artikel zur Veröffentlichung eingereicht. Diese Verlage nehmen für sich in Anspruch, für die nötige Qualität der Veröffentlichungen zu sorgen. Die Einreichungen werden einem strengen Überprüfungsprozess unterworfen, der sogenannte Review. Da die Verlage selbst kaum oder gar kein wissenschaftliches Fachpersonal beschäftigen, werden mit dem Review Wissenschaftler der jeweiligen Fachrichtung beauftragt, die wiederum ihrerseits meist an öffentlich finanzierten Universitäten oder anderen öffentlichen Forschungseinrichtungen beschäftigt sind. Da Reviews zur normalen wissenschaftlichen Arbeit gehören und meist auch in den Stellenbeschreibungen enthalten sind, erledigen diese Wissenschaftler die Reviews in der normalen von Steuergeld finanzierten Arbeitszeit.

Die besten Artikel erscheinen dann in sehr teuren werbefreien Fachzeitschriften und –büchern. Hauptabnehmer dieser Werke sind – erraten! – wiederum die Universitäten, öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen und öffentlichen Bibliotheken.

Man sollte annehmen, dass die Verlage, die mit diesen Zeitschriften und Büchern viel Geld verdienen, für die Artikel bezahlen und so wiederum Geld in die Budgets der Unis und Forschungseinrichtungen zurückfließt. Mitnichten! Die Verlage nutzen die Zwangslage der Wissenschaftler aus, die ihre Arbeit mit diesen Veröffentlichungen rechtfertigen müssen. Bisweilen bezahlen Wissenschaftler die Verlage sogar dafür, dass sie ihre Artikel veröffentlichen. Dafür vergeben einige Bundesländer sogar Förderungen.

Die Verlage rechtfertigen das gerne mit dem Qualitätsanspruch an ihre Veröffentlichungen und dem teuren Review-Prozess. Also sollten doch zumindest die Wissenschaftler, die die Reviews durchführen, bzw. ihre Arbeitgeber (in der Regel der Staat) Geld dafür bekommen. Doch auch hier Fehlanzeige!

Im Gegenteil: Die Bibliotheken all dieser Körperschaften, die eigentlich die Arbeit an den Artikeln großteils finanziert haben, müssen diese Veröffentlichungen wieder um teures Steuergeld ankaufen. Dass es sich dabei um ein durchaus lukratives Geschäft handelt, beweist, dass auch Verlagsriesen wie Bertelsmann an dieser Steuergeldkuchen gerne mitnaschen.

Jetzt könnte man natürlich den jungen Wissenschaftlern vorwerfen, dass sie sich ja freiwillig den Verlagen ausliefern und an dieser Situation selbst schuld sind. In welcher Zwangslage junge Wissenschaftler jedoch sind, zeigt auch, dass sie, um einen 20-minütigen Vortrag zu halten, der ebenfalls ihre Wissensbilanz aufwertet, sich auch mal an einem Sonntag stundenlang auf eigene Kosten ins Auto setzen und quer durch Österreich fahren. Natürlich auch das völlig unbezahlt. Nicht einmal Spesen werden ersetzt.

Dieses Geschäftsmodell ist so unglaublich, dass ich überzeugt bin, dass manche wohl jetzt meinen, dass sie sich verlesen haben müssen. Nein, Sie haben sich nicht verlesen! Deshalb fasse ich noch einmal zusammen: Der Steuerzahler finanziert die Erstellung wissenschaftlicher Artikel von guter Qualität. Der Steuerzahler finanziert die Qualitätskontrolle dieser Artikel. Und der Steuerzahler kauft dann diese Artikel von Wissenschaftsverlagen um Millionen Euro an. Sieht so freie Marktwirtschaft aus?