Zypern, die Türkei und die EU

Ich bin in dieser Woche zum ersten Mal in Zypern. Wenn ich in einem fremden Land bin, interessiere ich mich vor allem für die Menschen, wie sie leben und wie sie denken.

Zypern ist auf jeden Fall ein sehr europäisches Land. Die Bevölkerung ist mehrheitlich griechischer Abstammung, aber der englische Einfluss – Zypern war bis 1960 britische Kolonie – ist deutlich spürbar. Man fährt links und insgesamt wirkt alles geordneter als in Griechenland. Englisch ist eine echte Zweitsprache, die auch im Alltag gebraucht wird. Besonders gut sprechen die griechischen Zyprioten zwar nicht Englisch, aber sicher besser als der Durchschnittsösterreicher. Angeblich bekommt man in Restaurants nichts zum Essen, wenn man nicht auf Englisch bestellt. Der Grund: In Zypern gibt es viele Gastarbeiter aus dem arabischen Raum, aus England, Polen, der Türkei und Russland. In der Gastronomie ist Englisch Verkehrssprache.

Die zwei wichtigen Themen in Zypern ist einerseits die Teilung der Insel andererseits Wasser. Zypern leidet unter notorischem Wassermangel. Wasser wird nur an 3 – 4 Tagen pro Woche aus dem Leitungsnetz geliefert. Die Zyprioten behelfen sich mit Wassertanks auf den Hausdächern. Ob das wirklich zu einem geringeren Verbrauch führt, ist aus meiner Sicht fraglich.

Das Türken-Problem ist das zweite große Thema. Insgeheim scheinen die griechischen Zyprioten immer noch von einem Anschluss an Griechenland zu träumen. Andererseits sagen sie aber, dass das insofern kein Thema mehr ist, weil man durch die EU ja ohnehin jetzt „vereinigt“ ist. Man hat sich damit abgefunden und genießt den aktuellen Status. Einer Wiedervereinigung steht man skeptisch gegenüber. Mit den echten zypriotischen Türken würde man schon gut auskommen. Viele griechische Zyprioten haben sogar Freunde im türkischen Teil und besuchen diese regelmäßig. Während der türkischen Besatzung wurden jedoch viele Türken aus Anatolien angesiedelt, die über eine geringe Bildung verfügen. Mit diesen komme man weniger gut aus. Hinzu kommt ein Phänomen, das auch Wolf Biermann im aktuellen Profil-Interview beschreibt. Leben Menschen lange unter einer Diktatur gewöhnen sie sich daran, dass der Staat alles regelt und sie selbst keine Verantwortung tragen müssen. Ich bin daher skeptisch, ob die Wiedervereinigung klappt. Ohne Wiedervereinigung von Zypern gibt es ja bekanntlich auch keinen EU-Beitritt der Türkei.

Zypern gilt ja auch als Steuerparadies und das merkt man auch. Die Bankendichte ist wirklich enorm. Innerhalb von 5 Gehminuten rund um mein Hotel habe ich an die zwei Dutzend Banken, darunter auch libanesische gefunden. Das führte gleichzeitig auch zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Die Hauptstadt Nikosia (Lefkosia) ist von Baustellen geprägt. Überall werden neue Büro-, aber auch Wohnhäuser aufgezogen. Die Wohnhäuser werden hauptsächlich von Briten besiedelt, die sich Zypern für den Ruhestand ausgesucht haben. Billig sind Wohnungen und Häuser hier nicht. Selbst für kleine Häuser an stark befahrenen Straßen muss man mindestens € 300.000 kalkulieren.